IM VESTEN NIGHTS NEUES
IM
WESTEN NIGHTS NEUES
VON
ERICH MARIA REMARQUE
476.-500. TAUSEND
19 2 9
IM propylAen-verlag/berlin
Copyright 1928 by UUatein A.-G., Berlin
Printed in Germany/lm UUateinhausy Berlin
Dieses Buch soil weder eine Anklage
noch ein Bekenntnis sein. Es soli
nur den Versuch machen, fiber eine
Generation zu berichten, die vom
Kriege zerstdrt wurde, — aiich wenn
sie seinen Granaten entkanu
I
W ir liegen neun Kilometer hinter der Front. Gestem
wurden wir abgelost; jetzt haben wir den Magen
voU weifier Bohnen mit Rindfleiscb und sind satt nnd zn-
frieden. Sogar fur abends hat jeder nocli ein Kochgeschirr
voll fassen kSnnen; dazu gibt es auBerdemdoppelteWurst-
und Brotportionen^ — das schafft. So ein Fall ist schon
lange nicht mehr dagewesen: der Kiichenbulle mit seinem
roten Tomatenkopf bietet das Essen direkt an; jedem,
der vorbeikommt, winkt er mit seinem Ldflfel zu und fiillt
ihm einen kraftigen Schlag ein. Er ist ganz verzweifelt,
weil er nicht weiB, wie er seine Gulaschkanone leerkriegen
soli. Tjaden und Miiller haben ein paar Waschschiisseln
aufgetrieben und sie sich bis zum Band gestrichen voU
geben lassen^ als Reserve. Tjaden macht das aus FreB-
sucht, Muller aus Vorsicht. Wo Tjaden es laBt, ist alien
ein EatseL Er ist und bleibt ein magerer Hering.
Das Wichtigste aber ist, daB es auch doppelte Rauch-
portionen gegeben hat. Fur jeden zehn Zigarren, zwanzig
Zigaretten und zwei Stiick Kautabak, das ist sehr an-
standig. Ich babe meinen Kautabak mit Katczinsky gegen
seine Zigaretten getauscht, das macht fiir mich vierzig
Zigaretten. Damit langt man schon einen Tag.
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Dabei steht ims diese gauze Bescherang eigentlich nicbt
ZTi. So splendid sind die PreuBen nicbt, Wir baben sie nnr
einem Irrtnm zn verdanken.
Vor vierzebn Tagen mufiten wir nacb vom, nm abzn-
Idsen. Es war ziemlicb rabig in nnserm Abschnitt, nnd der
Furier hatte desbalb fiir den Tag unserer Riickkebr das
normale Quantum Lebensmittel erbalten und fiir die
bundertfimfzig Mann starke Kompagnie vorgesorgt. Nun
aber gab es gerade am letzten Tage bei uns iiberrascbend
viel Langrobr imd dicke Brocken^ engUscbe Artillerie, die
standig auf unsere Stellung trommelte, so da6 wir starke
Verluste batten und nur mit acbtzig Mann zuriick-
kamen,
Wir waren nacbts eingeriickt und batten uns gleicb
hingebauen, um erst einmal anstandig zu schlafen; denn
Katczinsky bat recht : es ware alles nicbt so schlimm mit
dem Krieg, wenn man nur mebr Schlaf baben wiirde.
Vome ist es docb nie etwas damit, tmd vierzebn Tage
jedesmal sind eine lange Zeit.
Es war scbon Mittag, als die ersten von uns aus den
Baracken krocben. Eine balbe Stunde spater batte jeder
sein Kocbgeschirr gegriffen, und wir versammelten uns
vor der Gulascbmarie, die fettig und nahrbaft rocb. An
der Spitze natiirlicb die Hungrigsten: der Heine Albert
Kropp, der von uns am klarsten denkt nnd desbalb erst
Gefreiter ist; — Miiller V, der nocb Scbulbiicber mit sicb
berumscbleppt und vomNotexamen traumt ; im Trommel-
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feiier biiffelt er pbysikalisclie Lehrsltze; — Leer, der einen
VoUbart tragt imd groBe Vorliebe fiir Madcben was den
Offizierspnffs bat; er scbwort daranf, daB sie dnrch
Armeebefehl verpjBbcbtet waren, seidene Hemden zti
tragen and bei Gasten vom Hauptmann aafwtos vorher
m badcn; — als vierter ich, Paul Baumer. AUe vier neun-
zebn Jabre alt, alle vier aus derselben Klasse in den Krieg
gegangen.
Dicbt binter uns unsere Freunde* Tjaden, ein magerer
Scblosser, so alt wie wir, der groBte Fresser der Kom-
pagnie. Er setzt sich schlank zum Essen bin und stebt
dick wie eine scbwangere Wanze wieder auf; — Haie
Westbus, gleicb alt, Torfstecber, der bequem ein EommiB-
brot in eine Hand nebmen und fragen kann: Ratet mal,
was ich in der Faust babe; — Detering, ein Bauer, der nur
an seinen Hof und an seine Frau denkt; — und endlicb
Stanislaus Katczinsky, das Haupt unserer Gruppe, zab,
scblau, gerissen, vierzig Jabre alt, mit einem G^sicbt aus
Erde, mit blauen Augen, bangenden Scbultern und einer
wunderbaren Witterung fur dicke Luft, gates Essen und
scbdne Druckposten. —
Unsere Gruppe bildete die Spitze der Schlange vor der
Gulascbkanone. Wir warden angeduldig, denn der
abnungslose Kiicbenkarl stand noch immer und wartete.
Endbcb rief Katczinsky ibm zu: „Nun macb deinen
BouillonkeUer scbon auf, Heinricbl Man siebt docb, daB
die Bobnen gar sind/‘
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Dei: scliiittelte schlafrig den Kopf: „Er8t mUBt ikr alle
da sein.*^
Tjaden grinste: ,,Wir sind alle da/'^
Der Unteroffizier merkte nocht niclits, „Das fconnt©
encli so passen! Wo sind denn die andem?^*
„Die werden hente niclit von dir verpflegt ! Feldlazarett
nnd Massengrab.*^
Der Kiicbenbnlle war erschlagen, als er die Tatsachen
erfnhr. Er wankte, „Und ich babe fur bnndertfonfzig
Mann gekocbt/*
Kropp stiefi ihm in die Rippen. „Dann werden wir
endlicb mal satt. Los, fang an!“
Pl5tzlicb aber durchfobr Tjaden eine Erleucbtung.
Sein spitzes Mausegesicbt fing ordentlich an zu schim-
mem, die Augen wurden klein vor Scblaubeit, die Backen
zuckten, und er trat dicbter heran: ,,Menscben8kind, dann
bast du ja aucb fur bundertfiinfzig Mann Brot empfan-
gen, was?‘‘
DerUnteroffizier nickte verdattert und geistesabwesend.
Tjaden packte ibn am Rock. ,,Und Wurst aucb?‘*
Der Tomatenkopf nickte wieder.
Tjadens Kiefer bebten. ,,Tabak aucb?*^
„Ja, a]les.‘*
Tjaden sab sicb strablend lun. „Donnerwetter, das
nennt man Scbwein baben! Das ist dann ja alles fiir uns !
Da kriegt jeder ja — wartet mal — tatsicblicb, genau
doppelte Portionen!‘*
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Jetzt aber erwacbte die Tomate wieder zmn Leben imd
erklarte: ^Das gebt nicbt/*
Docb Him wiirden aucb wir mimter imd jschoben mas
teran.
,,Warajii gebt das denn nicbt, du Mohmibe?^* fragte
Katczinsky-
^,Wa8 fur btmdeitfimfzig Mann ist, kann dock nicht
fur acbtzig
,,Das warden wir dir schon zeigen“, knurrte Miiller.
„Da8 Essen meinetwegen, aber Portionen kann icb niir
fur acbtzig Mann ausgeben^*, bebarrte die Tomate.
Katczinsky wurde argerKcb. „Du muBt wohl mal
abgelost warden, was? Du bast nicbt fur acbtzig Mann^
sondem fur die 2. Kompagnie Furage empfangen, fertig.
Die gibst du aus! Die 2. Kompagnie sind wir.‘^
Wir riickten dem Kerl auf den Leib. Keiner konnte
ihn gut leiden, er war scbon ein paarmal scbuld daran ge-
wesen, dafi wir im Graben das Essen viel zu spat und kalt
bekommen batten, weil er sicb bei etwas Granatfeuer mit
seinem Kessel nicht nabe genug berantraute, so daB un-
sere Essenholer einen viel weiteren Weg macben muBten
als die der andem Kompagnien. Da war Bulcke von dor
ersten ein besserer Burscbe. Er war zwar fett wie ein
Winterbamster, aber er scbleppte, wenn es darauf ankam,
die T5pfe selbst bis zur vordersten Lmie.
Wir waren gerade in der ricbtigen Stimmung, und es
batte bestimmt Kleinbolz gegeben, wenn nicbt unser
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Kompagmefoirer aufgetauclit ware. Er erkimdigte sich
nach dem. Streitfall und sagte vorlaafig nur: „Ja, wir
taben gestem starke Verluste gehabt —
Dann guckte er in den Kessel. „Die Boknen sckeinen
gut zn sem.“
Die Tomate nickte. ,,Mit Fett imd Fleisch gekocht/^
Der Lentnant sah uns an. Er wuBte, was wir dackten.
Anck sonst wufite er nock manckes, denn er war zwiscken
nns groB geworden imd als Unteroffizier znr Kompagnie
gekonunen. Er kob den Deckel nock einmal vom Kessel
nnd scknupperte. Im Weggeken sagte er: mir
anck einen Teller voll. Und die Portionen werden alle ver-
teilt. Wir konnen sie braucken/‘
Die Tomate mackte ein dummes Gesickt. Tjaden tanzte
nm sie kerum.
„Das sckadet dir gar nickts ! Als ob ihm das Proviant-
amt gekort, so tut er. Und ntm fang an, du alter Speck-
jSger, und verzahle dick nickt —
,,Hwg dick auf!‘‘ fauckte die Tomate. Sie war ge-
platzt, so etwas ging ikr gegen den Verstand, sie begriff
die Welt nickt mekr. Und als wollte sie zeigen, daB nun
sckon alles egal sei, verteilte sie pro Kopf freiwillig nock
ein kalbes Pfimd Kunsthonig.
Der Tag ist wirklick gut keute. Sogar Post ist da, fast
jeder kat ein paar Briefe und Zeitungen. Nun scklendem
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wir zu der Wiese limter den Baracken Iiiniiber. Kropp tat
den riinden Deckel eines Margarinefasses unteirm Arm,
Am rechten Rande der Wiese ist eine groBe Massen-
latrine erbaut, ein iiberdachtes, stabiles Gebinde. Dock
das ist was fur Rekruten, die nock nickt gelemt kaben,
aus jeder Sacke Vorteil zu ziehen. Wir suchen etwas Besse*
res. tJberall verstreut steken namlich nock kleine Einzel-
kasten fur denselben Zweck. Sie sind viereckig, sauber,
ganz aus Holz getischlert, rundum geschlossen, mit einem
tadellosen, bequemen Sitz. An den Seitenflackenbej&nden
sick Handgriffe, so dafi man sie transportieren kann.
Wir riicken drei im Kreise zusammen imd nehmen ge-
miitlick Platz. Vor zwei Stunden werden wir kier nickt
wieder aufsteken.
Ich weiB nock, wie wir uns anfangs genierten als Re-
kruten in der Kaserne, wenn wir die Gemeinsckafts-
latrine benutzen muBten. Tiiren gibt es da nickt, es sitzen
zwanzig Mann nebeneinander wie in der Eisenbahn. Sie
sind mit einem Blick zu iiberseken; — der Soldat soli eben
standig unter Aufsickt sein.
Wir kaben inzwiscken mehr gelemt, als das biBcken
Sckam zu tiberwinden. Mit der Zeit wurde uns nock ganz
anderes gelaufig.
Hier drauBen ist die Sacke aber geradezu ein GenuB.
Ick weiB nickt mekr, weskalb wir friiker an diesen Dingen
immer scheu vorbeigeken muBten, sie sind ja ebenso na-
tiirlick wie Essen und Trinken. Und man brauckte sick
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vielleiclit atick nicht besonders dariilber zu auBem, wcbb
sie Bicbt so eine wesentliche Rolle bei bus spielten tmd ge-
rade tms neii gewesen waren — den iibrigen waren sie
langst selbstverstandlicb.
Dem Soldaten ist sein Magen nnd seine Verdanimg ein
vertrauteres Gebiet als jedem anderen Menschen. Drei-
Bertel seines Wortscbatzes sind ihm entnommen, nnd so-
^obl der Ausdruck bocbster Freude als aucb der tiefster
Entriistxmg findet bier seine kernige Untermalung. Es ist
iimnogKcb, sich anf eine andere Art so knapp nnd klar zb
anBem. Unsere Familien nnd nnsere Lebrer werden sich
scbon wundem, wenn wir nacb Hause kommen, aber es
ist bier nim einmal die Universalspracbe.
Fur Tins baben diese ganzen Vorgange den Cbarakter
der Unscbuld wiedererbalten durcb ihre zwangsmaBige
Offentlichkeit. Mebr noch: sie sind uns so selbstverstand-
licb, daB ibre gemiitbcbe Erledigung ebenso gewertet wird
wie meinetwegen ein scbon durchgefubirter, bombensiche-
rer Grand obne viere. Nicbt umsonst ist fur GescbwHtz
aller Art das Wort „Latrinenparole“ entstanden; diese
Oite sind die Klatscbecken und der StamintischersatJc
beim KommiB.
Wir fiiblcn uns augenblickbcb wobler als im nocb so
weiB gefcacbelten Luxuslokiis. Dort kann es nur bygie-
niscb sein; bier aber ist es scbdn.
Es sind wunderbar gedankenlose Stunden. tJber uns
stebt der blaue HimmeL Am Horkont h^ngen hell be-
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straMte gelbe Fesselballons nnd die weiBen Wolkcheii der
Flakgescliosse. Manchmal scimelleii sie wie eine Garbe
hocli, weim sie emeu Flieger verfolgen.
Nut wie eio. sebr femes Gewitter liSreaa wir das ge-
dampfte Bmmmen der Front. Hnmmeki, die vornber-
sinnmen, iibertdnen es schon.
Und rimd nm tms Hegt die bliiliende Wiese. Die zarten
Rispen der Graser wiegen sich, KoMweiBlinge taumeln
heran, sie schweLen im weichen, warmen Wind des Spat-
sommers, wir lesen Briefe und Zeitungen und rauchen,
wir setzen die Miitzen ab und legen sie neben uns, der
Wind spielt mit xmsem Haaren, er spielt mit unsern
Worten und Gedanken.
Die drei Kasten steben mitten im leucbtenden, roten
Edatscbmobn. —
Wir legen den Deckel des Margarinefasses auf unsere
Knie. So haben wir eine gute Dnterlage zum Skatspielen.
Ejropp hat die Karten bei sich. Nach jedem Null-ouvert
wird eine Partie Scbieberamsch eingelegt. Man konnte
ewig so sitzen.
Die Tone einer Ziehharmonika klingen von den Ba-
racken her. Manchmal legen wdr die Karten bin und sehen
uns an. Einer sagt dann; ^Kinder, Kinder oder:
„Das hatte schiefgehen konnen — und wir versinken
einen Augenblick in Schweigen. In uns ist ein starkes, ver-
haltenes Gefiihl, jeder spiirt es, das braucht nicht viele
Worte. Leicht hatte es sera k5nnen, daB wir heute nicht
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aiif nnsem Kasten safien, es war verdammt nalie daran*
Und darnm ist alles neu imd stark — der rote Mohn imd
das gute Essen, die Zigaretten imd der Sommerwind.
Kropp fragt: „Hat einer von eucli Kemmerich noch
mal gesehen?‘‘
„Er Kegt in St. Joseph^^, sage ich.
Muller meint, er habe einen ObersclienkeldnrcliscliuB,
einen guten HeimatpalJ.
Wir bescMieBen, ihn nachmittags zu besucben.
Kropp bolt einen Brief bervor. ,,Ich soil encb griiBen
von Kantorek.*^*
Wir lacben. Muller wirft seine Zigarette weg und sagt :
„Icb woUte, der ware bier.‘‘
Kantorek war unser Klassenlebrer, ein strenger, kleiner
Mann in grauem ScboBrbck, mit einem Spitzmausgesicbt.
Er batte ungefabr dieselbe Statur wie der Unteroffizier
HimmelstoB, der „Scbrecken des Klosterberges^^. Es ist
iibrigens komiscb, daB das Ungliick der Welt so oft von
kleinen Lenten berriibrt, sie sind viel energischer und un-
vertragbcber als groBgewacbsene. Icb babe micb stets ge-
biitet, in Abteilungen mit kleinen Kompagniefubrern zu
geraten; sie sind meistens verfluchte Scbinder.
Kantorek bielt ims in den Turnstunden so lange Vor-
trage, bis unsere Klasse unter seiner Fiibrung gescblossen
zum Bezirkskommando zog und sicb meldete. Icb sehe
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ilm noch vor noir, -wie er uns dtucch seine Brillenglaser an-
funkelte und mit ergrifiener Stimme firagte: „Ilir gekt
docli mit, Kameraden?^^
Diese Erzieher haben ihr Gefiilil so oft in der Westen-
tasche parat; sie geben es ja aucb stundenweise aus* Dock
dariiber macbten -wir uns damals nocb keine Godanken.
Einer von uns allerdings zogerte und woUte nicht recbt
mit. Das war Josef Behm, ein dicker, gemiitlicherBurscke.
Er lieli sicb dann aber iiberreden, er hatte sich. aucb sonst
unmoglich gemacbt, Vielleicbt dachten nocb mebrere so
wie er; aber es konnte sicb niemand gut ausscbliefien,
denn mit dem Wort „feige‘'‘ waren um diese Zeit sogar
Eltern rascb bei der Hand. Die Menscben batten eben alle
keine Abmmg von dem, was kam. Am verniinftigsten waren
eigentlicb die armen und einfacben Leute; sie bielten den
Krieg gleicb fur ein Ungliick, wabrend die bessergestellten
vor F reude nicbt aus nocb ein wuBten, obscbon gerade sie
sicb ixber die Folgen viel eber batten klar werden konnen.
Katczinsky bebauptet, das kame von der Bildung, sie
macbe damlicb, Und was Kat sagt, das bat er sicb iiber-
legt.
Sonderbarerweise war Bebm einer der ersten, die fielen.
Er erbielt bei einem Sturm einen ScbuB in die Augen, und
wir liefien ibn fur tot liegen. Mitnebmen konnten wir ibn
nicbt, weil wir iiberstiirzt zuriick muBten. Nacbmittags
borten wir ibn pldtzlicb rufen und sahen ibn drauBen
berumknecben, Er war nur bewnBtlos gewesen. Weil er
2 Rem&rque, Westen
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michts sail tmd wild vor Sckmerzen war, nntzte er keine
Deckimg aiis, so da6 er von druben abgescliossen wnrde^
ebe jemand berankam, nm ihn zu bolen.
Man kann Kantorek natiirlicb nicbt damit in Zusam-
menbang bringen; — wo bKebe die Welt sonst, wenn man
das scbon Scbtild nennen woUte. Es gab ja Tausende von
Kantoreks, die alle iiberzengt waren, anf eine fiir sie be-
qneme Weise das Beste zti tun.
Darin liegt aber gerade fur nns ibr Bankerott.
Sie sollten uns Acbtzebnjahrigen Vermittler und
Fiibrer zur Welt des Erwacbsenseins werden, zur Welt
der Arbeit, der Pflicbt, der Kultur und des Fortscbritts,
zur Zukunft. Wir verspotteten sie mancbmal und spielten
ibnen kleine Streicbe, aber im Grunde glaubten wir
ilmen. Mit dem Begriff der Autoritat, dessen Tr^ger sie
waren, verband sicb in unseren Gedanken gr56ere Ein-
sicht und menschlicberes Wissen. Dock der ersteTote, den
wir saben, zertriimmerte diese tJberzeugung. Wir muCten
erkennen, dafi unser Alter ebrlicber war als das ibre; sie
batten vor tms nur die Phrase und die Gcschicklicbkeit
voraus. Das erste Trommelfeuer zeigte uns unseren Irr-
turn, und unter ibm stiirzte die Weltanschauung zusam-
men, die sie uns gelehrt batten.
Wabrend sie nocb scbrieben und redeten, saben wir
Lazarette und Sterbende; — wabrend sie den Dienst am
Staate als das GrSBte bezeichneten, wuBten wir bereits,
da6 die Todesangst starker ist. Wir wurden daruin keine
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Meuterer, keiiie Deserteure, keine Feiglinge — alle diese
Aiisdrucke waren Hmen ja so leicht zur Hand — , wir iieb-
ten UBsere Heimat genau so wie sie, nnd wir gingen bei
jedem Angriff mutig vor; — aber wir imterscbieden jetzt,
wir batten mit einem Male seben gelemt. Und wir saben,
da6 nicbts von ibrer Welt iibrig blieb. Wir waren plotzbcb
auf forcbtbare Weise allein; — nnd vnx mnBten allein da-
roit fertig werden.
Bevor wir zn Kemmerich aufbrecben, packen wir seine
Sacben ein; er wird sie unterwegs gut braucben kGnnen.
Im Feldlazarett ist grofler Betrieb; es riecbt wie iminer
nacb Karbol, Eiter und SchweiB. Man ist aus den Ba-
racken mancbes gewobnt, aber bier kann einem docb flan
werden. Wir fragen uns nacb Kemmericb durcb; er liegt
in einem Saal und empfangt uns mit einem scbwacben
Ausdruck von Freude und bilf loser Aufregung. Wabrend
er bewuBtlos war, bat man ibm seine Ubr gestoblen.
Muller scbiittelt den Kopf; „Ich babe dir ja immer ge-
sagt, daB man eine so gute Ubr nicbt mitnimmt/^
Muller ist etwas tapsig und recbthaberiscb. Sonst wiirde
er den Mund balten, denn jeder siebt, daB Kemmericb
nicbt mebr aus diesem Saal berauskommt. Ob er seine
Ubr wiederfindet, ist ganz egal, bocbstens, daB man sie
nacb Hause scbicken konnte.
„Wie gebt’s denn, Franz fragt Kropp.
2 ^
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Kemmericli laBt den Kopf sinten. „Es geiit ja — ich
tabe blo6 so verflucbte Schmerzen im FnB/^
Wir seben anf seine Decke. Sein Bein liegt unter einem
Drabtkorb, das Deckbett wolbt sick dick dariiber. Icb
trete Muller gegen das Schienbein, denn er brachte es
fertig, Kemmerich zu sagen, was uns die Sanitater drauBen
scbon erzahlt haben: dafi Kemmerich keinen Fufi mehr
hat. Das Bein ist amputiert.
Er sieht schrecklich aus, gelb imd fahl, im Gesicht sind
schon die fremden Linien, die wir so genau keimen, weil
wir sie schon hundertmal gesehen haben. Es sind eigent-
lich keine Linien, es sind mehr Zeichen. Unter der Haut
pulsiert kein Leben mehr; es ist bereits herausgedrangt
bis an den Rand des KSrpers, von innen arbeitet sich der
Tod durch, die Augen beherrscht er schon. Dort liegt
unser Kamerad Kemmerich, der mit uns vor kurzem noch
Pferdefleisch gebraten und im Trichter gehockt hat; — er
ist es noch, und er ist es doch nicht mehr, verwaschen, un-
bestimmt ist sein Bild geworden, wie eine photographische
Platte, auf der zwei Aufnahmen gemacht worden sind.
Selbst seine Stimme klingt wie Asche.
Ich denfce daran, wie wir damals abfuhren. Seine
Mutter, eine gute, dicke Frau, brachte ihn zum Bahnhof.
Sie weinte ununterbrochen, ihr Gesicht war davon ge-
dunsen und geschwoUen. Kemmerich genierte sich des-
wegen, denn sie war am wenigsten gefaBt von alien, sie
zerfloB formlich in Fett und Wasser. Dabei hatte sie es
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auf mich abgeselieii, immer wieder ergriff sie meineii Axm
imd flekte micli an, auf Franz drauBen aclitzugeben. Er
batte allerdings aucb ein Gesicht wie ein Eond mad so
weicbe Knochen, dalJ er nach vier Wocben Tornister-
tragen scbon PlattfuBe bekam. Aber wie kann naan ini
Felde auf jeinand acbtgeben!
„Du wrst ja nun nacb Hause kommen,'^^ sagt Kropp,
,,auf Urlaub bSttest du mindestens nocb drei, vier Monate
warten mussen/‘
Kemnierich nickt- Ich kann seine Hande nicbt gut
anseben, sie sind wie Wacbs. Unter den Nagebi sitzt der
Scbmutz des Grabens, er siebt blauscbwarz aus wie Gift.
Mir f^t ein, dali diese Nagel weiterwacbsen werden, lange
nocb, gespenstiscbe Kellergewacbse, wenn Kemmericb
lIuDLgst nicbt mebr atmet. Icb sebe das Bild vor mir; sie
kriimmen sich zu Korkziebem und wachsen und wacb-
sen, und mit ibnen die Haare auf deni zerfallenden
Scbadel, wie Gras auf guteni Boden, genau wie Gras, wie
ist das nur mogEcb — ?
Muller biickt sicb. „Wir baben deine Sacben mit-
gebracbt, Franz.‘‘
Kemmericb zeigt mit der Hand. „Legt sie unters Bett.*‘
Muller tut es. Kemmericb f^gt wieder von der Ubx an.
Wie soil man ibn nur berubigen, obne ibn mifitrauiscb zu
macben !
Muller taucbt mit einem Paar FKegerstiefel wieder auf.
Es sind berrKcbe engliscbe Scbube aus weicbem, gelbem
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Leder, die bis zmn Knie reicben und ganz Hnanf ge-
sckaiirt werden, eine begebrte Sacbe. Miiller ist von ibrem
Anblick begeistert, er bait ibre Soblen gegen seine eigenen
klobigen Scbube xmd fragt: „Wiiist du denn die Stiefel
mitnebmen, Franz
Wir denken alle drei das gleicbe : selbst wenn er gesnnd
wiirde, konnte er nur einen gebrancben, sie waxen fiir ibn
also wertlos. Aber wie es jetzt stebt, ist es ein Jammer,
da6 sie bierblciben; — denn die Sanitater werden sie na-
tiirlicb sofort wegschnappen, wenn er tot ist.
Muller wiederbolt: ,,WiUst du sie nicht bier lassen?^^
Kemmericb will nicbt. Es sind seine besten Stiicke.
„Wir konnen sie ja uintauscben,“ schlagt Miiller wieder
vor, „bier draufien kann man so was braucben.^^ Dock
Kemmericb ist nicht zu bewegen.
Icb trete Muller auf den Fu6 ; er legt die scbonen Stiefel
zogernd wieder unter das Bett.
Wir reden nocb einiges und verabscbieden uns dann.
„Macb^s gut, Franz.^*^
Icb versprecbe ibm, morgen wiederzukommen. Miiller
redet ebenfaHs davon; er denkt an die Scbniirscbube und
will desbalb auf dem Posten sein.
Kemmericb stobnt. Er bat Fieber. Wir balten draufien
einen Sanitater an und reden ibm zu, Kemmericb eine
Spritze zu geben.
Er lebnt ab. ,,Wenn wir jedem Morphium geben woU*
ten, miifiten wir Fasser voU baben —
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„Dii bedienst woM nur Offiziere*^^ sagt Kjopp ge-
Mssig.
RascK lege ich micli ins Mittel und gebe dem Sanitater
znnachst mal eine Zigarette. Er nimmt sie. Dann frage
icii: „Darfst du denn iiberlianpt eine macheii?*^
Er ist beleidigt. „Wenn ibr’s nicbt glaubt, was fragt
ilnr micb —
Icb driicke ibm nock ein paar Zigaretten in die Hand.
„Tu uns den Gefallen —
,,Na, scb6n‘\ sagt er. Kropp geht mit iLm binein, er
trant ibm nicbt nnd will zuseben. Wir warten draiiBen,
Miiller fangt wieder von den Stiefeln an. „Sie wiirden
mir tadellos passen. In diesen Kabnen lanfe icb mir Blasen
uber Blasen. Glanbst dn, da6 er durcbbalt bis morgen
nacb dem Dienst? Venn er nacbts abgebt, baben wir die
Stiefel geseben —
Albert kommt zuruck. „Meint ibr fragt er.
„Erledigt'^‘, sagt Miiller abscblieBend.
Wir geben zu unsern Baracken zuruck. Icb denke an
den Brief, den icb morgen scbreiben muB an Kemmericbs
Mutter. Micb friert, icb mocbte einenSchnaps trinken.
Muller rupft Graser aus und kaut daran. Plotzlicb wirft
der kleine Kropp seine Zigarette weg, trampelt wild dar-
auf berum, siebt sicb um, mit einem aufgelosten und ver-
st5rten Gesicbt, und stammelt: ,,Verflucbte ScbeiBe, diese
verflucbte Schei6e.‘^
Wir geben weiter, eine lange Zeit. Kropp bat sicb
23
benihigt, wir kennen das, es ist der FrontkoUer, jeder
kat ihn mal.
Muller fragt ihn: „Was kat dir der Kantorek eigentkck
gesckrieben?“
Er lackt: „Wir -waren die eiseme Jugeiid.“
Wir lacken alle drei argerlick. Kropp sckimpft; er ist
firok, da6 er reden kann. —
Ja, so denken sie, so denken sie, die kunderttausend
Eantoreks! Eiseme Jugend. Jugend! ^Wir sind alle nickt
mekr als zwanzig Jakre. Aker jung? Jugend? Das ist
lange ker. Wir sind alte Leute.
II
E s ist fiir micli sonderbax, daran zu denken, daB zn
Hause^ in einer Scbreibtischlade, ein angefangenes
Drama „Sai2l“ imd ein StoB Gedichte liegen, Mancben
Abend babe icb dariiber verbracbt, wir baben ja fast
alle so etwas Ahnlicbes gemacbt; aber es ist mir so xm-
wirklicb geworden, daB icb es mir nicbt mebr ricbtig vor-
stellen kann.
Seit wir bier sind, ist unser friiberes Leben abgeschnitten,
obne daB wir etwas dazu getan baben. Wir versucben
mancbmal, einen tjberbKck und eine Erklarxmg dafiir zn
gewinnen, docb es gelingt ims nicbt recbt. Gerade fur nns
Zwanzigjahrige ist alles besonders unklar, fiir Kropp,
Muller, Leer, micb, fur uns, dieKantorek als eiserne Jugend
bezeicbnet. Die alteren Leute sind alle fest mit demFriibe-
ren verbunden, sie baben Grund, sie baben Frauen, Kin-
der, Berufe und Interessen, die scbon so stark sind, daB
der Krieg sie nicbt zerreiBen kann. Wir Zwanzigjahrigen
aber baben nur unsere Eltern und mancbe ein Madcben,
Das ist nicbt viel — denn in unserm Alter ist die Kraft der
Eltem am scbwacbsten, und die Madcben sind nocb nicbt
beberrscbend. AuBer diesem gab es ja bei uns nicbt viel
anderes mebr; etwas Scbwarmertum, einige Liebbabereien
25
iind die Schule; weiter reichte iinser Leben nock nicbt*
Und davon ist laicbts gebKeben.
Kantorek ^rnrde sagen,wir batten gerade an der Scbwell©
des Daseins gestanden. So afanlicb ist es ancb. Wir waren
nocb nicbt eingewnrzelt. Der Krieg bat nns wegge-
scbwemmt. Fiir die andern, die Alteren, ist er eine Unter-
brecbnng, sie konnen iiber ibn hinausdenken. Wir aber
sind von ibm ergriffen worden und wissen nicbt, wie das
enden soil. Was wir wissen, ist vorlaufig nur, dafi wir anf
eine sonderbare und scbwermiitige Weise verrobt sind,
obscbon wir nicbt einmal oft mebr traurig werden.
Wenn Miiller gem Kemmericbs Stiefel baben will, so
ist er desbalb nicbt weniger teilnabmsvoll als jemand,
der vor Scbmerz nicbt daran 2na denken wagte. Er weiJS
nur zu unterscbeiden. Wiirden die Stiefel Kemmericb
etwas nutzen, dann liefe Miiller lieber barfoB iiber Stacbel-
drabt, als zu uberlegen, wie er sie bekommt. So aber sind
die Stiefel etwas, das gar nicbts mit Kemmericbs Zu-
stand zu tun bat, wabrend Muller sie gut verwenden kanii«
Kemmericb wird sterben, einerlei, wer sie erbalt. Wamm
soli desbalb Muller nicbt dabinter ber sein, er bat dock
mebr Anrecbt darauf als ein Sanitater! Wenn Kemmerich
erst tot ist, ist es zu spat. Desbalb paBt Miiller eben jetzt
scbon auf.
Wir baben den Sinn fiir andere ZusammenbUnge ver-
26
loren, weil sie kimstlick sind, Nur die Tatsacken sind
ricktig und wicktig fiir uns, TJnd gute Stiefel sind selten,
Fruker war auck das anders. Als wix zum Bezirkskom-
mando gingen, waren wir nock eine Klasse von zwanzig
jnngen Menscken, die sick, mancke zum ersten Male,
iibermutig gemeinsam rasieren lieB, bevor sie den Ka-
semenkof betrat, Wir batten keine fasten Plane fur die
Zukunft, Gedanken an Karriere und Bemf waren bei den
wenigsten praktisck bereits so bestimmt, dafi sie eine Da-
seinsform bedeuten konnten; — dafiir jedock steckten
wir voll ungewisser Ideen, die dem Leben und auck dem
Kriege in unseren Augen einen idealisierten imd fast
romantiscken Ckarakter verlieken.
Wir wurden zekn Wocken milit^isch ausgebildet und
in dieser Zeit entsckeidender umgestaltet als in zekn
Jakren Sckulzeit. Wir lernten, daB ein geputzter Knopf
wicktiger ist als vier BSnde Sckopenkauer. Zuerst erstaunt,
dann erbittert imd schlieBlick gleichgiiltig erkannten wir,
daB nickt der Geist ausschlaggebend zusein sckien, sondern
die Wicksbiirste, nickt der Gedanke, sondern das System,
nickt die Freikeit, sondern der Drill. MitBegeisterung und
gutem Willen waren wir Soldaten geworden; afaer man
tat alles, um uns das auszutreiben. Nack drei Wocken war
es uns nickt mekr unfaBlick, daB ein betreBter Brieftrager
mehrMackt iiber uns besaB als friiher unsere Eitem, unsere
27
Erzieher imd samtliclie Kulttorkreise von Plato bis Goetbe
znsammen. Mit iinseren jnngen, wachen Angen saben wir,
da6 der Hassiscbe Vaterlandsbegriff imserer Lebxer sicb
bier vorlaufig realisierte zu emem Aiifgeben der Person-
licbkeit, wie man es dem geringsten Dienstboten me zu-
gemutet baben vrurde. GriiBen, Strammsteben, Parade-
marscb, Gewebrprasentieren, Recbtsum, Linksnm, Hak-
kenzusammenscblagen, ScMmpfereien nnd tausend Scbi-
kanen: wir batten nns nnsere Anfgabe anders gedacbt
nnd fanden, da6 wir auf das Heldentum wie Zirkuspferde
vorbereitet wurden. Aber wir gewobnten nns bald daran.
Wir begrifFen sogar, daB ein Teil dieser Dinge notwendig,
ein anderer aber ebenso liberfliissig war. Der Soldat bat
dafiir eine feine Nase.
♦
Zn dreien und vieren wurde xmsere Klasse iiber die
Korporalscbaften verstreut, znsammen mit friesiscben
Fiscbern, Bauem, Arbeitern und Handwerkern, mit denen
wir nns scbnell anfrenndeten. Kropp, Miiller, Kemmerich
nnd icb kamen zur neunten Korporalscbaft, die der Unter-
offizier HimmelstoB fiibrte.
Er gait als der scbarfste Schinder des Kasernenbofes,
imd das war sein Stolz. Ein kleiner, untersetzter Kerl, der
zwolf Jabre gedient batte, mit fucbsigem, anfgewirbeltem
Scbnnrrbart, im Zivilberuf BrieftrSger. Anf Kropp, Tja-
den, Westbus imd micb batte er es besonders abgeseben,
wed er nnsem stillen Trotz spiirte.
28
Ich liabe an einem Morgen vierzelmmal sein Bett ge-
baut. Immer wieder fand er etwas daran auszusetzen iind
riB es herxinter. Ich babe in zwanzigstiindiger Arbeit —
mit Pausen natiirlich — ein. Paar uralte, steinbarte Stiefel
80 bntterweicb gescbmiert, daB selbst HimmelstoB nicbts
mebr daran anszusetzen fand; — icb babe auf seinen Be-
febl mit einer Zabnbiirste die Korporalscbaftsstube sauber
gescbxubbt; — Kropp und icb baben uns mit einer Hand-
biirste und einem Fegeblech an den Auftrag gemacbt, den
Kasernenbof vom Scbnee reinzufegen, und wir batten
durcbgebalten bis zum Erfrieren, wenn nicbt ziifallig ein
Leutnant aufgetaucbt ware, der uns fortscbickte imd
HimmelstoB macbtig anscbnauzte. Die Folge war leider
nur, daB HimmelstoB um so wiitender auf uns wurde. Icb
babe vier Wocben bintereinander jeden Soimtag Wacbe
gescboben und ebensolange Stubendienst gemacbt; —
icb babe in voUem Gepack mit Gewebr auf losem, nassem
Sturzacker „Sprung auf, marscb, marscb“ und „Hinlegen‘^
geiibt, bis icb ein Dreckklumpen war xmd zusammen-
bracb; — ich babe vier Stunden sp^er HimmelstoB mem
tadellos gereinigtes Zeug vorgezeigt, allerdings mit blutig
geriebenen Hmden; — icb babe nait Kropp, Westbus und
Tjaden obne Handschube bei scbarfem Frost eine Viertel-
stunde ,,Stillgestanden‘‘ geubt, die bloBen Finger am
eisigen Gewebrlauf, lauemd umschlicben von Himmel-
stoB, der auf die geringste Bewegung wartete, um ein Ver-
geben festzustellen; — icb bin nachts um zwei Ubr acbt-
29
mal im Hemd vom obersten Stock der Kaseme beninter-
gerannt bis aof den Hof, weil meine Unterhose einige
Zentimeter iiber den Rand des Schemels binaiisragte, anf
dem jeder seine Sacben aufscbicbten mixBte. Neben mir
lief der Unteroffizier vom Dienst, HimmelstoB, und trat
mir auf die Zehen; — ich babe beim Bajonettieren standig
mit HimmelstoB fecbten miissen, wobei icb ein scbweres
Eisengestell nnd er ein bandlicbes Holzgewebr batte, so
daB er mir beqnem die Arme braiin imd blan scblagen
konnte; allerdings geriet icb dabei einmal so in Wut, daB
icb ibn blindUngs iiberrannte xmd ihm einen derartigen
StoB vor den Magen gab, daB er umfiel. Als er sicb be-
scbweren woUte, lacbte ibn der Kompagniefiibrer aus imd
sagte, er solle docb aufpassen; er kannte seinen Himmel-
stoB nnd scbien ibm den Reinfall zu gonnen. — Icb babe
micb zu einem perfekten Kletterer auf die Spinde ent-
wickelt; — icb sucbte allmablicb auch im Kniebeugen
meinen Meister; — wir baben gezittert, wenn wir nur seine
Stimme h5rten, aber kleingekriegt bat uns dieses wild-
gewordene Postpferd nicbt,
Als Kropp und icb im Barackenlager Sonntags an einer
Stange die Latrineneimer uber den Hof scbleppten und
HimmelstoB, blitzblank gescbniegelt, zum Ausgeben be-
reit, gerade vorbeikam, sicb vor uns binstellte und fragte,
wie uns die Arbeit gefiele, markierten wir trotz allem ein
Stolpern und gossen ibm den Eimer iiber die Beine. Er
tobte, aber das MaB war voU.
80
„Das setzt Festimg‘% sclirie er.
Kropp liatte genug. „Vorher aber eine Untersucliimg^
imd da warden wir anspacken**, sagte er.
„Wie reden Sie mit einem Unteroffizier briillte
Himmelstofi, „sind Sie verruckt geworden? Warten Sie,
bis Sie gefragt warden! Was wollen Sie
„tJber Herm Unteroffizier atispacken!^ sagte Kropp
nnd nahm die Finger an die Hosennabt.
HimmelstoB merkte nun dock, was los war, nnd scbob
ohne ein Wort ab. Bevor er verscbwand, krakehlte ex
zwar nock: „Das werde ick euck eintranken‘\ — aber es
war vorbei mit seiner Mackt. Er versuckte es nock einmal
in den Sturzackern mit „Hmlegen“ nnd ^Sprung anf,
marsck, marsck*‘. Wir befolgten zwar Jeden Befekl; denn
Befekl ist Befekl, er mnJB ausgefiikrt werden. Aber wir
fiikrten ihn so langsam aus, daB HimmelstoB in Verzweif-
lung geriet. Gemiitlick gingen wir anf die Knie, dann auf
die Arme nnd so fort; inzwiscken katte er sckon wiitend
ein anderes Kommando gegeben. Bevor wir sckwitzten,
war er keiser.
Er lieB uns dann in Ruke. Zwar bezeicknete er xm®
immer nock als Sckwcinekunde. Aker es lag Acktung darin*
Es gab anch viele anstandige Korporale, die verniinf-
tiger waren; die anstandigen waren sogar in der Uberzakl.^
Aber vor allem woUte jeder seinen guten Posten kier in
der Heimat so lange behalten wie moglick, nnd das konnte
er nnr, wenn er stramm mit den Rekmten war.
31
Uns ist dabei wobl jeder KasernenliofscMiff zateil ge-
worden, der moglich war, und oft haben. wir vor Wat ge-
bealt. Maacbe von uns sind aucb krank dadurch gewor-
den, Wolf ist sogar an Lungenentziindang gestorben. Aber
wir waren uns lacberlicb vorgekommen, wenn wir klein
beigegeben batten. Wir warden bart, miBtrauiscb, mit-
leidlos, racbsucbtig, rob, — und das war gut; denn diese
Eigenscbaften feblten uns gerade. Hatte man uns obne
diese Ausbildungszeit in den Scbutzengraben gescbickt,
dann waren wobl die meisten von uns verriickt geworden.
So aber waren wir vorbereitet fur das, was uns erwartete.
Wir zerbracben nicbt, wir pafiten uns an; unsere
zwanzig Jabre, die uns mancbes andere so schwer maeb-
ten, balfen uns dabei. Das Wicbtigste aber war, daB in uns
ein festes, praktiscbes Zusammengeb5rigkeitsgefubl er-
wacbte, das sicb im Felde dann zum Besten steigerte, was
der Krieg bervorbracbte : zur Kameradscbaft !
♦
Icb sitze am Bette Kemmericbs. Er verfallt mebr und
mebr. Um uns ist viel Radau. Ein Lazarettzug ist an-
gekommen, und die transportfabigen Verwundeten wer-
den ausgesucbt. An Kemmericbs Bett gebt der Arzt vor-
bei, er siebt ibn nicbt einmal an.
„Das nacbste Mai, Franz‘% sage icb.
Er bebt sicb in den Kissen auf die Ellbogen. „Sie baben
micb amputiert.^*
32
Das weiB er also doch jetzt. Ick nicke imd antworte :
,,S^i froli, daB du so weggakommen bist.“
Er sckweigt,
Ich rede weiter: „Es koimten aucli beide Seine sein,
Franz. Wegeler hat den rechten Arm verloren. Das ist
viel scHimmer. Du kommst ja auch nach Hause.‘‘
Er sieht mich an. „Memst du?^'^
„Natiirlich.‘‘
Er wiederholt: „Memst du?^‘
„Sicher, Franz. Du muBt dich nur erst von der Ope-
ration erholen.^*^
Er winkt mir, heranzuriicken. Ich beuge mich iiber ihn,
und er fliistert: „Ich glaube es nicht.“
keinen Quatsch, Franz, in ein paar Tagen wirst
du es selbst einsehen. Was ist das schon groB: ein ampu-
tiertes Bein; hier warden ganz andere Sachen wieder
zurechtgepflastert.^^
Er hebt eine Hand hoch. „Sieh dir das mal an, diese
Finger,*®
„Das kommt von der Operation. Futtere nur ordent-
lich, dann wirst du schon aufholen. Habt ihr ansttodige
Verpflegung?**
Er zeigt auf eine Schiissel, die noch halbvoll ist. Ich
gerate in Erregung. „Franz, du muBt essen. Essen ist die
Hauptsache. Das ist doch ganz gut hier.**
Er wehrt ab. Nach einer Pause sagt er langsam: „Ich
woUte mal OberfSrster werden.**
8 Remaxque, Westen
33
„Das kaimst du immer iiocli“, tr5ste ich. „Es gibt jetzt
groBartige Protbeseii, du merkst damit gar nicbt, daB dir
etwas feHt. Sie werden an die Muskeln angescHossen. Bei
Handprotkeseii kann man die Finger bewegen und ar-
beiten, sogar schreiben. Und auBerdem wird da immer
nocb mebr erfimden warden/^
Er liegt eine Zeitlang still. Dann sagt er: „Du kannst
meine Scbniirscbube fiir Muller mitnehmen,**
Icb nicke und denke nach, was ich ibm Aufmunterndes
sagen kann. Seine Lippen sind weggewischt, sein Mund
ist grSBer geworden, die Zakne stecben bervor, als waren
sie aus Kreide. Das Fleisch zerscbmilzt, die Stirn wolbt
sicb starker, die Backenknocben steben vor. Das Skelett
arbeitet sicb dxircb. Die Augen versinken scbon. In ein
paar Stunden wird es vorbei sein.
Er ist nicbt der erste, den icb so sebe; aber wir sind
zusammen aufgewacbsen, da ist es docb immer etwas
anders. Icb babe die Aufsatze von ibm abgescbrieben. Er
trug in der Scbule meistens einen braunen Anzug mit
Giirtel, der an den Armeln blankgewetzt war. Aucb war
er der einzige von uns, der die groBe Riesenwelle am Reck
konnte. Das Haar flog ibm wie Seide ins Gesicbt, wenn
er sie macbte. Kantorek war desbalb stolz auf ibn. Aber
Zigaretten konnte er nicbt vertragen. Seine Haut war
sebr weiB, er batte etwas von einem Madcben.
Icb blicke auf meine Stiefel. Sie sind groB und klobig,
die Hose ist bineingescboben; wenn man aufstebt, siebt
34
man dick imd kraftig in diesen breiten Rokren ans. Aber
wenn wir baden geben imd ims ansziehen, baben wir
plotzlicb wieder scbmale Beine nnd scbmale Scbnltern.
Wir sind dann keine Soldaten mebr, sondern beinabe
Knaben, man wiirde aucb nicbt glanben, daB wb Tornister
scbleppen konnen. Es ist ein sonderbarer Augenblick,
wenn wir nackt sind; dann sind wir Zivilisten imd fuLlen
nns ancb beinabe so.
Franz Kemmericb sab beim Baden klein imd scbmal
aus wie ein Kind. Da liegt er nun, wesbalb nur? Man
sollte die ganze Welt an diesem Bette vorbeifiibren und
sagen: Das ist Franz Kemmericb, neunzebneinbalb Jabre
alt, er will nicbt sterben. La6t ibn nicbt sterben !
Meine Gedanken geben durcbeinander. Diese Luft von
Karbol und Brand verscbleimt die Lungen, sie ist ein
trager Brei, der erstickt.
Es wird dunkel. Kemmericbs Gesicbt verbleicbt, es
bebt sicb von den Kissen imd ist so blaB, daB es scbim-
mert. Der Mund bewegt sicb leise. Icb nabere micb ibm.
Er fliistert: ,,Wenn ibr meine Ubx findet, scbickt sie nacb
Hause.‘^
Icb widersprecbe nicbt. Es bat keinen Zweck mebr.
Man kann ibn nicbt tiberzeugen. Mir ist elend vor Hilf-
losigkeit. Diese Stirn mit den eingesunkenen Scblafen,
dieser Mund, der nur nocb GebiB ist, diese spitze Nase!
Und die dicke weinende Frau zu Hause, an die icb
schreiben muB. Wenn icb nur den Brief scbon weg batte.
8 *
35
Lazarettgelalfen geten herum mit Flasciieii nnd
Eimem. Einer kommt heran, wirft Kemmericli einen
forschenden Blick zu imd entfemt sick wieder. Man siekt,
daB er wartet, wakrsckeinlick krauckt er das Bett.
Ick riicke nake an Franz keran und sprecke, als konnte
ikn das retten: „VieUeickt kommst du in das Erkolungs-
keim am Klosterberg, Franz, zwiscken den Villen. Du
kannst dann vom Fenster aus iiker die Felder seken bis
zn den beiden Baumen am Horizont. Es ist jetzt die
sckonste Zeit, wenn das Kom reift, abends in der Sonne
seken die Felder daim aus wie Perlmutter. Und die Pappel-
aUee am Klosterback, in dem wir Sticklinge gefangen
kaben ! Du kannst dir dann "wieder ein Aquarium anlegen
und Fiscke ziickten, du kannst ausgeken und brauckst
niemand zu firagen, und Klavierspielen kannst du sogar
auck, wenn du willst/*
Ick beuge mich iiber sein Gesickt, das im Schatten
liegt. Er atmet nock, leise. Sein Gesickt ist naB, er weint.
Da kabe ick ja sckdnen Unsinn angericktet mit meinem
dummen Gerede !
„Aber Franz“ — ick umfasse seine Sckulter und lege
mein Gesickt an seins. „Willst du jetzt scklafen?‘‘
Er antwortet nickt. Die TrSnen laufen ikm die
Backen kerunter. Ick mockte sie abwiscken, aber mein
Tasckentuck ist zu schmutzig.
Eine Stunde vergekt. Ick sitze gespannt und beobackte
jede seiner Mienen, ob er vielleickt nock etwas sagen
36
moclite. Wenn ex dock den Mnnd anftnn nnd sckxeien
woUte! Aker er weint nnr, den Kopf znr Seite gewandt.
Ex sprickt nickt von seiner Mutter und seinen Ge-
sckwistem, er sagt nickts, es liegt wokl sckon kinter ihm;
— er ist jetzt allein mit seinem kleinen neunzebnjabrigen
Leben und weint, weil es ihn verl^t.
Dies ist der fassungslosesteundsckwersteAbsckied, den
ick je geseken kabe, obwokl es bei Tiedjen auck scblimna
war, der nack seiner Mutter briillte, ein barenstarker
Kerl, und der den Arzt mit aufgerissenen Augen angst-
voU mit einem Seitengewekr von seinem Bett fernkielt,
bis er zusaxnmenklappte.
PlotzUck stoknt Kemmerich imd fangt an zu rockeln.
Ick springe auf, stolpere kinaus und frage ; ,,Wo ist der
Arzt? Wo ist der Arzt?^‘
Als ick den weiBen Kittel seke, kalte ick ikn fest,
„Kommen Sie rasck, Franz Kemmerick stirbt sonst/^
Er mackt sick los und fragt einen dabeistekenden
Lazarettgekilfen: „Was soil das kei6en?‘‘
Der sagt: „Bett 26, Obersckenkel amputiert/^
Er scknauzt: „Wie soU ick davon etwas wissen, ick
kabe keute fiinf Beine amputiert‘% schiebt mick weg, sagt
dem Lazarettgekilfen: „Seken Sie nack‘% und rennt zum
Operationssaal.
Ick bebe vor Wut, als ick mit dem Sanitater geke. Der
Mann siekt mick an und sagt: „Eine Operation nack der
andem, seit morgens fiinf Ukr — toll, sage ick dir, keute
37
allein wieder sedizelm Abgange — deiner ist der sieb-
zebnte. Zwanzig werden sicker nock veil —
Mir wird sckwack, ick kann plotzlick nickt mehr, Ick
will nickt mekr sekimpfen, es ist sinnlos, ick mdekte mick
fallen lassen nnd nie wdeder anfsteken.
Wir sind am Bette Kemmericks. Er ist tot. Das Gesickt
ist nock naB von den Tranen. Die Angen stekenkalb offen,
sie sind gelb wie alte Hornknopfe. —
Der Sanitater stoBt mick in die Rippen. „Nimmst du
seine Sacken mit?‘‘
Ick nicke.
Er fakrt fort: „Wir miissen ikn gleick wegbringen, wir
brancken das Bett. DranBen liegen sie sekon anf dem
Flur/^
Ick nekme die Sacken imd kndpfe Kemmerick die Er-
kennungsmarke ab. Der Sanitater fragt nack dem Sold-
buck. Es ist nickt da. Ick sage, daB es wokl auf der
Sekreibstuke sein miisse, nnd geke. Hinter mir zerren sie
Franz sekon anf eine Zeltbahn.
Vor der Tiir fdhle ick wie eine Erlosung das Dunkel
nnd den Wind. Ick atme, so sekr ick es vermag, nnd splire
die Lnft warm nnd weick wie nie in meinem Gesickt.
Gedanken an Madcken, an bliikende Wiesen, an weiBe
Wolken fliegen mir plotzlick dnxck den Kopf. Meine FiiBe
bewegen sick in den Stiefeln vorwarts, ick geke sckneller,
ick lanfe. Soldaten kommen an mir voriiber, ikre Ge-
sprache erregen mick, okne daB ick sie versteke. Die Erde
38
ist V 03 Q. KrMten dnrcMossen, die dtircli meine FnBsoHen
in micli iiberstromen. Die Nacht knistert elektriscli, die
Front gewittert dnmpf wie ein Trommelkonzert, Meine
Glieder bewegen sich gescbmeidig, icb fiihle meine Gelenke
stark, ich scbnanfe und schnaube. Die Nacbt lebt, icb lebe.
Icb spiire Hunger, einen groBeren als mir vom Magen. —
Miiller stebt vor der Baracke imd erwartet micb. Icb
gebe ibm die Scbnbe. Wir geben binein, nnd er probiert
sie an. Sie passen genau. —
Er kramt in seinen Vorraten und bietet mir ein scbones
Stiick Zervelatwurst an. Dazu gibt es beiBen Tee mit Rum.
Ill
W ir bekommen Ersatz, Die Liicken werden aus-
gefullt, mid die Stroksacke in den Baracken sind
bald belegt. Znm Ted sind es alte Leute, aber anck fiinf-
nndzrvvanzig Mann junger Ersatz aus den Feldrekruten-
depots werden nns iiberwiesen. Sie sind fast ein Jahr
jiinger als wir. Kropp stofit mick an: „Hast du die
Kinder geseken?‘‘
Ick nicke. Wir werfen uns in die Brnst, lassen nns anf dem
Hof rasieren, stecken dieHande in dieHosentascken, seken
uns die Rekmten an und fuklen uns als steinaltes Militar.
Katczinsky scklieBt sick uns an. Wir wandem durch
die Pferdestalle und kommen zu den Ersatzleuten, die
gerade Gasmasken und Kaffee empfangen. Kat fragt einen
der jiingsten: „Habt wokl lange nickts Verniinftiges zu
futtem gekriegt, was?^*
Der verziekt das Gcsickt. ^Morgens Steckriibenbrot —
mittags Steckriibengemuse, abends Steckrubenkoteletts
und Steckrubensalat.‘‘
Katczinsky pfeift fackmannisck. „Brot aus Steck-
riiben? Da kabt ikr Gliick gekabt, sie macken es auck
sckon aus Sagespanen. Aker was meinst du zu weiiJen
Boknen, willst du einen Scklag kaben?‘‘
40
Der Jimge wird rot. „Verkolilen branclist dii micb.
Katczinsky antwortet niclits als : „Nimm deiii Koch-
gescMrr.*^
Wir folgen neugierig. Er fiilirt iins zn einer Toime neben
semem Strolisack. Sie ist tatsachlicli kalb voU weiBer
Bokaen mit Eindfleiscli. Katczinsky steht vor ilir wie ein
General nnd sagt: „Auge anf. Finger lang! Das ist die
Parole bei den PreuBen.*^
Wir sind uberrascbt. Icb frage: „Meme Fresse, Kat,
wie kommst dn denn dazu?*‘
„Die Tomate war frob, als icb ihr’s abnabm. Icb babe
drei Stiick Fallscbirmseide dafiir gegeben. Na, weiBe
Bobnen scbmecken kalt docb tadellos.^^
Er gibt gonnerbaft dem Jungen eine Portion anf und
sagt: „Wenn du das nacbstemal bier antrittst mit deinem
Kocbgeschirr, bast dn in der linken Hand eine Zigarre
Oder einen Priem. Verstanden?‘‘
Dann wendet er sicb zu uns. „Ilix kriegt natiirbcb so.*‘
Katczinsky ist nicbt zn entbcbren, well er einen
secbsten Sinn bat. Es gibt nberall solcbe Lente, aber
niemand siebt ibnen von vomberein an, dafi es so ist.
Jede Kompagnie bat einen oder zwei davon. Katczinsky
ist der gerissenste, den icb kenne. Von Bemf ist er, glanbe
icb, Scbuster, aber das tut nicbts znr Sacbe, er verstebt
41
jedes Handwerk, Es ist gut, mit ilmi tefrenndet zu seia.
Wir sind es, Kropp iind ich, anch Haie Westliiis gehort
lialb iind talb dazu. Er ist allerdings schon melir aus-
fiilixeiides Organ, denn er arbeitet unter dem Kommando
Kats, wenn eine Sacbe gesclimisseii wird, zn der man
Fauste braticht. Dafiir hat er dann seine Voiteile.
Wir kommen zmn Beispiel nachts in einen vollig un-
bekaimten Ort, ein triibseliges Nest, dem man gleich an-
sieht, daJB es ausgepowert ist bis anf die Mauern. Quartier
ist eine kleine, dunkle Fabrik, die erst dazu eingerichtet
worden ist, Es stehen Betten darin, vielmehr nur Bett-
stellen, ein paar Holzlatten, die mit Drahtgeflecht be-
spannt siad,
Drahtgeflecht ist hart. Eine Decke zum Unterlegen
haben wir nicht, wir brauchen unsere zum Zudecken. Die
Zeltbahn ist zu diinn.
Kat sieht sich die Sache an und sagt zu Haie Westhus :
„Komm mal mit.^‘ Sie gehenlos, in den vollig unbekannten
Ort hinein, Eine halbe Stunde spater sind sie wieder da,
die Arme hoch voll Stroh. Kat hat einen Pferdestall ge-
funden und damit das Stroh. Wir konnten jetzt warm
schlafen, wenn wir nicht noch einen so entsetzlichen
Kohidampf hatten.
Kropp fragt einen Artilleristen, der schon langer in der
Gegend ist: „Gibt es hier irgendwo eine Kantine?**
Der lacht: „Hat sich was! Hier ist nichts zu holen.
Keine Brotrinde hoist du hier.^‘
42
„Si 2 id denn keine Einwokaer mekr da?“
Er spuckt au8. „Docli, ein paar. Aber die liingem selBst
nm jeden Kiiclieiikessel kerain und betteln.^*
Das ist eine bose Sacbe. Dann miisseii wir eben den
Scbmacbtriemen enger scbnallen und bis morgen warten,
wenn die Furage kommt.
Icb sebe jedocb, wie Kat seine Miitze aufsetzt, und
frage: „Wo wiUst du bin, Kat?‘‘
,,Mal etwas die Lage spannen/^ Er scblendert binaus,
Der Artillerist grinst bobniscb. „Spann man! Verheb
dicb nicbt dabei/*
Enttauscbt legen wir uns bin und uberlegen, ob wir
die eisemen Portionen anknabbern sollen. Aber es ist uns
zu riskant. So versucben wir ein Auge voU Schlaf zu
nebmen.
Kropp bricbt eine Zigarette durcb und gibt mir die
Halfte. Tjaden erzablt von seinem Nationalgericbt, groBen
Bobnen nut Speck. Er verdammt die Zubereitung obne
Bohnenkraut. Vor allem aber s©Il man alles durcb-
einander kocben, um Gottes willen nicbt die Kartoffeln,
die Bobnen und den Speck getrennt. Jemand knurrt, daB
er Tjaden zu Bohnenkraut verarbeiten wiirde, wenn er
nicbt sofort still ware. Darauf wird es rubig in dem groBen
Raum. Nur ein paar Kerzen flackem in den Flascben-
bMsen, und ab und zu spuckt der Artillerist aus.
Wir duseln scbon ein biBcben, als die Tiir aufgebt und
Kat erscbeint. Icb glaube zu traumen: er bat zwei Brote
43
imtei: dem Arm imd in der Hand einen blntigen Sand-
sack mit Pferdefleisch.
Dem Artilleristen f^t die Pfeife ans dem Mimde* Er
betastet das Brot. „TatsacliKcli, richtiges Brot, iind noch
warm.**
Kat redet nicht waiter dariiber. Er hat eben Brot, das
andere ist egal. Icb bin liberzengt, wenn man ihn in der
Wiiste anssetTTte, wiirde er in einer Stnnde ein ALbendessen
ans Datteln, Braten und Wein znsammenfinden.
Er sagt kurz zn Haie: ,,Hack’ Holz.“
Dann bolt er eine Bratpfanne unter seinem Rock ber-
vor imd ziebt eine HandvoU Salz nnd sogar eine Scbeibe
Fett ans der Tascbe; — er bat an alles gedacbt. Haie
macbt anf dem Fnfiboden ein Feuer* Es prasselt dnrcb
die kable Fabrikballe. Wir klettem ans den Betten.
Der Artillerist scbwankt. Er nberlegt, ob er loben soil,
damit vielleicbt ancb etwas fiir ibn abfallt. Aber Kat-
czinsky siebt ibn gar nicbt, so sebr ist er Luft fiir ibn. Da
ziebt er flncbend ab..
Kat kennt die Art, Pferdefleisch weicbzubraten. Es
darf nicbt gleicb in die Pfannc, dann wird es bart. Vorber
mnB es in wenig Wasser vorgekocbt werden. Wir bocken
nns mit nnsem Messem im Kreis und scblagen nns den
Magen voU.
Das ist Kat. Wenn in einem Jabr in einer Gegend nxir
cine Stnnde lang etwas EBbares anfzntreiben wire, so
wiirde er genanin dieser Stnnde, wie von einer Erlencbtnng
44
getrieben, seine Miitze anfsetzen, Mnausgelien, gerades-
wegs wie nacli einem KompaB darauf zn, and es finden.
Er findet alles; — wenn es kalt ist^ kleine Ofen iind
Holz, Hen and Stroh, Tische, StiiHe, — vor allem aber
Fressen. Es ist ratselhaft, man soUte glaaben, er zaabere
es aas der Laft. Seine Glanzleistang waren vier Dosen
Hammer. Allerdings batten wir lieber Scbmak dafiir
gebabt.
Wir baben ans aaf der Soimenseite der Baracken bin-
gebaaen. Es riecbt nacb Teer, Sommer and Scbweifi-
fiiBen.
Kat sitzt neben mir, denn er imterbalt sicb gem. Wir
baben beate mittag eine Stande Ebrenbezeigangen geiibt,
weil Tjaden einen Major nacblassig gegriiJBt bat. Das
will Kat nicbt aas dem Kopf. Er aafiext: „Pa6 aaf, wir
verlieren den Krieg, weil wir za gat griiBen kSnnen.**
Kropp storcbt naber, barfafi, die Hosen aafgekrempelt.
Er legt seine gewascbenen Socken zam Trocknen aafs Gras.
Kat siebt in den Himmel, laBt einen kraftigen Laat bSren
and sagt versormen daza : „ Jedes BSbncben gibt ein Tto-
cben.‘‘
Die beiden fangen an za dispatieren. Gleicbzeitig wet-
ten sie am eine Flascbe Bier aaf einen Fliegerkampf, der
sicb liber ans abspielt.
Kat laBt sicb nicbt von einer Meinang abbringen,
45
die er als altes Frontschwein wieder in Reimen von sick
gibt: „Gleiclie Loknimg, gleickes Essen, — war der Krieg
sckon langst vergessen/^ —
Kropp dagegen ist ein Denker. Er scHagt vor, eine
Kriegserklarnng solle eine Art Volksfest werden mit Ein-
trittskarten nnd Musik wie bei Stiergefecbten. Dann
miiBten in der Arena die Minister nnd GenerMe der beiden
Lander in Badebosen, mit Kniippebi bewaffnet, anfein-
ander losgeben. Wer iibrigbliebe, dessen Land batte ge-
siegt. Das ware einfacber nnd besser als bier, wo die
falscben Lente sicb bektopfen.
Der Vorscblag gefallt. Dana gleitet das Gespracb auf
den Kasemendrill iiber.
Mir fallt dabei eia Bild ein. Gliibender Mittag anf dem
Kasemenbof. Die Hitze stebt still iiber dem Platz. Die
Kasemen wirken wie ansgestorben. AJles scblaft. Man bort
nnr Trommler iiben, irgendwo baben sie sicb anfgesteUt
nnd nben, nngescbickt, eintonig, stnmpfsinnig. "Welcb
ein Dreiklang: Mittagsbitze, Kasemenbof nnd Trommel-
nben!
Die Fenster der Kaserne sind leer nnd dnnkel. Ans
emigen bangen trocknende Drillicbbosen. Man siebt sebn-
siicbtig hinuber. Die Stnben sind kuhl. —
Ob, ibr dnnklen, mnffigen Korporalscbaftsstnben mit
den eisemen Bettgestellen, den gewiirfelten Betten, den
Spindscbranken nnd den Scbemeln davor! Selbst ibr
kSnnt das Ziel von Wiinscben werden; bier dranBen seid
46
ilir sogar ein sagenhafter ALglanz von Heimat, ikr Gelasse
voU Dunst von abgestandenen Speisen, ScUaf, Rancli nnd
Kleidem !
Katczinsky besckreiLt sie mit Farbenpracht und groBer
Bewegung. Was wiirden wir geben, wenn wir zu ihnen
znriick konnten! Denn weiter wagen sicb imsre Gedanken
scbon gar nicbt —
Ihr Instruktionsstxmden in der Morgenfrxibe — „Woriii
zerfallt das Gewehr 98 — ikr Tumstunden am Nacb-
mittag — „Klavierspieler vortreten. Recbts beraus. Mel-
det eucb in der Kiicbe zum KartoffelscbMen/^ —
Wir scbwelgen in Erinnerungen. Kropp lacbt plotz-
lich nnd sagt: „In Lobne nmsteigen/*
Das war das liebste Spiel unseres Korporals. Lobne
ist ein Umsteigebabnbof. Damit tinsre tJrlauber sicb dort
nicbt verlaufen soUten, iibte Himmelstofi das Umsteigen
mit uns in der Kasernenstube. Wir soUten lemen, daB
man in Lobne durcb eine Unterfiibning zum AnscbluB-
zug gelangte. Die Betten stellten die Unterfuhnmg dar,
und jeder baute sicb links davon auf. Dann kam das Kom-
mando: „In Lobne umsteigen !^% xmd wie der Blitz krocb
alles unter den Betten bindurch auf die andere Seite* Das
baben wir stundenlang geiibt. —
Inzwdschen ist das deutscbe Flugzeug abgescbossen
worden. Wie ein Komet stiirzt es in einer Raucbfabne
abwarts. Kropp hat dadurch eine Flascbe Bier verloren
und zahlt miBmutig sein Geld.
47
Himmelstofi ist als Brieftrager sicker ein besckei-
dener sagte ick, nachdem sick Alberts Enttau-
sckting gelegt kat, „wie mag es nur kommen, daB er als
Unteroffizier ein solcker Sckinder ist?*‘
Die Frage mackt Kropp weder mobil. „Das ist nicht
nnr Himmelstofi allein, das sind sekr viele. So wie sie Tres-
sen Oder einen Sabel kaben, werden sie andere Menscken,
als ob sie Beton gefressen katten.^‘
„Das mackt die Uniform^^, vermnte ick.
„So imgefakr/* sagt Kat iind setzt sick zu einer grofien
Rede znreckt, „aber der Grand liegt anderswo. Siek mal,
wenn dn einen Hund znm Kartoffelfressen abricktest imd
du legst ihm dann nackker ein Stuck Fleisck kin, so wird
er trotzdem danack scknappen, ^eil das in seiner Natnr
liegt. TJnd wenn du einem Menscken ein Stiickcken Mackt
gibst, dann gekt es ikm ebenso ; er scknappt danack. Das
kommt ganz von selber, denn der Mensck ist an und fur
sick zimackst einmal ein Biest, und dann erst ist vielleickt
nock, wie bei einer Sckmalzstulle, etwas AnstSndigkeit
draufgesckmiert. Der Komnufi bestekt nun darin, dafi
immer einer uber den andem Mackt kat. Das Scklimme
ist nur, dafi jeder viel zu viel Mackt kat; ein Unteroffizier
kann einen Gemeinen, ein Leutnant einen Unteroffizier,
ein Hauptmann einen Leutnant derartig zwiebeln, dafi er
verriickt wird. Und weil er das weifi, deskalb gew5knt er
es sick gleick sckon etwas an. Nimm nur die einfackste
Sacke; wir kommen vom Exerzierplatz und sind kunde-
48
miide. Da wird befoblen: Singen. Na, es wird ein sctlap-
per Gesang, demi jeder ist frok, daU er sein Gewekr nock
sckleppen kann. Und sckon mackt die Kompagnie kekirt
nnd nniB eine Stunde strafexerzieren. Beim Riickmarsck
keiBt es wieder: ,Singen‘, tind jetzt wird gesimgen. Was
kat das Gauze fur eineii Zweck? Der Koinpagniefiikxer kat
seinen Kopf duxckgesetzt, weil er die Mackt dazu kat. Nie-
mand wird ikn tadeln, nn Gegenteil, er gilt als stramin.
Dakei ist so etwas nur eine Kleinigkeit, es gibt dock nock
ganz andere Sacken, womit sie einen sckinden. Nun &age
ick euck: Mag der Mann in Zivil sein, was er will, in wel-
ckem Beruf kann er sick so etwas leisten, okne dafi ikm die
Scknauze eingescklagen wird? Das kann er mir beim Kom-
mi6! Sekt ikr, und das steigt jedem zu Kopf! Und es
steigt ikm um so mebr zn Kopf, je weniger er als Zivilist
zu sagen katte.‘*
,,Es keifit eben, Disziplin muB sein — meint Kropp
nacblassig.
„Grunde"% knurrt Kat, „kaben sie inuner. Mag ja auck
sein. Aber es darf keine Schikane werden. Und mack dn
das mal einem Scklosser oder Kneckt oder Arbeiter Mar,
erM^re das mal einem Muskoten, und das sind dock die
meisten kier 5 der siekt nur, daB er gesckunden wird und
ins Feld kommt, und er weiB ganz genau, was notwendig
ist und was nickt. Ick sage euch, daB der einfacke Soldat
kier vom so auskalt, das ist allerkand! AUerkand ist das
J eder gibt es zu, denn jeder weiB, daB nur im Sckiitzen-
4 Remaxqtte, Wosteu
49
graien der Drill anfliort, daB er aber wenige Kilometer
hinter der Front scbon wieder beginnt, imd sei es mit dem
grSBten Unsinn, mit GriiBen und Parademarsch. Denn es
ist eisemes Gesetz: Der Soldat miiB anf jeden Fall be-
scb^ftigt werden.
Doch mm erscbeint Tjaden, mit roten Flecken im Ge-
sicht, Er ist so axifgeregt, daB er stottert. Strahlend bucb-
stabiert er: „HbnmelstoB ist imterwegs nach bier. Er
kommt an die Front/^
m
Tjaden bat eine Hauptwut auf HimmelstoB, weil der
ibn im Barackenlager anf seine Weise erzogen bat, Tjaden
ist Bettnasser, nacbts beim Scblafen passiert es ibm eben.
HimmelstoB bebauptete steif und fest, es sei nur Faulbeit,
imd er fand ein seiner wiirdiges Mittel, um Tjaden zu
beilen.
Er trieb in der benacbbarten Baracke einen zweiten
Bettnasser auf, der Kindervater bieB. Den quartierte er
mit Tjaden zusammen. In den Baracken standen die ty-
piscben BettgesteUe, zwei Betten iibereinander, die Bett-
bodcn aus Drabt. HimmelstoB legte beide nun so zusam-
men, daB der eine das obere, der andere das darunter be-
findlicbe Bett bekam. Der untere war dadurch natiirlicb
scbeuBlicb daran. Dafiir wurde am nacbsten Abend ge-
wecbselt, der untere kam nacb oben, damit er Vergeltung
hatte. Das war HimmelstoB’ Selbsterziebung.
50
Der EinfaU war gemein, aber in der Idee gut. Leider
niitzte er nichts, weil die Voraussetzting nicbt stiminte:
es war keine Faulheit bei den beiden. Das konnte jeder
merken, der ihre fable Haut ansab. Die Sacbe endete da-
mit, dafi immer einer von beiden anf dem FiiBboden
schlief. Er batte sicb leicbt dabei erkMten konnen. —
Haie bat sicb inzwiscben aucb neben uns niedergelassen.
Er blinzelt mir zn nnd reibt andacbtig seine Tatze. Wir
baben znsammen den scbonsten Tag nnseres KommiB-
lebens erlebt. Das war der Abend, bevor wir ins Feld
fubren. Wir waren einem der Regimenter mit der hoben
Hausmimmer zugeteilt, vorber aber zur Einkleidiing in die
Garnison znriickbefordert worden, allerdiiigs nicbt znm
Rekrutendepot, sondem in eine andere Kaserne. Am nacb-
sten Morgen friib soUten wir abfabren. Abends macbten
wir nns anf, um mit Himmelstofi abzurecbnen. Das batten
wir uns seit Wocben gescbworen. Kropp war sogar so
weit gegangen, daS er sicb vorgenommen batte, im Frie-
den das Postfacb einzuscblagen, um spater, wenn Him-
melstoB wieder Brieftrager war, sein Vorgesetzter zu wer-
den. Er scbwelgte in Bildern, wde er ibn scbleifen wiirde.
Denn das war es gerade, wesbalb er uns nicbt klein-
kriegen konnte; wir recbneten stets damit, daB wir ibn
scbon einmal scbnappen wiirden, spatestens amKriegsende,
Einstweilen wollten wir ibn griindlicb verbauen. Was
konnte uns scbon passieren, wenn er uns nicbt erkannte
und wir obnebin morgen firub abfubren.
4 *
51
Wir wnBten, in welcier Kneipe er jeden Abend saB.
Wenn er von dort zur Kaseme ging, nniBte er dnrcb eine
dnnkle, imbebaute StraJBe. Dort lauerten wir ibm binter
einem Steinbanfen anf. Icb batte einen Bettiiberzug bei
mir. Wir zitterten vox Erwartimg, ob er aucb allein sein
wiirde. Endlicb borten wir seinen Scbritt, den kannten
wir genau, wir batten ihn oft genug morgens gebort, wenn
die Tiir aufflog nnd ,,Atifsteben‘‘ gebriillt wnxde*
„AIlein?‘‘ fliisterte Kropp.
„ Allein — Icb schbcb mit Tjaden nm den Stein-
baufen bemm.
Da blitzte scbon sein KoppelscbloB, HimmelstoB scbien
etwas angebeitert zu sein; er sang* Abmingslos ging er
voriiber.
Wir faBten das Bettncb, macbten einen leisen Satz,
stiilpten es ibm von binten uber den Kopf, rissen es nach
unten, so daB er wie in einem weiBen Sack dastand und die
Arme nicbt beben konnte. Das Singen erstarb.
Im nacbsten Moment war Haie Westbus beran. Mit
ausgebreiteten Armen warf er uns zuriick, um nur ja der
erste zu sein, Er stellte sicb gemiBreicb in Positnr, bob
den Arm wie einen Signalmast, die Hand wie eine Koblen-
scbanfel nnd k na llt e einen Schlag anf den weiBen Sack,
der einen Ocbsen batte toten konnen.
HimmelstoB iiberscblng sicb, landete fiinf Meter weiter
nnd fing an zn briillen. Aucb dafiir batten wir gesorgt,
dexin wir batten ein Kissen bei ims. Haie bockte sicb ^
62
legte das Kissen auf die Knie, packte BGminelstofi da, wo
der Kopf war, und driickte ilm auf das Kissen. Sofort
wurde er im Ton gedampfter, Haie liefi ilm ah imd zu
mal Luft sclmappen, dann kam aus dem Gurgein ein
praclitvoller heller Schrei, der gleich wieder zart wurde.
Tjaden knSpfte jetzt HimmelstoB die Hosentrager ah
und zog ihm die Hosen herunter. Die Klopfpeitsche Melt
er dabei mit den Zahnen fest. Dann erhob er sich und
begann sich zu bewegen.
Es war ein wonderbares Bild: HnmnelstoB auf der
Erde, iiber ihn gebeugt, seinen Kopf auf den Knien, Haie
mit teuflisch grinsendem Gesicht und vox Lust offenem
Maul, dann die zuckende, gestreifte Unterhose mit den
X-Beinen, die in der heruntergeschobenen Hose bei jedem
Schlag die originellsten Bewegungen machten, und dar-
iiber wie ein Holzhacker der imermiidliche Tjaden. Wir
muBten ihn schlieBlich geradezu wegreiBen, um auch noch
an die Reihe zu kommen.
Endlich steUte Haie HimmelstoB wieder auf die Beine
und gab als SchluB eine Privatvorstellung. Er scMen
Sterne pfliicken zu woUen, so holte seine Rechte aus zu
einer Backpfeife. HimmelstoB fcippte um. Haie hob
wieder auf, steUte ihn sich parat und langte ihin ein
zweites, erstklassig gezieltes Ding mit der linken Hand.
HimmelstoB heulte und fliichtete auf alien vieren. Sein
gestreifter Brieftragerhinterer leuchtete im Mond.
Wir verschwanden im Galopp.
53
Haie sail sicli noch einmal um imd sagte ingriminig,
gesattigt tmd etwas r^selhaft: „Raclie ist Blutwurst/® —
EigentlicBi konnte HimmelstoB froh sein; denn sein
Wort, daB immer einer den andem erziehn miisse, hatte
an ilim selhst Friichte getragen. Wir waren gelehrige
Scliiiler seiner Methoden geworden.
Er hat nie lierausgekriegt, wem er die Sache verdankte.
ImmerMn gewann er dabei ein Bettnch; denn als wir
einige Stunden spater noch einmal nachsahen, war es
nicht mekr zn finden.
Dieser Abend war der Grund, daB wir am nacbsten
Morgen einigermaBen gefaBt abfubren. Ein wehender VoU-
bart bezeicbnete xms desbalb ganz geriibrt als Helden-
jugend.
IV
W ir miissen nacli vom zum Schanzen. Beim Dimkel-
werden roUen die Lastwagen an. Wir klettem
hinauf. Es ist ein warmer Abend, imd die D^memng er-
sclieint uns wie ein Tuch, unter dessen Schutz wir nns
wohlfuHen. Sie verbindet uns; sogar der geizige Tjaden
scbenkt mir eine Zigarette und gibt mir Feuer.
Wir steben nebeneinander, dicht an dicbt, sitzen kann
niemand. Das sind wir auch nicht gewSlmt. MiiUer ist
endlicb mal guter Laime; er trSgt seine nenen StiefeL
Die Motoren brummen an, die Wagen klappem luid
rasseln. Die StraBen sind ausgefahren und YoUer LScber.
Es darf kein Licht gemacht werden, deshalb rumpeln wir
hinem, dafi wir fast aus dem Wagen purzeln. Das beun-
ruhigt uns nicht weiter. Was kann schon passieren; ein
gebrochener Arm ist besser als ein Loch im Bauch, und
mancher wiinscht sich geradezu eine solch gute Gelegen-
heit, nach Hause zu kommen.
Neben uns fahren in langer Reihe die Munitions-
kolonnen. Sie haben es eilig, iiberholen uns fortwahrend.
Wir rufen ihnen Witze zu, und sie antworten.
Eine Mauer wird sichtbar, sie gehort zu einem Hause,
das abseits der StraBe liegt. Ich spitze plotzlich die Ohren.
55
Tausclie ict. micli? Wieder li5re ich. deutlicli Ganse-
gesclmatter. Ein Blick zu Katczinsky — ein Blick von
iJim znmck; wir versteken Tins.
„Kat, ich hore da einen Kochgeschirrsaspiraiiten — “
Er nickt. „Wird gemacht, wenn wir znriick sind. Ick
weiB tier Besclieid.‘*
Natiirlich weiU Kat Bescheid. Er kennt bestimmt
jedes Gansebein in 20 Kilometer Umkreis.
Die Wagen erreicben das Gebiet der Artillerie. Die Ge-
schiitzstande sind gegen Fliegersicht mit Biiscben verklei-
det, wie zn einer Art milit^scbem Lanbhiittenfest. Diese
Lanben saben Instig nnd fidedlicb aus, wenn ibre Insassen
keine Kanonen waren.
Die Luft wird diesig von Gescbiitzraucb nnd Nebel.
Man scbmeckt den Pnlverqnalm bitter auf der Ztmge. Die
Abscbiisse kracben, daB unset Wagen bebt, das Ecbo roUt
tosend hinterber, alles scbwankt. Unsere Gesicbter ver-
mdem sicb nnmerkbcb, Wir braucben zwar nicbt in die
Graben, sondern mix znm Scbanzen, aber in jedem Ge-
sicbt stebt jetzt: bier ist die Front, wir sind in ibrem
Bereicb,
Es ist das nocb keine Angst. Wer so oft nacb vom ge-
fabren ist wie wir, der wird dickfellig. Nnr die jungen
Rekmten sind anfgeregt. Kat belebrt sie: „Da8 war ein
30,5* Ihr b6rt es am AbscbuB; — gleicb kommt der Ein-
schlag.‘‘
Aber der dnmpfe Hall der Einscblage dringt nicbt
66
teriiber. Er ertrinfct im Gemurmel der Front. Kat korctt
Mnans: ,,Diese Naclit gibt es Kattun.**
Wir liorclieii alle. Die Front ist imruliig. Kropp sagt:
^Die Tommys scMeBen sclaoii.**
Die Abschiisse sind deutKcb zu IiSren.. Es sind die eng-
Kschen Batterien, reclits von imserm Absclmitt. Sie be-
ginnen eine Stimde zn friib. Bei uns fingen sie immer erst
Piinkt zehn Uhr an.
„Was falit denn denen ein/‘ rnftMiiller, „ibre Ubren
geben wobl vor.‘‘
9,Es gibt Kattnn, sage icb eucb, ich spiire es in den
Knocben.^^ Kat ziebt die Scbnltem hocb.
Neben nns droKnen drei Abschiisse. Der Feuerstrahl
scMeBt scbrag in den Nebel, die G^escblitze brummen und
rumoren. Wir ficosteln nnd sind frob, daB wir morgen firiib
wieder in den Baracken sein werden.
Unsere Gesicbter sind nicbt blasser und nicbt roter als
sonst; sie sind aucb nicbt gespannter oder schlaflFer, und
docb sind sie anders. Wir fiiblen, daB in unserm Blut ein
Kontakt angeknipst ist. Das sind keine Redensarten; es
ist Tatsacbe. Die Front ist es, das BewuBtsein der Front,
das diesen Kontakt auslost. Im Augenbbck, wo die ersten
Granaten pfeifen, wo die Luft unter den Abscbiissen zer-
reiBt, ist plotzlicb in unsem Adern, unsern Htoden, unsem
Augen ein geducktes Warten, ein Lauern, ein staxkeres
Wacbsein, eine sonderbare Gescbmeidigkeit der Sinne.
Der Korper ist mit einem Scblage in voller Bereitscbaft.
57
Oft ist es mir, als ware es die erschiitterte, vitrierende
Luft, die mit laiitlosem Schwiigen anf iins iiberspringt ;
oder als ware es die Front selbst, von der eine Elektrizit^t
ansstraMt, die nnbekannte Nervenspitzen mobilisiert.
Jedesmal ist es dasselbe: wir fakren ab nnd sind miir-
riscbe oder gutgelaxmte Soldaten; — dann kommen die
ersten Gescbiitzstande, xind jedes Wort unserer Gespracbe
hat einen veranderten Klang. —
Wenn Kat vor den Baracken steht nnd sagt: „Es gibt
Kattnn — so ist das eben seine Meinung, fertig; —
wenn er es aber bier sagt, so hat der Satz eine Scharfe wie
ein Bajonett nachts im Mond, er schneidet glatt dnrch die
Gedanken, er ist naher nnd spricht zu diesem UnbewnB-
ten, das in nns aufgewacht ist, mit einer dnnklen Be-
deutung, „es gibt Kattnn^* — . Vielleicht ist es nnser
innerstes nnd geheimstes Leben, das erzittert nnd sich
zur Abwehr erhebt.
«
Fiir mich ist die Front ein nnheimlicher Strudel. Wenn
man noch weit entfemt von seinem Zentrnm im ruMgen
Wasser ist, fublt man schon die Sangkraft, die einen an
sich zieht, langsam, nnentrinnbar, ohne viel Widerstand.
Ans der Erde, ans der Luft aber stromen nns Ahwehr-
krafte zn, — am meisten von der Erde. Fiir niemand ist
die Erde so viel wie for den Soldaten. Wenn er sich an sie
preBt, lange, heftig, wenn er sich tief mit dem Gesicht nnd
58
den Gliedem in sie limeinwuHt in der Todes angst des
Feners, dann ist sie sein einziger Freund, sein Binder, seine
Mutter, er stolint seine Fnrclit und seine Sckreie in ilir
Schweigen und ihre Geborgenheit, sie nimmt sie anf nnd
entlaBt ihn wieder zu nenen zehn Sekunden Lanf nnd
Leben, fafit ibn wieder, und mancbmal fiir imnier.
Erde — Erde — Erde — !
Erde, mit deinen Bodenfalten und Locbem nnd Ver-
tiefungen, in die man sicb hineinwerfen, bineinkanem
kann! Erde, dn gabst nns im Krampf des Grauens, im
Anfspritzen der Vemicbtung, im Todesbriillen der Explo-
sionen die ungebeure Widerwelle gewonnenen Lebens ! Der
irre Sturm fast zerfetzten Daseins flo6 im Riickstrom von
dir dnrcb unsre Hande, so da6 wir die geretteten in dicb
gruben und im stnmmen Angstgliick der iiberstandenen
Minute mit unseren Lippen in dicb bineinbissen! —
Wir scbnellen mit einem Ruck in einem Teil tmseres
Seins beim ersten Drobnen der Granaten um Tausende
von Jabren zuriick. Es ist der Instinkt des Tieres, der in
nns erwacbt, der uns leitet und bescbiitzt. Er ist nicbt be-
wuBt, er ist viel scbneller, viel sicberer, viel unfeblbarer
als das BewuBtsein. Man kann es nicbt erklaren. Man
gebt und denkt an nicbts — plotzlicb liegt man in einer
Bodenmnlde und iiber einen spritzen die Splitter binweg;
— aber man kann sicb nicbt entsinnen, die Granate kom-
men gebort oder den Gedanken gebabt zn baben, sicb bin-
zulegen. Hatte man sicb darauf verlassen soUen, man
59
wiixe bereits ein Haufen verstreutes Fleisclx. Es ist das
andere gewesen, diese heUsichtige Wittemng in nns, die
iins niedergerissen nnd gerettet hat, ohne daB man weiB,
wie. Wenn sie nicht w^e, gabe es von Flandem bis zn den
Vogesen schon langst keine Menschen mehr.
Wir fahren ab als miirrische oder gutgelannte Soldaten,
— wir kommen in die Zone, wo die Front beginnt, und
sind Menschentiere geworden.
Ein diirftiger Wald nimmt uns anf. Wir passieren die
Gxdaschkanonen. Hinter dem Walde steigen wir ab. Die
Wagen fahren znriick. Sie soUen nns morgens vor dem
Hellwerden wieder abholen.
Nebel imd Geschiitzranch stehen in Brusthohe iiber
den Wiesen. Der Mond scheint daranf. Anf der StraBe
ziehen Truppen. Die Stahlhelme schimmem mit matten
Reflexen im Mondlicht. Die Kopfe nnd die Gewehre
ragen atis dem weiBen Nebel, nickende Kopfe, schwan-
kende Gewehrlanfe.
Weiter vom hort der Nebel anf. Die Kopfe werden
hier zn Gestalten; — Rocke, Hosen nnd Stiefel kommen
ans dem Nebel wie aus einem Milchteich. Sie formieren
sich znr Kolonne. Die Kolonne marschiert, geradeans, die
Gestalten schliefien sich zu einem Keil, man erkennt die
einzelnen nicht mehr, nnr ein dnnkler Keil schiebt sich
nach vorn, sonderbar erganzt aus den im Nebelteich heran-
60
sdiwimmenden KSpfen und Gewelireri. Eine Koloniid —
keine Menscken.
Aii£ einer QiierstraBe faliren. leichte Geschiitze und
Munitions wagen keran* Die Pferde kaken glanzende
Riicken im Mondsckein, ikre Bew^egtmgen sind sckon,
sie werfen die Kopfe, man siekt die Augen klitzen. Die
Gesckiitze und W agen gleiten vor dem versckwimmenden
Hintergnind der Mondlandsckaft voriiker, die Reiter mit
ikren Staklkelmen seken aus wie Ritter einer vergangenen
Zeit, es ist irgendwie sck5n und ergreifend.
Wir streken dem Pionierpark zu. Ein Teil von
ladet sick gekogene, spitze Eisenstabe atif die Sckultem,
der andere steckt glatte Eisenstdcke durck DraktroUen
und ziekt damit ab. Die Lasten sind unbecjuem und
sckwer.
Das Terrain wird zerrissener. Von vom kommen Mel-
dungen durck: „Acktung, links tiefer Granattrickter^^ —
„Vorsickt, Graben*^ —
Unsere Augen sind angespannt, unsere FiiBe und
Stdcke fiiklen vor, eke sie die Last des KSrpers empfangen,
Mit einmal kalt der Zug; man prallt mit dem Gesickt
gegen die DraktroUe des Vordermannes und sckimpft.
Einige zersckossene Wagen sind im Wege, E in neuer
Befekl. „Zigaretten und Pfeifen aus/^ — Wir sind dickt
an den Gr^ken.
Es ist inzwiscken ganz dxinkel geworden. Wir umgeken
ein Waldcken und kaken dann den Frontabscknitt vor uns.
61
Eine ungewisse, rotliche Helle steht am Horizont von
einem Ende znm andem. Sie ist in standiger Bewegimg,
dnrcliZTickt vom Mxindimgsfener der Batterien. Leucht-
kugeln steigen dariiber hocli, silBeme imd rote Balle, die
zerplatzen nnd in weifien, griinen nnd roten Sternen
niederregnen. Franzosiscke Raketen scMeBen anf, die in
der Luft einen Seidensckirm entfalten xmd ganz langsam
niederschweben. Sie erleucbten alles tagbell, bis zu tms
dringt ihr Scbein, ^vir seben unsere Schatten scharf am
Boden. Minutenlang scbweben sie, ebe sie ausgebrannt
sind. Sofort steigen neue bocb, iiberall, und dazrwiscben
meder die griinen, roten und blauen.
„ScbIamassel‘% sagt Kat.
Das Gewitter der Gescbiitze verstarkt sicb zu einem
einzigen dumpfen DrSbnen und zerfallt dann wieder in
Gruppeneinscblage. Die trockenen Salven der Maschinen-
gewebre knarren. tlber uns ist die Luft erfuUt von im-
sicbtbarem Jagen, Heulen, Pfeifen und Ziscben. Es sind
kleinere Gescbosse; — dazwiscben orgebi aber aucb die
groBen Koblenkasten, die ganz scbweren Brocken durcb
die Nacbt und landen weit binter uns. Sie baben einen
rohrenden, beiseren, entfemten Ruf, wie BErscbe in der
Brunft, und zieben bocb iiber dem Gebeul und Gepfeife
der kleineren Gescbosse ibre Babn.
Die Scbeinwerfer beginnen den scbwarzen Himmel ab-
zusucben. Sie rutscben dariiber bin wie riesige, am Ende
diinner werdende Lineale. Einer stebt still und zittert nur
62
wenig. Sofort ist ein zweiter bei ihm, sie kreuzen sich, ein
schwarzes Insekt ist zwischen iknen imd versucht zti ent-
kommen: der Flieger. Er wird tmsicben, geblendet and
taumelt.
3k
Wir rammeiL die Eisenpfable in regelmafiigen Abstan-
den fest. Immer zwei Mann balten eine RoUe, die andem
spnlen den Stacbeldrabt ab. Es ist der ekelbafte Dralit
mit den dicbtstehenden, langen Stacbebi. Ich bin das Ab-
roUen nicbt mebr gewohnt und reifle mir die Hand anf.
Nacb einigen Stunden sind wir fertig, Aber wir baben
noch Zeit, bis die Lastwagen kommen. Die meisten von
uns legen sicb bin nnd scblafen. Icb versncbe es aucb.
Docb es wird zu kiibl. Man merkt, da6 wir nabe am Meere
sind, man wacbt vor K^te immer wieder anf.
Einmal scblafe icb fest ein. Als icb pldtzlicb mit einem
Ruck bocbfliege, weiS icb nicbt, wo icb bin. Icb sebe die
Sterne, icb sebe die Raketen und babe einen AugenbHck
den Eindruck, auf einem Fest im Garten eingeschlafen zu
sein. Icb weiB nicbt, ob es Morgen oder Abend ist, icb
Kege in der bleicben Wiege der Dammerung und warte
auf weicbe Worte, die kommen miissen, weicb imd gebor-
gen, — weine ich? Icb fasse nacb meinen Augen, es ist
so Wunderlich, bin icb ein Kind? Sanfte Haut ; — nur eine
Sekunde wHbrt es, dann erkenne icb die Silhouette Kat-
czinskys. Er sitzt rubig, der alte Soldat, und raucbt eine
63
Pfeife, eiae Deckelpfeife natiirlicli. Als ex bemerkt, dafi
ich wacb bin^ sagt er: „Dii bist scbon zusammengefalireDL,
Es war nur ein Ziinder, er ist da ins Gebiiscb gesaust.*^
Ich setze mich hoch; ich fiihle mich sonderbar allein.
Es ist gut, daJ3 Kat da ist. Er sieht gedankenvoU zux Front
iind sagt: „Ganz schones Feuerwerk, wenn’s nicht so ge-
fahrlich wlre.‘*
Hinter uns schlagt es ein. Ein paar Rekraten fahren
erschreckt auf. Nach eia paar Minnten funkt es wieder
heriaber, naher als vorher. Kat klopft seine Pfeife aus.
„E8 gibt Zander/^
Schon geht es los. Wir kriechen weg, so gut es geht in
der Eile, Der nachste SchuB sitzt bereits zwischen uns>
Ein paar Leute schreien. Am Horizont steigen griine
Raketen anf. Der Dreck fliegt hoch, Splitter snrren. Man
hSrt sie noch aufklatschen, wenn der Larin der Einschlage
langst wieder verstummt ist.
Neben uns liegt ein verangstigter Rekrut, ein Flachs-
kopf. Er hat das Gesicht in die Hande gepreBt. Sein
Helm ist weggepurzelt. Ich fische ihn heran und will ihn
anf seinen Schadel stiilpen. Er sieht auf, stSBt den Helm
fort imd knecht wie ein Kind mit dem Kopf unter meinen
Arm, dicht an meine Brust. Die schmalen Schultern
zucken. Schultern, wie Kemmerich sie hatte.
Ich lasse ihn gewahren. Damit der Helm aber wenig-
stens zu etwas nutze ist, packe ich ihn auf seinen Hintern,
nicht aus Bl5dsinn, sondem aus tJberlegung, denn das ist
64
der lidcliste Fleck, Wenn da zwar auch dickes Fleisch
sitzt, Scklisse Idnein sind dock verfluckt schmerzliaft,
auBerdem miiB man monatelang anf dem Baiicli liegen
im Lazarett und nachker ziemlick sicker kinken.
Irgendwo kat es macktig eingekauen. Man kort
Sckreien zwiscken den Einscklagen.
Endlick wird es rukig. Das Fener ist iiter uns kin-
gefegt und liegt nun auf den letzten Reservegraben. Wir
riskieren einen Blick. Rote Raketen flattem am HimmeL
Wakrsckeinlick kommt ein Angriff.
Bei uns bleibt es rukig. Ick setze mick auf und riittele
denRekruten an derSckulter. „Vorbei, Kleiner! Ist nock
mal gutgegangen.‘‘
Er siekt sick verstSrt um. Ick rede ikm zu: ,,Wirst
dick sckon gewoknen/^
Er bemerkt seinen Helm und setzt iku auf. Langsam
kommt er zu sick. PlotzUck wird er feuerrot und kat ein
verlegenes Ausseken. Vorsicktig langt er mit der Hand
nack kinten und siekt ndck gequalt an. Ick versteke sofort ;
Kanonenfieber. Dazu katte ick ikm eigentlich den Helm
nickt gerade dortkingepackt, — aber ick troste ihn dock :
,,Das ist keine Schande ; es kaben sckon ganz andere Leute
als du nack ikrem ersten Feueriiberfall die Hosen voU ge*
kabt. Geh fainter den Busck da und schmeifi deine
XJnterhose weg. Erledigt —
4t
5 Eemarque, Westen
65
Er trollt sich. Es wird stiller, docK das Sctreien tort
nioht auf. „Was ist los, Albert firage ict.
„Driibeii taben ein paar Kolonnen VoUtreffer gekriegt.^^
Das Scbreien danert an. Es sind keine Menscten, sie
kSnneii nicht so furcttbar schreien.
Kat sagt: jjVermindete Pferde/^
Ict babe noct nie Pferde schreien gehort und kann es
kamn glanben. Es ist der Jammer der Welt, es ist die ge-
marterte Kreatur, ein wilder, granenvoller Schmerz, der
da stotnt. Wir sind bleict. Detering richtet sict auf.
,nSctinder, Sctinder! SchieBt sie doct abT®
Er ist Landwirt nnd mit Pferden vertrant. Es geht
itm nate. Und als ware es Absicht, sctweigt das Feuer
jetzt beinate. Um so dentlicter wird das Schreien der
Tiere. Man weiB nicht metr, woter es kommt in dieser
jetzt so stillen, silbemen Landschaft, es ist unsicttbar,
geistertaft, iiberall, zwiscten Himmel und Erde, es sctwillt
unermefilich an — Detering wird wiitend und briillt : „Er*
schieBt sie, .erschieBt sie doct, verflucht noct mal!“
„Sie miissen doct erst die Leute tolen‘% sagt Kat.
Wir steten auf und suchen, wo die Stelle ist. Wenn
man die Tiere erblickt, wird es besser auszutalten sein.
Meyer hat ein Glas bei sict. Wir sehen eine dunkle Gruppe
Sanitater mit Tragbatren und schwarze, grdBere Klum-
pen, die sict bewegen. Das sind die verwundeten Pferde.
Aber nicht alle. Einige galoppieren weiter entfemt, bre»
cten nieder und rennen weiter. Einem ist der Bauch auf-
66
gerissen, die Gedarme iiangen lang keraus. Es verwickelt
sick dariii and stiirzt, dock es stekt wieder aaf.
Detering reifit das Gewekr kock and zielt, Kat scklagt
es in die Laft. „Bist da verriickt —
Detering zittert and wirft sein Gewekr aaf die Erde.
Wir setzen ans kin and kalten ans die Okren za. Aker
dieses entsetzlicke Klagen and Stoknen and Jammern
scklagt darck, es seklagt iiberall darck.
Wir konnen aile etwas vertragen, Hier aber brickt
ans der SckweiB aas. Man mockte aafsteken and fort-
laufen, ganz gleick wohin, nar am das Sckreien nickt mekr
za koren. Dabei sind es dock keine Menscken, sondern
nar Pferde.
Von dem danklen Knaael losen sick wiederTragbabren.
Dann knallen einzelne Sckiisse. Die Klampen zacken and
werden flacker. Endlick ! Aber es ist nock nickt za Ende.
Die Leate kommen nickt an die verwandeten Tiere keran,
die in ikrer Angst fliickten, alien Sckmerz in den weitauf-
gerissenen Maalem. Eine der Gestalten geht aafs Knie,
ein SckaB — ein Pferd brickt nieder, — nock eins. Das
letzte stemmt sick aaf die Vorderbeine and drekt sick im
Kreise wie ein Karassell, sitzend drekt es sick aaf den
hockgestemmten Vorderbeinen im Kreise, wahrsckeinlich
ist der Riicken zerschmettert. Der Soldat rennt kin and
sckieBt es nieder. Langsam, demiitig ratsckt es za Boden.
Wir nekmen die Hande von den Okren. Das Sckreien
ist verstammt. Nar ein langgezogener, ersterbender
5 * 67
Seufzer haiigt nocli in der Luft. Dann sind wieder nur die
Raketen, da’s Granatensingen und die Sterne da, — nnd
das ist fast sonderbar.
Detering geht und flnclit : „Moclite wissen, was die fiir
Scbuld taben/^ Er kommt nacbber nocb einmal beran.
Seine Stimme ist erregt, sie klingt beinabe feieriicb, als er
sagt : „Das sage icb encb, es ist die allergroBte Gemeinbeit,
daB Tiere im Krieg sind/*
Wir geben znriick. Es ist Zeit, zu nnseren Wagen zu
gelangen. Der Himmel ist eine Spur beller geworden. Drei
Uhr morgens. Der Wind ist firiscb und kiihl, die fable
Stunde macbt unsere Gesicbter gran.
Wir tappen uns vorwarts im Gtosemarscb durcb die
Graben und Tricbter und gelangen wieder in die Nebel-
zone. Katczinsky ist unrubig, das ist ein schlecbtes
Zeicben.
„Was bast du, Kat?“ firagt Kropp.
„Icb wollte, wir waren erst zu Hause.“ — Zu Hause; —
er meint die Baracken.
„Dauert nicbt mebr lange, Kat.*‘
Er ist nervos. „Icb weiB nicbt, icb weiB nicbt —
Wir kommen in die Laufgrbben und dann in die Wiesen.
Das Waldcben taucbt auf ; wir kennen bier jeden Scbritt
Boden. Da ist der Jagerfriedbof scbon mit den Hiigeln
und den scbwarzen Kreuzen.
68
In diesem AngenbKck pfeift es Muter iins, sckwiilt,
kraclit, donnert. Wir liaben uns gebiickt — Irandert Meter
vor ims scMeBt eine Feuerwolke empor.
In der nacksten Mirnite hebt sick ein Stiick Wald unter
einem zweiten EinscHag langsam iiber die Gipfel, drei,
vier Baume segeln mit imd brecken dabei in Stiicke, Sckon
ziscken me Kesselventile die folgenden Granaten heran —
sckarfes Fener —
„Deckimgr‘ briillt jemand — „Decknng!^^ —
Die Wiesen sind flack, der Wald ist zu weit nnd gefakr-
lick; — es gibt keine andere Deckxmg als den Friedkof und
die GraberkiigeL Wir stolpem im Dnnkel Mnein, wie kin-
gespnckt klebt jeder gleick kinter einem HxigeL
Keinen Moment zu friik. Das Dunkel wird wahnsinnig.
Es wogt imd tobt. Sckwarzere Dunkelkeiten als die Nackt
rasen mit Biesenbuckeln auf xms los, iiber uns kinweg.
Das Feuer der Explosionen iiberflackert den Friedkof.
Nirgendwo ist ein Ausweg. Ich wage im Aufblitzen
der Granaten einen Blick auf die Wiesen. Sie sind ein
aufgewubltes Meer, die Stickflammen der Gesckosse sprin-
gen wie Fontanen keraus. Es ist ausgescklossen, dafl
jemand dariiber kinwegkommt.
Der Wald versckwindet, er wird zerstampft, zerfetzt,
zerrissen. Wir miissen Her auf dem Friedkof bleiben-
Vor uns birst die Erdel Es regnet Sckollen. Ick spiire
einen Ruck. Mein Armel ist aufgerissen durck einen Split-
ter. Ick balle die Faust. Keine Sckmerzen. Dock das
69
beraMgt mich. nicht, Verletzuixgen sclimerzen stets erst spa-
ter, Ich fatre ^er den Arm. Er ist angekratzt, aber beil.
Da k n al l t es gegen meinen Schadel, da6 mir das BewiiBt-
sein verschwimint. Icb babe den bKtzartigen Gedanken:
Nicht obnmacbtig werden!, versinke in scbwarzem Brei
nnd koznme sofort weder bocb. Ein Splitter ist gegen mei-
nen Helm gebanen, er kam so weit ber, da6 er nicbt diircb-
scblng. Icb wiscbe mir den Dreck aus den Augen. Vor mir
ist ein Locb anfgerissen, icb erkenne es undentlicb. Gra-
naten treffen nicbt leicbt in denselben Tricbter, deshalb
Tivill icb hinein. Mit einem Satze scbnelle icb micb lang
vor, flacb me ein Fisch uber den Boden, — da pfeift es
wieder, rascb kriecbe icb zusammen, greife nacb Deckimg,
fiible links etwas, presse micb daneben, es gibt nacb, icb
stShne, die Erde zerreifit, der Lnftdruck donnert in meinen
Obren, icb kriecbe nnter das Nacbgebende, decke es iiber
micb, es ist Holz, Tncb, Deckimg, Deckimg, armselige
Deckling vor berabscblagenden Splittem.
Icb offne die Angen; — meine Finger halten einen Ar-
mel umklammert, einen Arm. Ein Verwimdeter? Icb
scbreie ibm zu — keine Antwort — ein Toter. Meine Hand
faBt weiter, in Holzsplitter — da weiU icb wieder, dafi wir
anf deni Friedbof liegen.
Aber das Feuer ist starker als alles andere. Es ver-
nicbtet die Besinmmg, icb kriecbe niirnochtiefer imterden
Sarg, er soil micb scbiitzen, nnd wenn der Tod selber in
ibm liegt.
70
Vor mir Hafft der Tricliter. Ich fasse ihn mit den Angen
wie mit Fausten, ich miiB mit einem Satz hinem. — Da
eriialte ich einen ScHag ins Gesictt, eine Hand Mammert
sicK um meine SclitJter, — ist der Tote wieder erwacht? —
Die Hand scEnttelt micli, ich wende den Kopf, in sekxoi-
denknrzem Lickt starre ich in das Gesickt Katczinskys,
er hat den Mnnd weit offen und briillt, ich here nichts,
er riittelt mich, nahert sich ; in einem Moment Abschwellen
exreicht mich seine Stimme ; ^Gas — Gaaas — Gaaas —
Weitersagen — T*
Ich reiBe die Gaskapsel heran . . . Etwas entfemt von
mir liegt jemand. Ich denke an nichts mehr als an dies:
Der dort muB wissen: ,, Gaaas — Gaaas —
Ich rufe, schiebe mich heran, schlage mit der Kapsel
nach ihm, er merfct nichts — noch einmal, noch einmal —
er duckt sich niir — es ist ein Rekrut — ich sehe ver-
zweifelt nach Kat, er hat die Maske vor — ich reiBe meine
auch herans, der Helm fliegt beiseite, sie streift sich iiber
mein Gesicht, ich erreiche den Mann, am nachsten liegt
mir seine Kapsel, ich fasse die Maske, schiebe sie iiber
seinen Kopf, er greift zu — ich lasse los — nnd liege plotz-
lich mit einem Ruck im Trichter.
Der dumpfe Knall der Gasgranaten mischt sich in das
Krachen der Explosivgeschosse. Eine Glocke drohni
zwischen die Explosionen, Gongs, Metallklappern kiinden
iiberallhin — Gas — Gas — Gaas —
Hinter mir plumpst es, einmal, zweimal. Ichwische die
71
Aiigensclieibeii meiner Maske vom Atemdimst saixber. Es
ist Kat, Kropp luid noch jemand. Wir liegen zu viert in
scliwerer, lauemder Anspannung imd atmen so scbwacli
wie mSglich.
Diese ersten Minuten mit der Maske entscheiden iiber
Leben und Tod: ist sie dicbt? Icb kenne die furchtbaren
Bilder ans dem Lazarett: Gaskranke, die in tagelangem
Wiirgen die verbrannten Lungen stiickweise auskotzen.
Vorsicbtig, den Miind auf die Patrone gedriickt, atme
icb, Jetzt scbleicbt der Scbwaden iiber den Boden xmd
sinkt in alle Vertiefongen. Wie ein weicbes, breites
Qnallentier legt er sicb in nnseren Tricbter, rakelt sicb
binein. Icb stoBe Kat an: es ist besser, berausznkriecben
iind oben zu liegen, als bier, wo das Gas sicb am meisten
sammelt. Docb wir kommen nicbt dazu; ein zweiter
Feuerbagel beginnt. Es ist, als ob nicbt mebr die Gescbosse
briillen; es ist, als ob die Erde selbst tobt.
Mit eiaem Kracb saust etwas Scbwarzes zu uns berab.
Hart neben uns scblagt es ein: ein hocbgescbleuderter
Sarg.
Icb sebe Kat sicb bewegen und kriecbe biniiber. Der
Sarg ist dem Vierten in unserm Locb auf den aus-
gestreckten Arm geschlagen. Der Mann versucbt, mit der
andem Hand die Gasmaske abzureifien. Kropp greift
recbtzeitig zu, biegt ibm die Hand bart auf den Riicken
und bait sie fest.
Kat und icb geben daran, den verwundeten Arm frei
72
zu maclien. Der Sargdeckel ist lose uiid geborsten, wir
konnen iim leicht abreifien, den Toten werfen wir hinans^
er sackt nack nnten, dann versucken wir, den nnteren
Tail zn lockern.
Znm GMck wird der Mann bewufitlos, nnd Albert kann
uns helfen. Wir brancken nun nickt mekr so bekutsam
zu sein und arbeiten, was wir konnen, bis der Sarg mit
einem Seufzer nackgibt unter den daruntergesteckten
Spaten.
Es ist keUer geworden. Kat nimmt ein Stiick des
Deckels, legt es unter den zersckmetterten Arm, und wir
binden alle unsere Verbandspackcken damm. Mekr konnen
ivir im Moment nickt tun.
Mein Kopf brummt und droknt in der Gasmaske, er
ist nake am Platzen. Die Lungen sind angestrengt, sie
kaben mix immer wieder denselben keifien, verbrauckten
Atem, die Scklafenadern sckwellen, man glaubt zu er-
sticken —
Graues Lickt sickert zu uns kerein. Wind fegt uber den
Friedkof. Ick schiebe mick iiber den Rand des Trickters.
In der sckmutzigen Dammerung liegt vor mir ein aus-
gerissenes Rein, der Stiefel ist vollkommen heil, ick seke
das aUes ganz deutlick im Augenblick. Aker jetzt erkebt
sick wenige Meter waiter jemand, ick putze die Fenster,
sie bescklagen mir vor Aufregung sofoirt wieder, ick
starre hdnuber — der Mann dort tragt keine Gasmaske
mekr.
73
Nocii Sekundeii warte icii — er briciit niclit ziisammen,
er blickt sucbend umber und macbt eiuige Scbritte, — der
Wind bat das Gas zerstreut, die Luft ist frei — , da zerre
icb rdcbelnd ebenfalls die Maske weg imd faUe bin, wie
kaltes Wasser stromt die Luft in micb binein, die Augen
woUen brecben, die Welle iiberscbwemmt micb und loscbt
micb dunkel aus.
Die Einscblage baben aufgebdrt. Icb drebe micb zum
Tricbter und winke den andem. Sie klettem berauf und
reilJen sicb die Masken berunter. Wir umfassen den Ver-
wundeten, einer nimmt seinen gescbienten Arm. So stol-
pern wir bastig davon.
Der Friedhof ist ein Triimmerfeld. Sarge und Leicben
liegen verstreut. Sie sind nocb einmal getotet worden;
aber jeder von ibnen, der zerfetzt wurde, bat einen von
uns gerettet.
Der Zaun ist verwiistet, die Scbienen der Feldbabn
druben sind aufgerissen, sie starren bocbgebogen in die
Luft. Vor uns liegt jemand. Wir halten an, nur Kropp
gebt mit dem Verwundeten weiter.
Der am Boden ist ein Rekrut. Seine Hiifte ist blut-
verscbmiert ; er ist so erscbSpft, daB icb nacb meiner Feld-
flascbe greife, in der icb Rum mit Tee babe. Kat halt
meine Hand zuriick und beugt sicb iiber ibn: „Wo bat’s
dicb erwiscbt, Kamrad?**
74
Er bewegt die Augen; er ist zu scliwach zmn Ant-
worten.
Wir schneiden vorsichtig die Hose aiif. Er stdlmt.
ruMg, es wixd ja besser —
Wenn er einen Bauchscbufi hat, dar£ er nichts trinken.
Er hat nichts erbrochen, das ist giinstig. Wir legen die
Hiifte bloJS. Sie ist ein einziger Fleischbrei mit Knochen-
splittem. Das Gelenk ist getroffen. Dieser Jnnge wird
nie mehr gehen konnen.
Ich wische ihm mit dem befenchteten Finger iiber die
Schlafe nnd gebe ihm einen Schlnck. In seine Angen
kommt Bewegnng. Jetzt erst sehen wir, da6 anch der
rechte Arm blutet.
Kat zerfasext zwei Verbandspackchen so breit me
mSgKch, damit sie die Wtmde decken. Ich snche nach
Stoff, um ihn lose dariiberznwickeln. Wir haben nichts
mehr, deshalb schlitze ich dem Verwnndeten das Hosen-
bein weiter auf, nm ein Stiick seiner Unterhose als Binde
zn verwenden, Aber er tragt keine. Ich sehe ihn genaner
an: es ist der Flachskopf von vorhin.
Kat hat inzmschen ans den Taschen eines Toten noch
Packchen geholt, die mr vorsichtig an die Vxinde schie-
ben. Ich sage dem Jungen, der nns iinverwandt ansieht:
„Wir holen jetzt eine Bahre.“^
Da dflfnet er den Mnnd nnd fliistert: „Hierbleiben —
Kat sagt: „Wir kommen ja gleich wieder. Wir holen
fiir dich eine Bahre/‘
75
Man kann niclit erkennen, ob er verstanden bat; er
wimmert wie ein Kind hinter nns her: „Nicbt weg-
geben —
Kat siebt sicb nm nnd fliistert: ,,Sollte man da nicbt
einfach einen Revolver nebmen, damit es aiifb5rt?^‘
Der Jnnge wird den Transport kanm iibersteben, nnd
bocbstens kann es nocb einige Tage mit ibm danern. Ailes
bisber aber wird nicbts sein gegen diese Zeit, bis er stirbt.
Jetzt ist er nocb betanbt nnd ftiblt nicbts. In einer Stnnde
wird er ein kreiscbendes Biindel nnertraglicher Scbmerzen
werden. Die Tage, die er nocb leben kann, bedenten fiir
ibn eine einzige rasende Qual. Und wem niitzt es, ob er
sie nocb bat oder nicbt —
Icb nicke. „Ja, Kat, man soUte einen Revolver
nebmen.'^
„Gib ber‘% sagt er nnd bleibt stehen. Er ist ent-
scblossen, icb sebe es. Wir blicken nns nm, — aber wir
sind nicbt mebr allein. Vor nns sammelt sicb ein Hauflein,
ans den Tricbtern und Grabem kommen Kopfe.
Wir bolen eine Babre.
Kat scbiittelt den Kopf. „So jnnge Kerle^‘ — Er
wiederbolt es: „So jnnge, unscbnldige Kerle —
Unsere Verlnste sind geringer, als anznnebmen war:
fiinf Tote nnd acbt Verwimdete. Es war nnr ein knrzer
Feneriiberfall. Zwei von unseren Toten liegen in einem
76
der aufgerisseneii Graber; wir brauchen sie bloB zuzn-
buddeln.
Wir geben znriick. Scbweigend trotten wir im Ganse-
marscb bintereinander ber. Die Verwimdeteii werden aur
SanitMsstatioii gebracbt. Der Morgen ist triibe, die
Krankenwarter lanfen mit Ninnniem and Zetteln, die
Verletzten wimmern. Es beginnt zu regnen.
Nacb einer Stnnde baben wir unsere Wagen er-
reicbt nnd klettem biaaiif. Jetzt ist mebr Plata als
vorber da,
Der Regen wird starker. Wir breiten Zeltbabnen aus
iind legen sie auf unsere Kopfe. Das Wasser trommelt
darauf nieder. An den Seiten flieBen die Regenstrabnen
ab. Die Wagen platscben durcb die Locber, und wir wiegen
uns im Halbschlaf bin und ber.
Zwei Mann vom im Wagen baben lange gegabelte
Stocke bei sicb. Sie acbten auf die Telepbondrabte, die
quer iiber die StraBe hangen, so tief, daB sie unsere Kopfe
wegreiBen konnen. Die beiden Leute fangen sie recbtzeitig
mit ibren gegabelten Stocken auf und beben sie iiber uns
binweg. Wir boren ibren Ruf: „Acbtung — Drabt‘%
und im Halbscblaf geben wir in die Kniebeuge und ricbten
uns wieder auf.
Monoton pendeln die Wagen, monoton sind die Rufe,
monoton rinnt der Re gen. Er rinnt auf unsere Kopfe und
auf die Kopfe der Toten vom, auf den Korper des Meinen
Rekruten mit der Wunde, die viel zu groB fur seine Hiifte
77
ist, er riimt au£ das Grab Kemmerichs, errinnt atif iinsere
Herzen.
Ein EinscHag hallt irgendwo. Vir zuckeii anf, die
Aiigen siad gespannt, die Hande wieder bereit, nm die
Korper fiber die Wtode des Wagens in den StraBengraben
zu werfen.
Es kommt nichts welter. — Monoton nur die Rnfe:
„Acbtimg — Drabt‘‘ — wir geben in die Knie — wir sind
wieder im Halbscblaf.
V
E s ist beschwerlich, die einzelne Laus zu toten, wenn
man liiiiiderte hat. Die Tiere sind etwas hart, mid das
ewige Knipsen mit den Fingemageln wird langweilig.
Tjaden hat deshalb den Deckel einer Schuhpntzschachtel
mit Draht iiber eiaem brennenden Kerzenstnmpf be-
festigt. In diese kleine Pfanne werden die Lanse einfaeh
hineingeworfen — es knackt, und sie sind erledigt.
Wir sitzen rund hernm, die Hemden anf den Knien, den
Oberkorper nackt in der warmen Liift, die Hande bei der
Arbeit. Haie hat eine besonders feine Art von Lansen:
sie haben ein rotes Krexiz anf dem Kopf. Deshalb be-
hauptet er, sie ans dem LazarettmThonrhoiit ndtgebracht
zti haben, sie seien von einem Oberstabsarzt persSnlich.
Er will anch das sich langsam in dem Blechdeckel an-
sammelnde Fett znm Stiefelschmieren benntzen nnd
briillt eine halbe Stnnde lang vor Lachen iiber seinen Witz.
Doch hente hat er wenig Erfolg; etwas anderes be-
schaftigt tins zn sehr.
Das Geriicht ist Wahrheit geworden. HimmelstoB ist
da. Gestern ist er erschienen, wir haben seine wohl-
bekannte Stimme schon gehort. Er soli zu Hanse ein paar
jtmge Rekrnten zn kraftig im Sturzacker gehabt haben.
79
Olisie daB er es wiiBte, war d^r Solin des Regierungs-
prasidenten dabei. Das bracli ihm das Genick,
Hier wird er sick wimdem. Tjaden erortert seit Stnnden
alle Moglicbkeiteii, wie er ikm antworten will. Hale sieht
nackdenklicli seine groBe Flosse an und kneift mir ein
Ange. Die Priigelei war der Hokepunkt seines Daseins ; er
kat mir erzaklt, daB er nock manckmal davon tranmt.
Kropp und MiiUer imterkalten sick. Kropp kat als
einziger ein Kockgesckirr voU Linsen erkeutet, wakrsckein-
lick bei der Pionierkiicke. Muller sckielt gierig kin, be-
kerrsckt sick aber und fragt: ^Albert, was wiirdest du
tun, wenn jetzt mit einemmal Frieden ware?‘"
„Frieden gibt’s nicht!‘" auBert Albert kurz.
„Na, aber wenn*% — bekarrt Muller, „was wiirdest du
macken?‘‘
,,Abkauen!‘* knurrt Kropp.
„Da8 ist Mar. Und dann?^*^
,,Mick besaufen‘% sagt Albert.
„Rede keinen Quatsck, ick meine es ernst —
„Ick auck,‘‘ sagt Albert, ,,wa8 soli man denn anders
macken.“
Kat interessiert sick fur die Frage. Er fordert von
Kropp seinen Tribut an den Linsen, erkalt ihn, iiberlegt
dann lange und meint: „Besaufen konnte man sick ja,
80
sonst aber auf die naebste Eisenbabn — imd ab nach
Mattem. Mensch, Friedem, Albert —
Er kramt in seiner Wachstucbbrieftasche nacb einer
Pbotograpbie nnd zeigt sie stolz herum. „Meme Alte!^^
Dann packt er sie weg nnd flucbt: „Verdammter Lause-
krieg —
„Dn kannst gut reden^% sage ich. ,,Du hast deinen
Jungen nnd deine Fran.^‘
„Stimnit,‘‘ nickt er, „ich muB dafiir sorgen, daB sie
was zn essen baben/^
Wir lacben. „Daran wird’s nicht feblen, Kat, sonst
requirierst du eben/‘
Muller ist bungrig und gibt sicb nocb nicbt zufrieden.
Er scbreckt Haie Westbns ans seinen Verprugeltr^mnen.
„Haie, was wiirdest du denn macben, wenn jetzt Frieden
ware?**
„Er muBte dir den Arscb vollbanen, weil du bier von
so etwas uberbanpt anfangst,** sage ich, „wie kommt das
eigentlicb?**
„Vie kommt Kubscheifie aufs Dacb?** antwortet
Muller lakoniscb und wendet sicb ■wieder an Haie Westbus.
Es ist zu scbwer auf einmal fiir Haie, Er wiegt seinen
sommersprossigen Schadel: „Du meinst, wenn kein Krieg
mebr ist?**
,,Ricbtig. Du merkst aucb alles.**
,,Dami kimen docb wieder Weiber, nicbt?** — Haie
leckt sicb das Maid.
6 Remarque, Westen
81
„I)as
,,Meme Fresse nockmal,*^ sagt Haie, iind sein GesicFt
taut auf, „daim wiirde ieh mir so einen straimnen Feger
sckaappen, so einen richtigen Kiicliendragoner, weiBt dn,
mit ordentlicli was dran zum Festhalten, nnd sofort nicFts
wie rin in die Betten! Stell dir mal vor, ricFtige Feder-
betten mit Sprungmatratzen, Kinners, acbt Tage lang
wiirde icb keine Hose wieder anzieben.^^
AUes scbweigt. Das Bild ist zu wnnderbar. Schaiier
laufen nns uber die Hant. Endlicb ermannt sich Miiller
xiiid fragt: „XJnd danacb?‘‘
Pause. Dann erldart Haie etwas verzwickt: „Wenn icb
Unteroffizier ware, wiirde icb erst nocb bei den PreuBen
bleiben und kapitulieren.‘‘
„Haie, du bast glatt einen VogeF^ sage icb.
Er fragt gemxitKcb zuriick: „Hast du scbon mal Torf
gestochen? Probier’s mal.“ Damit ziebt er seinen Ldffel
aus dem Stiefelscbaft und langt in Alberts Efinapf.
,,Scblimmer als Scbanzen in der Cbampagne kann’s
aucb nicbt 8ein‘‘, erwiderte icb.
Haie kaut und grinst: ,,Dauert aber langer. Kannst
dicb aucb nicbt driicken.**
„Aber, Menscb, zu Hause ist es docb besser, Haie.*"^
„Teils, teils‘\ sagt er und versinkt mit offenem Munde
in Grubelei.
Man kann auf seinen Ziigen lesen, was er denkt. Da
ist eine arme Moorkate, da ist schwere Arbeit in der Hitze
82
der Heide vom frahen Morgen bis zum Abend, da ist spar-
licber Lobn, da ist ein scbmutziger Knecbtsanzng
,,Hast beim KommiB im Frieden keine Sorgen,‘* teilt
er mit, ,,jeden Tag ist dein Flitter da, sonst macbst du
Kracb, hast dein Bett, alle acht Tage reine Wasche wie
ein Kavalier, macbst deinen Unteroffiziersdienst, bast
dein scbdnes Zeug; — abends bist du dein freier Mann
und gebst in die Kneipe/*
Haie ist auBerordentlicb stolz anf seine Idee. Er ver-
liebt sicb darin. „Und wenn du deine zwolf Jabre um bast,
kriegst du deinen Versorgungsschein und wirst Landjager.
Den ganzen Tag kannst du spazierengeben/^
Er scbwitzt jetzt vox Zukunft. ,,Stell dir vor, wde du
dann traktiert mrst. Hier einen Kognak, da einen balben
Liter. Mit einem Landjager %vill docb jeder gut steben/‘
,,Du wirst ja nie Unteroffizier, Haie‘\ wirft Kat ein.
Haie blickt ihn betrojffen an und scbweigt. In seinen
Gedanken sind jetzt wobl die klaren Abende im Herbst,
die Sonntage in der Heide, die Dorfglocken, die Nacb-
mittage und Nacbte mit den Magden, die Bucbweizen-
pfannkuchen mit den grofien Speckaugen, die sorglos ver-
schwatzten Stunden im Krug —
Mit so viel Pbantasie kann er so rascb nicbt fertig wer-
den; desbalb knurrt er nur erbost: „Was ibr immer fiir
BlSdsinn ziisammeiifragt/*^
Er streift sein Hemd iiber den Kopf und knSpft den
Waffenrock zu.
„Was wiirdest du maclieii, Tjadeii?^^ mft Kropp.
Tjaden keniit nar eins. „Aufpasseii, dafi mir Himmel-
stoB niclit darcligelit.^
Er moclite ihn walirscheinlicli am liebsten in einen
Kafig sperren and jeden Morgen mit einem Kmiippel iiber
ilin herfallen. Zu Kropp sckwarmt er: „An deiner Stelle
wiixde ich seben, daB ich Lentnant wiirde. Dann kannst
dm ibn scbleifen, daB ibm das Wasser im Hintem kocbt/*^
„Und du, Detering?‘* forscbt Miilier weiter. Er ist der
geborene Scbulmeister mit seiner Fragerei.
Detering ist wortkarg. Aber anf dieses Tbema gibt er
Antwort. Er siebt in die Lnft und sagt nur einen Satz:
„Icb wurde gerade nocb znr Emte znrecbt konimen,^^
Damit stebt er anf imd gebt weg.
Er macbt sicb Sorgen. Seine Fran mtiB den Hof be-
wirtscbaften. Dabei baben sie ibm nocb zwei Pferde weg-
gebolt. Jeden Tag best er die Zeitnngen, die kommen, ob
es in seiner oldenburgiscben Ecke aucb nicbt regnet. Sie
bringen das Hen sonst nicbt fort.
In diesem Augenblick erscbeint HimmelstoB. Er kommt
direkt anf nnsere Gruppe zu. Tjadens Gesicbt wird fleckig.
Er legt sicb langelang ins Gras und scbKeBt die Augen
vor Anfregung.
HimmelstoB ist etwas -nnscbliissig, sein Gang wird
langsamer. Dann marscbiert er dennocb zu uns beran.
Niemand macbt Miene, sicb zu erbeben. Kropp siebt ibm
interessiert entgegen.
84
Er stelit Jetzt vor uns und wartet. Da teiner etwas
sagt, laBt er ein vom StapeL
Ein paar Sekiinden verstreichen; HimmelstoB weiB
sicttlich. niclit, wie er sich benehmen soli. Am liebsten
mSclite er uns jetzt im Galopp scMeifen. Immerhin scbeint
er scbon gelemt zn baben, dafi die Front kein Kasemeiibof
ist. Er versncbt es abermals nnd wendet sich nicbt mehr
an alle, sondem an einen, er hofift, so leichter Antwort zii
erbalten, Kropp ist ibm am nacbsten. Ihn beebrt er des-
balb. „Na, aucb hier?^‘
Aber Albert ist sein Freund nicbt. Er antwortet knapp :
„BiBcben langer als Sie, denke icb.‘‘
Der rotlicbe Scbnurrbart zittert. „Ibr kennt micb wobl
nicbt mebr, was?**
Tjaden scblagt jetzt die Augen anf. „Docb.**
HimmelstoB wendet sicb ibm zn: ^Das ist docb Tjaden,
nicbt?**
Tjaden bebt den Kopf. „Und weiBt du, was dn bist?**
HimmelstoB ist verblufPt. „S®lt wann dnzen wir nns
denn? Wir baben docb nocb nicbt zusammen im Gbanssee-
graben gelegen.**
Er weiB absolut nicbts aus der Situation zn macben.
Diese offene Feindseligkeit bat er nicbt erwartet. Aber er
biitet sicb vorlanfig; sicber bat ibm jemand den Unsinia
von Scbiissen in den Riicken vorgescbwatzt.
Tjaden wird anf die Frage nacb dem Cbansseegraben
vor Wut sogar witzig. „Nee, das warst dn alleine.**
85
Jet2t kocht HimmelstoB auck. Tjaden komint ikm je-
dock eilig asuvor. Er imi6 einen Sprack loswerden. „Was
du Mst, willst du wissen? Du bist eiu Saukund, das bist
dn! Das woUt ick dir sckon lange mal sagen/^
Die Genugtuung vieler Monate lencktet ikm aus den
blanken Sckweinsangen, als er den Sanknnd kinaus-
sckmettert,
Auck HimmelstoB ist nun entfesselt: „Was wiUst du
Mistk6ter» du dreckiger Torfdeubel? Steken Sie auf,
Knocken zusammen, wenn ein Vorgesetzter mit Ihnen
sprickt
Tjaden winkt groBartig. ,,Sie koimen riikren, Himmel-
stoB, Wegtreten.“
HimmelstoB ist ein tobendes Exerzierreglement. Der
Kaiser konnte nickt beleidigter sein. Er keult: „Tjaden,
ick befekle Iknen dienstHck: steken Sie auf!*^
„Sonst nock was?‘^ fragt Tjaden.
„WoUen Sie meinem Befekl Folge leisten oder nickt
Tjaden erwidert gelassen und abscklieBend, okne es zu
wissen, mit dem bekanntesten Klassikerzitat. Gleickzeitig
liiftet er seine Kekrseite.
HimmelstoB stiirmt davon: „Sie kommen vors Kriegs-
gerickt!‘^
Wir seken ikn in der Ricktung zur Sckreibstube ver-
sckwinden.
Haie und Tjaden sind ein gewaltiges Torfstecker-
gebrull. Haie lackt so, daB er sick die Kinnlade aus-
86
renkt und mit offenem Maul plotzlicli Mlflos dastekt.
Albert miiB sie ihiu mit einem Fausts cMag erst "wieder
einsetzeu.
Kat ist besorgt. „Wemi er dick meldet, wird’s bdse/*
„Meiiist du, da6 er es tut?‘* fragt Tjaden,
sage ick.
„Das mindeste, was du kriegst, sind fiinf Tage Dickeu*^
erklart Kat.
Das ersckiittert Tjaden nickt. „Fimf Tage Kahn sind
fiinf Tage Ruke.‘^
„Uiid wenn. du auf Festung kommst?‘‘ forsckt der
griindlickere Miiller.
„Dann ist der Krieg fiir mick so lange aus.*‘
Tjaden ist ein Soimtagskind. Fiir ikn gikt es keine
Sorgen. Mit Haie und Leer ziekt er ab, damit man ikn
nickt in der ersten Aufregung j&ndet.
Muller ist nock immer nickt zu Ende. Er nimmt sick
wieder Kropp vor. ^Albert, wenn du nun tatsacklick nack
Hause kamst, was wiirdest du macken?‘‘
J^tzt satt und deskalb nackgiebiger. ^Wieviei
Mann waren wir dann eigentlick in der Klasse?^*
^^ir reckneni von zwanzig sind sieben tot, vier ver--
wundet, einer in der Irrenanstalt. Es kamen kockstens
also zwolf Mann zusammen.
87
^,Drei sind davon Letitnaiits‘% sagt Miiller. „GIaidbst
du, da6 sie sich von Kantorek anschnanzeii lieBen?*^
Wh glauben es mcht; wir wiirden uns ancli nictt melir
ansclmauzeii lassen.
„Wa8 liSltst du eigentKch von der dreifaclien Hand-
Itmg im Willielm TeU?‘^ erinnert sick Kropp mit einem
Male und brxillt vor Lacken.
,,Was waren die Ziele des Gottinger Hainbundes
forsckt aticb Miiller plotzlick sekr stxeng.
,,Wieviel Kinder batte Karl der Kiibne?^* erwidere ick
ruhig.
„Aus Ihnen wird im Leben nicbts, Baumer‘‘, quakt
MiiUer.
„Waim war die Schlacbt bei Zama?‘‘ will Kropp
wissen.
„Ihnen fehit der sittliche Ernst, Kropp, setzen Sie sick,
drei minus — winke ick ab.
„Welcke Aufgaben kielt Lykurgus fur die wichtigsten
im Staate?**^ wispert Miiller und scheint an einem Kneifer
zu riicken.
,,Heifit es : Wir Deutsche fiirchten Gott, sonst niemand
in der Welt, oder wir Deutscken — gebe ick zu be-
denfcen.
„Wieviel Einwokner bat Melbourne zwitsckeri
Muller zuriick.
„Wie wollen Sie MoB im Leben besteken, wenn Sie
das nickt wissen frage ick Albert emport.
88
,,Was versteht man nnter Koliasion?^^ trampft der
mm aiif.
Von dem ganzen Kram wissen wir niclit melir allzn
viel. Er hat nns ancli nichts genutzt. Aber niemand hat
ims in der Schule beigebracht, wie man bei Ilegeii iind
Sturm eine Zigarette anziindet, wie man ein Fener aus
nassem Holz machen kann — oder daB man ein Bajonett
am besten in den Bauch stoBt, weil es da nicht festklemmt
wie bei den ilippen.
Miiller sagt nachdenhlich: ,,Was nutzt es. Wir werden
doch wieder auf die Schxilbank miissen.”
Ich halte es fiir ausgeschlossen. 5,Vielleicht machen wir
ein Notexamen.**
„Dazu brauchst du Vorbereitung. Und wenn du es
schon bestehst, was dann? Student sein ist nicht viel
besser. Wenn du kein Geld hast, miiBt du auch biiffeln.^
,,Etwas besser ist es. Aber Quatsch bleibt es trotzdem,
was sie dir da eintrichtern/‘
Kropp triflFt unsere Stimmung: „Wie kann man das
emst nehmen, wexm man Her drauBen gewesen ist.“
„Aber du muBt doch einen Beruf haben'^^ wendet
Muller ein, als ware er Kantorek in Person.
Albert reinigt sich die Nagel mit dem Messer. Wir sind
erstaunt iiber dieses Stutzertum. Aber es ist nux Nach-
denklichkeit. Er schiebt das Messer weg und erklart: ,,Das
ist es ja. Kat und Detering und Haie werden wieder in
ihren Beruf gehen, weil sie ihn schon vorher gehabt haben.
89
HimmelstoB aiicli. Wir liabeii keineii geiiabt. Wie sollen
wir iins da nack diesem — er mackt eine Bewegimg
2nir Front — „aii einen gewoknen/^
„Maii miiBte Rentier sein nnd dann ganz allein in
einem Walde woknen konnen — sage ick, sckame mick
aber sofort iiber diesen Grofienwahn,
9, Was soli das blofi warden, wenn wir znriickkommen?*^
meint Miiller, nnd selbst er ist betroffen*
Kropp zuckt die Ackseln. „Ick w'eiB nickt. Erst mal da
sein, dann wird sick’s ja zeigen/^
Wir sind eigentlick alle ratios. „Was konnte man denn
macken?“ frage ick,
„Ick kabe zu nickts Lust“, antw'ortet Kropp miide.
„Eines Tages bist dn dock tot, was kast dxi da sckon?
Ick glanbe nickt, daJB wir iiberkanpt ziiriickkoinmen.‘‘^
„Wenn ick dariiber nackdenke, Albert/* sage ick nack
einer Weile nnd walze mick anf den Riicken, „so mockte
ick, wenn ick das Wort Friede kore, nnd es ware wirklick
so, irgend etwas Unausdenkbares tnn, so steigt es mix zn
Kopf. Etwas, weiJSt du, was wert ist, daB man kier im
Scblamassel gelegen kat. Ick kann mir bloB nickts vor-
stellen. Was ick an Moglickem seke, diesen ganzen Be-
trieb mit Bernf nnd Stndinm nnd Gehalt nnd so weiter —
das kotzt mick an, denn das war ja immer sckon da nnd
ist wriderlick. Ick finde nickts — ick finde nickts, Albert.**
Mit einemmal sckeint mir alles anssicktslos nnd ver-
zweifelt.
90
Kropp denkt ebenfalls dariiber nach. „Es wird iiber-
Iiaiipt sciiwer werden sait tins alien. Ob die sicb in der
Heimat eigentlicli nicbt manclmial Sorgen macben des-
wegen? Zwei Jabre ScbieBen nnd Handgranaten — das
kann man docb nicbt anszieben wie einen Stmmpf nacb-
ber —
Wir sti mm en darin iiberein, daB es jedem abnlicb gebt;
nicbt nnr iins bier; iiberall, jedem, der in der gleicben
Lage ist, dem einen mebr, dem andem iv-eniger. Es ist das
gemeinsame Scbicksal unserer Generation.
Albert spricbt es ans. „Der Krieg bat nns fiir alles
verdorben.*^
Er bat recbt. Wir sind keine Jugend mebr, Wir woUen
die Welt nicbt mebr stiirmen. Wir sind Fliicbtende. Wir
fliicbten vor tms. Vor unserem Leben. Wir waren acbtzebn
Jabre nnd begannen die Welt nnd das Dasein zn lieben;
wir muBten daranf scbieBen. Die erste Granate, die ein-
scblng, traf in nnser Herz. Wir sind abgeschlossen vom
Tatigen, vom Streben, vom Fortscbdtt. Wir glanben
nicbt mebr daran; wir glanben an den Krieg.
Die Scbreibstnbe wird lebendig. HimmelstoB scbeint
sie alarmiert zn baben. An der Spitze der Kolonne trabt
der dicke Feldwebel. Komiscb, daB fast alle etatsmaBigen
Feldwebel dick sind.
91
Ilmi folgt der rachediirstende HimmelstoB. Seine Stiefel
glanzen In der Sonne.
Wir erheben nns. Der SpieB scbnanft: ist Tja-
den?‘‘
Natiirlicb weifi es keiner. HimmelstoB glitzert iins bose
an, „Bestimnit wiBt ibr es. WoUt es bloB nicbt sagen, Raus
mit der Sprache.*^
Der SpieB siebt sich sncbend um; Tjaden ist nirgendwo
zn erblicken. Er versucbt es andersherum. , Jn zehn Mi-
nnten soil Tjaden sich auf Scbreibstnbe melden/*
Damit ziebt er davon, HimmelstoB in scinem Kiel-
wasser.
„Icb babe das Gefiibl, daB mir beim nacbsten Schanzen
eine DrabtroUe anf die Beine von HimmelstoB fallen
wiid‘^, vermutet Kropp.
„Wix werden an ihm nocb viel SpaB haben“, lacbt
Miiller,
Das ist nun unser Ebrgeiz : einem Brieftrager die Mei-
nung stoBen. —
Icb gebe in die Baracke und sage Tjaden Bescbeid,
damit er verschwindet.
Dann wechseln wir unsem Platz und lagem nns wieder,
um Karten zu spielen. Denn das k5nnen wir: Karten-
spielen, flucben und Krieg fubren. Nicbt viel fur zwanzig
Jabre — zu viel fik zwanzig Jabre.
Nacb einer balben Stunde ist HimmelstoB erneut bei
uns, Niemand beacbtet ibn. Er feagt nacb Tjaden. Wir
92
zucken die Ackseln. „Ilir solltet ilin docli siiclien^‘. Be-
Barrt er.
^,Wieso erkundigt sick Kropp.
„Na, ikr hier —
„Ick mockte Sie bitten, nns nickt zu diizen“, sagt
Kropp wie ein Oberst.
HumnelstoB fallt aus den Wolken. „Wer duzt enck
denn?*^
„Sier
„Ick?‘^
,Ja“
Es arbeitet in ikm. Er sckielt Kropp miBtrauisch an,
weil er keine Ahnung kat, was der meint. Immerkin trant
er sick in diesem Pimkte nickt ganz und komml xms ent-
gegen. „Habt ikr ikn nickt gefimden?“
Kropp legt sick ins Gras rmd sagt: „Waren Sie sckon
mal kier dratifien?*^
„Das gekt Sie gar nickts an“, bestimmt Hinunelstofi.
„Ick verlange Antwort/*
„Geniackt^% erwidert Kropp und erkebt sick. „Sekeii
Sie mal dortkin, wo die kleinen Wolkcken steken. Das
sind die Gesckosse der Flaks. Da waren wir gestem, Fiinf
Tote, ackt Verwundete. Dabei war es eigentkck ein Spafi.
Weim Sie nackstens mit rausgeken, werden die Mann-
sckaften, bevor sie sterben, erst vor Sie kintreten, die
Kmocken zusammenreiBen und zackig fragen: Bitte weg-
93
treten zu diirfen! Bitte abkratzen zu diirfen! Auf Leute
wie Sie haben wir bier gerade gewartet.^
Er setzt sicb wieder, and HimmelstoB verscbwindet
wie ein Komet.
„Drei Tage Arrest**, vermatet Kat.
„Das nacbstemal lege icb los**, sage icb za Albert.
Aber es ist ScblaB. Dafar findet abends beim Appell
eine Vernehmang statt. In der Scbreibstabe sitzt anser
Leatnant Bertinck and l^t einen nacb dem andem rafen.
Icb ma6 ebenfalls als Zeage erscbeinen and Hare aaf,
wesbalb Tjaden rebelliert bat. Die Bettnassergescbicbte
macbt Eindrack. Himinelstofi wird berangebolt, and icb
wiederbole meine Aassagen.
„Stiimnt das?** fragt Bertinck HimmelstoB.
Der windet sicb and maU es scUieBlicb zageben, als
Kropp die gleicben Angaben macbt.
„Wesbalb bat dean niemand das damals gemeldet?**
fragt Bertinck.
Wir scbweigen; er maB docb selbst wissen, was eine
Bescbwerde aber solcbe Kleinigkeiten beim KommiB fax
Zweck bat. Gibt es beim KommiB iiberbaapt Bescbwer-
den? Er siebt es wohl ein imd kanzelt HmimelstoB za-
nacbst ab, indem er ibm nocb einmal energiscb klannacbt,
daB die Front kein Kasemenbof sei. Dann kommt in ver-
starktem MaBe Tjaden an die Reibe, der eine aasgewacb-
sene Predigt and drei Tage Mittelarrest erbalt. Kropp
diktiert er mit einem Aagenzwinkem einen Tag Arrest.
94
„GeIit niclit anders^*^, sagt er bedauexnd zii ikm. Er ist ein
vemiiiiftiger Kerl.
Mittelarrest ist angenekoa. Das Arrestlokal ist ©in
firiilierer Hiilmerstall; da kSnneii beide Besnch empfan-
gen, wir versteben uns scbon darauf, MnzakomBieii.
Dicker Arrest w&e Keller gewesen. Friiher \viirdeia wir
aacli an einen Baum gebunden, dock das ist jetztverboten.
Mancbnial werden who scbon wie Menscben bebandelt.
Eine Stunde, nacbdemTjaden und Kropp binter ibren
Drabtgittem sitzen, brecben \^^ir zu ibnen auf. Tjaden be-
griifit uns krabend. Dann spielen wir bis in dieNacbt Skat.
Tjaden gewinnt natiirlicb, das dumme Luder.
Beim Axifbrecben fragt Kat micb: „Was meinst du zu
Gtosebraten?^^
,,Nicbt schlecbt‘% finde icb.
Wir klettem auf eine Munitionskolonne. Die Fabrt
kostet zwei Zigaretten, Kat bat sicb den Ort genau ge-
merkt. Der Stall gebort einem Regimentsstab. Icb be-
schlieBe, die Gans zu bolen, und lasse mir Instruktionen
geben. Der Stall ist binter der Mauer, nurmit einem Pflock
verscblossen.
Kat bait mir die Hande bin, icb stexnme den FuB bin-
ein und Hettere iiber die Mauer. Kat stebt unterdessen
Scbmiere.
Einige Minuten bleibe icb steben, um die Augen an die
95
Dunkellieit ztt gewokaen. Dann erkenne ich den Stall,
Leise scHeiclie ich micli keran, taste den Pflock ab, ziehe
ikn weg imd offne die Tiir.
Ick imtersckeide zwei weiBe Flecke. Zwei Ganse, das
ist faul: faBt man die eine, so sckxeit die andere. Also
beide — wenn ick scknell bin, klappt es,
Mit einem Satz springe ick zn. Eine erwiscke ick so-
fort, einen Moment spater die zweite. Wie verriickt kaue
ick die Kopfe gegen die Wand, um sie zu betauben. Aber
ick muB wohl nickt geniigend Wuckt kaben. Die Biester
ranspern sick imd scklagen mit FiiBen imd Fliigeln nm
sick. Ick kampfe erbittert, aber, Donnerwetter, was kat so
eine Gans fur Kraft! Sie zerren, daB ick kin imd ker
taumele. Im Dunkel sind diese weiBen Lappen sckeuBlick,
meine Arme kaben Fliigel gekriegt, beinake habe ick
Angst, daB ick mick zum Himmel erhebe, als hatte ick ein
paar Fesselballons in den Pfoten.
Da gekt auck sckon der Larm los; einer der Halse kat
Luft geschnappt imd scknarrt wie eine Weckukr. Eke
ick mick verseke, tappt es drauBen keran, ick bekomme
einen StoB, liege am Boden nnd kore wiitendes Knurren.
Ein Hnnd. Ick blicke zur Seite; da scknappt er sckon
nack meinem Halse. Sofort liege ick still nnd ziehe vor
aUem das Kinn an den Kragen.
Es ist eine Dogge. Nack einer Ewigkeit nimmt sie den
Kopf zuxiick imd setzt sick neben mick. Dock wenn ick
versncke, mick zu bewegen, knurrt sie. Ick iiberlege. Das
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einzige, was icli tun kann, ist, daB ich meinen kleinen Re-
volver zu fassen kriege. Fort mu6 ick Mer auf jeden Fall,
eke Leute kommen. Zentimeterweise scMebe ich die Hand
keran.
Ich. haJbe das Gefiihl, daB es Stunden dauert. Immer
eine leise Bewegung imd ein gefahrliches Knurren; StiE-
liegen nud erneuter Versuch. Als ich den Revolver in der
Hand habe, fangt sie an zu zittem. Ich driicke sie auf den
Bo den und mache mir klar: Revolver hochreiBen, schie-
Ben, ehe er zufassen kann, imd tiirmen.
Langsam hole ich Atem und werde ruhiger. Dann halte
ich die Luft an, zucke den Revolver hoch, es knallt, die
Dogge spritzt jaulend zur Seite, ich gewinne die Tiir
des Stalles und purzele iiber eine der gefliichteten
Gtose.
Tm Galopp greife ich schnell noch zu, schmeiBe sie mit
einem Schwung iiher die Maner und klettere selbst hoch.
Ich bin noch nicht hiniiber, da ist die Dogge auch schon
wieder munter und springt nach mir. Rasch lasse ich mich
fallen. Zehn Scbritt von mir steht Kat, die Gans im
Arm, Sowie er mich sieht, laufen wir.
Endlich konnen wir verschnaufen. Die Gans ist tot,
Kat bat das in einem Moment erledigt. Wir wollen sie
gleich braten, damit keiner etwas merkt. Ich hole Topfe
und Holz aus der Baracke, und wir kriechen in einen
Meinen verlassenen Schuppen, den wir fur solche Zwecke
kennen. Die einzige Fensterluke wird dicht verhingt.
7 Remarque, Westen
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Eine Art Herd ist vorEanden, anf Backsteinen liegt eine
eiseme Platte. Wir ziinden ein Feuer an.
Kat rnpft die Cans tmd bereitet sie zu. Die Federn
legen wir sorgf^tig beiseite. Wir wollen uns zwei kleine
Kissen darans macben mit der Anfschrift : „Rube sanft im
Trommelfeuer
Das ArtilleriefeTier der Front mnsuinmt nnsern Zn-
flucbtsort. Licbtscbein flackert iiber imsere Gesichter,
Scbatten tanzen anf der Wand. Mancbmal ein dnmpfer
Kracb, dann zittert der Scbuppen. Fliegerbomben. Ein-
mal horen wir gedampfte Scbreie. Eine Baracke muB ge-
troffen sein.
Flugzeuge snrren; das Tacktack von Mascbinen-
gewebren wird laut. Aber von tins dringt kein Licbt bin-
aus, das zu seben wSre.
So sitzen wir uns gegeniiber, Kat und icb, zwei Sol-
daten in abgescbabten Rocken, die eine Gans braten,
mitten in der Nacbt. Wir reden nicbt viel, aber wir sind
voll zarterer Riicksicbt miteinander, als icb mir denke,
da6 Liebende es sein kSnnen. Wir sind zwei Menscben,
zwei winzige Funken Leben, drauBen ist die Nacbt tmd
der Kreis des Todes. Wir sitzen an ibrem Rande, gefabrdet
tmd geborgen, iiber unsere Hande trieft Fett, wir sind uns
nabe mit unseren Herzen, und die Stunde ist wie der
Raum: iibcrflackert von einem sanften Feuer geben die
Licbter und Scbatten der Empfindungen bin tmd ber.
Was weiB er von mir — was weiB icb von ibm, firuber
98
ware keiner nnserer Gedanken ahnlicli gewesen — jetzt
sitzen wir vor einer Gans iind fuUen anser Dasein und
sind Tins so nake, daB wir nickt dariiber sprecken mogen.
Es danert lange, eine Gans zu kraten, auck wenn sie
Jnng und fett ist, Wir weckseln uns deskalb ak. Einer be-
gieBt sie, wakrend der andere unterdessen scklaft, Ein
herrlicker Duft verbreitet sick allmahlich.
Die Gerauscke von drauBen werden zu einem Band,
zu einem Traum, der aker die Erinnenmg nickt ganz ver-
liert. Ick seke im Halkscklaf Kat den Loffel heben und
senken, ick liebe ikn, seine Sckultem, seine eckige, ge-
beugte Gestalt — und zu gleicker Zeit seke ick kinter
ikm Walder und Sterne, und eine gute Stimme sagt Worte,
die mir Ruke geben, mir, einem Soldaten, der mit seinen
groBen Stiefeln imd seinem Koppel und seinem Brot-
beutel klein unter dem koken Himmel den Weg gekt, der
vor ikm liegt, der rasck vergiBt und nur selten nock
traurig ist, der immer weitergekt unter dem gxoBen Nackt-
himmeL
Ein kleiner Soldat und eine gute Stimme, und wenn
man ikn streickeln wiirde, konnte er es vielleickt nickt
mekr verstehen, der Soldat mit den groBen Stiefeln und
dem zugesckiitteten Herzen, der marsckiert, well er
Stiefcl tragt, tind alles vergessen kat auBer dem Mar-
schieren. Sind am Horizont nickt Bluinen und eine
Landsckaft, die so stiU ist, daB ex weinen mockte, der
Soldat? Steken dort nickt Bilder, die er nickt verloren
hat, weil er sie nie besessen hat, verwirrend, aher
dennoch fur ihn voriiher? Stehen dort uicht seine zwansig
Jahre?
1st mein Gesicht naB, nnd wo bin ich? Kat steht vor
mir, sein riesiger gehiickter Schatten fallt iiber mich wie
eine Heimat. Er spricht leise, er lachelt und geht zum
Fener zuriick.
Dann sagt er: „Es ist fertig-“
,Ja, Kat/‘
Ich schiittele mich. In der Mitte des Raumes leuchtet
der braune Braten. Wir holen unsere zusammenklapp-
baren Gabeln und unsere Taschenmesser heraus und
schneiden uns jeder eine Keule ab. Dazu essen wir Kom-
miBbrot, das wir in die SoBe tunken. Wir essen langsam,
mit vollem GenuB.
„Schmeckt es, Kat?‘‘
„Gut! Dir auch?*^
„Gut, Kat.“
Wir sind Briider und schieben uns gegenseitig die
besten Stucke zu. Hinterher rauche ich eine Zigarette,
Kat eine Zigarre. Es ist noch viel iibriggeblieben.
„Wie w^e es, Kat, wenn wir Kropp und Tjaden ein
Stuck brachten?‘‘
„Gemacht*% sagt er. Wir schneiden eine Portion ab und
wickeln sie sorgfaltig in Zeitungspapier. Den Rest wollen
wix eigentlich in unsere Baracke tragen; aber Kat lacht
und sagt nur: „Tjaden.“
100
Ich selie es ein, wir miissen alles mitnelmieii. So
machen wir nns auf den. Weg zum Hukaerstall, jxm die
beiden zn wecken. Vorher packen wir noch die Fedem weg.
Kropp nnd Tjaden balten ims fiix eine Fata Morgana.
Daim knirsclien ihre Gebisse. Tjaden bat einen Fliigel mil
beiden Handen wie eine Mundbarmonika im Mnnde und
kaut. Er sanft das Fett ans dem Topf und scbmatzt: 9,Das
vergesse icb eucb nie
Wir geben zn imserer Baracke. Da ist der bobe Hinxmel
wieder mit den Stemen nnd der beginnenden Dammening,
nnd icb gebe darnnter bin, ein Soldat mit groBen Stiefeln
und voUem Magen, ein kleiner Soldat in der Friibe — aber
neben mir, gebengt xmd eckig, gebt Kat, mein Kamerad.
Die Umrisse der Baracke kommen in der Dammerimg
anf nns zu wie ein scbwarzer, gnter Schlaf.
VI
E s wild von einer Offensive gemunkelt. Wir gehen zwei
Tage friilier als sonst an die Front. Axif dem Wege
passieren wir eine zersctossene Schnle. An ihrer Langs-
seite anfgestapelt stett eine doppelte, holie Maner von
ganz neuen, hellen, nnpoKerten Sargen. Sie rieclien noch
nacb. Harz und Kiefern nnd Wald. Es sind mindestens
hundert.
„Da ist 3 a gut vorgesorgt zur Offensive*^ sagt Muller
erstaunt.
„Die sind fur uns‘% knurrt Detering.
„Quatscli niclit^*, fabrt Kat ilin an.
jjSei frob, wenn du nocb einen Sarg kriegst,** grinst
Tjaden, „dir verpassen sie docb nur eine Zeltbahn fiir
deine ScbieBbudenfigur, paB auf
Aucb die andern macben Witze, unbebaglicbe Witze,
was soUen wir sonst tun. — Die Surge sind ja tat-
sacblicb fur uns. In solchen Dingen fclappt die
Organisation.
tlberaU vorn brodelt es. In der ersten Nacht versuchen
wir uns zu orientieren. Da es ziemlich still ist, konnen wir
boren, wie die Transporte binter der gegneriscben Front
rollen, unausgesetzt, bis in die Dammerung binein. Kat
102
sagt, da6 sie niclit abrollen, sondem Trappen bringen,
Tmppen, Miuaition, Gescbiitze.
Die englische Artillerie ist verstarkt, das boren wir so-
fort. Es steben recbts von der Ferine mindestens vier Bat-
terien 20,5 mebr, nnd binter dem Pappelstiimpf sind
Minenwerfer eingebaut. AnJBerdem ist eine Anzahl dieser
kleinen franzosiscben Biester mit Aufscblagziindem bin-
zugekommen.
Wir sind in gedriickter Stimmtiiig. Zwei Stunden nacb-
dem. wir in den Untersttoden stecken, scbieBt nns die
eigcne Artillerie in den Graben. Es ist das drittemal in
vier Wocben. Wenn es nocb ZieHebler waxen, wiirde keiner
was sagen, aber es liegt daran, daB die Robre zu ans-
geleiert sind; sie strexien bis in unsern Abscbnitt, so nn-
sicber werden die Scbiisse oft. In dieser Nacbt baben wir
dadurcb zwei Verwundete.
Die Front ist ein Kafig, in dem man nerves warten miiB
anf das, was gescbeben wird. Wir liegen nnter dem Gitter
der Granatenbogen nnd leben in der Spaminng des tJn-
gewissen. Uber ims scbwebt der Zufall. Wenn ein Gescbofi
kommt, kann icb mich dncken, das ist alles; wobin es
scblagt, kann icb weder genau wissen nocb beeinfliissen.
Dieser Znfall ist es, der nns gleicbgiiltig macbt. Icb saB
vox einigen Monaten in einem XJnterstand nnd spielte
Skat; nacb einer Weile stand icb anf nnd ging, Bekannte
103
in einem andem Unterstand zn besncteii. Als icli ziiriick-
kam, war von dem ersten nichts melir zu selien, er war
von einem sdiweren Treffer zerstampft. Icli ging znm
zweiten znriick imd kam gerade reclitzeitig, ran zu kelfen,
ihn anfzngraben, Er wax inzwisclien verscliiittet worden.
Ebenso znfallig, wie icb getroffen werde, bleibe icb am
Leben. Im bombensicberen Unterstand kann icb zer-
quetscbt werden, und anf freiem Felde zebn Stiinden
Trommelfener iinverletzt xibersteben. Jeder Soldat bleibt
mix durcb tausend Zufalle am Leben. Und jeder Soldat
glaubt nnd vertraut dem ZufalL
li!
Wir miissen auf unser Brot achtgeben. Die Ratten
baben sicb sebr vermehxt in der letzten Zeit, seit die Gra-
ben nicbt mebr recbtin Ordnnngsind. Detering bebauptet,
cs ware das sicherste "Vorzeichen for dicke Luft.
Die Ratten bier sind besonders widerwartig, weil sie so
groB sind. Es ist die Art, die man Leicbenratten nennt.
Sie baben scbeuBlicbe, bosartige, nackte Gesicbter, nnd
es kann einem iibel werden, wenn man ibre langen, kahlen
Scbwanze siebt.
Sie scbeinen recbt bxmgrig zu sein. Bei fast alien baben
sie das Brot angefressen. Kropp bat es imter seinem Kopf
fest in die Zeltbabn gewickelt, docb er kann nicbt scblafen,
weil sie ibm iiber das Gesicbt laufen, ran heranzuge-
104
langen. Detering wollte scMau sein; er iiatte an der Decke
einen dxiimen Dralit befestigt mad sem Biindel mit Brot
darangeliangt. Als er nachts seine Taschenlampe an-
knipst, sieht er den Dralit lain- iind berscliwanken. Auf
dem Brot reitet eine fette Ratte.
ScHieBlicIi maclaen wir ein Ende. Die Stiicke Brot, die
von den Tieren benagt sind, scbneiden wir sorgfaltig aus ;
weg\\rerfen konnen wir das Brot ja auf keinen Fall, weil
wir morgen sonst nicbts zu essen baben.
Die abgescimittenen Scbeiben legen wir in der Mitte
auf dem Boden zusammen. Jeder nimmt seinen Spaten
beraus nnd legt sich schlagbereit inn. Detering, Kropp
und Kat balten ibre Tascbenlampen bereit.
Nacb wenigen Mimiten boren wir das erste Scblurfen
und Zerren. Es verstarkt sicb, nun sind es viele Heine
FiiBe. Da blitzen die Tascbenlampen auf, und alles schlagt
auf den scbwarzen Haufen ein, der auseinanderziscbt. Der
Erfolg ist gut. Wir scbaufebi die Rattenteile iiber den
Grabenrand und legen uns wieder auf die Lauer.
Nocb eioige Male gelingt uns der Scblag. Dann baben
die Tiere etwas gemerkt oder das Blut gerocben. Sie
kommen nicbt mebr. Trotzdem ist der Brotrest auf
dem Boden am nacbsten Tage von ibnen weggebolt.
Im benacbbarten Abscbnitt baben sie zwei grofie
Katzen und einen Himd uberfallen, totgebissen und an-
gefressen.
105
Am nachsteB. Tage gibt es Edamer Kase. Jeder erhalt
fast eineiL Viertelkase. Das ist teilweise gut, denn Edamer
sclimeckt — iind es ist teilweise faiil, denn fiir nns waren
die dicken roten Balle bislang immer ein Anzeicben fiir
scbweren Schlamassel. Unsere Abnung steigert sicb, als
nocb Scbnaps ansgetedt wird. Vorlaufig trinken wir ibn;
aber nns ist nicbt wobl znmute dabei.
Tagsiiber macben wir WettscbieBen auf Ratten nnd
Inngern umber. Die Patronen und Handgranatenvorrate
werden reichlicber. Die Bajonette revidieren wir selbst.
Es gibt namlicb welcbe, die gleicbzeitig anf der stnmpfen
Seite als Sage eingericbtet sind. Wenn die driiben jemand
damit erwiscben, wird er rettungslos abgemnrkst. Im
Nacbbarabscbnitt sind Lente von uns wiedergefunden
worden, denen mit diesen Sageseitengewebren die Nasen
abgescbnitten und die Angen ansgestocben waren. Dann
batte man ibnen Mund nnd Nase mit Sagespanen gefiillt
nnd sie so erstickt.
Einige Rekrnten baben nocb Seitengewebre abnlicber
Art; wir schaflfen sie weg nnd besorgen ibnen andere.
Das Seitengewebr bat allerdings an Bedentnng ver-
loren. Znm Stiirmen ist es jetzt mancbmal Mode, nnr mit
Handgranaten und Spaten vorzngeben. Der gescbarfte
Spaten ist eine leicbtere nnd vielseitigere Waffe, man kann
ibn nicbt nnr nnter das Kinn stofien, sondern vor allem
damit scblagen, das bat groBere Vncbt; besonders
wenn man scbrag zwiscben Schnlter nnd Hals trifft.
106
spaltet man leicht bis ziir Bmst dnrcb. Das Seitengewebr
bleibt beim Stich oft stecken, man miiB daim erst dem
andem kraftig gegen den Banch treten, nm es losznkrie-
gen, nnd in der Zwiscbenzeit bat man selbst leicbt eins
weg. Dabei bricbt es nocb auBerdom manchmal ab.
Nacbts wird Gas abgeblasen. Wir erwarten den Angriff
nnd liegen mit den Masken fertig, bereit, sie abznreifien,
sowie der erste Scbatten auftaucbt.
Der Morgen grant, obne daB etwas erfolgt. Nnr immer
dieses nervenzerreibende RoUen driiben, Ziige, Ziige,
Lastwagen, Lastwagen, was konzentriert sicb da nnr?
Unsere Artillerie funkt standig hiniiber, aber es bort nicbt
anf, es bort nicbt anf. —
Wir baben miide Gesicbter und seben aneinander vor-
bei. ,,Es wird wie an der Somme, da batten wir nacbber
sieben Tage nnd Nacbte Trommelfeuer^\ sagt Kat duster.
Er hat gar keinen Witz mebr, seit wir bier sind, und das
ist schlimm, derm Kat ist ein altes Frontscbwein, das
Witterung besitzt. Nur Tjaden frent sicb der gnten Por-
tionen und des Rums ; er meint sogar, wir wiirden genau
so in Rube zuriickkebren, es wiirde gar nicbts passieren.
Fast scbeint es so. Ein Tag nacb dem andem gebt vor-
iiber. Icb sitze nacbts im Locb auf Horcbposten. Uber
mir steigen die Raketen und Leuchtscbirme auf und
nieder. Icb bin vorsicbtig und gespannt, mein Herz klopft.
Immer wieder liegt mein Auge auf der Ubr mit dem
Leucbtzifferblatt; der Zeiger will nicbt weiter. Dei Scblaf
107
hangt in meinen Angenlidem, ich bewege die Zeben in den
Stiefeln, um wacbznbleiben. Nichts gescMebt, bis icb ab-
gelost werde; — nur immer das Rollen driiben. Wir war-
den al lm ahlictL riiMg mid spielen standig Skat nnd Man-
scbeln. Vielleicbt baben wir Glxick.
Dex Himmel bangt tagsiiber veil Fesselballons. Es
beiBt, -daB von driiben jetzt auch Her Tanli^s eingesetzt
werden soUen nnd Infanterieflieger beim Angriff. Das
interessiert uns aber weniger als das, was von den nenen
Flammenwerfern erzablt wird.
Mitten in. der Nacbt erwacben wir. Die Erde drSbnt.
Scbweres Fetier liegt liber iins. Wir driicken nns in die
Ecken. Gescbosse aller Kaliber konnen wir nnterscbeiden-
Jeder greift nacb seinen Sacben nnd vergewissert sicb
alle AugenbKcke von nenem, daB sie da sind. Der Untex-
stand bebt, die Nacbt ist ein Briillen nnd Blitzen. Wir
sehen uns bei dem sekundenlangen Licbt an und scbiitteba
mit bleicben Gesicbtem nnd gepreBten Lippen die KSpfe.
Jeder fiiblt es mit, wie die scbweren Gescbosse die
Grabenbriistung wegreifien, wie sie die Boscbnng durcb-
wiiblen und die obersten Betonklotze zerfetzen. Wir
merken den dumpferen, rasenderen Schlag, der dem
Prankenhieb eines faucbenden Ranbtiers gleicbt, wenn
der ScbuB im Graben sitzt. Morgens sind einige Rekrnten
bereits griin und kotzen. Sie sind nocb zu unerfahren.
108
Langsam rieselt widerlict graues Lictt in den StoHen
und maciit das Blitzen der EinscUage faliler. Der Morgen
ist da. Jetzt misclien sicLi explodierende Minen in das
Artilleriefener. Es ist das Walmsmidgste an Er-
scMttemng, was es gibt. Wo sie niederfegen, ist ein
Massengrab-
Die Ablosnngen gelien Hnaiis, die Beobachter tamneln
herein, mit Schmutz beworfen, zitternd. Einer legt sich
sckweigend in die Ecke imd i6t, der andere, ein Ersatz-
reservist, schlnclizt; er ist zweimal iiber die Bnistwehr
geflogen dnrch den Lnftdruck der Explosionen, ohne sich
etwas anderes zn holen als einen Nervenchoc.
Die Rekruten sehen zu ihm bin. So etwas steckt rasch
an, wir miissen anfpassen, schon fangen verschiedene
Lippen an zu flattem. Gut ist, daJJ es Tag wird; vielleicbt
erfolgt der Angriff vormittags.
Das Feuer schwacht nicht ab. Es Kegt auch binter iins.
So weit man sehen kann, spritzen Dreck- und Eisen-
fontanen. Ein sekr breiter Giirtel wird bestiichen.
Der Angriflf erfolgt nicbt, aber die Einschl^ge dauern
an. Wir werden langsam taub. Es spxicht kaum noch
jemand. Man karm sich auch nicht verstehen.
Unser Graben ist fast fort. An vielen Stellen reicht er
nur noch einen halben Meter hoch, er ist dxurchbrochen
von Lochem, Trichtem und Erdhergen. Direkt vor un-
serm StoUen platzt eine Granate. Sofort ist es dunkeL
Wir sind zugeschiittet und mussen uns ansgraben. Nach
109
einer Stunde ist der Eingang wieder frei, iind wir sind
etwas gefafiter, well wir Arbeit batten.
Unser Kompagniefiibrer klettert herein und berichtet,
da6 zwei TJnterstande weg sind. Die Rekrnten bernbigen
sicb, als sie ibn seben. Er sagt, da6 beute abend versncbt
werden soli, Essen beranznbringen.
Das klingt trostlicb. Keiner bat daran gedacbt, aiiBer
Tjaden. Nnn riickt etwas wieder von dranUen naber; —
wenn Essen gebolt werden soil, kann es ja nicbt so scblimm
sein, denken die Rekrnten. Wir storen sie nicbt, wir
wissen, da6 Essen ebenso wicbtig wie Munition ist und
nur desbalb berangescbafft werden muB.
Aber es mifilingt. Eine zweite Staffel gebt los. Aucb
sie kebrt nm. Scbliefilicb ist Kat dabei, und selbst er er-
scbeint imverricbteter Sacbe wieder. Niemand kommt
durcb, kein Hundescbwanz ist scbmal genug fur dieses
Feuer.
Wir zieben unsere Schmachtriemen enger und kauen
jeden Happen dreimal so lange. Dock es reicbt trotzdem
nicbt aus ; wir baben verflucbten Kobldampf. Icb bewabre
mir eine Kante auf; das Weicbe esse icb beraus, die
Kante bleibt im Brotbeutel; ab und zu knabbere icb mal
daran.
Die Nacbt ist unertraglicb. Wir konnen nicbt scbla-
fen, wir stieren vor uns bin und duseln. Tjaden bedauert,
110
daB wir unsere angefresseiien Brotstiicke fiir die Ratten
vergendet kaben, Wir kitten sie rukig aufkeben sollen.
Jeder wiirde sie jetzt essen, Wasser feklt iins auck, abei
nock nickt so sekr.
Gegen Morgen, als es nock dunkel ist, entstekt Anf-
regimg. Dnrck den Eingang stiirzt ein Sckwarm fliickten-
der Ratten nnd jagt die Wto.de kinanf. Die Tascken-
lampen beleuckten die Verwirrung. AUe sckreien nnd
flncken nnd scklagen zn. Es ist der Ansbrnck der Wnt nnd
der Verzweiflnng vieler Stnnden, der sick entladt. Die G^-
sickter sind verzerrt, die Arme scklagen, die Tiere qniet-
scken, es f^t sckwer, daB wir aufkoren, fast ktote einer
den andem angefallen.
Der Ansbrnck kat uns ersckopft. Wir liegen nnd warten
wieder. Es ist ein Wnnder, daB nnser Unterstand nock
keine Verluste hat. Er ist einer der wenigen tiefen
StoUen, die es jetzt nock gibt.
Ein Unteroffizier kriecht herein; er hat ein Brot bei
sick. Drei Lenten ist es dock gegliickt, nackts dnrckzn-
kommen nnd etwas Proviant zn kolen. Sie kaben erzahlt,
daB das Fener in unverminderter Starke bis zn den Artil-
leriestanden iage. Es sei ein Rtosel, wo die driiben so viele
Gesckiitze kernakmen.
Wir miissen warten, warten. Mittags passiert das, wo-
mit ick sckon recknete. Einer der Rekmten kat einen
Anfall. Ick kabe ihn sckon lange beobacktet, wie er rnbe-
los die Ztone bewegte und die Ftoste ballte nnd scbloB.
Ill
Diese getetzten, teraiissprmgeiideii Augen kennen wir
ziix Gentige. In den letzten Stunden ist er nur sclieiiibar
stiller geworden, Er ist in sick znsanamengesiiiiteii wie ein
morsclier Baum.
Jetzt stekt er ati£> unanffallig kriecht er dnrct den
Raiim, verweilt einen Angenblick nnd ratsckt dann dem
Ansgang m. Ick lege micii hemm nnd firage: „Wo willst
dn
bin gleicb wieder da*^, sagt er xmd will an ™iy
Torbei.
„Warte dock nock, das Fener I^t sckon nack.^*^
Er korckt anf, nnd das Auge wird einen Moment Hat.
Dann kat es wieder den truben Glanz wie bei einem toll-
wiitigen Hxinde, er sckweigt nnd drangt ndch fort.
„Eine Minute, Kamrad‘*, rafe ick. Kat wird aafmerk-
sam. Gerade als der Reknit mick fortstoBt, packt er zn,
and wir kalten ihn fest.
Sofort beginut er zu token: „LaBt mick los, laBt mick
rails, ick will bier rans
Er k5rt anf nickts nnd scklagt nm sick, der Mimd ist
naB nnd spriikt Worte, kalbverscklnckte, sinnlose Worte.
Es ist ein A n fa ll von Unterstandsangst, er kat das GefuM,
kier zn ersticken, nnd kennt nnr den einen Trieb : kinans-
zngelangen. Venn man ikn lanfen liefie, wiirde er okne
Deckling irgendwokin rennen. Er ist nickt der erste.
Da er sekr wild ist nnd die Angen sick sckon verdreken,
so kilft es nickts, wir mussen ikn verpriigelii, damit er
112
vemiinftig witd. Wir tun es scknell imd erbarmnngslos
iind erreicken, daB er vorlaufig wieder ruMg sitzt. Die an-
dem sind bleick bei der Gescbicbte geworden; boffentlich
schxeckt es sie ab. Dieses Trommelfeuer istznviel fiir die
axmen Kerle; sie sind vom Feldrekratendepot gleicb in
eiaen ScMamassel geraten, der selbst einem alten Mann
gxane Haaxe machen konnte.
Die stickige Lxift fallt uns nacb diesem Vorgang nocb
mebr anf die Nerven. Wir sitzen wie in iinserm Grabe
nnd warten nur daxauf, da6 wir zugescbiittet werden.
Plotzlicb benlt nnd blitzt es xmgebener, der Unterstand
kracbt in alien Fugen nnter einem Treffer, gliicklicber-
weise einem leicbten, dem die Betonklotze standgebalten
baben. Es klirrt metaUiscb nnd fiircbterlich, die Wtode
wackeln, Gewebre, Helme, Erde, Dreck xmd Staub fliegen.
ScbwefeKger Qualm dringt ein, Wenn wir statt in dem
festen Unterstand in einem der leicbten Dinger s^en, wie
sie neuerdings gebaut werden, lebte jetzt keiner mebr.
Die Wirkimg ist aber aucb so scblimm genug. Der Re-
krut von vorbin tobt scbon wieder, und zwei andere
schlieBen sicb an. Einer reiBt aus und lauft weg. Wir baben
Miibe mit den beiden andem. Icb stiirze binter dem Fliicb-
tenden ber und iiberlege, ob icb ibm in die Beine scMeBen
soli; — da pfeift es beran, icb werfe mich bin, imd als icb
aufstehe, ist die Grabenwand mit beiBenSplittem, Fleisct-
fetzen undUniformlappen bepflastert. Icbkletterezuriick.
Der erste scbeint wirklicb verriickt geworden zu sein.
8 Remarque, Weeteu
113
Er remit mit dem Kopf wie ein Bock gegen die Wand,
wenn man ilm losiaBt, Wir warden nackts versnclien
miissen, ikn nach hinten zn jbringen. Vorlanfig binden wir
ibn so fest, da6 man ihn beim Angriff sofort wieder los-
macben kami>
Kat schlagt vor, Skat zu spielen; — was soil man tim,
vielleicbt ist es leicbter dann. Aber es wird nicbts darans,
wir lanscben anf jeden Einscblag, der naber ist, raid ver-
zablen nns bei den Sticben oder bedienen nicbt die Farbe.
Wir miissen es lassen. Wie in einem gewaltig drobnenden
Kessel sitzen wir, auf den von alien Seiten losgescblagen
wird,
Nocb eine Nacbt. Wir sind jetzt stumpf vor Spannimg.
Es ist eine tddlicbe Spannimg, die wie ein scbartiges
Messer imser Riickenmark entlang kratzt. Die Beine
wollen nicbt mebr, die Hande zittem, der Korper ist eine
diinne Haut iiber miibsam imterdriicktem Wabnsinn,
iiber emein gleicb bemmimgslos ausbxechenden G^briill
obne Ende. Wir baben kein Fleiscb und keine Mnskeln
mebr, vdr konnen ims nicbt mebr anseben, ans Furcbt vor
etivas Unberecbenbarem. So pressen wir die lippen anf-
einander — es wird vorubergeben — es wird voriiber-
geben — vielleicbt kommen wir dnrcb.
Blit emem Male bdren die naben Einscblage anf. Das
Fener danert an, aber es ist zuruckverlegt, imser Graben
114
ist firei. Wir greifen nach den Handgranaten, werfen sie
vor den Unterstand imd springen Hnans, Das Trommel*
fener iiat anfgeliSrt, dafiir liegt Mater nns schweres Sperr*
feuer. Der Angriff ist da.
Niemand wiirde glauben, dafi in dieser zerwiiUten
Waste nocli Menschen sein konnten; aber jetzt tancben
iiberall aus dem Graben die Stablbelme auf, and fiinfzig
Meter von ans entfernt ist scbon ein Maschin engewehr in
Stellang gebracbt, das gleicb losbellt.
Die Drabtverbaae sind zerfetzt. Immerhin balten sie
nocb etwas aaf. Wir seben die Stiirmenden kommen.
Unsere Artillerie funkt. Maschinengewehre knarren, Ge-
wehre knattem. Von driiben arbeiten sie sick beran. Haie
and Kropp beginnen mit den Handgranaten. Sie werfen,
so rascb sie konnen, die Stiele werden ihnen abgezogen
zagereicbt. Haie wirft secbzig Meter weit, Kropp funfzig,
das ist aasprobiert and wicbtig. Die von driiben konnen
im Laafen nicbt viel eber etwas macben, als bis sie aaf
dreiBig Meter beran sind.
Wir erkennen die verzerrten Gesicbter, die flacben
Helme, es sind Franzosen. Sie erreicben die Reste des
Drabtverbaas and baben scbon sicbtbare Verlaste. Eine
ganze Reibe wird von dem Mascbinengewebr neben ans
amgelegt; dann baben wir viele Ladebemmxingen, and sie
kommen n^er.
Icb sebe einen von ihnen in einen spaniscben Reiter
stiirzen, das Gesicbt bocb erboben. Der Korper sackt
zusammen., die Hande bleiben hangen, ais wollte er beten.
Dann fallt der Korper ganz weg, iind niir noch die ab-
gescbossenen Hande mit den Armstiimpfen bangen ina
Drabt.
Im Angenbiick, als wir znmckgeben, beben sicb vorn
drei Gesicbter vom Boden. Unter einem der Helme ein
dnnMer Spitzbart tmd zwei Augen, die fast auf micb ge-
ricbtet sind. Icb bebe die Hand, aber icb kann nicbt
werfen in diese sonderbaren Angen, einen verriickten
Moment lang rast die ganze Scblacbt wie ein Zirkns um
micb nnd diese beiden Augen, die allein bewegungslos
sind, dann reckt sicb driiben der Kopf auf, eine Hand,
eine Bewegung, nnd meine Handgranate fliegt binuber,
binein.
Wir laufen zuruck, reiBen spaniscbe Reiter in den
Graben tmd lassen abgezogene Handgranaten binter tms
fallen, die uns einen feurigen Rdckzug sicbem. Von der
nacbsten Stellung aus feuem die Mascbinengewebre,
Aus ims sind gefabrlicbe Tiere geworden. Wir kampfen
nicbt, wir verteidigen uns vox der Veimicbtimg. Wir
scbleudem die Granaten nicbt gegen Menscben, was
wissen wir im AugenbKck davon, dort betzt mit HSnden
nnd Helmen der Tod binter uns ber, wir konnen tbmn seit
drei Tagen zum ersten Male ins Gesicbt seben, wir konnen
uns seit drei Tagen zum ersten Male webren gegen ibu^
wir baben eine wahnsinnige Wut, wir liegen nicbt mebr
obmnacbtig wartend auf dem Schafott, wir konnen
116
zerstoren nnd toten^ iim uns zu retten, um uns zu retten
und zu. racten.
Wir iiocken Mnter jeder Ecke, Muter Jedem Stackel-
dralitgestell und werfen den Kommenden Biindel von
Explosionen vor die FiiBe, eke wir fortiiusclieii. Das
Kracken der Handgranaten sckieBt kraftvoU in unsere
Anne, in unsere Beine, geduckt wie Katzen laufen wir,
iitersckwemmt von dieser Welle, die uns tra^, die nns
grausam mackt, zu Wegelagerem, zu MSrdem, zu Teufeln
meinetwegen, dieser Welle, die unsere Kraft vervielf^tigt
in Angst und Wut und Lekensgier, die uns Rettung suckt
und erkampft. Kame dein Vater mit denen druken, du
wurdest nickt zaudem, ikm die Granate gegen die Brust
zu werfen !
Die vorderen Graken werden aufgegeken. Sind es nock
Graken? Sie sind zersckossen, vemicktet — es sind mix
einzelne Grakenstucke, Locker, verkunden durck Lauf-
gSnge, Tricktemester, nickt mekr. Aker die Verluste derer
von druken kaufen sick. Sie kaken nickt mit so viel Wider-
stand gerecknet.
Es wird Mittag. Die Sonne krennt keiB, uns keifit der
SckweiB in die Augen, wir wiscken ikn mit dem Axmel
weg, manckmal ist Blut dakei. Der erste etwas kesser
erkaltene Graken tauckt auf. Er ist kesetzt und vor-
kereitet zum GogenstoB, er nimmt uns auf. Unsere
Axtillerie setzt macktig ein und riegelt den Vorstofi ak.
117
Die LinieH Muter iins stocken. Sie konnen nickt vor-
warts. Der Angriff wird zerfetzt diircli iinsere ArtlUerie.
Wir lanem. Das Feuer springt hiindert Meter weiter, imd
wir brecten wieder vor. Nebeii mix wird emem Gefireiten
der Kopf abgerissen. Er laiift nock einige Scliritte, wab-
rend das Bint ibin wie ein Springbruimeii ans dem Halse
scMeBt,
Es kommt nicbt ganz znm Handgemenge, die andem
mnssen znriick. Wir erreicben xmsere Grabenstiicke
wieder tmd geben dariiber binaus vor.
Oh, dieses Umwenden! Man bat die scbiitzenden Re-
servestellungen eixeicht, man mocbte hindurchkriecben,
verschwinden; — nnd muB sicb ximdreben nnd wieder in
das Granen hinein. Waren wir keine Automaten in diesem
Augenblick, wir blieben liegen, erscbopft, willenlos. Aber
wir werden wieder mit vorwarts gezogen, willenlos und
docb wabnsinnig wild und wiitend, wir woUen toten, denn
das dort sind unsere Todfeinde Jetzt, ibre Gewebre und
Granaten sind gegen uns gerichtet, vemicbten wir sie
nicbt, dann vemicbten sie uns!
Die branne Erde, die zerrissene, zerborstene braime
Erde, fettig miter den Sonnenstrablen scbimmemd, ist
der Hintergnmd rastlos dumpfen Automatentums, unser
Keucben ist das Abscbnarren der Feder, die Lippen sind
trocken, der Kopf ist wiister als nacb einer durcbsoffenen
Nacht — so tanineln wir vorwarts, nnd in nnsere durcb-
siebten, dnrcHdcberten Seelen bobrt sicb qualend ein-
118
dringlicli das Bild der braimeii Erde mit der fettigen
Sonne tmd den znckenden imd toten Soldaten, die da
liegen, als miiBte es so sein, die nacli nnsem Beinen grei-
fen imd sckreien, wahxend 'wir iiber sie hinwegspiiiigeii.
Wir taben alles fureinander verloren, wir ken-
nen nns kaxmi noch, wena das Bild des andem in nnseren
gejagten Blick fallt. Wir sind gefuhllose Tote, die dnrcli
einen Trick, einen gefalirliclien Zanber noch lanfen iind
toten konnen.
Ein junger Franzose bieibt zuriick, er wird erreicbt,
bebt die Hande, in einer bat er nocb den Revolver — man
weiJB nicbt, will er scbiefien oder sicb ergeben — , ein
Spatenscblag spaltet ibni das Gesicbt. Ein zweiter sieht
es nnd versucbt, weiterznfliicbten, ein Bajonett ziscbt ihm
in den Riicken. Er springt bocb, nnd die Arme ausgebrei-
tet, den Mnnd schreiend weit offen, taumelt er davon, in
seinem Riicken scbwankt das Bajonett. Ein dritter wirft
das Gewebr weg, kauert sicb nieder, die Hande vor den
Augen. Er bieibt zuriick mit einigen andem Gefangenen,
nm Verwnndete fortzutragen.
Plotzlicb geraten wir in der Verfolgung an die feind-
licben Stellnngen.
Wir sind so dicbt binter den weicbenden Gegnern, da6
es nns gelingt, fast gleicbzeitig mit ihnen anzulangen. Da-
dnrcb baben wir wenig Verluste. Ein Mascbmengewebr
MafFt, wird aber diircb eine Handgranate erledigt. Immer-
bin baben die paar Seknnden fiir fiinf Banchscbiisse bei
119
uns ausgereicht. Kat scMagt einem der nnverwimdet ge-
bliebenen Masclimengewelixscliiitzeii mit dem Kolben das
Gesiclit zTi Brei, Die andem erstechen wir, ehe sie ikre
Handgraiiateii terans haben. Daim saafen wir darstig das
KilMwasser aas.
tJberall knacken Drabtzangen, poltem Bretter iiber
die Verhaae^ springen wir durcli die scbmalen Zagtoge in
die Graben, Haie stoBt einem riesigen Franzosen seinen
Spaten in den Hals and witft die erste Handgranate; wir
dncken mis einige Sekimden hinter eine Brustwebr, daim
ist das gerade Stiick des Grabens vor nns leer. Schrag
iiber die Ecke ziscbt der nachste Wurf xind schafft freie
Bahn, im Vorbeilanfen fliegen geballte Ladungen in die
Unterstande, die Erde nickt, es kracht, dampft und
stohnt, wir stolpem iiber glitscbige Fleiscbfetzen, iiber
weiebe KSrper, ich falle in einen zerrissenen Baucb, anf
dem ein neues, sauberes Offizierskappi liegt.
Das G^fecht stockt. Die Verbindung mit dem Feinde
reiBt ab. Da wir lans bier nicbt lange balten kdnnen, wer-
den wir miter dem Scbxitze nnserer Artillerie zruriick-
genommen anf unsere Stellting. Kanin wissen wir es, als
wir in groBter Eile noch in die nachsten Unterstande
stnrzen, mn von Konserven an nns zn reifien, was wir
gerade seben, vor allem die Biicbsen mit Corned-beef nnd
Butter, ebe wir tiirmen.
Wir kommen gat znriick. Es erfoigt vorlaufig kein
weiterer Angriff von druben. tJber eine Stunde liegen wir,
120
keuchen tind rolieii ans, eiie jemand spriclit. Wir sind so
vSllig ansgopioiipt, dafi ivir trotz imseres starkea Hungers
nicht an die Konserven denken. Erst aUmaliiicli werden
wir wieder so etwas me Menschen.
Das Comed-beef von driiben ist an der ganzen Front
beriilimt. Es ist mitimter sogar der Hanptgnind zu einem
iiberrasclienden VorstoB von nnserer Seite, denn nnsexe
Ernaknmg ist im allgemeinen scblecbt; wir baben standig
Hunger,
Insgesamt baben wir fdnf Biicbsen gescbnappt. Die
Leute driiben werden ja verpflegt, das ist eine Fracbt
gegen tins Hnngerleider mit imserer Riibenmannelade,
das Fleiscb stebt da nur so bemm, man brancbt bloB
danacb zn greifen. Haie bat auBerdem ein diinnes firanzo-
sisches WeiBbrot erwiscbt iind binter sein Koppel ge*
scboben wie einen Spaten. An einer Ecke ist es ein biB-
cben blutig, docb das laBt sicb abscbneiden.
Es ist ein Gliick, daB wir jetzt gut zu essen baben;
wir werden unsere Krafte nocb braucben. Sattessen ist
ebenso wertvoU wie ein guter Unterstand; desbalb sind
wir so gierig danacb, denn es kann uns das Lebea retten.
Tjaden bat nocb zwei Feldflascben Kognak erbeutet.
Wir lassen sie xeibum geben.
Der Abendsegen beginnt* Die Nacbt kommt, aus den
Tricbtem steigen NebeL Es siebt aus, als waren die Locber
121
von gespenstisclien Gehemmissen erfiillt. Der weiBe Diinst
krieclit angstvoll iimlier, ehe er wagt, iibex den Rand bin.-
wegzngleiten. Dann ziehen lange Streifen von Tricbter zn
Trickter.
Es ist kufal. let bin anf Posten nnd staire in die Diinkel-
beit. Mir ist scbwaeb zimnite, vde immer nacb einem An-
griff, nnd deshalb ^vird es mir sebwer, mit meinen Go-
danken aUein zu sein. Es sind keine eigentlicben Ge-
danken; es sind Erinnerungen, die micb in meiner
Scbwache jetzt beimsneben nnd micb sonderbar stim-
men.
Die Lenebtsebirme gehen hoeb — und icb sebe ein
Bild, einen Sommerabend, wo icb im Kreuzgang des
Domes bin nnd auf hohe Rosenbusche schane, die in der
Mitte des Meinen Kreuzgartens bliihen, in dem die Dom-
berren begraben werden, Rnndnm steben die Steinbilder
der Stationen des Rosenkranzes. Niemand ist da; — eine
groBe StiUe bait dieses bliibende Viereck nmfangen, die
Sonne liegt warm auf den dicken grauen Steinen, icb lege
meine Hand darauf und fuhle die Warme. tJber der rech-
ten Ecke des Schieferdaches strebt der grune Domturm
in das matte, weiche Blau des Abends, Zwiseben den be-
gltozten Meinen Saulen der umlaufenden Kreuzgange ist
das kiihle Dunkel, das nur Edrcben baben, und icb stebe
dort und denke daran, daB icb mit zwanzig Jabren die
verwirrenden Dinge kennen werde, die von den Frauen
kommen.
122
Das BUd ist bestiirzend nahe, es riikrt micli an, ehe es
iinter dem Anfflammen dernaclisteiiLenclitkiigel zergebt.
Icb fasse mein Geweix nnd riicke es znreclit. Der Lanf
ist fencht, ich lege meme Hand fest daxnin nnd zerreibe
die Fencbtigkeit mit den Fingem.
Zwisclien den Wiesen liinter unserer Stadt erbofa sicb
an einem Bacb eine Reibe von alten Pappeln. Sie waxen
weitHn sicbtbax, und obscbon sie mix anf einex Seite
standen, bieBen sie die Pappelallee. Schon als Kinder
batten wix eine Vorliebe fiix sie, nnerklarlicb zogen sie nns
an, ganze Tage verbracbten wir bei ibnen nnd borten
ibxem leisen Ranscben zn. Wir saBen imter ibnen am Ufer
des Baches nnd lieBen die FiiBe in die bellen, eibgen
Wellen bangen. Der reine Duft des Wassers nnd die Me-
lodic des Windes in den Pappeln beberrscbten nnsere
Pbantasie. Wir liebten sie sehr, nnd das Bild dieser Tage
laBt mix jetzt nocb das Hexz klopfen, ebe es wieder
gebt,
Es ist seltsam, daB alle Erinnerungen, die kommen,
zwei Eigenschaften haben. Sie sind immer voll Stifle, das
ist das Staxkste an ibnen, nnd selbst dann, wenn sie es
nicbt in dem MaBe in Wabxbeit waxen, wixken sie so. Sie
sind lantlose Erscbeinnngen, die zn mix sprechen mit
Blicken nnd Gebaxden, woxtlos nnd scbweigend, — nnd
ibr Scbweigen ist das Erscbiittemde, das micb 2rwingt,
meinen Armel anzufassen und mein Gewebx, nm micb
nicbt vexgeben zn lassen in dieser Anfldsnng nnd Locknng,
123
in der mein Korper sicli ansbreiten nnd sanft zerflieBen
m5chte zn den stillen Macbten binter den Dingen,
Sie sind so still, weil das fiir nns so imbegreiflicb ist.
An der Front gibt es keine Stille, nnd der Bann der Front
reicht so weit, daB ^vir nie anfierbalb von ikr sind. Ancb in
den znriickgelegenen Depots nnd E.nlieqna3rlieren bleibt
das Snmmen nnd das gedampfte Poltem des Feners stets
in nnsem Oliren. Wir sind nie so weit fort, daB wir es nicbt
mehr boren. In diesen Tagen aber vrar es nnertraglich.
Die Stille ist die Ursache dafiir, daB die Bilder des
Fraher nicbt so sebr Wnnsche erwecken als Traner — eine
nngebenre, fassnngslose ScKwermnt. Sie waren — aber
sie kebren nicbt wieder. Sie sind vorbei, sie sind eine
andere Welt, die fiir nns voruber ist. Anf den Kasemen-
bofen riefen sie ein rebeUiscbes, wildes Begebren bervor,
da waxen sie nocb mit nns verbxmden, wir geborten zn
ibnen nnd sie zu nns, wenn wir ancb getrennt waxen. Sie
stiegen anf bei den Soldatenliedem, die wir sangen, wenn
wir zwiscben Morgenrot nnd scbwarzen Waldsilbonetten
znm Exerzieren nacb der Heide marscbierten, sie waren
eine beftige Erinnernng, die in nns wax nnd aus nns kam.
Hier in den Graben aber ist sie nns verlorengegangen.
Sie steigt nicbt mebr ans nns anf; — wir sind tot, nnd sie
stebt fern am Horizont, sie ist eine Erscbeinnng, ein rlitsel-
bafter Widerscbein, der nns beimsncbt, den wir fnrcbten
nnd ohne Hoffnnng lieben, Sie ist stark, nnd nnser Be-
gebren ist stark; — aber sie ist nnerreicbbar, nnd wir
124
wissea es. Sie ist ebenso vergebKcii wie die Erwartimg,
General zu werden,
TJnd selbst weim man sie tms wiedergabe, diese Land-
schaft imserer Jiigend, wir wiirden wenig melix mit ilur
anznfangen wissen. Die zarten nind gebeimen Krafte, die
von ibr zu iins gingen, konnen nicbt wiederersteben. Wir
wiirden in ibr sein nnd in ibr umgeben; wir wurden. nns
erinnem imd sie lieben nnd bewegt sein von ibxem An-
bbck. Aber es ware das gleicbe^ wie wenn wir nacbdenMicb
werden vor der Pbotograpbie eines toten Kameraden; es
sind seine Ziige, es ist sein Gesicbt, imd die Tage, die wir
mit ibm znsammen waren, gewinnen ein trugexiscbes
Leben in imserer Erinnerimg; aber er ist es nicbt selbst.
Wir wiirden nicbt mehx verbiinden sein mit ibr, wie wir
es waren. Nicbt die Erkenntnis ibrer Scbonbeit und ibrer
Stimmnng bat ims ja angezogen, sondern das Gemein-
same, dieses GJeicbfiiblen einer Briiderscbaft mit den
Dingen imd Vorfallen imseres Scins, die iins afagrenzte
imd ims die Welt unserer Eltem immer etwas imverstand-
licb macbte ; — denn wir waren irgendwie immer zartlicb
an sie verloren imd bingegeben, imd das Kleinste miindete
ims emmal imm er in den Weg der Unendlichkeit. Viel-
leicbt war es nnr das Vorrecbt imserer Jngend; — wir
saben nocb keine Bezirke, imd nirgendwo gaben wir ein
Ende zn; wir batten die Erwarttmg des Blntes, die ims
eins macbte mit dem Verlanf imserer Tage.
Hente wiirden wir in der Landscbaft imserer Jngend
125
iimliergelieii wie Reisende. Wir sind verbrannt von Tat-
saclien, wir kennen Unterscliiede vde Handler nnd Not-
wendigkeiten wie ScMacliter. Wir sind niclit naelir im-
bekiimmert, — wir sind fiircbterlicb gleicbgiiltig. Wir
wiirden da sein; aber wiirden wir leben?
Wir sind verlassen wie Kinder und erfakren wie alte
Lente, wir sind rob und traurig iind oberflacHicb, — icb
glaube, wir sind verloren.
Meine Hande werden kalt, und meine Haut schauert;
dabei ist es eine warme Nacbt. Nur der Nebel ist kiihl,
dieser unbcimlicbe Nebel, der die Toten vor uns be-
schleicbt und ibnen das letzte, verkrocbene Leben aus-
saugt. Morgen werden sie bleicb und griin sein und ibr
Blut gestockt und scbwarz.
Iminer noch steigen die Leuchtscbirme empor und
werfen ibr erbarmungsloses Licht iiber die versteinerte
Landschaft, die voU Krater und Licbtkalte ist wie ein
Mond. Das Blut unter meiner Haut bringt Furcbt und
Unrube berauf in meine Gedanken* Sie werden scbwacb
und zittem, sie woUen Warme und Leben* Sie konnen es
nicbt ausbalten obne Trost und Tauscbimg, sie verwirren
sicb vor dem nackten Bilde der Verzweiflung.
Icb bore das Klappem von Kocbgeschirren und babe
sofort das beftige Verlangen nacb warmem Essen, es wird
mir gut tun und micb berubigen. Mit Mube zwinge icb
micb, zu warten, bis icb abgel5st werde*
126
Dann geke ich in den Unterstand imd j&nde einen
Beclier mit Granpen vor. Sie sind fett getoclit und
sclimeckeii gut, ich esse sie langsam. Aber ich bleibe still,
obscbon die andem besser gelaimt sind, wed das Feuer
eingescblafen ist.
Die Tage gehen bin, und jede Stunde ist nnbegreiflicb
und selbstverstandlicb. Die Angrifie wecbseln mit Gegen-
angriiffen, und langsam baufen sicb auf dem Tricbterfeld
zwiscben den Graben die Toten. Die Verwimdeten, die
nicbt sebr weit weg liegen, kSnnen wir meistens bolen.
Mancbe aber miissen lange liegen, und wir boren sie
sterben.
Einen sucben wir Tergeblicb zwei Tage bindurcb. Er
mufi auf dem Baucbe liegen und sicb nicbt umdreben
konnen. Anders ist es nicbt zu erklaren, daU wir ibn nicbt
finden; denn mix wenn man mit dem Munde dicht auf
dem Boden scbreit, ist die Ricbtung so scbwer festzustellen.
Er wird einen bosen ScbuB baben, eine dieser scblim-
men Verletzungen, die nicbt so stark sind, daB sie den
Korper rascb derart scbwacben, daB man balbbetaubt
verdammert, und auch nicbt so leicht, daB man die
Scbmerzen mit der Aussicbt ertragen kann, wieder beil
zu werden. Kat meint, er batte entweder eine Becben-
zertrummerung oder einen WirbelsaulenscbuB. Die Brust
sei nicbt verletzt, sonst besaBe ex nicbt so viel Kraft zum
127
Sehieien. Man mnBte ilin bei einer anderen Verletznng
sick anck bewegen seken.
Ex wird allm^klick keiser. Die Stimme ist so nngMck-
lick im Klang, daB sie iikexall kerkommen koimte. In der
ersten Nackt sind dreimal Lente von iins draiiBen. Aber
wenn sie glauben, die Eicktnng zn kaben, iind sckon kin-
kxiecken, ist die Stimme beim nackstenmal, wenn sie
korcken, wieder ganz anderswo.
Bis in die Dammening binein sncken wir vergeblick.
Tagsliber vrird das Geltode mit Glasem dmrckforsckt;
nickts ist zu entdecken. Am zweiten Tag wird der Mann
leiser; man merkt, daB die lippen iind der Mund ver-
trocknet sind.
Unser Korapagniefiibrer bat dem, der ibn findet, Vox-
zngsnxlaub imd dxei Tage Znsatz versprocken. Das ist ein
macktiger Aoreiz, aber wir wiirden anck okne das txm,
was moglick ist; denn das Knfen ist fnrcktbar. Kat und
Kropp geken sogar nackmittags nock einmal vox. Albert
wird das Ohrlappcken dabei abgescbossen. Es ist nmsonsty
sie baben ihn nicbt bei sick.
Dabei ist deutlick zn versteken, was er mft. Znerst kat
er immer nnr nm Hilfe gesckrien — in der zweiten. Nackt
miiB er etwas Fieber kaben, er sprickt mit seiner Fran xmd
seinen Kindem^ wir konnen oft den Namen Elise kerans-
koren. Hente weint er mix nock. Abends erlisckt die
Stimme zu einem Krackzen. Aber er stdknt nock die
gauze Nackt leise. Wir koren es so genan, weil der Wind
128
auf iinsem Graben zastebt. Morgens, als wir scbon glan-
ben, er babe langst Rube, dringt nocb einmal ein gtirgeln*-
des Rocbeln heriiber. —
Die Tage smd beiU iind die Toten liegen imbeerdigt.
Wir konnen sie nicbt alle holen, wir wissen nicht, woMii
wir nut ihnen sollen* Sie werden von den Granaten be-
erdigt. Mancben treiben die Btucbe anf wie Balons. Sie
ziscben, riilpsen und bewegen sich. Das Gas ramort in
ihnen,
Der Himm el ist blau und obne Wolken. Abends wird
es scbwiii, xmd die Hitze steigt aus der Erde. Wenn der
Wind zn uns bernberwebt, bringt er den Blutdunst mit,
der scbwer und widerwartig siiBlicb ist, diesen Toten-
brodem der Tricbter, der aus Chloroform und Verwesung
gemiscbt scheint und uns Gbelkeiten und Erbrecben ver-
ursacbt.
#
Die Nacbte werden mbig, und die Jagd auf die kup-
femen Fiibrungsringe der Granaten und die Seidenschinne
der franz5siscben Leucbtkugeln gebt los* Wesbalb die
Fiibrungsringe so begehxt sind, weiB eigentHcb keiner
recbt. Die Sammler bebaupten einfach, sie seien wextvoll,
Es gibt Leute, die so viel davon mitscbleppen, dafi sie
krunim und schief darunter geben, wenn wir
abrucken.
Haie gibt wenigstens einen Grand an; er will sie seiner
9 Bemarqnef Westen
129
Brant als Stnimpfbanderersatz scMcken. Dariiber briclit
bei den Friesen natilrlicb unb^dige Heiterkeit ans; sie
schlagen sick anf die Knie, das ist ein Witz, Doimerwetter,
der Haie, der bat es binter den Obren. Besonders Tjaden
kann sicb gar nicbt fassen; er bat den grSBten der Binge
in der Hand nnd steckt alle Augenblicke sein Bein bin-
dnrcb, nm zn zeigen, wieviel da nocb firei ist, „Haie,
Menscb, die miiB ja Beine baben, Beine‘* — seine Gedan-
ken klettern etwas bober — ,,mid einen Hintem miiB
die dann ja baben, wie — wie ein Elefant/‘
Er kann sicb nicbt genng ton. „Mit der mScbte icb
mal ScbinkenHoppen spielen, meine Fresse —
Haie strablt, weil seine Brant so viel Anerkennnng fin-
det, nnd auBert selbstznfirieden nnd knapp: „Stramm
isse !“
Die Seidenscbirme sind praktiscber zu verwerten. Drei
oder vier ergeben eine Blnse, je nacb der Bmstweite.
Kropp nnd icb brancben sie als Tascbentiicber. Die andem
schicken sie nacb Hanse. Wenn die Franen seben kSnnten,
mit wieviel Gefabr diese diinnen Lappen oft gebolt werden,
wiirden sie einen scbonen Scbreck kiiegen.
Kat uberrascbt Tjaden, wie er von einem BlindgUnger
in aller Seelenrnbe die Binge abznklopfen versncbt. Bei
Jedem andem wtre das Ding explodiert, Tjaden hat we
stets Glnck.
Einen ganzen Vormittag spielen zwei Scbmetterlinge
vor unserm Graben. Es sind Zitronenfalter, ihre gelben
130
Fliigei Faben rote Pimkte. Was mag sie mix Merlier vcr-
scMagen haben; weit nnd breit ist keine Pflanze und keine
Blnme. Sie raben sicb anf den Zahnen eines Scbadels aus.
Ebenso sorglos wie sie sind die Vogel, die sicb langst an
den Kxieg gewohnt baben. Jeden Morgen steigen Lercben
zwiscben der Front anf, Vor einem Jabr konnten wir
sogar brntende beobacbten, die ihre Jimgen aucb bocb-
bekamen.
Vor den Ratten baben wir Rube im Graben. Sie sind
vom — wir wissen, wozu. Sie werden fett; wo wir eine
seben, knailen wir sie weg. Nacbts bSren wir wieder das
Rollen von druben. Tagsiy}er baben wir nur das normale
Feuer, so daB wir die Graben ausbessem konnen. Unter-
baltung ist ebenfalls da, die Flieger sorgen dafiir. Taglicb
finden zablreicbe Kampfe ihr Publiknm>
Die Kampfflieger lassen wir uns gefallen, aber die Be-
obacbtimgsflugzeuge bassen wir wde die Pest ; denn sie holen
uns das Artilleriefeuer beriiber. Ein paar Minuten nacb-
dem sie erscbienen, funkt es von Scbrapnells und Granaten*
Dadurcb verJieren wir elf Lente an einem Tage, darunter
fiinf Sanitater. Zwei werden so zerscbmettert, daB Tjaden
meint, man konne sie mit dem LdfFel von der Grabenwand
abkratzen und im Kocbgescbirr beerdigen. Einem andem
wird der Unterleib mit den Beinen abgerissen. Er lebnt
tot auf der Brust im Graben, sein Gesicbt ist adtronengelb,
zwiscben dem Vollbart glinmit nocb die Zigarette. Sie
glimmt, bis sie auf den Lippen verziscbt.
Wix legen die Toten vorlaiifig in einen groBen Tricliter.
Es sind bis jetzt drei Lagen ubereinander.
J|e
Plotzlicb begmnt das Feuer nochmals zu trommeln.
Bald sitzen wir wieder in der gespaimten Starre des im-
tatigen Wartens.
Angriff, Gegenangriff, StoB, GegenstoB — das sind
Worte, aber was umscblieBen sie! Wir verlieren viele
Lente, ammeistenRekruten. Axif xinseremAbsclmittwird
wieder Ersatz eingescboben. Es ist eines der nenen Re-
gimenter, fast lauter jnnge Lente der letzten ansgebobe-
nen Jabrgange. Sie baben kanm eine Ausbildung, niir
theoretiscb baben sie etwas iiben konnen, ebe sie ins Feld
riickten. Was eine Handgranate ist, wissen sie zwar, aber
von Deckung baben sie wenig Ahnung, vor alien Dingen
baben sie keinen Blick dafiir. Eine Bodenwelle mtiB scbon
einen balben Meter bocb sein, ebe sie von ibnen geseben
wird.
Obscbon wir notwendig Verstarknng braucben, baben
wir fast mebx Arbeit mit den Rekmten, als daB sie nns
niitzen. Sie sind bilflos in diesem scbweren Angriffsgebiet
imd fallen wie die Fliegen. Der Stellxmgskampf von hente
erfordert Kenntnisse xind Erfabrungen, man mnB Ver-
standnis fur das Gelande baben, man mnB die Gescbosse,
ihre Geranscbe nnd Wirknngen im Obr baben, man muB
132
vorausbestmuneii kdnnen, wo sie emhauen, wie sie streiien
imd wie man sick scMtzt.
Dieser jiinge Ersatz weiB natiirlicli von alledem nocli
fast gar niclits. Er wird anfgerieben, weil er kaiim ein
Schrapnell von einer Granate nnterscbeiden kann, die
Lente werden weggemSkt, weil sie angstvoU anf das Hen-
len der nngefahrKclien groBen, weit binten einianenden
Kohlenkasten lanscben imd das pfeifcnde, leise Snixen der
flach zerspiitzenden kleinen Biester uberhSren. Wie die
Scbafe drangen sie sicb znsammen, anstatt anseinander-
ZTilaufen, nnd selbst die Verwnndeten werden nock wie
Hasen von den Fliegem abgeknallt.
Die LlassenSteckriibengesiclitcr, diearmseliggekrallten
Hande, die janunervoUe Tapferkeit dieser armen Hunde,
die trotzdem vorgeben nnd angreifen, diese braven, armen
Htinde, die so verscMchtert sind, daB sie nicbt lant zu
schreien wagen nnd mit zerrissenen Briisten iind Baucken
und Armen imd Beinen leise nach ihrer Mutter wimmem
nnd gleich anfbSren, wenn man sie ansiebt !
Ibre toten, flamnigen, spitzen Gesicbter taben die ent-
setzlicbe Ausdmckslosigkeit gestorbencr Kinder.
Es sitzt einem in der Kehle, wenn man sie ansiebt, wie
sie anfspringen nnd lanfen nnd fallen. Man mocbte sie ver-
priigeLa, weil sie so dnmm sind, nnd sie anf die Axme neb-
men nnd wegbringen von bier, wo sie nicbts zn suchen
haben. Sie tragen ibre grauen Rocke nnd Hosen nnd Stie-
fel, aber den meisten ist die Uniform zn weit, sie scblottert
133
mn die G-Keder, die Sclralteni sind zu sclnnal, die Korper
sind m gering, es gab keine Uniformen, die for dieses Kin-
dennaB eingericlitet waren.
Anf einen alten Maim fallen fnnf bis zebu Rekraten.
Ein nbexrascbender GasangrifT rafft vieie weg. Sie sind
nicbt dazu gelangt, zu abnen, was ihrer wartete. Einen
Unterstand voU finden wir mit blauen KSpfen nnd scbwar-
zen lippen. In einem Tricbter baben sie die Masken zn
firiib losgemacbt; sie wnBten nicbt, daB sicb das Gas anf
dem Grimde am langsten bait ; als sie andere obne Maske
oben saben, rissen sie sie ancb ab nnd scblnckten nocb
genng, nm sicb die Lnngen zn verbrennen. Ibx Znstand
ist boffnnngslos, sie wiirgen sicb mit Blntstiirzen nnd
Ersticknngsanffflen zn Tode.
In einem Grabenstiick sebe icb micb pldtzlicb Himmel-
stoB gegennber. Wir dncken nns in demselben Unterstand.
Atemlos liegt alles beieinander nnd wartet ab, bis der Vor-
stoB einsetzt.
Obscbon icb sebr erregt bin, scbieBt mir beim Hinans-
lanfen docb nocb ein Gedanke dnrcb den Kopf : Icb sebe
Himm elstoB nicbt mebr. Rascb springe icb in den Unter-
stand znriick nnd bnde ibn, wie er in der Ecke liegt mit
einem kleinen StreifscbnB nnd den Verwnndeten simnliert.
Sein Gesicht ist wie verprugelt, Er bat einen AngstkoUer,
134
er ist Ja ancli nocli neu Mer. Aber es macbt micli raseiid,
daB der jnnge Ersatz draiiBen ist nnd er Met.
^Ransf* fauche icb.
Er riilirt sicb niciit, die lippen zittem, der Sdmnrr-
bart bebt.
^Raus!** wiederbole icb.
Er ziebt die Beine an, driickt sicb an die Wand imd
bleckt die Zaime wie ein K5ter^
Icb fasse ihn am Arm tmd will ibn bocbreiBen. Er
cjuakt aiif. Da geben meine Nerven durcb. Icb babe ibn
am Hals, scbiittele ibn wie einen Sack, daB der Kopf bin
tmd ber fliegt, nnd scbreie ihm ins Gesicbt: „Du Lnmp,
willst du rails — du Httnd, du Scbinder, du willst dicb
driicken?‘‘ Er verglast, icb schleudere seinen Kopf gegen
die Wand — ,,Du Vieb*‘ — icb trete ihm in die Rippen — ,
„Du Scbwein*^ — icb stoBe ibn vorw§rt8, mit dem Kopf
voran binans,
Eine nene Welle von mis kommt gerade vorbei. Ein
Leutnant ist dabei. Er siebt nns nnd nift: ,,Vorwarts,
voiwarts, anschlieBen, anscblieBen — !“ XJnd was meine
Priigel nicbt vermocbt baben, das wirkte dieses Wort.
HimmelstoB borte den Vorgesetzten, siebt sicb erwacbend
nm tmd schlieBt sicb an.
Icb folge tmd sebe ibn springen. Er ist wieder der
scbneidige HimmelstoB des Kasemenbofes, er bat sogar
den Leutnant eingeholt tmd ist weit voraus. —
jet
135
Trommelfetier, Sperrfeiier, Gardinenfeiier, Minen, Gas,
Tanks, MascMnengewekre, Handgranaten — Worte,
Worte, aber sie nmfassen das Graxien der Welt.
tJnsere Gesicbter sind verkrustet, tmser Denken ist ver-
wiistet, wir sind todmude; — wenn der Angriff fcommt,
mnssen manche mit den Fansten gescHagen werden, da-
mit sie erwachen und mitgehen; — die Angen sind ent-
ziindet, die Hande zerrissen, die Knie bluten, die EEbogen
sind zerscblagen.
Vergehen Wochen — Monate — Jabre? Es sind nnr
Tage. — Wir seben die Zeit neben tins scbwinden in den
farblosen Gesicbtem der Sterbenden, wir ISffeln Nabrung
in nns binein, wir laufen, wir werfen, wir scbieBen, wir
toten, wir Kegen bemm, wir sind scbwacb nnd stnmpf,
nnd nnr das b§lt nns, daB nocb ScbwScbere, nocb
Stumpfere, nocb Hilflosere da sind, die mit anfgerissenen
Angen tins anseben als GStter, die manchmal dem Tode
entrinnen kSnnen.
In den wenigen Stimden der Rube imterweisen wir sie.
„Da, siebst du den Wackeltopp? Das ist eine Mine, die
konamt! Bleib liegen, sie gebt driiben bin. Wenn sie aber
so gebt, dann reiB aiis! Man kann vor ibr weglaufen.‘‘
Wir macben ibre Obren scbarf auf das beimtiickiscbe
Snrren der Meinen Dinger, die man katim veminunt, sie
sollen sie aus dem Ejracb berauskennen wie Miickenstim-
men; — wir bringen ibnen bei, daB sie gefabrlicber sind
als die groBen, die man lange vorber b5rt. Wir zeigen
136
ihnen, wie man sick vor FHegem verbirgt, wie man den
toten Mann mackt^ wenn man vom Angriff iibeiraimt wird,
wie man Handgranaten abzieken muJ3, damit sie eine kalbe
Seknnde vor dem Anfschlag explodieren; — wir lekren sie,
vor Granaten mit Anfgcklagziindem bKtzschnell in Trick-
ter zvL fallen, wir macken vor, wie man mit einem Bnndel
Handgranaten einen Graben anfroUt, wir erklaren den Un-
terschied in der Zimdimgsdaner zwiscken den gegneriscken
Handgranaten und nnseren, wir macken sie anf den Ton
der Gasgranaten axifmerksam nnd zeigen iknen die KnifFe,
die sie vor dem Tode retten konnen.
Sie kSren zn, sie sind folgsam — aber wenn es wieder
losgekt, macken sie es in der Anfregong meistens dock
wieder falsck.
Haie Westkus wird mit abgerissenem Rucken fortge-
sckleppt; bei jedem Atemzug pulst die Lnnge dnrck die
Wimde, Ick kann ihm nock die Hand driicken; — „is alle,
Paul‘‘, stoknt er nnd beifit sick vor Sckmerz in die Arme*
Vir seken Menscken leben, denen der Sckadel fehlt ; wir
seken Soldaten lanfen, denen beide FiiBe weggefetzt sind;
sie stolpem auf den splittemden Stiimpfen bis znm nSck-
sten Lock; ein Gefreiter krieckt zwei Kilometer weit anf
den Handen nnd sckleppt die zersckmetterten Knie binter
sick ker; ein anderer gekt znr Verbandstelle, nnd iiber
seine festkaltenden Hande quellen die Darme ; wir seken
Lente ohne Mtmd, ohne Unterkiefer, okne G^sickt; wir
finden jemand, der mit den Zahnen zwei Stnnden die
137
ScUagader seines Amies klenmit, nm mckt zu ver-
bluten, die Soiane gebt anf, die Nacbt kommt, die Gra-
naten pfeifen, das Lefaen ist zn Ende*
Doci. das Stlickcheii zerwiiHter Erde, in dem yni Me-
gen, ist gebalten gegen die tJbermaclit, nnr wenige inuidert
Meter sind preisgegeben worden. Abcr aiif jeden Meter
kommt ein Toter.
*
Wix werden abgeldst. Die Rader roUen nnter nns weg,
wir steben diimpf, imd wenn der Rnf : „Aclitmig — Drabt
kommt, geken wir in die Kniebeuge. Es war Sommer, als
'^vir Mei voruberfakreii, die Banme 'w^aren noci griin, jetzt
seken sie sckon kerbstlick ans, nud die Nacht ist gran nnd
fenckt. Die Wagen kalten, 'wir Mettem biniinter, ein
dimckemandergewirfelter Hanfe, ein Rest von vielen
INamen, An den Seiten, dnnkel, steken Lente nnd ni£en
die Nmninexii von Regimentem, von Kompagnien ans.
Und bei jedem Rnf sondert sick ein Hanflein ab, ein kar-
ges, geringes Hanflein sckmntziger, fabler Soldaten, ein
fnrchtbar Heines Hanflein nnd ein fnrchtbar Meiner Rest.
Nnn raft jemand die Nnmmer nnserer Kompagnie, es
isty man bort es, der Kompagniefiibrer, er ist also davon-
gefcommeii, sein Arm liegt in der Binde. Wir treten zn ibm
bin, nnd ick erkenne Kat nnd Albeit, wir stellen nns zn-
sammen, lebnen nns aneinander und seben an.
Dnd nock einmal nnd nock einmal boxen wir nnsere
138
Numiner nifen. Ei tann lange rufen, man bdit iko. mctt
in den Laasaretten nnd den Trichtem.
Nock einmal: „Zweite Kompagnie Merkerf^
Und dann leiser: ^Niemand mekr zweite Kompagnie?^*
Er sckweigt nnd ist etwas keiser, als ex fragt: „Das sind
alle?^‘ nnd faefieklt: ^AbzaklenT*
Der Morgen ist gran, es war nock Sommer, als wir kin-
ansgingen, nnd wir waxen 150 Mann, Jetzt friert nns, es
ist Herbst, die Blatter rasckeln, die Stimmen flattem
miide anf : „Eins — zwei — drei — vier — imd bei zwei-
unddreifiig sckweigen sie. Und es sckweigt lange, eke die
Stimme firagt: „Nock jemand?** — nnd wartet nnd dann
leise sagt: „In Gruppen — nnd dock abbricht nnd nnr
vollenden kann: „Zweite Kompagnie — miikselig:
„Zweite Kompagnie — okne Tritt marsck!^*
Eine Reike, eine knrze Reike tappt in den Morgen
kinans.
ZweinnddreiBig Mann.
VII
M an nimmt nns welter als sons! zuriick, in ein Feld-
Rekrntendepot, damit wir dort neu znsammen-
gestellt werden kSmien. Unsere Kompagnie branclit iiber
Inmdert Mann Ersatz.
Einstweilen bummeln wir umber, wenn wir keinen
Dienst macben. Nacb zwei Tagen kommt HimmelstoB
zu uns. Seine groBe Scbnauze bat er verloren, seit er im
Graben war. Er scblagt vor, daB wir uns vertragen woUen.
Icb bin bereit, denn icb babe geseben, daB er Haie West-
bus, dem der Riicken weggerissen wurde, mit fortgebracbt
bat. Da er auBerdem wirklicb vemiinftig redet, baben wir
nicbts dabei, daB er uns in die Kantine einladt. Nur Tja-
den ist miBtrauiscb und reserviert.
Docb aucb er wird gewonnen, denn HimmelstoB er-
zablt, daB er den in Urlaub fabrenden KiicbenbuUen ver-
treten sofl. Als Beweis dafur ruckt er sofort zwei Pfund
Zucker fur uns und ein balbes Pfund Butter fur Tjaden
besonders beraus. Er sorgt sogar dafiir, daB wir fur die
nacbstcn drei Tage in die Kiicbe zum Kartoffel- und Steck-
rfibenscbalen kommandiert werden. Das Essen, das er uns
dort vorsetzt, ist tadellose Offizierskost.
So baben wir im Augenblick wieder die beiden Dinge,
140
die der SoMat zum Gliick brancht ; Gutes Essen and Rnlie.
Das ist wenig, wenn man es bedenkt. Vor ein paar Jakren
nocb bitten wir uns fiircbtbar veracbtet. Jetzt sind wir
fast zufrieden. Alles ist Gewobnbeit, aucb der Scbiitzen-
graben.
Diese Gewobnbeit ist der Grund dafiir, daB wir scbein-
bar so rascb vergessen. Vorgestem waren wir nocb im
Feuer, bente macben wir Albembeiten xind fecbten nns
dnrcb die Gegend, morgen geben wir wieder in den Gra-
ben. In Wirklicbkeit vergessen wir nicbts. Solange wir
bier im Felde sein miissen, sinken die Fronttage, wenn sie
vorbei sind, wie Steine in nns biniinter, weil sie zu scbwer
sind, mn sofort dariiber nacbdenken zu kinnen. Taten wir
es, sie wiirden uns binterber erscblagen; denn so viel babe
icb scbon gemerkt: Das Grauen laBt sicb ertragen, so-
lange m a n sicb einfacb duckt; — aber es titet, wenn Tnan
dariiber nacbdenkt.
Genau v/ie wir zu Tieren werden, wenn wir nacb vorn
geben, wed es das einzige ist, was uns durcbbringt, so wer-
den wir zu oberflacblicben Witzbolden und Scblafmiitzen,
wenn wir in Rube sind. Wir kdnnen gar nicbt anders, es
ist formlicb ein Zwang. Wir woUen leben um jeden Preis;
da konnen wir uns nicbt mit Gefiiblen belasten, die fur
den Frieden dekorativ sein mogen, bier aber falscb sind,
Eemmericb ist tot, Haie Westbus stirbt, mit dem Korper
Hans Kramers werden sie am Jiingsten Tage Last baben,
ihn aus einem Yolltreffer zusammenzuklaxiben. Martens
141
hat keine Seine melir, Meyer ist tot, Marx ist tot, Beyer
ist tot, Hammerling ist tot, lmiidertzwan2dg Mann Kegen
irgendwo mit Sckiissen, es ist eine verdammte Sacte, ater
was gett es tins nocli an, wir leben. Konnten wir sie retten,
ja dann sollte man mal seben, es ware egal, ob wir selbst
dranfgingen, so warden wir loslegen; denn wir baben einen
verflnchten Muck, wenn wir woUen; Furcbt kennen wir
nicbt viel — Todesangst wobl, docb das ist etwas anderes,
das ist kfirperlicb.
Aber unsere Kameraden sind tot, wir konnen ibnen
nicbt belfen, sie baben Rube — wer weiB, was uns nocb
bevorstebt; wir woUen uns binbauen and scblafen oder
fressen, so viel wir in den Magen kriegen, and saufen and
raucben, damit die Sttmden nicbt ode sind. Das Leben
ist kurz.
Das Grauen der Front versinkt, wenn wir ibrn den
Riicken kebren, wir geben ihm mit gemeinen and grim-
migen Witzen zuleibe; wenn jemand stirbt, dann beifit es,
daB er den Arscb zugekniffen bat, und so reden wir uber
alles, das rettet ims vor dem Verrucktwerden, solange wir
es so nebmen, leisten wir Widerstand.
Aber wir vergessen nicbt! Was in den Kriegszeitungen
stebt liber den goldenen Humor der Truppen, die bereits
Tanzcben arrangieren, wenn sie kaum aus dem Trommel-
feuer zuruck sind, ist groBer Quatscb. Wir tun das nicbt.
142
weil wir Humor haben, soiadeni wir baben Humor, weil
wir sonst kaputt geben* Die Kiste wird obuebiu uicbt
mebr allzu lauge baltou, der Humor ist jedeu Monat
bitterer.
Uud icb weiB: all das, was jetzt, solange wir im Kriege
siud, versackt iu uns wie ein Stein, wird nacb dem Kriege
wieder aufwacben, und danu beginut erst die Ausein-
andersetzxmg auf Lebeu uud Tod.
Die Tage, die Wocben, die Jabre bier vom werden uoch
eiumal zuriickkommen, und unsere toteu Kameraden wer-
den dann aufsteben und mit uns marscbieren, unsere
Kopfe werden klar sein, wir werden ein Ziel baben, und so
werden wir marscbieren, unsere toten Kameraden neben
uns, die Jabre der Front binter uns : — gegen wen, gegen
wen?
Hier in der Gegend war vor einiger Zeit ein Front-
tbeater. Auf eiuer Bretterwand Ideben nocb bunte Plakate
von denVorstellungen her. MitgroBenAugenstebenKropp
imd icb davor. Wir kdnnen nicbt begreifen, daB es so
etwas nocb gibt. Da ist ein Madcben in einein bellen
Sommerkleid abgebildet, mit einein roten Lacfcgurtel um
die Hiiften. Sie stbtzt sicb mit der einen Hand auf ein
Gelander, mit der anderen bait sie einen Strobhut. Sie
tragt weiBeStriimpfeundweifieScbube, zierMcbeSpangen-
schube mit hoben Absatzen. Hinter ihr leucbtet die blaue
143
See mit einigen Wogentammen, eine Buclit greift seit-
licli liell hinein. Es ist ein ganz terrliches MSdclien, mit
einer sclimaleii Nase, mit roten Lippen imd langen Beinen,
imvorstellbar santer imd gepflegt, es badet gewiB zwei-
mal am Tage tind hat nie Dreck imter den Nageln. H5ch-
stens vielleicht mal ein biUchen Sand vom Strand.
Neben ihm steht ein Mann in weiBer Hose, mit blauem
Jackett nnd Seglermiitze, aber der interessiert ims viel
weniger.
Das Madchen auf der Bretterwand ist fiir nns ein
Wunder. Wir haben ganz vergessen, daB es so etwas gibt,
nnd anch jetzt noch tranen wir unseren Augen kanm.
Seit Jahren jedenfalls haben mr nichts Derartiges gesehen,
nichts nur entfemt Derartiges an Heiterkeit, Schdnheit
nnd Gliick. Das ist der Frieden, so muB er scin, spiiren wir
erregt.
„Sieh dir nnr diese leichten Schnhe an, darin konnte
sie keinen Kilometer marschieren‘\ sage ich nnd komme
mir gleich albem vor, denn es ist blodsinnig, bei einem
solchen Bild an Marschieren zu denken.
„Vie alt mag sie sein?** firagt Kropp.
Ich schatze : „Allerh6chstens zweinndzwanzig, Albert.^^
„Dann wire sie ja alter ab wir. Sie ist nicht mehr als
siebzehn, sage ich dirT*
Eine Ginsehant nberllnft nns. ,,Albert, das wire was,
zneinst dn nicht?*^
Er nickt. „Zn Hanse habe ich anch eine weiBe Hose.‘‘
144
,,Wei6e Hose/* sage ich, ,,aber so em. Madciien — **
Wir seken an nns herunter, gegenseitig. Da ist niclit
viel zn finden, eine ausgeblicliene, geflickte, sclumitzige
Uniform bei jedem* Es ist boffmmgslos, sick zn ver-
gleicken.
Znnackst einmal kratzen wir deskalb den jiingen Mann
niit der weiBen Hose von der Bretterwand ab, vorsicktig,
damit wir das Madeken nickt besckadigen. Daduxck ist
sckon etwas erreickt. Dann scklagt Kropp vor: „Wir
konnten nns mal entlausen lassen.**
Ick bin nickt ganz einverstanden, denn die Sacken
leiden darunter, aber die Lanse kat man nack zwei Stun-
den wieder. Dock nackdem vdr uns wieder in das Bild
vertieft kaben, erklare ick mick bereit. Ick geke sogar
nock weiter. ,,Kdnnten auck mal seken, ob wir nickt ein
reines Hemd zn fassen kriegen — “
Albert meint aus irgendeinem Gmnde: „Fn61appen
wtren nock besser.“
„VieUeickt auck FuBlappen, Wir woUen mal ein bifi-
cken speknlieren geken.**
Dock da scklendem Leer und Tjaden keran; sie seken
das Plakat, imd im Handumdreken wird die Unterkaltung
ziemlich sckweinisck. Leer war in unserer Klasse der erste,
der ein Verkaltnis katte imd davon aufregende Einzel-
keiten erzaklte. Er begeistert sick in seiner Weise an dem
Bilde 9 Tjaden stimmt macktig ein*
Es ekelt uns nickt gerade an. Wer nickt sckweinigelt^
145
10 Remarque, Westen
ist keia SoHat; aiir liegt es nns im Moment niclit ganz,
deskalb scHagen v/ir ims seitwarts iind marscMeren der
Entlansimgsanstalt zti mit eiaem GefiiM, als sei sie ein
feiaes Herrenniodeagescliaft.
Die Hauser, in denen wir Quartier kaien, Kegen nalie
amKaaal. Jenseits des Kanals sindTeiche, die vonPappel-
waldem nmstanden sind; — jenseits des Kanals sind anck
Frauen.
Die Hauser auf unserer Seite sind geraumt worden.
Auf der andem j edock siekt man ak und zu nock Bewokner.
Akends sckwimmen wir. Da kommen drei Frauen am
Ufer endang. Sie geken langsam und seken nickt weg, ok-
sckon mr keine Badekosen tragen.
Leer nift zu iknen kinuker. Sie lacken und kleiken
steken, um uns zuzusckauen, Wir werfen iknen in ge-
brockenem Franzosisck SMze zu, die uns gerade einfallen,
alles drirckeinander, eilig, damit sie nickt fortgeken. Es
sind nickt gerade feine Sacken, aker wo soUen wir die auck
kerhaken.
Eine Sckmale, Dunkle ist dakei. Man siekt ihre Zlkne
schimmem, wenn sie lackt. Sie kat rascke Bewegungen,
der Rock scklagt locker um ihre Seine. Obsckon das
Wasser kalt ist, sind wir macktig aufgeraumt und be-
strekt, sie zu interessieren, damit sie kleiken. Wir ver-
sucken W^itze, und sie antworten, okne dafi wir sie ver-
146
stelieii; wir lacten und winten. Tjaden ist vemiiiiftiger,
Er lauft ins Hans, liolt ein KommiBbrot nnd hMt es boch.
Das erzielt groBen Erfolg. Sie nicken nnd 'winken, daB
wir hiniiberkommeii sollen. Aber das diirfen wir nicbt. Es
ist verboten, das jenseitige Ufer zn betreten. tJberall
steben Posten an den Bracken* Obne Answeis ist nicbts
zn macben. Wir dobnetscben desbalb, sie mocbten zn
ims kommen; aber sie scbiittebi die Kopfe tmd zeigen anf
die Briicken. Man l^t ancb sie nicbt dnrcb*
Sie kebren um, langsam geben sie den Kanal anfwarts,
imm er am Ufer entlang, Wir begleiten sie scbwimmend.
Nacb einigen bundert Metem biegen sie ab imd zeigen
anf ein Haus, das abseits ans Bamnen imd Gebiiscb ber-
anslugt. Leer firagt, ob sie doit wobnen.
Sie lacben — ja, dort sei ibr Hans.
Wir mfen ibnen zu, daB wir kommen woUen, wean uns
die Posten nicbt seben konnen. Nacbts. Diese Nacbt.
Sie beben die Hande, legen sie flacb znsammen, die
Gesicbter daranf, nnd scHieBen die Angen. Sie baben ver-
standen. Die Scbmale, Dunkle macbt Tanzscbritte. Eine
Blonde zwitschert: „Brot — gnt —
Wir bestatigen eifrig, daB wir es mitbringen werden.
Ancb nocb andere scb5ne Sacben, wir roUen die Angen
xmd zeigen sie mit den Handen. Leer ersanft fast, als er
„ein Stiick Worst** klarmacben will. Weim es notwendig
ware, wiirden wir ibnen ein ganzes Proviantdepot ver-
sprecben. Sie geben nnd wenden sicb nocb oft nm. Wir
10 *
147
Hettem an das U£er auf nnserer Seite imd achten daranf,
oh sie aiicli in das Hans gelien, denn es kann ja sein, daB
sie schwindeln. Dann schwimmen wir znriick.
Okae Answeis darf niemand ^er die Briicke, destalb
werden wir einfacli nachts Mniitersckwiimneii. Die Er-
regung packt nns nnd laBt nns nictt los. Wir konnen es
nickt an einem Fleck auskalten nnd gehen zur Kantine.
Dort gibt es gerade Bier nnd eine Art Pnnscli,
Wir trinken Punsck nnd liigen nns pkantastisclie Er-
lebnisse vor. Jeder glanbt dem andem gem nnd wartet
ungednldig, um nock dicker anfzntrnmpfen. Unsere Hande
sind nnmliig, wir paffen ungezaMte Zigaretten, bis Kropp
sagt: „Eigentlicb konnten wir ibnen ancb ein paar Zi-
garetten mitbringen/* Da legen wir sie in nnsere Miitzen
nnd bewahren sie anf.
Der Himmel wird gr^ wie ein nnreifer Apfel. Wir sind
zn viert, abet drei konnen nnr mit; desbalb mnssen wir
Tjaden loswerden nnd geben Rnm nnd Pxmscb fiir ihn
ans, bis er torkelt. Als es dnnkel word, geben wir nnsem
Hansem Tjaden in der Mitte. Wir gliiben nnd sind von
Abentenerlnst erfuHt. Fnr micb ist die Scbmale, DunHe,
das baben wir verteilt nnd ansgemacbt.
Tjaden fallt anf seinen Strobsack nnd scbnarcbt. Ein-
mal wacbt er anf nnd grinst nns so listig an, daB wir scbon
erschrecken nnd glanben, er babe gemogelt, nnd der ans-
gegebene Pnnscb sei nmsonst gewesen. Dann fellt er zu-
rnck nnd scblaft weiter.
148
Jeder von iins dreien legt ein gauzes Komimfibrot be-
xeit imd wickeit es in Zeitxmgspapier. Die Zigaretten
packen wir dazn, anBerdem nock drei gate Portionen
Leberwoxst, die wir hente abend empfangen baben. Das
ist ein amtandiges Geschenk.
Vorlanfig stecken wir die Sacben in masere Stiefel;
denn Stiefel miissen wir mitnebmen, damit wir draben
anf dem andern Ufer nicbt in Drabt and Scberben treten.
Da wdr vorber scbwiminen miissen, konnen wir waiter
keine Kleider brancben. Es ist ja ancb dunkel nnd nicbt
weit.
Wir brecben anf, die Stiefel in den Handen. Rascb
gleiten wir ins Wasser, legen nns anf den Eiicken, scbwim-
men raid balten die Stiefel mit dem Inbalt iiber imsere
Kopfe.
Am andem Ufer klettem wir vorsicbtig binauf, nebmen
die Pakete heraus nnd zieben die Stiefel an. Die Sacben
klemmen wir nnter die Arme. So setzen wir nns, na6,
nackt, nnr mit Stiefebi bekleidet, in Trab. Wir jGbden das
Hans sofort. Es liegt dxmkel in den Biiscben. Leer Mit
Tiber eine Wtirzel nnd schrammt sicb die EUbogen*
,,Macbt nicbts^^ sagt er fcohlicb.
Vor den Fenstem sind Laden. Wir nmscUeicben das
Hans imd versncben, dnrcb die Ritzen zn sp^en. Dann
werden wir imgednldig. Kropp zogert plotzKcb. „Wemi
mm ein Major drinnen bei ihnen ist?‘*
„Dann kneifen wir eben ans/* grinst Leer, „er kann
149
mnsere Regimentsntoimier ja lier lesen^S iind Matscht
sich anif den Hintem.
Die Hanstlir ist offen. Unsere Stiefel maclien ziemliclien
Lann, Eine Tnr offnet sich, Licht fallt Mndnrcli, eine Frau
st56t ersclireckt einen Sclirei aus. Wir macten „Pst, pst —
camerade — bon ami — und hefacn bescliw5rend unsere
Pakete hock-
Die andem beiden sind jetzt aucb sicbtbar, die Tiir off-
net sick ganz, und das Lickt bestraklt uns. Wir warden
erkannt, und alle drei lacken unbandig iiber unsem Auf-
zug, Sie biegen und beugen sick im Turrakmen, so miissen
sie lacken. Wie gesckmeidig sie sick bewegen!
„Un moment — Sie versckwinden und werfen uns
Zeugstiicke zu, die wir uns notdiirftig umwickeln. Dann
dlirfen wir eintreten. Eine kleine Lampe brennt im
Zimmer, es ist warm und rieckt etwas nack Parfiim. Wir
packen unsere Pakete aus und iibergeben sie iknen. Ikre
Augen glanzen, man siekt, daB sie Hunger kaben.
Dann werden wir alle etwas verlegen. Leer mackt die
GebSrde des Essens. Da kommt wieder Leben kinein, sie
kolen TeEer und Messer und fallen uber die Sacken ker.
Bei jedem Sckeibcken Leberwurst heben sie, eke sie essen,
das Stiick zuerst bewundernd in die Hdke, und wir sitzen
stolz dabei.
Sie iibersprudeln uns mit ikrer Spracke — wir ver-
steken nickt viel, aber wir k6ren, daS es fireundlicke Worte
sind. Vielleickt seken wir auck sekr jung aus. Die Sckmale,
150
Diuaile streiclit mix M>er das Haar imd sagt, was alle
franzosisclieii Frauen immer sagen: „La guerre — grand
mallieur — pauvres gargons —
Ich. talte ikren Arm fest und lege meinen Mund in iiure
Handflache. Die Finger umscHieBen mein Gesicht. Diclit
iiber mir sind ilire erregenden Augen, das sanfte Braim
der Haut und die roten Lippen. Der Mund spricht Worte,
die icii niclit verstehe. Ich versteke auck die Augen nickt
ganz, sie sagen mekr, als wir erwarteten, da wir kierker
kamen.
Es sind Zimmer nekenan. Im Geken seke ick Leer, er
ist mit der Blonden kandfest und laut. Er kennt das ja
auck* Aker ick — ick kin verloren an ein Femes, Leises
xind Ungestiimes und vertraue mick ikm an. Meine
Wiinscke sind sonderkar gemisckt aus Verlangen und
Versinken. Mir wird sckwindelig, es ist nickts Her, woran
man sick nock kalten konnte. Unsere Stiefel kaken wir
vor der Tiir gelassen, man kat uns Pantoffeln dafiir ge-
geken, und nun ist nickts mekr da, was mir die Sickerkeit
und Freckkeit des Soldaten zuxiickruft: kein Gewekr,
kein Koppel, kein Waffenrock, keine Miitze. Ick lasse mick
fallen ins Ungemsse, mag gesckeken, was will — denn
ick kake etwas Angst, trotz allem.
Die Sckmale, Dunkle kewegt die Brauen, wenn sie
nackdenkt; aker sie sind stiU, wenn sie sprickt. Manck-
mal auck wird der Laut nickt ganz zum Wort und erstickt
oder sckwingt kalkfextig ^er mick weg; ein Bogen,
151
eine Balm, mx Komet. Was habe icli davon gewuBt —
was weiB ich. davon? — Die Worte dieser fremdenSpraclie,
von der ick kanin etwas begreife, sie scHifem micli ein
zu einer Stille, in der das Zimmer brann nnd halb beglanzt
verschwimmt nnd nnr das Antlitz M)er mir lebt nnd
War ist,
Wie vielfaltig ist ein Gesicht, wenn es firemd war nock
vor einer Stimde nnd jetzt geneigt ist zn einer ZSrtKcb-
keit, die nicbt ans ihm koroint, sondem ans der Nacbt,
der Welt nnd dem Bint, die in ibm zasammenznstraMen
scbeinen. Die Dinge des Ranmes werden davon angeriibrt
nnd verwandelt, sie werden besonders, nnd vor memer
bellen Hant babe ich beinahe Ebrfiircbt, wenn der Schein
der Lampe daranf liegt nnd die knhle branne Hand
dariiberstreicht.
Wie anders ist dies aUes als die Dinge in den Mann-
schaftsbordells, zn denen wir Erlanbnis haben nnd wo in
longer Reibe angestanden wird. Ich mSchte nicht an sie
denken; aher sie gehen mir nnwillknrlich dnrch den Sinn,
nnd ich erschrecke, denn vielleicht kann man so etwas
nie mehr loswerden.
Dann aher fuhle ich die lippen der Schmalen, Dnnklen
tind dr^ge mich ihnen entgegen, ich schliefie die Angen
nnd mSchte aUes damit anslSschen, Krieg nnd Granen
nnd Gemeioheit, nm Jnng nnd glncfclich zu erwachen; ich
denke an das Bild des Madchens anf dem Plakat nnd
glanbe einen Angenblick, daB mein Lehen davon abhangt,
152
es zu gewmnen* — Und um so tiefer presse ichi mich in die
Anne, die micli mnfassen, vielleickt gescMeht ein Wnnder,
Irgendwie finden wir nns alle nachJier meder znsani-
men. Leer ist selor forscli. Wir verabschiedexi nas herzlicli
xmd scHupfen in nnsere Stiefel. Die NacMnft kilMt
nnsere heiBen KSrper. GroB ragen die Pappeln in das
Diinfcel iind ransclien. Der Mond stelit am Himmel nnd
im Wasser des Kanals. Wir lanfen niclit, wir gehen neben-
einander mit langen Sckritten.
Leer sagt: ,,Das war ein KommiBbrot wertT*
Ich kann micb nicbt entschlieBen, zn sprecben, icb bin
gar nicbt einmal jfroh.
Da boren wir Scbritte tmd ducken nns binter einen
Buscb.
Die Scbritte kommen naber, dicbt an tms vorbei. Wir
seben einen nackten Soldaten, in Stiefeba, genan wie wir,
er hat ein Paket nnter dem Arm nnd sprengt im Galopp
vorwarts. Es ist Tjaden in groBer Fabrt, Scbon ist er ver-
scbwnnden.
Wir lacben. Morgen wird er scbimpfen,
Unbemerkt gelangen wir zn nnseren Strobsacken.
Icb werde znr Scbreibstnbe gerufen. Der Kompagnie-
fobrer gibt mir Urlaubsscbein nnd Fabrscbein nnd
wiinscbt mir gate Reise. Icb sebe nacb, wieviel Urlanb
153
icii iabe. Siebzelm Tage — vierzekn siad Uriaub, drei
Reisetage. Es ist zu wenig, imd iok firage, ob icb nicbt
fimf Reisetage haben kann. Bertinck zeigt atif meinen
Scbein. Da sehe icb erst, dafi icb nicbt sofort zar Front
zxixuckkomme. Icb babe micb nacb Ablanf des Urlanbs
nocb zoBi Kiirsus im Heidelager zu melden.
Die andem beneiden micb. Kat gibt mir gate Rat-
scHage, wie icb versucben soU, Dmckpnnkt zn nebmen.
„Weim da gerissea bist, bleibst da da btogen/^
Es ware mir eigentlicb Keber gewesen, wenn icb erst
in acbt Tagen batte fabren braacben; denn so lange sind
wir nocb bier, and bier ist es ja gat. —
Natarbcb maB icb in der Kantine einen aasgeben. Wir
sind alle era biJBcben angetrunken. Icb werde triibseKg;
es sind secbs Wocben, die icb fortbleiben werde, das ist
natarbcb ein macbtiges Glack, aber wie wird es sein,
wenn icb zariickkomme? Werde icb sie bier nocb aUe
wiedertreffen? Haie and Kemmericb sind scbon nicbt
mehr da — wer wird der nacbste sein?
Wir trinken, and icb sebe einen nacb dem andem an.
Albert sitzt neben mir and raacbt, er ist manter, wir
sind immer zasammen gewesen; — gegenaber bockt Kat
mit den abfaHenden Schaltem, dem breiten Daamen and
der rahigen Stimme, — Muller mit den vorstebenden
Zabnen and dem bellenden Lacben; — Tjaden mit den
Maaseaagen; — Leer, der sicb einen VoUbart steben laBt
and aasscbaat wie viemg.
154
tiber unsem Kopfen scbwebt dicker Qualm. Was ware
dor Soldat obne Tabak! Die Kaiitme ist cine Zaflucbt,
Bier ist mebr als ein Getrank, es ist ein Zeicben, daB mam
gefabrlos die Glieder debnem und reckem darf. Wii tun es
aucb ordemtlicb, die Beime baben wir lang von mis ge-
streckt, nnd wir spucken gemxitlicb in die Gegend, daB
es mir so eine Art hat. Wie einem das alles vorkommt,
wemn man morgen abreist!
Nacbts sind wir nocb eimnal jenseits des Kanals. Icb
babe beinabe Furcbt, der Scbmalen, Dunklen zn sagen,
daB icb fortgebe xmd daB, wenn icb zttriickkebre, wir
sicber irgendwo weiter sind; daB wir nns also nicht
wiedersehen werden. Aber sie nickt nnr imd laBt nicbt
allzuviel merken. Icb kann das erst nicbt lecbt versteben,
damn aber begreife icb. Leer bat schon recbt: ware icb
an die Front gegangen, damn hatte es wieder gebeiBen:
„panvTe gar^on*^; aber ein Urlanber — davon wollen
sie nicbt viel wissen, das ist nicbt so interessant. Mag sie
zmn Tenfel gehen mit ibrem Gesnmm nnd Gerede. Man
glanbt an Wxmder, nnd nachber sind es KommiBbrote.
Am nacbsten Morgen, nacbdem icb entlanst bin, mar-
scbiere icb znr Feldbabn. Albert nnd Kat begleiten micb.
Wir boren an der Haltestelle, daB es wohl nocb ein paar
Stnnden danern wird bis znr Abfahrt. Die beiden m^sen
zum Dienst znriick. Wir nehmen Abscbied.
„Macb’s gnt, Kat; mack’s gut, Albert.*^
Sie geben nnd winken nocb ein paarmal. Ibre G^stalten
155
werden kleiner. Mir ist Jeder Schritt, Jcde Bewegimg an
iimen vertrant, icht wurde sie weitHn scton daran ex-
kemnen. Bann sind sie verscliwimdeii*
Ick setae mick anf memeEi Tomister imd warte,
Pl6tzlick bin ick von rasender Ungednld erfiillt, fort-
znkommen.
m
Ick Kege anf manckem Baknkof ; ick steke voxmanckem
Snppenkessel; ick kocke anf mancker Holzplanke; — dann
aber wird die Landsckaft draxiBen beklemmend, imkeim-
Kck und bekannt. An den abendlicken Fenstem gleitet sie
voriiber, mit Dorfem, in denen Strokdacker 'wie Mtitzen
tief ubex gekalkte Fackwerkkanser gezogen sind, mit
Komfeldem, die wie Perlmntter im schragen lickt sckim-
mem, mit Obstgarten nnd Sckennen nnd alten Linden*
Die Namen der Stationen werden zn Begriffen, bei
denen mein Herz zittert. Der Zng stampft nnd stampft,
ick steke am Fenster tmd halte mick an den Rakmen-
kdlzem fest. Diese Namen nmgrenzen meine Jngend.
Flacke Wiesen, Felder, Hofe; — ein Gespann ziekt
einsam vor dem Himmel nber den Weg, der parallel znm
Horizont lauft. Einc Schranke, vox der Banem warten,
Madcken, die winken. Kinder, die am Bakndamm
spielen, Wege, die ins Land fukren, glatte Wege, okne
Ardflerie*
Es ist Abend, nnd wenn der Zng nicht stampfte, mlifite
156
ich sclureien. Die Ebene entfaltet sicli groB, in sciiwaclieni
Blau beginnt in der Feme die Silboiiette der Bergrander
anfmsteigen, Icb erkenne die cbarakteristiscbe Linie des
Dolbenberges, diesen gezackten Kamm, der jab abbricbt,
wo der Scbeitel des Waldes atifbort. Dabmter miiB die
Stadt kommen.
Aber nan flieBt das goldrote Licbt verscKwimmend
iiber die Welt, der Zag rattert darcb eine Karve and nocb
eine; — and anwirklicb, verwebt, dankel steben die
Pappeln daxin, weit weg, binteremander in longer Reibe,
gebildet aas Scbatten, Licbt and Sehnsacbt.
Das Feld drebt sicb mit ihnen langsam vorbei; der Zag
amgebt sie, die Zwiscbenraame verringem sicb, sie werden
ein Block, and einen Aagenblick sebe icb nar eine einzige;
dann scbieben sicb die anderen wieder hinter der vor-
dersten beraus, and sie sind nocb lange allein am Himmel,
bis sie von den ersten Haasem verdeckt werden.
Ein Babnabergang. Icb stebe am Fenster, icb kann
micb nicbt trennen. Die andem bereiten ibre Sacben zmn
Aassteigen vox. Icb sprecbe den Namen der StraBe, die
wir aberqaeren, vor micb bin — BremerstraBe — Bremer-
straBe —
Radfabrer, Wagen, Menscben sind da anten, es ist eine
graae StraBe and eine graae IJnterfiibnjng; — sie ergreift
micb, als wire sie meine Mutter.
Dann bilt der Zag, and der Babnbof ist da mit Larm,
Rafen and ScMldem. Icb packe meinen Tomister aaf and
157
maclie die Haken fest, ick nelmie mein Gewelir in die
Hand iind stolpere die Tritte Mnnnter.
Anf dem Perron selie icli micli nm; icli kenne niemand
von den Lenten, die da hasten, Eine Rote-Krenz-Schwester
bietet mix etwas zn trinken an. Ich wende mich ab, sie
lachelt mich zn alhem an, so dnrchdnmgen von ihrer
Wichtigkeit: Seht nnr, ich gebe einem Soldaten Kaffee, —
Sie sagt zu mir „Kamerad‘^, das hat mir gerade ge-
fehlt.
DrauJJen vor dem Bahnhof aber rauscht der FlnB
neben der StraBe, er zischt weiB ans den Schlensen der
Miihlenbriicke hervor, Der vierecMge alte Warttnnn steht
daran, and vor ihm die groBe bnnte Linde, nnd dahinter
der Abend,
Hier haben wir gesessen, oft — wie lange ist das her — ;
iiber diese Briicke sind wir gegangen nnd haben den
kuhlen, fanKgen Gemch des gestantenWassers eingeatmet ;
wir haben nns iiber die mhige Flat diesseits der Schlense
gebengt, in der griine Schlin ggewachse nnd Algen an den
Briickenpfeilem bin gen; — nnd wir haben nns Jenseits
der Schlense an heiBen Tagen iiber den spritzenden
Schanm gefrent and von nnseren Lehrem geschwatzt,
Ich gehe ^er die Brucke, ich schane rechts nnd links;
das Wasser ist immer noch voll Algen, nnd es schieBt
immer noch in helleni Bogen herab; — im Tnrmgebande
stehen die Platterinnen wie damals mit bloBen Armen vor
der weiBen Wasche, and die Hitze der Biigeleisen strdmt
158
alls dea offenen Feastem. Hiinde trotten durcli die
sctmale StraBe, vor dea Haastizren stehen Menschea
and sehen mir nach, wie ich sckmutzig and Bepactt
vortbergehe.
In dieser Konditorei taben wir Eis gegessen and ans
im Zigaxettenraucben geiibt* In dieser StraBe, die an mir
voriibergleitet, kenne icb jedes Saus, das Kolonialwareii--
gescbaft, die Drogerie, die Backerei. Und dann stehe icb
vor der braanen Tiir mit der abgegriffenen Klinke, and die
Hand wild mir scbwer. Icb 6ffne sie; die Kiible komint
mir mmderlicb entgegen, sie macbt meine Angen nn-
sicber.
Unter meinen Stiefeln knarrt die Treppe, Oben klappt
eine Tiir, jeznand blickt nber das Gelander. Es ist die
Kiicbentur, die geoflTnet wnrde, sie backen dort gerade
Kartoffelpuffer, das Hans liecbt danacb, bente ist ja aucb
Sonnabend, nnd es wird meine Scbwester sein, die sicb
benmterbengt, Icb scbame micb einen AngenbKck nnd
senke den Kopf, dann nebme icb den Hebn ab nnd sebe
binanf. Ja, es ist meine alteste Scbwester,
„Panl,“ nift sie, „Paiil — !“
Icb nicke, mein Tomister stoBt gegen das Gelander,
mein Gewebr ist so scbwer.
Sie reiBt eine Tiir anf nnd mft: „Mntter, Mutter, Paul
ist da.^‘
Icb kann nicbt mebr weitergeben. Mntter, Matter,
Panl ist da.
159
Ich lelme micli an die Wand und iiinHaimnere meinen
Helm iind mein Gewelir. Ich umHammere sie, so fest es
geht, atex ieli kann keinen Sckritt meior macten, die
Txeppe versckwimmt vox meinen Augen, ich stoBe mix
den KolBen auf die FiiBe und presse zomig die Zalme zu-
sammen, atex ick kann niclxt gegen dieses eine Wort an,
das meine Scliwester gerufen kat, nichts kann dagegen an,
ich quale micli gewaltsam, zu lachen und zu sprechen,
akex ict biinge kein Wort tervox, und so steke ick auf
der Treppe, ungliicklick, kilflos, in einem fnrcktkaren
Elrampf, und will nickt, und die Tranen laufen mix immer
nur so iiber das Gesickt*
Meine Sckwcster kommt zuruck und firagt: „Was kast
du denn?^*
Da raffe ick mick zusammen und stolpere zum Vor-
platz kinauf. Mein Gewekr lekne ick in eine Ecke, den
Tornister stelle ick gegen die Wand, und den Helm packe
ick darauf. Auck das Koppel mit den Sacken daran muB
fort. Dann sage ick wntend: ,,So gib dock endlich ein
Tasckentuck hexT*
Sie gibt mix eins aus dem Sckrank, und ick wiscke mix
das Gesickt ab. Tiber mix an dex Wand kangt dex Glas-
kasten mit bunten Schmetterlingen, die ick friiker ge-
sammelt kabe.
Nun bore ick die Stimme meiner Mutter. Sie kommt
aus dem ScHafzimmer*
„Ist sie nickt auf firage ick meine Sckwester.
160
„Sie ist Joraiik — antwortet sie.
Icli gete Mnein zn ikr, gebe ikr die Hand nnd sage, so
roMg icb kann: „Da bin ich. Mutter/*
Sie liegt still im HalbdiinkeL Dann fragt sie angstvoll,
imd icb fiible, wie ibr Blick micb abtastet: ,,Bist dn ver-
wiiiidet?‘*
„Neiii, icb babe Urlanb/*
Meine Mutter ist sebr blaB. Icb scbeue micb, Licbt zu
macben. ,,Da liege icb ntm imd weine/* sagt sie, „aiistatt
micb zu freuen/*
,,Bist du krank, Mutter 2*^^ firage icb.
,,Icb werde beute etwas aufsteben**, sagt sie und wendet
sicb zu meiner Scbwester, die immer auf einen Sprung in
die Kiicbe muB, damit ibr das Essen nicbt anbrennt;
„Macb aucb das Glas mit den eingeinaacbten Preiselbeeren
auf, — das iUt du docb gem?** firagt sie micb.
„Ja, Mutter, das babe icb lange nicbt gebabt/*
„Als ob wir es geahnt batten, dafi du kommst,** lacht
meine Scbwester, „gerade dein Lieblingsessen, Kartoffel-
puffer, und jetzt sogar mit Preiselbeeren.**
„Es ist ja aucb Sonnabend**, antworte icb.
„Setz dicb zu mir**, sagt meine Mutter.
Sie siebt micb an. Ibre Hande sind weiB und krankbcb
und scbmal gegen meine. Wir sprecben nur einige Worte,
und icb bin ibr dankbar dafur, dafi sie nicbts fragt. Was
soli icb aucb sagen: Alles, was mSglicb war, ist ja ge-
scheben. Icb bin beil herausgelangt und sitze neben ibr.
11 Eemarqae, W^taa
161
Und in der Kiicke steiit meine Sctwester und macht das
ABendbrot imd singt dazu.
„M€iii Keber Jimge*% sagt meine Mutter leise.
Wir sind nie selir zartlicb in der Familie gewesen, das
ist nicbt iiblicb bei armen Lenten, die viel arbeiten mlissen
iind Sorgen baben. Sie konnen das ancb nicbt so ver-
steben, sie beteuem nicbt gem etwas ofter, was sie obne-
bin wissen. Wenn meine Mutter zn mir „lieber Jioige‘‘
sagt, so ist das so viel, als wenn eine andere wer weiB was
anstellt. Icb weiB bestimmt, daB das Glas mit Preisel-
beeren das einzige ist seit Monaten nnd daB sie es anf-
bewabrt bat fiir micb, ebenso wie die scbon alt scbmecken-
den Keks, die sie mir jetzt gibt, Sie bat sicber bei einer
giinstigen Gelegenbeit einige erbalten nnd sie gleicb zti-
riickgelegt fiir micb.
Icb sitze an ibrem Bett, nnd dnrcb das Fenster funkeln
in Braun und Gold die Kastanien des gegeniiberliegenden
Wbrtsgartens. Icb atme langsam ein nnd aus nnd sage
mir: „Du bist zn Hanse, dn bist zn Hanse/^ Aber eine
Befangenbeit will nicbt von mir weicben, icb kann micb
nocb nicbt in alles bineinfinden. Da ist meine Mntter, da
ist meine Scbwester, da mein Scbmetterlingskasten nnd
da das Mabagoniklavier — aber icb bin nocb nicbt ganz
da. Es ist ein Scbleier nnd ein Scbritt dazwiscben.
Desbalb gebe icb jetzt, bole meinen Tomister ans Bett
und packe ans, was icb mitgebracbt babe: einen ganzen
Edamer Kase, den Kat mir besorgt bat, zwei KommiB-
162
brote, dreiTiertel Pfond Butter, zwei Biicbsen Leberwurst,
ein Pfond Sckmalz und ein Sackcheu Reis.
„Das konut ibr sicker gebraucken — ‘‘
Sie uickeu. „Hier ist es wokl scHeckt damit?‘‘ er-
kuudige ick mick.
„Ja, es gibt uickt viel. Habt ihr denn drauBen geuug?*^
Ick lackele imd zeige atif die mitgebrachteu Sacken.
,,So viel 3 a mux uickt imuier, aber es gekt dock eiuiger-
maBen-**
Erua briugt die Lebeusroittel fort, Meine Mutter uimmt
plStzlick keftig meine Hand xmd fragt stockend: „Var
es sehr scklimm drauBen, PaiLl?^*
Mutter, was soli ick dir darauf antworten! Du wirst
es uickt versteken und nie begreifen. Du soUst es auck nie
begreifen. War es scklimm, firagst du. — Du, Mutter. —
Ick sckiittele den Kopf und sage: „Nein, Mutter, uickt
so sekr. Wir sind ja mit vielen zusammen, da ist es uickt
so schlioim.^*
,,Ja, aber kiirzlick war Heinrick Bredemeyer hier, der
erzaklte, es ware jetzt furcktbar drauBen, mit dem Gas
und all dem andem/‘
Es ist meine Mutter, die das sagt. Sie sagt: mit dem
Gas und all dem andem. Sie weiB nicht, was sie sprickt,
sie kat nur Angst um mick. Soli ick ikr erzaklen, daB wir
einmal drei gegneriscke Graben fanden, die erstanrt waxen
in ihxer Haltung, wie vona Scblag getroffen? Auf den
Brustwebxen, in den Unterstanden, wo sie gerade waxen.
11 *
163
standen und lagen die Leute mit blanen Gesicbtern,
tot.
,,Acli, Mutter, was so geredet wird,‘‘ antworte ict,
„der Bredemeyer erzaHt nur so etwas daMn. Du sietsl
ja, ich bin lieil und dick —
An der zitternden Sorge meiner Mutter finde icli meine
Rulie wieder. Jetzt kann ich schon umliergelien und
sprecten und Rede stehen, ohne Furckt, micli plotzlicli
an die Wand lelmen zu miissen, wed die Welt weich. wird
wie Gummi und die Adem murbe wie Zunder.
Meine Mutter will aufstehen, ich gebe so lange in die
Kiicbe zu meiner Scbwester. „Was hat sie?*^ frage ich.
Sie zuckt die Achseln: ,,Sie liegt schon ein paar Monate,
wir soUten es dir aber nicht schreihen. Es sind mehrere
Axzte bei ihr gewesen. Einer sagte, es ware woW wieder
Krebs/‘
Ich gehe zum Bezirkskommando, umndch anzumelden.
Langsazn wandere ich durch die Strafien. Hier und da
spricht mich jemand an. Ich halte mich nicht lange anf,
derm ich will nicht so viel reden.
Als ich aus der Kaseme zuruckkomme, ruft mich eine
laute Stimme an. Ich drehe mich ganz in Gedanken,
und stehe einem Major gegenuber. Er fahrt mich an:
„K5imen Sie nicht gruBen?^‘
,,Entschuldigen Herr Major/* sage ich verwirrt, „ich
habe Sie nicht gesehen.**
164
Er mird noch laiiter : ^Konneu. Sie sicli auct niclit ver-
niinftig aiisdmckeii?‘‘
Ici. m5clite ilim ins Gesicht scHagen, beherrsclie naicE
aber, denn sonst ist mein TJrlanb liin, nehuae die KnocEen
znsammen tmd sage: „IcE habe Herm Major nicbt ge-
sehen/*
„Dai 2 ii passen Sie gefalligst aufP^ scbnanzt er. „Wie
beiBen Sie?‘^
Icb rapportiere.
Sein rotes, dickes Gesicbt ist immei nocb empdrt.
,,Trappenteil
Icb melde vorscbriftsm^ig. Er bat immer nocb nicbt
genng. „Wo liegen Sie?‘*
Aber icb babe jetzt genug und sage : „Zwischen Lange-
mark nnd Bixscboote/*
,,Wieso?^^ firagt er etwas verbliifFt.
Icb erklare ibm, daB icb vor einer Stunde anf Urlanb
gekommen sei, imd denke, daB er jetzt abtradebi wird.
Aber icb irre micb. Er wird sogar nocb wilder: „Das
konnte Ibnen wobl so passen, bier Frontsitten einznfiibren,
was? Das gibt’s nicbt! Hier bcrrscbt Gott sei Dank
Ordniing
Er kommandiert : ,,Zwanzig Scbritt zuriick, marscb,
marscbr^
In mir sitzt die dnmpfe Wnt. Aber icb kann nicbts
gegen ibn macben, er laBt micb sofort festnebmen, wenn
er win. So spritze icb znrnck, gebe vox nnd zncke secbs
165
Meter Yor ikm zu einem zackigen GmB zusammen, den
ich erst wegnelime, als let sects Meter Muter itm
bin.
Er m£t micli wieder heran imd gibt mir jetzt lentselig
bekannt, da6 er noeb einmal Gnade vor Recbt ergeben
lassen will. Icb zeige micb stramm dankbar. „Weg-
treten!‘^ konmiaiidiert er. Icb knalle die Wendnng nnd
ziebe ab.
Der Abend ist mir dadnreb verleidet. Ich macbe, daB
icb nacb Hanse komme, imd werfe die Uniform in die
Ecke, das batte ich sowieso vor. Dann bole ich meinen
Zivilanzng aus dem Schrank nnd ziebe ibn an.
Das ist mir ganz nngewobnt. Der Anziig sitzt ziemlich
kurz nnd knapp, icb bin beim KommiB gewacbsen.
Kjagen nnd Krawatte macben mir Scbwierigkeiten.
ScblieBlicb bindet mir meine Sebwester den Knoten. Wie
leiebt so ein Anzng ist, man bat das GefiiH, als w^e man
nnr in Unterhosen nnd Hemd.
Icb betraebte micb im Spiegel. Das ist ein sonderbarer
Anblick. Ein sonnenverbrannter, etwas ansgewacbsener
Konfirmand sieht micb da verwnndert an.
Meine Mntter ist frob, daB icb Zivilzeng trage; icb bin
ibr dadnreb vertrauter. Docb mein Vater batte lieber, daB
icb Uniform anzoge, er moebte so mit mir zn seinen Be-
kannten geben.
Aber icb weigere micb.
166
Es ist schon, still iigendwo zm sitzen, zum Beispiel in
dem Wirtsgaxten gegenliber iinter den Kastanien, nate
der KegelBalin. Die Blatter fallen anf den Tisck nnd anf
die Erde, wenige nnr, die ersten. Ich Babe ein Glas Bier
vor mix steben, das Trinken bat man beim Militax gelemt.
Das Glas ist halb geleert, icb babe also nocb einige gute,
tiible Scblucke vor mir, nnd aiiBerdem kann icb ein
z^’-eites imd ein drittes bestellen, wenn icb wilL Es gibt
keinen Appell imd kein Trommelfener, die Kinder des
Wirts spielen anf der Kegelbahn, nnd der Hnnd legt mw
seinen Kopf anf die Knie. Der Himmel ist Han, zwiscben
dem Lanb der Kastanien ragt der griine Tnrm der
Margaretenkircbe anf.
Das ist gnt, nnd icb Mebe es. Aber mit den Lenten kann
icb nicbt fertig werden. Die einzige, die nicbt fragt, ist
meine Mutter. Docb schon mit meinem Vater ist es anders.
Er mocbte, daB icb etwas erzahle von dranfien, er bat
Wtoscbe, die icb riibrend nnd dnmm finde, zn ibm scbon
babe icb kein recbtesVerbaltnis mehr. Am liebsten mocbte
er immerfort etwas bSren. Icb begreife, daB er nicbt weiB,
daB so etwas nicbt erzablt warden kann, nnd icb mocbte
ibm ancb gem den Gefallen tnn; aber es ist eine Gefahr
fiir micb, wenn icb diese Dinge in Worte bringe, icb babe
Scben, daB sie dann riesenhaft warden nnd sicb nicbt
mebr bewaltigen lassen. Wo blieben wir, wenn nns ailes
ganz klar wiirde, was da dranBen vorgebt.
So bescbranke icb micb darauf, ibm einige Instige
167
Sachen zn erzahlen. Er aber firagt mici, ob icb ancb einen
Nalikampf mitgemacbt batte. Icb sage nein and stebe aaf,
am aaszageben.
Dock das bessert nicbts. Nacbdem icb micb aaf der
StraBe ein paarmal erscbxeckt babe, weil das Qaietscben
der StraBenbabn sicb wie beranbeulende Granaten an-
bdrt, Mopft mir jemand auf die Scbtdter. Es ist mein
Deatscblehrer, der micb mit den iiblicben Fragen iiber-
fallt. „Na, wie stebt es draaBen. Farcbtbar, farcbtbar,
nicbt wabr? Ja, es ist schreckKcb, aber wir mussen eben
daxcbbalten. Und scHieBKcb, draxiBen babt ibr docb
wenigstens gate Verpflegung, wie icb gebort babe, Sie
seben gat aas, Paal, kraftig. Hier ist das natarUcb scblecb-
ter, ganz natiirlicb, ist ja aacb selbstverstandKcb, das
Beste immer far ansere Soldaten!‘‘
Er schleppt micb za einem Stammtiscb mit. Icb werde
groBartig empfangen, ein Direktor gibt mir die Hand and
sagt: „So, Sie kommen von der Front? Wie ist denn der
Geist dort? Vorziiglicb, vorzagKcb, was?^‘
Icb erHaxe, daB jeder gem nacb Haase mocbte.
Er lacbt drobnend: „Das glaabe icb! Aber erst miiBt
ibr den Franzmann verkloppen! Eaucben Sie? Hier,
stecken Sie sicb mal eine an. Ober, bringen Sie anserm
jangen Krieger aacb ein Bier.“
Leider babe icb die Zigarre genommen, desbalb maB
icb bleiben. Alle triefen nar so von Wohlwolien, dagegen
ist nicbts einzawenden. Trotzdem bin icb argerbcb and
168
quaime, so sclmell icK kann. Um wenigstens etivas zii tan,
stiixze ich. das Glas Bier in einem Znge binanter. Sofoxt
wird mir ein zweites bestellt; die Lente wissen, was sic
einem Soldaten sclraldig sind. Sie dispatieren dariiier,
was wir annektieren sollen. Der Direktor mit der eisemen
Ubrkette will am meisten haben: ganz Belgien, die Kob-
lengebiete Frankreichs und groBe Stiicke von RiiBland.
Er gibt genane Griinde an, weshalb wir das baben mtssen,
and ist iinbeugsam, bis die andem scblieBlicb nachgeben.
Damn beginnt er zu erlautem, wo in Frankreich der
Durcbbmcb einsetzen miisse, und wendet sicb zwiscben-
durch zu mir: ^Nun macbt mal ein biBcben vorwarts
da drauBen mit eurem ewigen Stellungskrieg. ScbmeiBt
die Kerle raus, dann gibt es aucb Fiieden.**
Icb antworte, daB nacb unserer Meinung ein Durcb-
brucb unmoglich sei. Die druben batten zuviel Reserven,
AuBerdem ware der Krieg docb anders, als man sicb das
so denke.
Er wehrt uberlegen ab und beweist mir, daB icb davon
nicbts verstebe. „Gewi6, der einzelne,‘‘ sagt er, „aber es
kommt docb au£ das Gesamte an. Und das konnen Sie
nicbt so beurteilen. Sie seben nur Ibren kleinen Abscbnitt
und baben desbalb keine Ubersicbt. Sie tun Bbxe Pflicbt,
Sie setzen Ihr Leben ein, das ist bocbster Ehren wert —
jeder von eucb miiBte das Eiseme Kreuz baben — , aber
vor allem muB die gegneriscbe Front in Flandem durcb-
brocben und dann von oben aufgerollt werden/^
169
Et sclma-oft imd wisctt sicli den Bart. „Vdllig aiif-
geroUt miiB sie werden, von oben ienmter. Und dann anf
Paris/"
Icb mochte wissen, wie er sick das vorstellt, nnd gieBe
das dxitte Bier in micb binein. Sofort l^t er ein nenes
bringen.
Aber icb brecbe anf. Er scbiebt mir nocb einige Zigarren
in die Tascbe nnd entlaBt micb mit einem freundscbaft-
licben Klaps. ,,Alles G-nte ! Hoffentlicb bdren wir nnn bald
etwas Ordentlicbes von eucb.""
*
Icb babe mir den Urlanb anders vorgestellt. Vor einem
Jahr war er ancb anders. Icb bin es wobl, der sicb in-
jzwischen geandert bat. Zwiscben beute nnd damals liegt
eine Kluft. Damals kannte icb den Krieg nocb nicbt^ wir
batten in rnhigeren Abscbnitten gelegen. Hente merke
icb, daB icb, ohne es zn wissen, zermiirbter geworden bin.
Icb finde micb bier nicbt mebr zurecbt, es ist eine fremde
Welt. Die einen firagen, die andem firagen nicbt, nnd man
siebt ibnen an, daB sie stolz daranf sind; oft sagen sie
es sogar nocb mit dieser Miene des Verstebens, daB
man dariiber nicbt reden konne. Sie bilden sicb etwas
daranf ein.
Am liebsten bin icb allein, da stort micb keiner. Denn
alle kommen stets anf dasselbe znrnck, wie scblecbt es
170
geiit tmd wie gut es geiit, der erne findet es so, der andere
so, immex sind sie aucli rascli bei den Dingen, die ihx
Dasein daxstellen, Icb babe fruber sicbei* genan so gelebt,
aber ich finde Jetzt keinen AnscblnB mehr daian.
Sie reden mir zu viel. Sie baben Sorgen, Ziele, Wlinscbe,
die icb nicbt so anjEfassen kann wie sie. Mancbmal sitase
icb mit einem von ihnen in dem kleinen Wirtsgarten xind
versucbe, ibm klarzumacben, daB dies eigentlicb schon
alles ist: so still zu sitzen. Sie versteben das natiirlich,
geben es zn, finden es aucb, aber nnr mit Vorten, miir mit
Worten, das ist es ja — ■ sie empfinden es, aber stets nnr
balb, ibr anderes Wesen ist bei anderen Dingem, sie sind
so verteilt, keiner empifindet es mit seinem ganzen teben;
icb kann ja selbst ancb nicbt recbt sagen, was icb
meine.
Wenn ich sie so sehe, in ihxen Zimmem, in ibren Biiros,
in ibren Benifen, dann ziebt das mich imwiderstehlicb an,
icb mocbte aucb darin sein nnd den Krieg vergessen;
aber es stoBt micb aucb gleicb wieder ab, es ist so eng, wie
kann das ein Leben ausfiillen, man soUte es zerscblagen,
wie kann das alles so sein, wMirend dranBen Jetzt die
Splitter iiber die Tricbter sansen nnd die Lencbtkngeln
bocbgeben, die Verwxindeten anf Zeltbabnen zuriick-
geschleift werden nnd die Kameraden sicb in die Graben
drncken ! — Es sind andere Menscben bier, Menscben, die
icb nicbt ricbtig begreife, die icb beneide nnd veracbte.
Icb mnB an£at nnd Albert nnd Midler nnd TJaden denken.
171
was mogen sie tnn? Sie sitzen vielleiclit in der Kantine
odex sie schwimmeii — bald miissen sie wieder nach vom*
♦
In meinein Zimmer steht binter dem Tiscb ein brannes
Ledexsofa. Icb setze naicb binein.
An den Wanden sind viele Bilder mit EeiB2iwecken
festgemacbt, die icb firiiber ans Zeitscbriften geschnitten
babe. Postkarten iind Zeicbntmgen dazwiscben, die mix
gefaflen baben. In der Ecke stebt ein kleiner eisemer Ofen.
An der Wand gegenuber das Regal mit meinen Biicbern.
In diesem Zimmer babe icb gelebt, bevor icb Soldat
wnxde. Die Biicbex babe icb nacb imd nacb gekanft von
dem Geld, das icb mit Stnndengeben verdiente. Viele da-
von antiqnariscb, alle Klassiker znm Beispiel, ein Band
kostete eine Mark iind zwanzig Pfennig, in steifem,
blanem Leinen. Icb babe sie vollstandig gekanft, denn icb
war gxiindEch, bei ansgewablten Werken trante icb den
Herausgebem nicbt, ob sie ancb das Beste genommen
batten. Desbalb kanfte icb nnr „Samtbcbe Wexke^‘. G^-
lescn babe icb sie mit ebriicbem Eifer, aber die meisten
sagten mix nicbt recbt zn. Um so mebr Melt icb von den
andem Biicbern, den modemeren, die natnrbcb ancb viel
tenxer waxen. Einige davon babe icb nicbt ganz ebxlicb
erworben, icb babe sie ansgelieben nnd nicbt znriick-
gegeben, wed icb micb von ibnen nicbt trennen mocbte.
Ein Facb des Regals ist mit Scbnlbncbem gefiillt. Sie
172
sind wenig gesdiont imd stark zerlesen, Seiten sind lier-
ansgerissen, man weiB ja w’ofiir, Und nnteji sind Hefte,
Papier nnd Briefe Mngepackt, Zeidmimgen imd Versnclie.
Ick will micli idneindenken in die Zeit damals. Sie ist
ja nocli im Zunnier, ick fiihle es sofort, die Wande kaben.
sie bewahrt. Meine Hande liegen auf der Sofalekne ;
jetzt macke ick es mir faequem nnd zieke atick die Beine
kock, so sitze ick gemiitlich in der Ecke, in den Armen des
Sofas. Das Meine Fenster ist geoflfnet, es zeigt das ver-
traiite Bild der StraBe mit dem ragenden Kircktiiria aTn
Ende. Ein paar Blumen steken anf dem Tisck. Feder-
halter, Bleistifte, eine Mnsckel als Briefkesckwerer, das
TintenfaB — kier ist nichts verandert.
So wird es anck sein, wenn ick Gliick kabe, wenn der
Krieg aus ist und ick wiederkomme fiir immer. Ick werde
ebenso kier sitzen imd mein Zimmer anseken und warten.
Ick bin aufgeregt; aber ick mockte es nickt sein, denn
das ist nickt ricktig, Ick will wieder diese stiUe Hin-
gerissenheit, das Gefiikl dieses keftigen, unbenennfaaren
Dranges verspiiren, wie firiiker, wenn ick vor meine Bucker
trat. Der Wind der Wiinscke, der aus den bimten Biicker-
riicken anfstieg, soil mick wieder erfassen, er soil den sckwe-
ren, toten Bleiblock, der irgendwo in mir liegt, sckmelzen
und mir wieder die Ungednld der Znkunft:, die besckwingte
Frende an der Welt der Gcdanken wecken; — er soil mi-r
das verlorene Bereitsein meiner Jngend zuruckbringen.
Ick sitze und warte.
173
Mir fallt eia, dafi ick zn Kemmericlis Mutter gehen
nniB; — Mittelstaedt konute ick aucli besuclieia, er muB
in der Kaseme sein. Icli sehe ans dem Fenster: — Muter
dem besonnten StraBeniild taucht verwasckeii und leicht
ein Hiigelziig aiif, verwandelt sick zu einein kellen Tag
im Herlbst, wo ich am Feuer sitze tmd mit Kat tmd Albert
gebratene Kartoffeln ans der Scbale esse.
Dock daran will ick nickt denken, ich wiscke es fort.
Das Zimmer soli sprecken, es soil mick einfangen imd tra-
gen, ick will fuklen, daB ick Merkergekore, and korcken,
damit ick weiB, wenn ick wieder an die Front geke : Der
Krieg versinkt and ertrinkt, wenn die Welle der Heim-
kekr kommt, er ist voriiber, er zerfiriBt uns nickt, er kat
keine andere Mackt iiber ans als nax die auBere !
Die Biickerdicken steken nebeneinander. Ick kenne sie
nock and erinnere mick, wie ick sie geordnet kabe. Ick
bitte sie mit meinen Angen: Spreckt zn mir, — nekmt
mick anf — nimm mick anf, da Leben von fruker, — dn
sorgloses, sckones — niimn mick wieder auf —
Ick warte, ick warte.
Bilder zieken voraber, sie kaken nickt fest, es sind nar
Sckatten nnd Erinnerangen.
Nickts — nickts.
Meine Unrake wackst.
Ein forckterlickes GefuH der Fremde steigt plotzlick
in mir hock, Ick kann nickt zarackfinden, ick bin aas-
geschlosscn; so sehr ick anck kitte and mick anstrenge,
174
nichts bewegt sicli, teilnalimslos und traurig sitze ick wie
ein Venirteilter da, iind die Vergangenheit wendet sich
ab. C-leicbzeitig spiire icb Farcbt, sie zii sebr za be«
scbwSren, weil icb nicbt weiB, was darni alles geseheben
kSnnte. Icb bin ein Soldat, daran miiB icb micb balten*
Miide stebe icb auf iind scbaue ans dem Fenster. Dann
nebme icb eines der Biicber nnd blattexe daxia, ran zn iesen.
Aber icb stelle es weg raa.d nebme ein anderes. Es sind
Stellen daxin, die angestricben sind. Icb sncbe, blittere,
nebme nene Biicber. Scbon liegt ein Pack neben mix.
Andexe kommen dazn, bastiger — Blatter, Hefte, Briefe.
Stnmm stebe icb davor. Wie vox einem Gexicbt.
Mutlos.
Worte, Woxte, Worte — sie exreicben micb nicbt.
Langsam stelle icb die Biicber wieder in die Liicken.
Vorbei.
Still gebe icb ans dem Zimmer.
Nocb gebe icb es nicbt anf. Mein Zimmer betrete icb
zwar nicbt mebr, aber icb trSste micb damit, da6 einige
Tage nocb nicbt ein Ende zn sein braucben. Icb babe
nacbber — spater — Jabre dafiir Zeit. Vorlanfig gebe icb
zn Mittelstaedt in die Kaseme, imd wir sitzen in seiner
Stnbe, da ist eine Lnft, die icb nicbt liebe, an die icb aber
gewdhnt bin.
Mittelstaedt bat eine Nenigkeit parat, die micb sofort
175
elektrisiert. Er erzaHt mir, daB Kantorek emgezogen
wordea sei als Landstiirminanii. „Stell dir sagt er
uad holt eia paar gate Zigarren heraus, „icli komme aas
dem Lazarett Meriier aad falle gleich aher iha. Er streckt
aiir seine Pfote eatgegen and qaakt: ,Sieli da, Mittel-
staedt, wie geht es denn?* — Ich selie ikn groB an and
antworte: ,Landstarmmann Kantorek, Dienst ist Dienst
and Schnaps ist Schnaps, das sollten Sie selbst am besten
wissen. Nehinen Sie Haltang an, wenn Sie mit einem Vor-
gesetzten reden.^ — Da hattest sein Gesicht sehen
massen I Eine Kreazang aas Essiggarke and Blindganger.
Zdgemd versachte er nock einmal, sick anzubiedem. Da
scknaazte ick etwas scharfer. Nan fahxte er seine starkste
Batterie ins Gefeckt and firagte vertraulick: ,Soll ick
Iknen vermitteln, daB Sie Notexamen macken?* Er
wollte mick erinnem, verstekst da. Da packte mick die
Wat, and ick erinnerte ikn auck. ,Landstarmmann Kan-
torek, vor zwei Jahren kaben Sie ans zam Bezirks-
kommando gepredigt; daranter aack den Joseph Bekm,
der eigentlick nickt woUte. Er fiel drei Monate bevor er
emgezogen worden w^e. Okne Sie katte er so lange ge-
wartet. Und jetzt: Wegtreten. Wir sprecken ans nockJ —
Es war mir leickt, seiner Kompagnie zageteilt za werden.
Als erstes nakm ick ikn mit zar Kammer and sorgte far
eine kiibscke Aasriistang. Da wirst ikn gleick sehenJ^
Wir geken aaf den Hof. Die Kompagnie ist angetreten.
BCttelstaedt laBt rakren and besichtigt.
176
Da erblicke ich Kantorek imd muB das Lachen ver-
beiBen. Er tragt eme Art ScboBrock aas verblicbfenem
Blaa. Auf dem Riicken iind an den Anneln sind grofie
dnnkle Flicken eingesetzt. Der Rock innB einem Riesen
gebdrt baben. Um so kiirzer ist die abgewetzte scbwarze
Hose; sie reicbt bis znr halben Wade. Dafiir sind aber die
Scbnbe sehx geranmig, eisenbarte, nralte Treter, mit hocb-
gebogenen Spitzen, nocb an den Seiten zn scbnliren. Als
Ansgleich ist die Miitze wieder zu Mein, ein furcbtbar
drecMges, elendes Kratzcben. Der Gesamteindxuck ist
erbarmiingswiirdig.
Mittelstaedt bleibt steben vox ibm: ,,Landstimnmanii
Kantorek, ist das Knopfputz? Sie scbeinen es nie zu ler-
nen. Ungeniigend, Kantorek, nngeniigend —
Icb briille innerlicb vor Vergniigen. G^nau so bat Kan-
torek in der Scbule Mittelstaedt getadelt, mit demselben
Tonfall: „Ungenugend, Mittelstaedt, nngeniigend —
Mittelstaedt mifibilbgt weiter: „Seben Sie sicb mal
Boettcher an, der ist vorbildlicb, von dem kSnnen Sie
lemen/*
Icb trane meinen Angen kaum. Boettcher ist ja aucb
da, Boettcher, nnser Scbnlportier. Und der ist vorbildlicb !
Kantorek scbieBt mir einen Blick zu, als ob er micb firessen
mochte. Icb aber grinse ibm nur barmlos in die Visage,
so, als ob icb ihn gar nicbt weiter fcenne.
Wie blodsinnig er anssiebt mit seinem Kratzcben and
seiner Uniform! Und vor so was hat man fruber eine
12 Kemariiue, Weetea
177
Heidenangst gehaBt, wenn es aiif dem Katteder tkronte
nnd einen mit dem Bleistift aufspiefite bei den nnregel-
maBigen franzosiscben Verben, mit denen man nacbier
in Frantreich dock nichts anfangen konnte. Es ist nocb
kamn zwei Jabre ber ; nnd jetzt stebt bier der Land-
stnrmmann Kantorek, jab entzanbert, mit kmmmen
Knien nnd Armen wie Topfbenkeba, mit schlecbtem
Knopfpntz und in lacberlicber Haltnng, ein nnmdglicher
Soldat. Icb kann ibn mir nicbt mebr znsammenreimen
mit dem drobenden Bilde anf dem Katbeder, nnd icb
mocbte wirkKcb gern mal wissen, was icb macben werde,
wenn dieser Jammerpelz mich alten Soldaten jemals
wieder fragen darf: „Bamner, nennen Sie das Imparfait
von afler — ‘‘
Vorlanfig l^t Mittelstaedt etwas Scbwarmen iiben.
Kantorek wird dabei woblwollend von ibm zum Gmppen-
fiibrer bestimmt.
Damit bat es eine besondere Bewandtnis. Der Gmp-
penfiibrer miiB beim Scbwarmen namlicb stets zwanzig
Schritt vor seiner Gmppe sein; — kommandiert man nim:
Kebrt — marscb!, so macbt die Schwarmlinie nnr die
Wendung, der Gruppenfiibrer jedocb, der dadurcb plotz-
licb zwan2dg Scbritt binter der Linie ist, mnfi im Galopp
vorstnrzen, nm wieder seine zwanzig Scbritt vor die
Gmppe zn kommen. Das sind zusammen vierzig Scbritt
Marscb, marseb. Kanm ist er aber angelangt, so wird
einfkcb wieder Kebrt — marscb t befohlen, nnd er mnB
178
eiligst wieder ^derzig Sckritt nacli der andem Seite rasen,
Auf dxese Weise macM die Gmppe nur gemMlicli immer
eine Wendimg iind ein paar Sciiritte, walrrend der Gmp-
penfiiiirer Bin nnd Ber saust wie ein Furz anf der Gardinen-
stange. Das Gauze ist eines der vielen proBaten Rezepte
von HimmelstoB.
Kantorek kann von Mittelstaedt nicBts anderes ver-
langen, denn er Bat iBm eiamal eineVersetznng vermnrkst,
nnd Mittelstaedt w^e scBon diinun, diese gate Gelegen-
Beit nicBt ansznnntzen, bevor er wieder ins Feld komint,
Man stixbt docB vielleicBt etwas leicBter, wenn der Kom-
mi£ einem ancB einmal solcB eine Chance geboten Bat.
Einstweilen spritzt Kantorek Bin und her wie ein
anfgescBencBtes WildscBwein. NacB einiger Zeit laBt
Mittelstaedt anfhoren, nnd nnn beginnt die so wicBtige
tlBnng des KriecBens. Anf Knien nnd ElleiiBogen, die
Knarre vorscBriftsmaBig gefafit, scBiebt Kantorek seine
PracBtfigur dnxch den Sand, dicht an nns vorbei. Er
scBnauft kraftig, und sein ScBnanfen ist Mr^ik,
Mittelstaedt ermiintert ihn, indem er den Landstnrm-
mann Kantorek mit Zitaten des Oberlebxers Kantorek
trostet. „Landstnnnmann Kantorek, wir Baben das
Gliick, in einer groBen Zeit zu leben, da miissen wir alle
nns znsammenreiBen nnd ancB einmal das Bittere iiber-
winden.‘‘
Kantorek spnckt ein scBmutziges Stiick Holz ans, das
Ihm zwiscBen die ZaBne gekommen ist, nnd scBwitzt.
Mittelstaedt beugt sich. iiieder, beschworend eindriiig-
licb: „Und iiber Klemigkeiten niemals das grofie EriebBis
vergessen, Landstrammaim Kaiitorekr^
Micb wmidert, daB Kantorek nicbt mit emem Knall
zerplatzt, besonders, da jetzt die Tiimstmide folgt^ in
der Mittelstaedt ibn grofiaxtig kopiert, indem er ibin
in den Hosenboden fa6t beim Klimmzng am Qnerbanm,
damit er das Kinn stramm iiber die Stange bringen kami,
tmd dazn von weisen Reden nnr so trieft. Genan so hat
Kantorek es firiiher mit ihin gemacht.
Danach wird der weitere Dienst verteilt. ,,Kantorek
und Boettcher zum KommiBbrot holen ! Nehmen Sie den
Handwagen mit/‘
Ein. paar Minnten spMer geht das Paar mit dem Hand-
wagen los, Kantorek h^t wiitend den Kopf gesenkt. Der
Portier ist stolz, weil er leichten Dienst hat.
Die Brotfabrik ist am andem Ende der Stadt. Beide
miissen also hin und znriick durch die ganze Stadt.
,jDas machen sie schon ein paar Tage“, grinst Mitteh
staedt. „Es gibt bereits Lente, die darauf waxten, sie zu
sehen.‘*
„Grofiartig/‘ sage ich, ,,aber hat er sich noch nicht be-
schwert?^^
„V exsncht ! Unser Kommandeux hat foxchtbax gelacht,
als er die Geschichte gehort hat. Er kann keine Schul-
meister leiden. AnBerdem ponssiere ich mit seiner
Tochter.*^
180
,,Er wird dir das Examen versauen/^
„Daraiif pfeife meint Mittelstaedt gelassen.
,,S€i!ie Bescliwerde ist aiiBerdem zwecMos gewesen, well
ich. bewcisen konnte, daB er meistens leichten. Dienst tat,**
„Koiiiitest dll ikn mcbt mal ganz groB scHeifea?*®
firage ich.
„Dazii ist er mir za damlich‘% antwortet Mittelstaedt
erhaben imd groBziigig.
Was ist der Urlaub? — Ein Schwanken, das allcs nach-
her niir noch viel sch'werer zaacht. Schon jetzt mischt sich
der Abschied hinem. Meine Mutter sieht mich schweigend
an; — sie zahlt die Tage, ich weiB es; — Jeden Morgen
ist sie traurig. Es ist schon wieder ein Tag weniger. Meinen
Tomister hat sie weggepackt, sie will durch ihn nicht er-
innert werden.
Die Stunden laufen schnell, wenn man grubelt. Ich
rafiPe imch auf und hegieite meine Schwester. Sie geht
zum Schlachthof, um einige Pfimd Knochen zu holen.
Das ist eine groBe Vergunstigxmg, und morgens schon
stellen sich die Leute hin, um darauf anzustehen. Manche
werden ohnmachtig.
Wir hahen teiu Gliick. Nachdem wir drei Stunden ab-
wechselnd gewartet haben, Idst sich die Reihe auf. Die
Emochen sind zu Ende.
Es ist gut, daB ich meine Verpflegung exhalte. Davon
181
bringe icb meiner Mntter mit, tmd wir haben so alle etwas
kraftigeres Essen.
limner scbwerer werden die Tage, die Angen meiner
Mutter immer traimger. Nocb vier Tage. Icb mnB zn
Kemmericbs Mutter geben.
*
Man kann das niclit niederscbreiben. Diese bebende,
scblncbzende Fran, die micb scbnttelt nnd micb anscLreit:
„Wesbalb lebst dn denn, wenn er tot ist!*% die micb mit
Tranen iiberstromt und nift: : „Wesbalb seid ibr iiberbanpt
da. Kinder, wie ibr — die in einen Stnbl sinkt und weint :
„Hast dn ibn geseben? Hast dn ibn nocb geseben? Wie
starb er?^'^
Icb sage ibr, dafi er einen ScbnB ins Herz erbalten bat
nnd gleicb tot war. Sie siebt micb an, sie zweifelt: „Du
liigst. Icb weiB es besser. Icb babe gefiihlt, wie scbwer er
gestorben ist. Icb babe seine Stimme gebort, seine Angst
babe icb nacbts gespiirt, — sag die Wabrbeit, icb will es
wissen, icb muB es wissen.‘‘
,,Nem,‘* sage icb, „icb war neben ibm. Er war sofort
tot.^"
Sie bittet micb leise: „Sag es mir. Dn mnfit es.
Icb weiB, dn willst micb damit trosten, aber siebst dn
nicbt, daB dn micb scblimmer qnalst, als wenn dn die
Wabrbeit sagst? Icb kann die UngewiBbeit nicbt ertragen,
sag mir, we es war, nnd wenn es nocb so fnrcbtbar ist.
182
Es ist iminer nocli besser, als was ich sonst denien
Icli werde es nie sagen, elier kann sie ans mir Hack-
fleisch. maciieii. Icli bemitleide sie, aber sie konunt mir
aiicb eia wenig dmnm vor* Sie soli sich doct rofriedeii
geben, Kem m erich. bleibt tot, ob sie es weiJJ oder nicht.
Wenn man so viele Tote geseben bat, kann man so idel
Scbmerz nm einen einzigen nicbt mehr recht begreifen*
So sage icb etwas nngednldig; „Er war sofort tot. Er hat
es gar nicbt gefiihlt. Sein G^sicbt war ganz rnbig/*
Sie scbweigt. Dann fragt sie langsam: „Kaniist dn das
bescbworen?"*
,Ja/^
„Bei allem, was dir beilig ist?‘*
Acb Gott, was ist mir scbon beilig; — so was wechselt
ja schnell bei uns.
„Ja, er war sofort tot/*
,,'Willst du selbst nicbt wiederkommen, wenn es nicbt
wabr ist?**
„Icb will nicbt wiederkommen, wenn er nicbt sofort
tot war.**
Icb wiirde nocb wer weiB was anf micb nebmen. Aber
sie scbeint mir zn glauben. Sie stobnt nnd weint lange.
Icb soli erzablen, wie es war, nnd erfinde eine G^schicbte,
an die icb jetzt beinabe selbst glanbe.
Als icb gebe, kiiQt sie micb und scbenkt mir ein Bild
von ibm. Er lebnt darauf in seiner Rekratemmiform an
183
einem randen Tisct, dessen Beine aus ungesclialteii Birken-
asten besteken. DaMnter ist ein Wald gemalt als Kulisse.
Anf dem Tisck stekt ein Bierseidel.
Es ist der letzte Abend zu Hause. AUe sind sckweigsam.
Ick geke firuk zu Bett, ick fasse die Kissen an, ick drucke
sie an mich und lege den Kopf hinein. Wer weiB, ob ick
je wieder so in einem Federbett liegen wexde !
Meine Mutter kommt spat nock in mein Zimmer. Sie
glaubt, daB ick scklafe, und ick steUe ndck auck so.
Zu sprecken, wack miteinander zu sein, ist zu sckwer.
Sie sitzt fast bis zum Morgen, obsckon sie Sckmerzen
kat und sick manchmal krfimint. Endlick kann ick es
nickt mekr auskalten, ick tue, als erwackte ick.
„Gek scklafen. Mutter, du erkaltest dick kier.^‘
Sie sagt: „Scklafen kann ick nock genug spater.^*
Ick rickte mick auf. ,,Es gekt ja nickt sofort ins Feld,
Mutter. Ick muB dock erst vier Wocken ins Baracken-
lager. Von dort komme ick vielleickt einen Sonntag nock
keriiber.**
Sie sckweigt. Dann fragt sie leise: „Furcktest du dick
sekr?^^
„Nem, Mutter.*‘
,,Ick wollte dir nock sagen: Nimm dick vor den Frauen
in ackt in Frankreick. Sie sind sckleckt dort.‘‘
Ack Mutter, Mutter! Fiir dick bin ick ein land, —
184
wamm kann ich mclit den Kopf in deinen SctoB legen
imd weinen? Waram mnB icti immer der Starkere nnd
der GefaBtere sein, ich mockte docli aticli einmal ■weinen
nnd getrostet werden, ich bin dock wirklieb nicbt viel
melix als ein Kind, im Scbrank htngen nocb meine knrzen
Knabenbosen, — es ist doch erst so wenig Zeit her, waram
ist es denn vorbei?
So nibig ich kann, sage ich: „Wo wir liegen, da sind
keine Franen, Mutter/*
,,Und sei recht vorsichtig dort im Felde, Paul/*
Ach Mutter, Mutter! Warmn nebme icb diet nicbt in
meine Axme und wir sterben. Was sind wir dock fiir arme
Htmde!
„ Ja, Mutter, das will ick sein/*
„Ick werde jeden Tag for dick beten, Paul/*
Ach Mutter, Mutter ! LaB uns aufsteken und fortgehen,
zuriick durch die Jakre, bis all dies Elend nickt mekr auf
uns liegt, zuruck zu dir und mir aUein, Mutter!
„Vielleickt kannst du einen Posten bekommen, der
nickt so gefakrlick ist/*
,,Ja, Mutter, vielleickt korome ick in die Kucke, Am
kann wohl sein/*
,,Ni.inm, ikn ja an, wenn die andem auck reden — ^**
„Darum kummere ick mick nickt, Mutter — ^**
Sie seufzt. Ihr Gesickt ist ein weiBer Sekein im
Dunkel.
,,Nun muBt du scklafen geken. Mutter/*
185
Sie amtwortet niclit. Icli stehe anf imd lege ilir meme
Decke fiber die Scknltem. Sie stutzt sick amf meinen Arm,
sie hat Schmerzen, So bringe ich sie hmiiber. Eine Welle
bleihe ich noch bei ihr. „Dti miiBt mm anch gesnnd
werden. Mutter, bis ich wiederhomiae.*^
„Ja, ja, mein Kind/*
„Ihr diirft mir nicht enre Sachen schicken. Mutter, Wir
haben drauBen gemig zn essen, Ihr honnt es bier besser
branchen/*
Wie arm sie in ihxem Bette liegt, sie, die mich liebt,
mehr als aUes. Als ich schon gehen 'will, sagt sie hastig:
„Ich babe dir noch 2 rwei Unterhosen hesorgt. Es ist gate
Wolle. Sie wexden warmhalten, Du moBt nicht vergessen,
sie dir einzupacken/*
Ach Matter, ich weiB, was dich diese beiden Unter-
hosen gekostet haben an Herumstehen and Laafen and
Betteln ! Ach Matter, Matter, 'wie kann man es begreifen,
da6 ich weg mu6 von dir, wer hat denn anders ein Recht
anf mich als da. Noch sitze ich bier, and da liegst dort,
"wir miissen ans so vieles sagen, aber wir werden es nie
kSnnen,
„Gate Nacht, Matter/*
„Gate Nacht, mein Kind/*
Das Zimm er ist donkeL Der Atem meiner Mutter geht
darin Mn and her. Dazwischen tickt die Uhr. DrauBen
vox den Fenstem weht es. Die Kastanien rauschen.
Auf dem Voiplatz stolpere ich fiber meinen Tomister,
186
der fertig gepackt daliegt, weil ich morgen sehir firiih
fort mis6.
let beiBe in zaeine Kissen, icb krampfe die Fanste nm
die Eisenstabe meines Bettes. Icb batte nie Merberkom-
meii diixfen. Icb war gleichgiiltig iind oft bofiirangslos
dranBen; — icb werde es nie mebr so sein konnen. Icb war
ein Soldat, nnd nnn bin icb niebts noiehr als Sebmerz mm
micb, nm meine Mutter, mn alles, was so trostlos nnd ohne
Ende ist.
Icb batte nie anf Urlanb fabren diirfen.
VIII
D ie Baracken im Heidelager kenne ich nock. Hier
kat Himmelstofi Tjaden erzogen. Sonst aber kenne
ick kaixm Jemand kier; alles kat geweckselt, wie immer.
Nnr einige der Lente kabe ick firuker fliicktig geseken.
Den Dienst macke ick meckanisck. Abends bin ick fast
stets im Soldatenkeim, da liegen Zeitsckriften ans, die ick
abex nickt lese ; es stekt jedock ein Klavier da, anf dem ick
gem spieie. Zwei Madcken bedienen, eins davon ist jung.
Das Lager ist von kohen Draktzaxmen nmgeben. Wenn
wir spat ans dem Soldatenkeim kommen, miissen -wir
Passiersckeine haben. Wer sick mit dem Posten verstekt,
krieckt natiirlick anck so dnrck.
Zwiscken Wackolderbiiscken und Birkenw^dem iiben
wir jeden Tag Kompagnieexerzieren in der Heide. Es ist
ZTi ertragen, wenn man nickt mehr verlangt. Man xennt
vorwaxts, wirft sick kin, nnd der Atem biegt die Stengel
nnd BMten der Heide kin nnd ker. Der Hare Sand ist, so
dickt am Boden geseken, rein wie in einem Laboratorinm^
ans vielen Heinsten Kiesein gebildet. Es ist seltsam ver«
lockend, die Hand hineinzngraben.
Aker das sckonste sind die Walder mit ikren Birken-
rtodem. Sie weckseln jeden Angenblick die Farbe. Jetzt
188
leucliteii die Sti-none im hellsten WeiB, und seidig iind
liiftig schwebt zwiscben ibnen das pastellbafte Grtin des
Laiibes; — im nacbsten Moment wecbselt aJles zn einena
opalenen Blau, das silbrig vom Rande ber streicht imd
das Griin forttnpft; — aber sogleicb vertieft es sich an
einer Stelle fast zn Scbwarz, wenn eine Wolke iiber die
Sonne gebt. Und dieser Scbatten l§nft: wie ein Gespenst
zwiscben den man fahlen Stammen entlang, weiter libex
die Heide znm Horizont, — inzwiscben steben die Birken
scbon wie festlicbe Fabnen mit weiBen Stangen vor dem
rotgoldenen Geloder ibres sicb f^benden Laubes.
Icb verliere micb oft an dieses Spiel zaxtester licbter nnd
durcbsicbtiger Scbatten, so sebr, daB icb fast die Kom*
mandos uberb5re; — ■ wenn man allein ist, beginnt man
die Natur zn beobacbten nnd zn lieben. Und icb babe
bier nicbt viel AnscblnB, wnnscbe ibn ancb nicht iiber
das normale MaB hinans. Man ist zn wenig miteinander
bekannt, um mebr zn tim, als etwas zn qnatscben nnd
abends Siebzebn-nnd-vier zn spielen oder zn manscbeln.
Neben nnsem Baracken befindet sich das groBe
Rnssenlager. Es ist von nns zwar dnrcb Drabtwande ge-
trennt, trotzdem gelingt es den Gefangenen docb, zn
nns beriiberznkommen. Sie geben sicb sebr scben nnd
angstlich, dabei baben sie meistens Barte nnd sind groB;
dadnrcb wirken sie wie verpriigelte, demntige Bembaidiner .
Sie sebleicben nm nnsere Baracken nnd revidieren die
Abfalltonnen. Man muB sicb vorstellen, was sic da finden.
189
Die Kost ist bei uns sdion knapp und vor allem scMeelit,
es gibt Steckriibeii, in seciis Teile geschnitten imd in
Wasser gekociit, MolmM^enstriiiike, die nock sclimiitzig
sind; fleckige Kartoffeln sind groBe Leckerbissen, nnd
das Hoctste ist diinne Reissnppe, in der kleingeschnittene
Rindfieiscliselmen schwimmen soUen. Aier sie sind so
fclein gescbnitten, daB sie nickt mekr zn finden sind-
Trotzdem wird natiirKcli alles gegessen. Wenn wirldicli
einer mal so reick ist, nickt leerfnttem zn brancken,
steken zekn andere da, die es ikm gem abnekmen. Nnr die
Reste, die der Loffel nickt mekr erxeickt, warden ans-
gespiilt nnd in die Abfalltonnen gesckuttet. Dazn koinmen
dann manckmal einige Steckriibensckalen, verscbim-
melte Brotrinden nnd allerlei Dreck.
Dieses diinne, trube, schmntzige Wasser ist das Ziel
der Gefangenen. Sie sckopfen es gierig ans den stinkenden
Tonnen imd tragen es unter ikren Blnsen fort,
Es ist sonderbar, diese nnsere Feinde so nake zn seken.
Sie kaben Gesichter, die nackdenHick macken, gnte
Banemgesickter, breite Stimen, breite Nasen, breite Lip-
pen, breite Hande, wolliges Haar. Man iniiBte sie znm
Pfliigen nnd Maken nnd Apfelpfliicken verwenden. Sie
seken nock gntmiitiger ans als nnsere Banem in Friesland.
Es ist tranrig, ibre Bewegungen, ibr Betteln nm etwas
Essen zn seken. Sie sind aHe ziemlich sckwack, denn sie
exkalten gerade so viel, daB sie nickt verknngem, Wir selbst
bekommen Ja langst nickt sattznessen. Sie kaben Rnkr,
190
mit angstliclien BEcken zeigen maacte verstoHen Elatige
Hemdzipfel Eeraas. Hire Riicken, lEre Nackea siad ge-
bnimmt, die Kiiie geknickt, der Kop£ bHckt scMef von
iinten teranf, wenn sie die Hand ansstrecken tind mit den
wenigen Worten, die sie kennen, betteEa, — betteln mit
diesen weicEen, leisen Bassen, die me waxme Ofen and
Heimatstuben sind.
Es gibt Leute, die iEnen einen Tritt gcben, daB sie tun-
fallen; — aber das sind nnr wenige. Die meisten tun iEnen
nicEts, sie geEen an iEnen vorbei. Mitunter, wenn sie seEr
elend sind allerdings, gerat man daruber in Wnt and ver-
setzt iEnen dann einen Tritt. Wenn sie einen nur nicEt so
anseEen woUten, — was fiir ein Jammer in zwei so kleinen
Flecken sitzen kann, die man mit dem Daumen scEon zn-
halten kann: in den Augen.
Abends kommen sie in die Baracken und Eandeln. Sie
tanscEen alles, was sie Eaben, gegen Brot ein. Es gelingt
ihnen mancEmal, derm sie Eaben gate Stiefel, unsere aber
sind schlecEt. Das Leder iErer EoEen ScEaftstiefel ist
wonderbax weicE, wie JncEten. Die Bauemsohne bei nns,
die von zu Hanse Fettigkeiten gescEickt erEalten^ kdnnen
sie sicE leisten. Der Preis fiir ein Paar Stiefel ist nngefiEr
zwei bis drei KommiBbrote oder ein KommiBbrot and
eine Heinere harte Mettwurst.
Aber fast alle Russen Eaben Itngst die SacEen abge-
geben, die sie batten. Sie tragen nnr nocE erbIxmEcEes
Zeng und vexsncEen kleine ScEnitzereien undGegenstlnde,
191
die sie aus Granatsplittem iind Stiicken tou kupfemeB
Fiiliniiigsriiigeii gcmaclit haben, zu taiisdien. Diese Sa«
chen bringen natiirlicli niclit viel ein, wenn sie ancb aller-
haiid Millie gemaclit haben, — sie geben fiir ein paar
Scbeiben Brot bereits weg. Unsere Bauem sind zabe nnd
schlan, wenn sie bandebi. Sie balten dem Rtissen das Stiick
Brot oder Wnrst so lange dicbt iinter die Nase, bis er vor
Gier blaB wird nnd die Augen verdrebt, dann ist ibm alles
egal. Sie aber verpacken ibre Beute mit all der Umstand-
licbkeit, deren sie fabig sind, bolen ibr dickes Tascben-
messer berans, scbneiden langsam nnd bedacbtig fur sicb
selber einen Ranfcen Brot von ibrem Vorrat ab nnd dazn
bei jedem Happen ein Stiick von der barten gnten Wnrst
nnd fnttem, sicb znr Belobnnng. Es ist anJGreizend, sie so
vespem zu seben, man mocbte ibnen anf die dicken Scba-
del trommeln. Sie geben selten etwas ab. Man kennt sicb
ja ancb zu wenig.
Icb bin ofter anf Wacbe bei den Rnssen. In der Dnnkel-
beit siebt man ibre G^stalten sicb bewegen, wie kranke
StSrcbe, wie groBe Vogel. Sie kommen dicbt an das Gitter
beran nnd legen ibre Gosicbter dagegen, die Finger sind
in die Mascben gekrallt. Oft steben viele nebeneinander.
So atmen sie den Wind, der von der Heide nnd den
Waldem herkommt.
Selten sprecben sie, nnd dann nnr wenige Worte. Sie
192
sind menschliclaer iind, ich mdclite fast glaiihen, briider-
licber zueinaiider als wir bier. Aber das ist vieleicbt nur
desbalb, weil sie sicb angliicklicber fiiblen als wir. Dabei
ist ffir sie docb der Krieg zu Ende, Doch atif die Rnbr zn
warten, ist ja ancb kein Leben.
Die Landstarioleute, die sie bewacben, erzableii, daB
sie anfangs lebbafter waren. Sie batten, wie das immer
ist, Verbaltnisse nntereinander, inid es soil oft mitFansten
nnd Messem dabei zngegangen sein. Jetzt sind sie scbon
ganz stnmpf nnd gleicbgiiltig, die meisten onanieren nicbt
einmal mehr, so scbwacb sind sie, obscbon es doch damit
sonst oft so schlinini ist, daB sie es sogar barackenweisetnn.
Sie steben am Gitter; mancbmal schwankt einer fort,
dann ist bald ein anderer an seiner Stelle in der Reibe.
Die meisten sind still; nnr einzelne betteln nm das Mnnd-
stiick einer ausgeraucbten Zigarette.
Ich sebe ihxe dimklen Gestalten. Ibre Barte weben
Winde. Icb weiB nicbts von ihnen, als daB sie Gefangene
sind, und gerade das erscbnttert mich. Ibr Leben ist
namenlos nnd obne Scbnld; — wiifite icb mebr von ibnen,
wie sie beiBen, wie sie leben, was sie erwarten, was sie
bedriickt, so batte meine Erscbuttemng ein Ziel nnd
konnte zn Mitleid werden. Jetzt aber empfinde icb binter
ibnen nnr den Scbmerz der Kreatnr, die fnrcbtbare
Scbwernmt des Lebens nnd die Erbammngslosigkeit der
Menscben.
Ein Befebl bat diese stillen Gestalten zn nnsem Feinden
13 Remanitie, Westen
193
gemaelit; ein BefeM konnte sie in toisere Frennde
verwandeln. An irgendeinem Tisch. wird ein Scliriftstiick
von einigen Lenten nnterzeiclmet, die keiner von nns
kennt^ nnd Jalirelang ist nnser hockstes Ziel das, woranf
sonst die Veracttnng der Welt nnd Hire tockste Strafe
rnkt. Wer kann da nock nntersckeiden, wenn er diese
stiUen Lente kier siekt mit den kindlicken Gesicktem nnd
den Apostelkarten ! Jeder Unteroffizier ist dem Rekraten,
jeder Oberlekrer dem Scknler ein scklimmerer Feind als
sie nns. Und dennock wurden wir wieder atif sie sckieBen
nnd sie anf nns, wenn sie firei waxen.
Ick ersckrecke ; kier darf ick nickt weiterdenfcen.
Dieser Weg gekt in den Abgmnd. Es ist nock nickt die
Zeit dazn; aber ick will den Gedanken nickt verlieren,
ick will ikn bewakren, ikn fortscklieBen, bis der Ekrieg zn
Ende ist. Mein Herz klopft: ist kier das Ziel, das GroBe,
das Einmalige, an das ick im Graben gedackt kabe, das
ick snckte als Daseinsmoglickkeit nack dieser Kata-
stropke aller Menschlickkeit, ist es eine Anfgabe fur das
Leben nackker, wiirdig der Jakre des Granens?
Ick nekme meine Zigaretten keraus, brecke jede in
zwei Teile nnd gebe sie den Rnssen. Sie vemeigen sick
nnd ziinden sie an. Nnn glimmen in einigen Gesicktem
rote Pnnkte. Sie trosten mick; es siekt ans, als waren es
Meine Fenstercken in dnnklen Dorfkansem, die verraten,
daB dakinter Ziminer voll Zuflnckt sind.
194
Die Tage gehen hin. An einem nebeligen Morgen wird
wieder ein Rnsse faegraben; es sterben ja jetzt fast t§glich
welclie. Ich bin gerade anf Wacbe, als er beerdigt wird.
Die C^efangenen singen einen Clioral, sie singen viel-
stimmig, imd es klingt, als waren es kanm nocli Stimmen,
als wire es eine Orgel, die fern in der Heide steht.
Die Beerdignng geht schnell.
Abends steben sie wieder am Gitter, and derWindkommt
von den Birkenwaldem zn ihnen. Die Sterne sind kalt.
Ich kenne jetzt einige von ihnen, die ziemlich gut
Dentsch sprechen. Ein Musiker ist dabei, er erzahlt, dab
er Geiger in Berlin gewesen sei. Als er hort, daB ich etwas
Klavier spielen kann, holt er seine Geige nnd spielt. Die
andem setzen sich nnd lehnen die Riicken an das Gitter.
Er steht nnd spielt, oft hat er den verlorenen Ansdruck,
den Geiger haben, wenn sie die Augen schlieBen, dann
wieder bewegt er das Instrument im Rhythmus imd
Mchelt mich an.
Er spielt wohl Volkslieder; denn die anderen summen
mit. Sie sind dnnkle Hhgel, die tief nnterirdisch summen.
Die Geigenstimme steht wie ein schlankes Madchen dar*
uber nnd ist hell nnd allein. Die Stimmen hdren anf, imd
die Geige bleibt — sie ist diinn in der Nacht, als fidere
sie, man muB dicht daneben stehen, es ware in einem
Raiun wohl besser; — bier dranBen wird ma-n tranrig,
wenn sie so allein nmherirrt*
18 *
195
Icli hehomme keinen Urlaiib iiber Sonutag, weii icii |a
exst grdBeren Urlaiit gekatt habe. Am letzten Sonntag
vox dex Abfahrt sind desbalb mein Vatex nnd meine alteste
Scbwester zn Besucb bei mix. Wix sitzen den ganzen Tag
im Soldatenbeim. Wo solien mr andexs bin, in die Baxacke
wollen wix nicht geben. Mittags macben wix einen Spaziex-
gang in die Heide.
Die Stnnden qiialen sicb bin; wix wissen nicbt, woxiibex
wix xeden solien. So spxecben wix iibex die Kjrankbeit
meinex Muttex. Es ist min bestimmt Kxebs, sie liegt scbon
im Kxankenbaus nnd wird demnachst opexiext. Die Axzte
boffen, daB sie gesnnd wixd, abex wix haben nocb nie
geboxt, daB Kxebs gebeilt woxden ist.
„Wo liegt sie deBn?^^ firage icb.
,,Im Luisenbospital**^, sagt mein Vatex.
,,In welcbex Klasse?“
,,Dxittex. Wix miissen abwaiten, was die Opexation
kostet. Sie wollte selbst dxittex liegen. Sie sagte, dann
batte sie etwas Untexbaltnng. Es ist aucb billigex.**
,,Dann Kegt sie docb ndt so vielen znsammen. Wenn
sie mix nacbts scblafen kann.‘‘
Mein Vatex nickt. Sein Gesicbt ist abgespannt imd
voU Fuxcben, Meine Muttex ist viel kxank gewesen; sie
ist zwax nux ins Kxankenhaus gegangen, wenn sie ge-
zwungen wuxde, txotzdem bat es viel Geld fiix uns
gekostet, nnd das Leben meines Vateis ist eigentlicb
darubex bingegangen.
196
„'Weiiii man bloB wiifite, wieviel die Operation kostet*^^
sagt er.
„Habt ikr niclit gefiragt?^*
„Nicbt direkt, das kann man nicht ^ — wenn der Arsrt
dann nnfreimdlich wird, das gebt docb nicht, weil er
Mutter dock operieren soil/*
J a, denke ich bitter, so sind wir, so sind sie, die armen
Lente. Sie wagen nicbt nacb dem Preise zn fragen nnd
sorgen sicb eher fiircbtbar dariiber; aber die andem, die
es nicht notig haben, die finden es selbstverst^ndlich, vor-
her den Preis festzulegen. Bei ihnen wird der Arzt anch
nicht unfremidlich sein.
,,Die Verbande hinterher sind anch so te^er*^ sagt
mein Vater,
„Zahlt denn die Krankenkasse nichts dazii?“ firage ich.
„Mntter ist schon zn lange krank.‘‘
,,Habt ihr denn etwas Geld?‘‘
Er schhttelt den Kopf. „Nein. Aber ich kann jetzt
ivieder Uherstnnden rnachen/*
Ich weiB ; er wrd his zwolf Uhr nachts an seinem Tisch
stehen nnd falzen imd kleben tmd scbneiden. Um acht
Uhr abends wird er etwas essen von diesem kraftlosen
Zeng, das sie anf Karten beziehen. Hinterher wird er ein
Pnlver gegen seine Kopfschmerzen einnehmen nnd weiter-
arheiten.
Um ihn etwas anfznheitem, erzahle ich ihm einige Ge«
schichten, die mir gerade einfaUen, Soldatenwitze nnd so
197
etwas, von Generalen und Feldwebeln, die irgendwann
mal reingelegt warden.
NacUier bringe ich beide znr Babnstation. Sie geben
mix ein Glas Mannelade iind ein Paket Kaxtoffelpnffer,
die meine Mutter noch fiix micb gebacken bat.
Dann fahren sie ab, and icb gebe znriick.
Abends streicbe icb mix von der Marmelade anf die
Puffer und esse davon, Es will mir nicbt scbmecken. So
gebe icb binaus, nm den Russen die Puffer zu geben. Dann
fallt mir ein, daB meine Mutter sie selbst gebacken bat
imd daB sie vielleicbt Scbmerzen gebabt bat, wabrend
sie am beifien Herd stand. Icb lege das Paket zuriick in
meinen Tomister und nebme uur zwei Stiick davon mit
zu den Russen.
IX
W ir faHiren einige Tage. Die ersten Flieger erschemen
am HimmeL Wir rollen an Transportziigen vox-
iibex. Geschiitze, Geschiitze. Die Feldbaim nbemiinmt
HUS, Icli sxiclie mein Regiment. Niemand wei6, wo es ge-
rade Kegt. Irgendwo iiJbernaclite ich, irgendwo empfange
icii morgens Proviant imd einige vage Instruktionen* So
maclie icli micli mit meinem Tornister und meinem Ge-
welir wieder anf den Weg.
Als ich ankomme, ist keiner von uns mehr in dem zer-
schossenen Ort. Ick bore, daB wir zn einer fliegenden
Division geworden sind, die uberall eingesetzt wird, wo
es LrenzeKg ist. Das stimmtmichnichtheiter. ManerzaHt
mir von groBen Verlusten, die wir gehabt taken sollen.
let forscte nact Kat und Albert, Es weiB niemand etwas
von ihnen.
let suche weiter tmd irre umber, das ist ein wunder-
lictes Gefuhl. Nocb eine Nacbt und eine zweite kampiere
icb wie ein Indianer. Dann hate ict bestimmte Nach-
riebt und kann mich nachmittags auf der Sebreibstube
melden.
Der Feldwebel behalt micb da. Die Kompagnie kommt
in zwei Tagen zuruck, es hat keinen Zweek mehr, micb
199
hmausznscMcken. ,Wie war’s im Urlaub?^* firagt er,
„Sclioii, was?‘‘
„Teils, teils‘^, sage ich.
,,Ja5 ja/* seafzt er, „weii2i man nictt wieder weg
miiBte. Die zweite Halfte wird dadurcli immer schon ver-
pfasclit/*
Ick liingere nmlier, bis die Kompagnie morgens ein-
riickt^ gran, schmntzig, verdrossen und trabe. Da spjfinge
ick anf nnd drange micb zwiscben sie, meine Augen snclieii,
dort ist Tjaden, da scknaiibt sick Miiller, nnd da sind
ancb Kat nnd Kropp. Wir machen uns nnsere Strohsacke
nebeneinander znrecht. Icb fnhle mich scbnldbewnBt,
wenn icb. sie ansehe, und babe docb keinen Grand dazn.
Bevor wir schlafen, hole icb den Rest der Kartoffelpnffer
und der Marmelade beraus, damit sie aucb etwas
baben*
Die beiden auBeren Puffer sind angescbimmelt, man
kann sie aber noch essen. Icb nebme sie fur micb und gebe
die Mscheren Kat und Kropp.
Kat kaut und fragt; „Die sind wobl von Muttem?®*
Icb nicke.
„Gut/^ sagt er, ,,das schmeckt man berans/*
Fast k 5 nnte icb weinen. Icb kenne micb selbst nicbt
mebr, Docb es wird scbon wieder besser werden, bier mit
Kat und Albert und den iibrigen. Hier gebore icb bin.
„Du bast Gliick gebabt,“ fliistert Kropp mir nocb beim
Einscblafen zn, „es heiBt, wir kommen nacb RuJBland.^^
200
Nacli RuBland. Da ist ja kein Krieg mekr.
In der Ferae donnert die Front. Die Wande der
Baracken kUrren.
*
Es wird maclitig geputzt. Ein AppeH jagt den andera.
Von alien Seiten werden w revidiert. Was zerrissen ist,
wird umgetauscht gegen gnte Sacken. Ich erwische dabei
einen tadellosen neuen Rock, Kat natiirlicli sogar eine
voile Montur. Das Geriicht tancht auf, es gabe Frieden,
docli die andere Ansicht ist wahrscheinliclier : daB wir
nacL. Rnfiland verladen werden. Afaer vrozu braucken wir
in RuBland bessere Sacken? Endlich sickert es durck:
der Kaiser kommt zur Besicktigung. Deshalb die vielen
Musterungen.
Ackt Tage lang konnte man glauben, in einer Rekruten-
kaserne zu sitzen, so wdrd gearbeitet mid exerziert. Alles
ist verdrossen tind nervos, denn ubermaBiges Putzen ist
nichts fur uns und Parademarsch nock weniger. Gerade
solcke Sacken verargem den Soldaten mekr als der
Sckiitzengraben.
Endlick ist der AugenbUck da. Wir steken stramm,
und der Kaiser ersckeint. Wir sind neugierig, wie er aus-
seken mag. Er schreitet die Front entlang, und ick bin
eigentlich etwas enttauscht: nack den Bildern katte ick
ikn rnir groBer und macktiger vorgestellt, vor alien Dingen
mit einer donnemderen Stimme.
201
Et verteilt Eiseme Kreuze mid spricM diesen und jeneii
an. Dann zielieii 'wir ab.
Nacbber mterbalteii wir xms. Tjaden sagt stannend:
„Das ist Him der AUeroberste, den es gibt. Davor miiB
dann docb jeder stramm stehen^ Jeder iiberbanpt Er
iiberlegt: „Davor mnfi docb aucb Hindenbtirg stramm
steben, was?^*^
„Jawoll‘\ bestatigt Kat.
Tjaden ist nocb nicbt fertig. Er denkt eine Zeitlang
nacb mad firagt; „MuB ein Konig vor einem Kaiser aucb
stramm steben?**
Keiner wei6 das genan, aber wir glanben es nicbt. Die
sind beide scbon so bocb, daB es da sicber kein ricbtiges
Strammsteben mebr gibt.
,»Was du dir fiir einen Qnatscb ausbriitest*% sagt Kat.
„Die Hauptsache ist, daB dn selber stramm stebst.^"^
Aber Tjaden ist voUig fasziniert. Seine sonst sebr
trockene Pbantasie arbeitet sicb Blasen. ,,Sieb mal/'^
verkundet er, „ich kann einfacb nicbt begreifen, daB ein
Kaiser aucb genan so znr Latrine muB wie icb."^^
„Daxanf kannst dn Gift nebmen‘*, lacbt Kropp.
„Verriickt nnd drei sind sieben/‘ ergSnzt Kat, „dn
bast Lanse im Scbadel, Tjaden, geh du nnr selbst rascb
los znr Latrine, damit dn einen klaren Kopp kriegst nnd
nicbt wie ein Wickelkind redest.*^
Tjaden verscbwindet.
„Eins mdcbte icb aber docb wissen,** sagt Albert, „ob
202
es Kiieg gegeben batte, wenn der Kaiser nein gesagt
batted*
„Das glaube icb sicber,^" werfe icb em, — „er soli ja
sowieso erst gar nicbt gewollt baben/^
„Na5 wenn er alleia nicbt, dann vielleicbt docb, wenn
so zwanzig, dreifiig Leute in der Welt nein gesagt batten/^
„Das wobl,“ gebe icb zu, „aber die baben ja gerade
gewollt/^
„Es ist komiscb, wenn man sicb das iiberlegt,*^^ fabrt
Kropp fort, „wir sind docb bier, nm unser Vaterland zn
verteidigen. Aber die Franzosen sind docb ancb da, nm
ibr Vaterland zn verteidigen. Wer bat nnn recbt?‘^
„Vielleicbt beide‘\ sage icb, ohne es zn glanben.
,,Ja, nnn,^‘ meint Albert, iind icb sebe ibin an, daB er
micb in die Enge treiben will, „aber xinsere Professoren
iind PastSre imd Zeitungen sagen, mir wir batten recbt,
und das wird ja hojBfentlicb ancb so sein; — aber die £ran-
zosiscben Professoren und Pastore und Zeitungen be-
baupten, nur sie batten recbt, wie stebt es denndamit?^*
„Das weiB icb nicbt,‘‘ sage icb, „auf jeden Fall ist
Krieg, und jeden Monat kommen mebr Lander dazu.^^
Tjaden erscbeint wieder. Er ist nocb immer angeregt
und greift sofort wieder in das Gespracb era, indem er sicb
erkundigt, wie eigentlich uberbaupt ein Krieg entstebe.
„Meistens so, dafi ein Land ein anderes scbwer be-
leidigt‘‘, gibt Albert mit einer gewissen t)berlegenbeit
zur Antwort,
203
Docii Tjaden stellt sich dicfcfellig, „Em Land? Das
verstelie ich. niclit. Ein Berg in Dentsclilaiid kann doct
einen Berg in Frankreicli niclit beleidigen. Oder ein FlnB
oder ein Wald oder ein Weizenfeld/*
„Bist dn so damlicli oder tnst dii nnr so?*^ kmirrt
Kropp, „so meine ick das dock nickt. Ein Volk ke-
leidigt das andere — ‘‘
„Dann kabe ick hier nickts zu sucken/* erwidert Tja-
den, „ick fiihle mick nickt beleidigt/^
„Dir soil man nun was erklaren,“ sagt Albert ^ger-
lick, „auf dick Dorfdenbel kommt es dock dabei nickt an.*‘
„Dann kann ick ja erst reckt nack Hause geken‘*, be-
harrt Tjaden, und alles lackt.
„Ack, Mensck, es ist dock das Volk als Gesamtkeit, also
der Staat — ruft Muller.
„Staat, StaaV^ — Tjaden scknippt schlau mit den
Fingem — „Feldgendarmen, PoHzei, Steuer, das ist euer
Staat. Wenn du damit zu tun kast, danke sck6n.*‘
,,Das stimmt,** sagt Kat, „da kast du zum ersten Male
etwas Eicktiges gesagt, Tjaden, Staat und Heimat, da ist
wakrkaftig ein Unterschied.*^
„Aber sie gekoren dock zusamnien,‘‘ uberlegt Kropp,
„eine Heimat ohne Staat gibt es nickt.“
„Eicktig, aber bedenk dock mal, daB wir fast alle ein-
facke Leute sind. Und in Frankreick sind die meisten
Menscken dock auck Arbeiter, Handworker oder Heine
Beamte. Weskalb soU nun wokl ein franzdsiscker Schlosser
204
Oder Sckiilimaclier ims angreifen woUen? Nein, das sind
niir die Regieningen. Ick habe nie einen Franzosen ge-
seheii, bevor icb bierbertam, and den meisten Franzosen
wird €S abnlicb mit tins geben. Die sind ebensowenig
gefiragt wie wir/^
„Wesbalb ist dann aberhaapt Krieg?^'' fragt Tjaden.
Kat zackt die Acbseln. „Es muB Leate geien, denen
der Krieg niitzt.“
„Na, icb gebore rdcht dazu‘% grinst Tjaden.
„Du nicbt, and keiner hier/^
^Wer denn nar?*^* bebarrte Tjaden. y,Dena Kaiser niitzt
er dock aucb nicbt. Der bat dock alles, was er braacbt.‘‘
„Das sag nickt/^ entgegnet Kat, „einen Krieg hat
er bis jetzt nock nicbt gebabt. Und jeder groJBere Kaiser
braackt mindestens einen Krieg, sonst wird er nicbt be-
rabmt. Sieb mal in deinen Scbalbuckem nacb.‘^
„Generale werden auck beriikmt darcb den E^eg‘\
sagt Detering.
„Noch beriikmter als Kaiser^^ bestatigt Kat.
,, Sicker stecken andere Leate, die aTn Krieg ver-
dienen woUen, dakinter**, branamt Detering.
,,Ick glaabe, es ist mehr eine Art Fieber“, sagt Albert.
„Keiner will es eigentlick, and mit einem Male ist es da.
Wir kaben den Krieg nickt gewoUt, die andern bekaupten
dasselbe — and trotzdem ist die kalbe Welt feste dabei/^
„Draben wird aber mebr gelogen als bei ans/* erwidere
ick, „deiikt mal an die Flagblatter der Gefangenen, in
205
denen stand, daB wir belgiscte Kinder fraBen. Die Kerle
die so was sdoreiben, soUten sie aufttogen. Das sind die
walixen Sclmldigen/*
Miiller stelit anf. „Besser auf jeden Fall, der Krieg ist
Mer als in Deutschland. Seht each mal die Trich.terfelder
anr^
„Das stimmt/^ pflichtet selbst Tjaden bei, „aber noch
besser ist gar kein Krieg/*
Er geht stolz davon, denn er hat es uns Einjahxigen
nnn mal gegeben. Und seine Meinung ist tatsachlich
typisch hier, man begegnet ihr immer wieder nnd kann
ancb nichts Rechtes darauf entgegnen, weil mit ihr gleich-
zeitig das Verstandnis fiir andere Znsammenhtoge auf-
h6rt. Das Nationalgefiihl des Muskoten hesteht darin,
daB er hier ist. Aber danait ist es auch zu Ende, aUes
andere benrteilt er praktisch nnd ans seiner Einstellung
heraus.
Albert legt sich argerlich ins Gras. „Besscr ist, iiber
den ganzen Kram nicht zn reden.**
,,Wird ja auch nicht anders dadnrch**, bestatigt Kat.
Zum tIbexflnB miissen wir die nen empfangenen Sachen
fast alle wieder abgeben nnd erhalten nnsere alten Brocken
wieder. Die gnten waxen nur znr Parade da.
Statt nach RnBland gehen wir wieder an die Front.
Unterwegs kommen wir dnrch einen klaglichen Wald mit
206
zerrisseneii Stammen und zeipfliigtem Boden. An einigen
Stellen sind foiclitbare Locher. „Doimerwetter, da bat
es alber emgetanen^^ sage icb zu Kat.
„Miiienwerfer‘\ antwortet er und zeigt dann nacb oben.
In den Asten hangen Tote. Ein nackter Soldat bockt
in einer Stamingabelting, er bat seinen Helm nocb auf
dem Kopf, sonst ist er nnbekleidet. Nur eine Halfte sitzt
von ibm doxt oben, ein Oberkorper, dem die Beine feMen.
„Was ist da los gewesen?‘^ firage icb.
„Den baben sie ans dem Anzug gesto6en^% knnrrt
Tjaden.
Kat sagt: ,,Es ist komisch, wir baben das nun scbon
ein paarmal gesehen. Wenn so eine Mine einwicbst, wird
man tatsacMicb ricbtig aus dem Anzug gestoBen. Das
macbt der Luftdruck.^^
Icb sucbe weiter. Es ist wirklicb so. Dort bangen
Uniformfetzen allein, anderswo klebt blntiger Brei, der
einmal menschlicbe Glieder war. Ein Korper liegt da, der
nur an cinem Bein nocb ein Stiick Unterbose und um
den Hals den Kragen des Waffenrockes kat. Sonst ist er
nackt, der Anzug bangt rm Baum berum. Beide Arme
feblen, als waren sie berausgedrebt. Einen davon entdecke
icb zwanzig Schritte waiter im Gebiisch.
Der Tote liegt auf dem Gesicbt. Da, wo die Axmwunden
sind, ist die Erde scbwarz von Blut. XJnter den FiiBen
ist das Laub zerkratzt, als batte der M aun nocb ge-
strampelt.
207
^Kein SpaB, sage ich.
„E™i Granatsplitter im Bauch auch uicht^*, antwortet
er achselzuckend*
„Nur nicht weich werden'^^ meint Tjaden.
Das Gauze kanu nicht lange her sein, das Blut ist noch
frisch. Da alle Leute, die wir sehen, tot sind, lassen wir
iins nicht aufhalten, sondem melden die Sache bei der
nachsten Sanitatsstation. SchlieBlich ist es ja auch nicht
unsere Angelegeiaheit, diesen Tragbahrenhengsten die
Arbeit abzunehmen*
Es soil eine Patrouille ausgeschickt werden, um fest-
zustelleu, wie weit die feindliche Stellung noch besetzt
ist. Ich habe wegen meines Urlaubs irgendein sonderbares
Gefuhl den andern gegenuber und melde mich deshalb
mit. Wir verabreden den Plan, schleichen durch den Draht
und trennen uns dann, um einzeln vorzukriechen. Nach
einer Weile finde ich einen flachen Trichter, in den ich
mich hineingleiten lasse. Von bier luge ich aus.
Das G^lande hat mittleres Maschinengewehxfeuer. Es
wird von alien Seiten bestrichen, nicht sehr stark, aber
immerhin geniigend, um die Knochen nicht allzu hoch zu
nehmen.
Ein Leuchtschirm entfaltet sich. Das Terrain liegt er-
starrt im fahlen lichte da. Um so schwarzer schlagt hinter*
her die Dunkelheit wieder daruber zusammen. Im Graben
208
liaben sie vorMn erzaHt, es waren Scliwarze vor ims. Das
ist iiiiaiigeiieliiii, man tann sie scMeclit selieii, anfierdem
sind sie als Patroaillen seiir gescMckt. Sonderbareirweise
sind sie oft ebenso imvemiinftig; — sowoH Kat als ancli
Kropp taben einmal auf Patronille eine schwarze Gegen-
patronille erscbossen, weil die Leute in ibrer Gier nacb
Zigaretten nnterwegs rancbten. Kat und Albert brancbten
nnx die glimmenden Zigarettenkopfe als Ziel zu visieren.
Neben mir ziscbt eine kleine Granate ein. Icb babe sie
nicbt kommen gebort tmd exscbrecke heftig. Im gleicben
Angenblick faBt micb eine sinnlose Angst* Icb bin bier
allem nnd fast bilflos im Dnnkeln — vieUeicbt beobacbten
micb langst ans einam Tricbter bervor zwei andere Augen,
nnd eine Handgranate liegt wnrffertig bereit, micb zn
zeireiBen. Icb versncbe micb anfznraffen* Es ist nicbt
xneine erste Patronille nnd ancb keine besonders gefahr-
bcbe* Aber es ist meine erste nacb dem Urlaub, nnd
anBexdem ist das Gelande mir nocb ziemlicb firemd.
Icb macbe mir klar, daB meine Anftegnng Unsinn ist,
daB im Dunkel ^ahrscbeinlich gar nicbts lanert, weil
sonst nicbt so flacb gescbossen wiirde*
Es ist vergeblicb. In wirrem Duxcbeinander snmmen
mir die Gedanken im Scbadel — icb bore die warnende
Stimme meiner Mutter, icb sebe die Russen mit den
webenden Barten am Gitter lebnen, icb babe die beUe,
wnnderbare Vorstellnng einer Kantine mit Sesseln, eines
K in os in Valenciennes, icb sebe qnalend, scbeuBlicb in
14 Kemarque, Westen
209
memerEinbildniig eine graiie, gefiiMose Gewekrmiindi^
die lauemd lautlos mitgelit, wie icli aiicli den Kopf zn
wenden versticlie : mir bricht der ScbweiB ans alien Poren.
Immer noch liege icb in einer Mnlde. Ich sehe anf
die Uhir; es sind erst -wenige Minuten vergangen. Meine
Stim ist nafi, meine Angenbolilen sind fencbt, die Hande
zittern, iind icb keuche leise, Es ist niclits anderes als ein
furciitbajer Angstanfall, eine einfacb. gemeine Hnndeangst
davor, den Kopf herausznstxecken nnd weiterzukriechen,
Wie ein Brei zer<jidllt meine Anspannung zu dem
Wimscb, liegenbleiben zu konnen, Meine Glieder kleben
am Boden, ich macbe einen vergebKchen Versncb; — sie
woUen sich nicbt losen. Icb presse mich an die Erde, icb
kann nicbt vorwarts, ich fasse den EntscbluB, liegenzn-
bleiben.
Aber sofort iiberspiilt micb die Welle ement, eine Welle
ans Scbam, Rene nnd dock aucb Geborgenbeit. Icb erbebe
micb ein wenig, nm Ansscbau zn balten. Meine Angen
brennen, so starre icb in das Dunkel. Eine Leucbtkngel
gebt bocb; — icb ducke micb wieder.
Icb kimpfe einen smnlosen, wirren Kampf, icb will ans
der Mnlde berans imd rutscbe docb wieder binein, icb sage
,,dn mxiBt, es sind deine Kameraden, es ist Ja nicbt
irgendein dnmmer Befebl^^, — imd gleicb daranf: ,,Was
gebt es micb an, icb babe nur ein Leben zu verlieren —
Das macbt alias dieser Urlanb, entscbnldige icb micb
erbittert. Aber icb glanbe es selbst nicbt, mir wird
210
eatsetzlicli flau, ieli erhebe mich langsam and stemme die
Axme vor, ziebe den Riicken nach. and liege jetzt balb
aaf dem Rande des Tricbters.
Da vemebme ich Gerausche and zacke zariick. Man.
bort txotz des Axtilleriel^ms verdacbtige Geraascbe ge-
naa. Icb laascbe; — das Geraascb ist binter mir. Eg sind
Leate von ans, die daxcb den Graben geben. Nan bSre icb
aacb gedampfte Stimmen. Es konnte dem Tone nacb Kat
sein, der da spricbt.
Eine angemeine Warme darcbflatet micb mit einem-
mal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Vorte, diese
Scbritte im Graben binter mir reiBen micb mit einem Rack
aas der fiircbterlicben Vereinsamang der Todesangst, der
icb beinabe verfallen ware. Sie sind mebr als mein Leben,
diese Stimmen, sie sind mebr als Matterlicbkeit and
Angst, sie sind das St^kste and Scbiitzendste, was es
aberbaapt gibt: es sind die Stimmen meiner Kame-
raden.
Icb bin nicbt mebr ein zittemdes Stiick Dasein aUein
im Dankel — icb gebore za ihnen imd sie za mir, wir
baben alle die gleicbe Angst and das gleicbe Leben, wir
sind verbimden aaf eine einfache xmd scbwere Art. Icb
mdcbte mein Gesicbt in sie bineindriicken, in diese
Stimmen, diese paar Worte, die micb gerettet baben
and die mir beisteben werden.
Vorsiclitig gleite ict iiber den Rand iind scMangele
micb. vorw^s. Anf alien vieren scHnrfe ich waiter; es
gebt gut, icb peile die Ricbtung an, scbane micb nm xmd
merke mir das Bild des Gescbiitzfeuers, nm zuriickznfin*
den. Dann sncbe ichAnscbluB an die andem znbekoninien.
Immer nocb babe icb Angst, aber es ist eine vemiinftige
Angst, eine auBerordentlicb gesteigerte Vorsicbt. Die
Nacbt ist windig, und Scbatten geben bin nnd ber beim
Anfflackem des Miindxmgsfeuers. Man sieht dadurcb zn
wenig nnd zn viel. Oft erstarre icb, aber es ist immer nichts.
So komme icb ziemlicb weit vor nnd kebre dann im Bogen
wieder nm. Den AnscblnB babe icb nicbt gefnnden. Jeder
Meter naber zn nnserm Graben erfiillt micb mit Znver-
sicbt — allerdings aucb mit groBerer Hast. Es ware nicbt
scbon, jetzt nocb eins verpaBt zn kriegen.
Da dnxcbfabrt micb ein nener Scbreck. Icb kann die
Ricbtnng nicbt mebr genau wiedererkennen. Still bocke
icb micb in einen Tricbter nnd versucbe micb zn orien-
tieren. Es ist mebr als einmal vorgekommen, daB jemand
vergniigt in einen Graben sprang imd dann erst entdeckte,
dafi es der falscbe war.
Nach einiger Zeit borcbe icb wieder. Immer nocb bin
icb nicbt ricbtig. Das Tricbtergewirr erscbeint mir jetzt
so nnnbersicbtUcb, daB icb vor Anfiregimg iiberbanpt
nicbt mebr weiB, wobin icb micb wenden soli. Vielleicbt
fcriecbe icb parallel zn den Graben, das kann ja endlos
danem. Desbalb scblage icb wieder einen Haken.
212
Diese verflucliteii Leiichtscliirin© ! Sie scheinen eine
Stunde zn breimen, man kann keine Bewegnng macten,
olme daB es gleich. um einen hemm pfeift.
Dock es Mlft mchts, ich muB herans. Stockend arbeite
icb imcb weiter, icb krebse iiber den Boden weg nnd reiBe
mir die Hande mmd an den zackigen SpKttem, die scbarf
wie Rasiennesser sind. Mancbmal babe icb den Eindmck,
als wenn der Himmel etwas beller "mirde am Horizont,
docb das kaim ancb Einbildnng sein. AllmabKcb aber
merke icb, daB icb xim mein Leben kxiecbe.
Eine Gxanate knallt ein. Gleicb daranf zwei andere.
Und scbon gebt es los. Ein Feneruberfall, Maschinen-
gewebre knattern* Jetzt gibt es vorlanfig nicbts anderes,
als liegenzubleiben. Es scbeint ein Angriff zn wexden.
IJberall steigen Lencbtraketen. Unmiterbrocben.
Icb liege gekriimmt in einem groBen Trichter, die Beine
im Wasser bis znm Bancb. Wenn der Angriff einsetzt,
werde icb mich ins Wasser fallen lassen, so weit es gebt,
obne zn ersticken, das Gesicbt im Dreck. Icb mnB den
toten Mann markieren.
Plotzlicb bore icb, wie das Fener znriickspringt. Sofoxt
rntscbe icb nacb tmten ins Grtmdwasser, den Helm ganz
im Genick, den Mnnd nnr so weit bocb, daB icb knapp
Lnft babe.
Dann werde icb bewegimgslos ; — denn irgendwo klirxt
etwas, es tappt imd trappst naber, — in mir ziehen sicb
alle Nerven eisig znsammen. Es kbrrt iiber micb bin w eg,
213
der erste Tmpp ist vorbei. Icb babe ntir den emeu zer-
sprengenden Gedanken gebabt: Was tnst dii, wenn je»
mand in deinen Tricbter springt? — Jetzt zerre icb rascb
den kleinen Dolcb heraus, fasse ibn fest imd verberge ibn
mit der Hand meder nn Scblamm. Icb werde sofort los-
stecben, wenn jemand hereinspringt, bammert es in mei-
ner Stim, sofort die Keble diircbstoBen, damit er nicbt
schreien kann, es gebt nicbt anders, er -wird ebenso er-
scbrocken sein wie icb, nnd scbon vor Angst werden wir
iiberemander berfallen, da miiB icb der erste sein.
Niin scbieBen unsere Batterien. In meiner Nabe scblagt
es ein. Das macbt micb irrsinnig wld, es fehlt mir noch,
dafi micb die eigenen G^scbosse treffen; icb flncbe nnd
knixscbe in den Drecfc hinein; es ist ein wiitender Ans-
bmcb, zuletzt kann icb nur nocb stobnen nnd bitten.
Das Gekrach der Granaten trifft mein Obr. Wemi
unsere Lente einen GegenstoB macben, bin icb befreit. Icb
presse den Kopf an die Erde nnd bore das dnmpfe Don-
nern wie feme Bergwerksexplosionen — nnd bebe dm
wieder, nm auf die Gerauscbe oben zn lanscben.
Die Mascbinengewebre knarren. Icb weifi, daB nnsere
Drabtverbane fest nnd fast unbescb^digt sind; — ein
Teil davon ist nait Starkstrom geladen. Das Gewebr-
fener scbwiUt an. Sie kommen nicbt dnrch^ sie mnssen
znriick.
Icb sinke wieder znsammen, gespannt bis zum AnBer-
sten. Das Klappem nnd Scbleicben, das Klirren wird
214
torbar. Ein einzeiner Scbrei gellend dazwiscben. Sie
werden faesebossen, der Angriff ist abgescblagen.
*
Es ist nocb etwas heller geworden. An mir voriiber
hasten Schritte. Die ersten. Vorbei. Wieder andere. Das
Knarren der Maschinengewehre wird eine ummterbrochene
Kette. Gerade will ich mich etwas nmdreheii, da poltert
es, imd schwer und klatschend fallt ein Korper zu mir in
den Trichter, rutscht ab, liegt anf mir —
Ich denke nichts, ich fasse keinen EntschliiB — ich
stoBe rasend zu und fiihle mir, wie der Korper zuckt und
daim weich wird und zusammensackt. Meine Hand ist
klebrig und naB, als ich zu mir komme,
Der andere rochelt. Es scheint mir, als ob er bruUt,
jeder Atemzug ist wie ein Schrei, ein Donnem — aber es
sind nur meine Adern, die so klopfen. Ich mochte ihm
den Mund zuhalten, Erde hineinstopfen, noch einmal zu-
stechen, er soil still sein, er verrat mich; doch ich bin schon
so weit zu mir gekommen und auch so schwach plotzlich,
daB ich nicht mehr die Hand gegen ihn heben kann.
So krieche ich in die entfemteste Ecke und bleibe dort,
die Augen starr auf ihn gerichtet, das Messer umldammert,
bereit, wenn er sich riihrt, wieder auf ihn loszugehen —
Aber er wird nichts mehr tun, das bore ich schon an sei-
nem Rocheln*
215
Undentlicli kann icli ilm sehen. Niir der eine Wimscli.
ist in mir, wegznkommeii. Weim es nickt bald ist, wird es
2T1 beE; scton jetzt ist es scliwer. Doch als ich versnclie,
den Kopf boclmmelmeii, sebe ich bereits die Unindglicb-
keit ein* Das Maschinengewebrfeuer ist derart gedeckt,
daU icb dnrchl(>cbert werde, ebe icb einen Sprung tne.
Ich probiere es nocb einmal mit meinem Heim, den icb
etwas emporscbiebe nnd anbebe, um die H6he der Ge-
scbosse festznstelleii. Einen Augenbbck spater wird er mir
diircb eine Kngel aus der Hand geschlagen. Das Feuer
streicbt also ganz niedrig iiber das Terrain. Icb bin nicbt
weit genng von der feindlicben SteEnng entfernt, nm nicbt
von den Scbarfschiitzen gleicb erwiscbt zn warden, wenn
ich versnche, ansznreiBen.
Das Licbt nimmt zn. Icb warte brennend anf einen An-
griff von nns. Meine Hande sind weiB an den Knocheln, so
presse icb sie znsammen, so flehe ich, das Feuer moge anf-
boren und meine Kameraden mocbten kommen.
Minute nm Minute versickert. Icb wage keinen Blick
mebr zn der dnnklen Gestalt im Tricbter. Angestrengt
sebe icb vorbei nnd warte, warte. Die Gescbosse ziscben,
sie sind ein stahlemes Netz, es bort nicbt auf, es bort nicbt
anf.
Da erblicke ich meine blntige Hand nnd fiible jEbe
tJbelkeit. Icb nehme Erde nnd reibe damit iiber die Hant,
jetzt ist die Hand wenigstens scbmutzig, nnd man siebt
das Bint nicbt mebr.
216
Das Feiier lafit nicht nacli. Von beiden Seiten ist es
Jetzt gleicb stark, Man hat mich bei nns wabxscheinlich
langst verlorengegeben.
lit
Es ist heller, graner, firiiher Tag. Das Rdcheln tout fort.
Ich halte mir die Ohren zn, nehme aber die Finger bald
wieder herans, weil ich sonst auch das andere nicht horen
kann.
Die Gestalt gegeniiber bewegt sich. Ich sckrecke zn-
sammen tind sehe unwillkiirlich hin. Jetzt bleiben meine
Angen wie festgeklebt hangen. Ein Mann mit einem
kleinen Schnnrrbart liegt da, der Kopf ist zur Seite ge-
faUen, ein Arm ist haib gebengt, der Kopf driickt kraftlos
daranf . Die andere Hand liegt auf der Ernst, sie ist blutig.
Er ist tot, sage ich mir, er mnE tot sein, er fiihlt nichts
mehr; — ivas da rochelt, ist nnr noch der Korper. Doch
der Kopf versucht sich zu heben, das StShnen ^vird einen
Moment starker, dann sinkt die Stim wieder anf den Arm
znriick. Der Mann ist nicht tot, er stirbt, aber er ist nicht
tot. Ich schiebe mich heran, halte inne, sthtze mich anf
die Hande, mtsche wieder etwas weitex, warte — weiter,
einen grafilichen Weg von drei Metem, einen langen,
fuxchtbaren Weg. Endlich bin ich neben ihm.
Da schlagt er die Angen anf. Er mnB mich noch geh5rt
haben tmd sieht mich mit einem Ansdmck fnrchtbaren
Entsetzens an. Der Korper liegt still, aber in den Angen
217
ist eine so iingelieiire Fluclit, daB icli einen Moment glanbe,
sie wlirden die Kraft haben, den Korper mit sich zu reiBen.
Himderte von KUometern weit weg mit einem einzigen
Ruck. Der Korper ist still, voUig rnhig, olme Lant jetzt,
das Rocbeln ist verstnmmt, aber die Angen scbreien,
brixUen, in ihnen ist alles Leben versammelt zu einer un-
faBbaxen Anstrengung, zu entflieben, zn einem scbxeck-
Hcben Grausen vor dem Tode, vor mir.
Icb knicke in den Gelenken ein imd falle anf die Ell-
bogen. „Nein, nein‘% fliistere icb.
Die Angen folgen mir. Icb bin nnfMiig, eine Bewegnng
zu macben, solange sie da sind.
Da fallt seine Hand langsam von der Brust, nur ein ge-
xinges Stuck, sie sinkt mn wenige Zentimeter, docb diese
Bewegnng lost die Gewalt der Angen auf. Icb beuge micb
vor, scbiittele den Kopf und Austere : „Neia, nein, nein^%
icb bebe eine Hand, icb mxiB ibm zeigen, daB icb ibm bel-
fen mil, und streicbe iiber seine Stim.
Die Angen sind zuruckgezuckt, als die Hand kam, jetzt
verlieren sie ibre Starre, die Wimpem sinken tiefer, die
Spannung laBt nacb. Icb 6£&ie ibm den Kragen tmd
scbiebe den Kopf beqnemer zurecbt.
Der Mnnd stebt balb offen, er bemubt sicb, Worte zu
formen. Die Lippen sind trocken. Meine FeldAasche ist
nicbt da, icb babe sie nicbt mitgenommen. Aber es ist
Wasser in dem Schlamm unten im Trichter. Icb klettere
binab, ziebe mein Tascbentucb beraus, breite es aus,
218
driicke es Miiiiiiter und schopfe mit der iiotJen Hand das
gelie Wasser, das Mndiirclicjiiillt.
Er scUiickt es. Ich Hole nenes. Dann knopfe ich. seinen
Rock aaf, nm ilm zii verbinden, wenn es gebt. Icb mnB
es anf jeden Fall tan, damit die driibeii, wenn icb gefangen
warden sollte, seben, da6 ich ihm helfen wollte, and mich
nicbt erschieBen. Ex versacht sich za wehren, docb die
Hand ist za schlaff dazu. Das Hemd ist verklebt and laBt
sicb nicbt beiseite scbieben, es ist binten gekndpft. So
bleibt nicbts iibrig, als es aafzaschneiden.
Icb sacbe das Messer and finde es wieder. Aber als ich
anfange, das Hemd za zerschneiden, offnen sicb die Aagen
nocb einmal, und wieder ist das Scbreien darin und der
wabnsinnige Aasdracfc, so daB icb sie zahalten, zadriicken
maB and fliistem: ,Jcb will dir ja belfen, Kamerad, cama-
rade, camarade, camarade — eindringHcb das Wort, da-
mit er es verstebt.
Drei Sticbe sind es. Meine Verbandspackchen bedecken
sie, das Blat laaft daranter weg, icb driicke sie fester aaf,
da stobnt er.
Es ist alles, was ich tun kann. Wir mussen jetzt warten,
waxten.
«
Diese Standen. — Das Rdcbeln setzt wieder ein — ivie
langsam stirbt docb ein Menscb I Denn das weiB ich : er ist
nicbt za retten. Icb babe zwar versacht, es ndr aaszareden.
219
aber mittags ist dieser Vorwand vor seinem Stobnen zer-
scbmolzen, zerschossen. Wenn ich nur meinen Revolver
nicbt beim. Kriecben verloren hMte, icb wiirde ihn er-
scMefien. Erstecben kann ich ilm nicht.
Mittags dammere ich an der Grenze des Denkens dahin.
Hunger zerwiihlt mich, ich mnU fast weinen dariiber,
essen zu wollen, aber ich kann nicht dagegen ankampfen.
Mehrere Male hole ich dem Sterbenden Wasser nnd trinke
atich selbst davon.
Es ist der erste Mensch, den ich mit meinen Handen ge-
totet babe, den ich genau sehen kaim, dessen Sterben
mein Werk ist. Kat nnd Kropp nnd Muller haben auch
schon gesehen, wenn sie jemand getroflfen haben, vielen
geht es so, im Nahkampf ja oft —
Aber jeder Atemzug legt mein Herz bloB. Dieser Ster-
bende hat die Stunden fur sich, er hat ein unsichtbares
Messer, mit dem er mich ersticht: die Zeit nnd meine Ge-
danken,
Ich wiirde viel darmn geben, wenn er am Leben bliebe.
Esistschwer,dazuliegenimdihnsehenundhorenzumu8sen.
Nachmittags um drei ist er tot.
Ich atme atif. Doch nur fur kurze Zeit. Das Schweigen
erscheint mir bald noch schwerer zu ertragen als das
Stohnen. Ich woUte, das Rocheln ware wieder da, stoB-
weise, heiser, einmal pfeifend leise und dann wieder heiser
nnd laut.
Es ist sinnlos, was ich tue. Aber ich muB Beschaf-
220
tigung liabeii. So lege ich. den Totexi noch. einmal ziireclit,
damit er beqnemer liegt, obschon er nicbts inehr fiililt, Ich
scHieBe ihio. die Augen. Sie sind braxm, das Haar ist
scbwaxz, an den Seiten etwas lockig.
Der Mnnd ist voll und weicb nnter dem Scbnmrbait;
die Nase ist ein wenig gebogen, die Haut brannlicli, sie
sieKt jetzt nicKt mebr so fabl aus yne vorhin, als er noch
lebte. Einen Augenblick scbeint das Gesicht sogar beinahe
gesund zu seiii; dann verfallt es rascb zu einem der
fremden Totenantlitze, die icb oft geseben babe mad die
sick alle gleicben.
Seine Frau denkt sicker jetzt an ihn; sie wei6 nickt,
was gesckeken ist. Er siekt aus, als wenn er ikr oft ge-
sckrieben katte; — sie wird auch nock Post von ikm be-
kommen — morgen, in einer Wocke — , vielleickt einen
verirrten Brief nock in einem Monat. Sie wird ikn lesen,
und er wird darin zu ikr sprecken.
Mein Zustand wird i mm er schlimmer, ick kann meine
Gedanken nickt mehr kalten. W^ie mag die Frau aussehen?
Wie die Dunfcle, Sckmale jenseits des Kanals? Gekort sie
mix nickt? Vielleickt gekort sie mix jetzt kierdurck! SaBe
Kantorek dock kier neben mix! Wenn meine Mutter mick
so sake — . Der Tote kMte sicker nock dreiBig Jakre leben
kQnnen, wenn ick mix den Riickweg sckarfer eingepragt
katte. Wenn er zwei Meter weiter nack gelaufen
w§xe, lage ex jetzt druben im Graben und schriebe einen.
neuen Brief an seine Frau.
22l
Docli so komme icii nicht weiter; denn das ist das
ScMcksal von ims alien; katte Kemmericli sein Bein zekn
Zentimeter weiter reclits gekalten, hatte Haie sick fiinf
Zentimeter weiter vorgebeugt —
Das Sckweigen deknt sick. Ick sprecke und muB spre-
cken* So rede ick ikn an und sage es ikm. „Kamerad, ick
woUte dick nickt toten. Sprangst du nock einmal kier
kinein, ick tate es nickt, wenn auck du verniinftig warest.
Aker du warst mir vorker nur ein Gedanke, eine Kombi-
nation, die in meinem Gehirn lebte und einen EntsckluB
kervorrief; — diese Kombination babe ick erstocken.
Jetzt seke ick erst, daB du ein Mensck bist wie ick. Ick
habe gedackt an deine Handgranaten, an dein Bajonett
und deine Waffen; — jetzt seke ick deine Frau und dein
Gesickt und das Gemeinsame. Vergib mir, Kamerad ! Wir
seken es immer zu spat. Warum sagtmanuns nickt immer
wieder, daB ikr ebenso arme Hunde seid wie wir, daB cure
Mutter sick ebenso togstigen wie unsere und daB wir die
gleiche Furckt vor dem Tode kaben und das gleicke Ster-
ben imd den gleicken Sckmerz — . Vergib mir, Kamerad,
wie konntest du mein Feind sein. Wenn wir diese Waffen
und diese Uniform fortwerfen, konntest du ebenso mein
Bruder sein wie Kat und Albert. Nimm zwanzig Jakre
von mir, Kamerad, tmd steke auf, — nimm mekr, denn
ick weiB nickt, was ick damit nock beginnen soll.*^
222
Es ist still, die Front ist rntig bis auf das Gewehr-
geknatter. Die Kugeln liegen dicbt, es wird nicht planlos
gescbossen, sondem auf alien Seiten scbarf gezielt. Icb
kann nicbt hinaus.
„Icb will deiner Frau scbreiben,'^^ sage icb bastig zu
dem Toten, „icb will ihr sckreiben, sie soil es durcb micb
erfahren, icb will ihr alles sagen, was icb dir sage, sie soli
nicbt leiden, icb will ibr belfen und deinen Eltern aucb
und deinem Kinde —
Seine Uniform stebt nocb balb ojBFen. Die Brieftascbe
ist leicht zu finden. Aber icb zdgere, sie zu offnen. In ihr
ist das Bucb nut seinem Namen. Solange icb seinen Namen
nicbt weiB, kann icb ibn vielleicbt nocb vergessen, die Zeit
wird es tilgen, dieses Bild. Sein Name aber ist ein Nagel,
der in mir eingescblagen wird und nie mebr berauszti-
bringen ist. Er bat die Kraft, alles imzner wieder zuriick-
zurufen, es wird stets wiederkommen und vor micb bin-
treten konnen.
Obne EntscbluB balte icb die Brieftascbe in der Hand.
Sie entfaUt mir und offnet sich. Einige Bilder und Briefe
fallen beraus. Icb sammle sie auf und will sie wieder
bineinpacken, aber der Druck, unter dem icb stebe, die
ganze ungewisse Lage, der Hunger, die Gefabr, diese
Stunden mit dem Toten baben micb verzweifelt gemacbt,
icb will die Auflosimg beschleunigen und die Qualerei ver-
starken und enden, wie man eine unertragHcb schmerzende
Hand gegen einen Baum scbmettert, ganzgleicb, was wird.
223
Es sind Bilder einer Frau uud eines tleiuen Madcliens,
schmale Amateurphotograpliieu vor einer Efeuwand. Ne-
ben ilmen stecken Briefe, Icb nekrae sie lieraus und
versucbe sie zu lesen. Das meiste versteke ick nickt,
es ist scklecht zu entziffern, und ick kann nur wenig
Franzosisck. Aber jedes Wort, das ick ubersetze, dringt
mir wie ein SckuB in die Brust — wie ein Stick in die
Brust —
Mein Kopf ist v6llig iiberreizt. Aker so viel begreife ick
nock, dab ick diesen Leuten nie sckreiben darf, wie ick es
dackte vorkin. Unmoglick. Ick seke die Bilder nock ein-
mal an; es sind keine reicken Leute. Ick konnte iknen okne
Namen Geld sckicken, wenn ick spater etwas verdiene.
Daran klammere ick mick, das ist ein kleiner Halt wenig-
stens. Dieser Tote ist mit meinem Leben verbunden, des-
kalb muB ick alles tunund versprecken, ummickzuretten;
ick geloke blindlings, daB ick nur fur ikn dasein will und
seine Fanailie, — mit nassenLippen rede ick auf ikn ein,
und ganz tief in mir sitzt dabei die Hoffnung, daB ick
mick dadurck freikaufe und vielleickt kier dock nock
kerauskomme, eine kleine Hinterlist, daB man nackker
immer nock erst einmal seken k6nne. Und deskalb schlage
ick das Buck auf und lese langsam: Gerard Duval, Typo-
grapk.
Ick sckreibe die Adresse mit dem Bleistift des Toten
auf einen Briefumscklag xmd sckiebe dann pl5tzlick rasck
alles in seinen Rock zuriick.
224
Ich habe den Bnchdrucker Gerard Duval getotet. Ich
mufi Buctdrucker iverden, denke ich. ganz verwirrt, Buch-
dmcker werden, Bnchdrucker —
Nachmittags bin ich ruhiger* Meine Furcht war unbe-
griindet. Der Name verwirrt mich nicht mehr. Der Anfall
vergeht. „Kamerad‘% sage ich zu dem Toten hiniiber, aber
ich sage es gefaBt. ,,Heute du, morgen ich. Aber wenn ich
davonkomme, Kamerad, will ich kampfen gegen dieses,
das uns beide zerschlug: dir das Leben — und mir — ?
Auch das Leben. Ich verspreche es dir, Kamerad. Es darf
nie wieder geschehen.*^
Die Sonne steht schrag. Ich bin dumpf vor ErschSpfung
und Hunger. Das Gestern ist mir \vie ein Nebel, ich hoffe
nicht, hier noch hinauszugelangen. So dose ich dahin und
begreife nicht einmal, daB es Abend wird. Die Dammerung
ko Tum t. Es scheint mir rasch jetzt. Noch einc Stunde.
Ware es Sommer, noch drei Stunden. Noch eine Stunde.
Nun begione ich plStzlich zu zittem, daB etwas da-
zwischenkSme. Ich denke nicht mehr an den Toten, er ist
mir jetzt vollig gleichgultig. Mit einem Schlage springt die
Lebensgier auf, und alles, was ich mir vorgenommen habe,
versinkt davor. Nur um jetzt nicht noch Ungliick zu haben,
plappere ich mechanisch: „Ich werde alles halten, alles hal«
ten, was ich dir versprochen habe — aber ich weiB schon
jetzt, daB ich es nicht txm werde.
15 Kemaxque, Westen
225
Plotzlich fallt mix ein, daB meine eigeneii Kamexaden
auf mich schiefien k^Bneii, wema ich ankrieclie; sie wissen
es ja niclit. Ich werde xtifea, so friili es geht, damit sie
mich vexstelien. So lange will ich vox dem Gxaben liegen-
Heiben, bis sie mix antwcxten.
Dei exste Stem. Die Fxont bleibt xuhig. Ich atme auf
and spxeche vox Aafregang mit mix selbst: „Jetzt keine
Damm h eit, Paal — Rahe, Rabe, Paul — , daan bist da
gerettet, Paul/* Es wixkt, wena ich meinen Vomamen
sage, das ist, als tate es ein andexex, and bat so mebx
Gewalt.
Die Duakelheit wachst. Meiae Aafregang legt sicb, ich
waxte aas Voxsicbt, bis die exsten Raketen steigea. Dana
kxiecbe icb aus dem Txichter. Den Toten babe ich vex-
gessen. Vox mix begt die begionende Nacht and das bleich
beleuchtete Feld. Icb fasse ein Loch ins Auge ; im Moment,
wo das Licht exlischt, scbnelle ich hiniibex, taste weiter,
erwische das nachste, ducke mich, hascbe weitex.
Ich komme nabex. Da sebe icb bei einex Rakete, wie
im Dxaht sich etwas eben nocb bewegt, ehe es exstaxxt,
und Kege still, Beim nacbstenmal sebe icb es wiedex, es
sind bestimmt Kameraden aus imsexm Gxaben. Abex ich
bin voxsichtig, bis icb unsxe Hebne erkenne. Dann rufe ich.
Gleich daxauf exschallt als Antwort mein Name :
„Paul — Paul —
Icb mfe wiedex. Es sind Kat und Albeit, die mit einex
Zeltbahn losgegangen sind, um mich zu sucben.
226
„Bist dll verwiiiidet?^^
5 ,Neiii, nein —
, Wir rutschen in den Graben. Ich verlange Essen imd
scMinge es Mnnnter. Miiller gibt mix eine Zigarette. Ich
sage mit wenigen Worten, was gescbehen ist. Es ist ja
nichts Nenes; so was ist schon oft passiert. Ntor der Nacbt-
angrijOF ist das Besondere bei der Sacbe. Aber Kat bat in
Rnfiiand scbon einmal zwei Tage hinter der mssiscben
Front gelegen, ebe er sicb dnrcbscblagen konnte.
Von dem toten Bucbdrucker sage icb nicbts.
Erst am nacbsten Morgen balte icb es nicbt mehr ans.
Icb mnfi es Kat und Albert erzablen. Sie bembigen micb
beide. „Dn kannst gar nicbts daran macben. Was woUtest
du anders tun. Dazu bist du docb bierT*
Icb b5re ibnen geborgen zu, getrostet durcb ibre N^be.
Was babe icb nur fur einenXJnsinn zusammengefaselt da
in dem Tricbter.
„Sieb mal dabin‘‘, zeigt Kat.
An den Bmstwehren steben einige Scbarfscbiitzen. Sie
baben Gewebre mit Zielfemrobren aufliegen imd l.auem
den Abscbnitt druben ab. Hin und wieder knallt ein ScbuB.
Jetzt bSren wir Ausrufe. ,,Das bat gesessen!^^ — „Hast
du geseben, wie er bocbspxang?^* Sergeant OeUricb wendet
sicb stolz um imd notiert seinen Punkt. Er fuhrt in der
SchuBliste von beute mit drei einwandfirei festgestellten
Treffem.
,,Was sagst du dazu?‘‘ fragt Kat.
15 *
227
Ich nicke.
^^Wenii ex so 'weitexmaclit^ hat er heate abend ein bnn-
tes TSgelchen mehr im Knopfloch*^ meint Kropp.
„Oder er wird bald VizefeldwebeF^ erganzt Kat.
Wix sehen tms an. „Ich wiirde es nicht machen^% sage
ich.
„Immerhm/* sagt Kat, ,,e8 ist ganz gut, dafi du es
jetzt gerade siehst.*®
Sergeant Oellrich tritt wieder an die Brustwehr. Die
Mimdung seines Gewehrs gebt bin imd her.
„Da brauchst du iiber deine Sache kein Wort mehr za
verlieren^\ nickt Albert.
Ich begreife mich jetzt auch selbst nicht mehr.
„Es war nur, weil ich so lange mit ihm zusammen liegen
mu6te‘\ sage ich. Krieg ist Krieg schlieBlich.
Oellrichs Gewehr knallt kurz und trocken.
X
W ir haben emen guten Posten erwischt. Mit acht
Mann miissen wir ein Dorf bewachen, das geranmt
warden ist, weil es zu start bescHossen wird.
HaxiptsacHich soUen wir anf das Proviantamt achten,
das noch nicbt leer ist. Verpflegimg miissen wir nns axis
den Bestanden selbst besorgen. Dafiir sind wir die rict-
tigen Lente, — Kat, Albert, Miiller, Tjaden, Leer, Dete-
ring, xmsere ganze Gruppe ist da. Allerdings, Haie ist tot.
Aber das ist nocb ein machtiges Glxict, deim alle anderen
Grxippen baben mehr Verluste als xmsere gehabt.
Als Unterstand wSblen wir einen betonierten Keller,
zu dem von axiBen eine Treppe hinunterfulirt. Der Ein-
gang ist nocb dxircb eine besondere Betonmauer ge-
schiitzt.
Jetzt entfalten wir eine grofie Tatigkeit. Es ist wieder
eine Gelegenbeit, nicbt nur die Beine, sondem aucb die
Seele zu strecken. Und solche Gelegenbeiten nebmen wir
wahx; denn xmsere Lage ist zu verzweifelt, xim lange
sentimental sein zu konnen. Das ist nxir moglicb, solange
es noch nicbt ganz schlimm ist. Uns jedocb bleibt nicbts
anderes, als sachlicb zu sein. So sacblicb, dab mir mancb-
mal grant, wenn einen AugenbHck ein Gedante aus der
229
fruheren Zeit, vor dem Kriege, sich in memen Kopf ver-
ixrt. Er bleibt aiicli nicht lange.
Wir miissen imsere Lage so leicht nehmen me moglick*
Deslialb niitzen wir jede Gelegenieit ans daani, und un.-
mittelbar, hart, ohne Ubergang steht neben dem Grauen.
der BlSdsiim. Wir konnen gar nicht anders, wir stiirzen
mas hmein. Auch jetzt geht es mit Fenereifer daran, eta
IdyD zu schaffen, ein Idyll des Fressens and Schlafeas
natoxlich.
Die Bade wird zunSchst einmal mit Matratzen belegt,
die wir aus den Hausem heranschleppen. Ein Soldaten-
hintern sitzt gern auch mal weich* Nor in der Mitte des
Baumes bleibt der Boden firei, Dann besorgen wir uns
Decken and Federbetten, prachtvolle weiche Dinger. Von
allem ist im Dorf ja geniigend vorhanden. Albert and ich
finden ein zerlegbares Mahagonibett mit einem Himmel
aus blauer Seide imd Spitzenuberwurf. Wir scbwitzen
wie die Affen beun Transport, aber so was kann man sich
doch nicht entgehen lassen, zomal es in ein paar Tagen
doch sicher zerschossen wird*
Kat und ich machen einen kleinen Patronillengang
dorch die Hluser. Nach kurzer Zeit haben wir ein Dutzend
Eier and zwei Pfund ziemlich firische Batter gefaBt.
Pldtzlich kracht es in einem Salon, and ein eisemer Ofen
saust dorch die Wand, an ons vorbei, einen Meter neben
ans wieder dorch die Wand, Zwei Ldcher. Er kommt aos
dem Haase gegeniiber, in das eine Granate gehaaen ist,
230
,,Sc]iwein gehabt^*^, grinst Kat, imd wir suclien weiter.
Mit einem Male spitzen wr die Olireii iind maclieii lange
Beine. Gleich darauf stehen wir wie verzaubert : la einem
klemen Stall tummeln sicli zwei lebendige FerkeL Wix
reiben uas die Augen uad sehen vorsicbtig meder Mn:
sie sind tatsacblicb nocb immer da* Wir fassen sie an —
kein Zweifel, es sind zwei wirklicbe junge Schweine.
Das gibt eia herrlicbes Essen. Etwa fiiafzig Scbxitt
von nnserm XJaterstand entfemt steht eia kleines Haus,
das als Offiziersquartier gedient hat. In der Kiiche be-
fiadet sich eia riesiger Herd mit zwei Feuerrostea, Pfan-
nen, TSpfen imd Kessela. AUes ist da, sogar eine TJa-
menge kleingehacktes Holz steckt in einem Schappen —
das wabxe Schlaraffenhaus,
Zwei Mann sind seit dem Morgen anf den Feldem and
snchen Kartojffeln, Mohrruben und junge Erbsen. Wir
sind namlich hppig und pfeifen anf die Koaserven des
Proviantamts, wir woUen fiische Sachen habea. In der
Speisekammer liegen schon zwei Kopfe Blumenkobl*
Die Ferkel sind geschlachtet. Kat hat das crledigt. Zu
dem Braten woUen wir Kartoffelpuffer machen. Aber wir
finden keine Reiben fihr die Kartoffebi. Doch anch da ist
bald abgeholfen* In Blechdeckel schlagen wir mit NSgeln
eine Menge LScher, und schon sind es Reiben. Drei Mann
adehen dicke Handscbube an, um die Finger beim Reiben
zu schonen, zwei andere scbalen die Kartoffeln, und es
geht rasch vorwarts*
231
Kat hetreut die Ferkel, die Molirrubeii, die Erbsen imd
den Bliimenkolil. Zn dem Blumenkobl miscbt er sogar
eiae weiBe SoBe znrecht. Ich backe PujQfer, immer vier
zn gleicher Zeit. Nacb zebn Minuten babe icb es berans,
die Pfanne so zu scbwenken, daB die auf der einen Seite
fertigen Puffer hocbfliegen, sich in der Luft dreben und
wieder aufgefaugen werden. Die Ferkel werden unzer-
scbnitten gebraten. Alles stebt um sie berum wie wax einen
Altar.
Inzwiscben ist Besucb gekommen, zwei Funker, die
fireigebig znm Essen eingeladen werden. Sie sitzen im
Wobnzimmer, wo ein Klavier stebt. Einer spielt, der
andere singt: „An der Weser."* Er singt es gefiiblvoll, aber
ziembcb sacbsisch. Trotzdem ergreift es uns, wabrend wir
so am Herd all die sebdnen Sacben vorbereiten.
Allmablich merken wir, daB wir Kattun kriegen. Die
FesselbaUons baben den Eaucb ans unserm Scbornstein
spitz bekommen, und wir werden mit Feuer belegt. Es
sind die verfiucbten kleinen Spritzbiester, die so ein
Heines Locb macben und so weit und niedrig streuen.
Immer naber pfeift es um uns berum, aber wir kSnnen
doch das Essen nicbt im Stick lassen. Die Bande scbieBt
sicb ein. Ein paar Splitter sausen oben durchs Kiicben-
fenster. Wir sind bald mit dem Braten fertig. Docb das
Pufferbacfcen wird jetzt scbwieriger. Die Einscblage
kommen so dicbt, daB oft und ofter die Splitter gegen die
Hauswand Hatscben und durcb die Fenster fegen, Jedes-
232
mal, weim ick ein Ding heranpfeifen hSre, gete ick mit
der Pfanne und den Puffem in die Knie nnd ducke mich
jhinter die Fenstermauer. Sofort danack kin ick wieder
hock nnd backe weiter.
Die Sachsen kdren anf zn spielen — ein SpKtter ist
ins Klavier geflogen. Auck wir sind jetzt aUmahlick fertig
nnd organisieren den Rhckzng- Nack dem nachsten Ein-
scklag laufen zwei Mann mit den GemiisetSpfen los, die
fiinfzig Meter bis znm Unterstand. Wix seken sie ver-
sckwinden.
Der nackste ScknJB. AUes dnckt sick, nnd dann traken
zwei Mann mit je einer groBen Kanne erstklassigem
Boknenkaffee ab und erreicken vor dem folgenden Ein-
schlag den Unterstand.
Jetzt scknappen sickKat nnd Kropp das Glanzstnck :
die groBe Pfanne mit den kraim gekratenen Ferkeln. Ein
Heulen, eine Kniebeuge, nnd sckon rasen sie iiber die
fiinfzig Meter freies Feld.
Ick backe meine letzten vier Puffer nock fertig;
zweimal muB ick dabei auf den Boden — aber es
sind schlieBlick vier Puffer mebr, und es ist mein
Lieblingsessen.
Dann ergreife ick die Platte mit dem koken Stapel und
presse mick hinter die Haustur. Es zisckt, kracht, und ick
galoppiere davon, mit beiden Handen die Platte an die
Brust gedriickt. Fast bin ick angelangt, da pfeift es an-
sckwellend, ick tlirme wic ein Hirsck, fege um die Beton-
233
wand. Spritzer klatschen gegen die Mauer, icli falle die
Kellertreppe hinunter, meine EUenbogen sind zerscMagen,
aber ich babe keiaen einzigen Puffer verloren und die
Platte uicbt umgekippt.
Um zwei Uhr begmnen wir mit dem Essen, Es dauert
bis seeks. Bis halb sieben trinken wir Kaffee — Offiziers-
kaffee ana dem Proviantamt — nnd raueben dazu Offi-
zierszigarren und Zigaretten — ebenfalls ans dem Proviant-
amt. Pxmkt balb sieben fangen wir mit dem Abendessen
an. Um zebn Uhr werfen wir die Gerippe der Ferkel vor
die Tixr. Dann gibt es Kognak und Rum, ebenfalls aus dem
gesegneten Proviantamt, und wieder lange, dicke Zigarren
mit Bauebbinden. Tjaden bebauptet, daJB nur eines fehle:
Madchen aus einem Offizierspuff.
SpStabends bSren wir Miauen. Eine kleine graue Katze
fiitzt am Eingang. Wir locken sie beran tmd futtern sie.
Daruber kommt aucb uns wieder der Appetit. Kauend
legen wir uns schlafen.
Docb die Nacbt ist b6se. Wir baben zu fett gegessen.
Frisches Spanferkel wirkt angreifend auf die DSrme. Es
ist ein ewiges Kommen und Geben im Unterstand. Zwei,
drei Mann sitzen immer mit beruntergezogenen Hosen
drauBen berum und flueben. Icb selbst bin neunmal unter-
wegs. Gegen vier Uhr nachts erreicben wir einen Rekord:
aEe elf Mann, Wache imd Besucb, sitzen drauBen^
Brennende Hauser steben wie Fackeln in der Nacbt.
Granaten poltem beran xuid bauen ein. Munitions-
234
kolonnen rasen uber die StraBe. An ciner Seite ist das
Proviantamt aufgerissen. Wie ein Schwaxm Bienen
drangen sich dort trotz aller Splitter die Kolonnenfalirer
Hind klauen Brot. Wir lassen sie ruliig gewalaren. Venn 'wir
•was sagen wiirden, gabe es hochstens eine Tracbt Priigel
fiir ims. Desbalb macben wir es anders. Wir erklaren,
da6 wir die Wacbe sind, iind da wir Bescheid wissen,
ko TTiTn en wir nut den Konserven an, die wir gegen
Sachen tauscben, die uns felden. Was macht es schon —
in knrzer Zeit ist ohnebin alles zerschossen. Fiir uns selbst
bolen wir Schokolade aus dem Depot und essen sie
tafelweise, Kat sagt, sie sei gut fur einen allzu eiUgen
Bauch. —
Fast vierzehn Tage vergehen so mit Essen, Trinken
und Bummeln. Niemand stort uns. Das Dorf verschwindet
langsam unter den Granaten, und wir fuhren ein gluck-
Kches Leben. Solange nur noch ein Teil des Proviantamts
steht, ist uns alles egal, und wir wiinschen blob, bier das
Ende des Krieges zu erleben.
Tjaden ist derartig fein geworden, daB er die Zigarren
nur halb aufiraucbt. Er erklart bochnasig, er sei es so
gewobnt. Auch Kat ist sebr aufgemuntert. Sein erster
Ruf morgens ist: „Emil, bringen Sie Kaviar und Kaffee/‘
Es ist iiberhaupt erstatmlicli vornehm bei uns, jeder halt
den andern fur seinen Burscben, siezt ibn und gibt ibrn
Auftrage. „Kropp, es juckt znich unter dem FuB, fangen
Sie docb mal die Laus weg^^, damit streckt ihm Leer sein
235
Bein liin wie eine Schauspielerin, und Albert scbleift ibn
daran die Treppen hinauf. „Tjaderi!‘^* — ,,Was?‘‘ —
„Steheii Sie bequem, Tjaden, iibrigens heiBt es nicbt : Was,
sondem: Zu Befebl — also: Tjaden Tjaden begibt sich
"wieder anf ein Gastspiel zu Gotz von Berlicbingen, der
ihm nur so im Handgelenk sitzt,
Nacb weiteren ackt Tagen erhalten wir Befebl, abzu-
riicken. Die HerrKcbkeit ist aus, Zwei groBe Lastaiitos
nebmen uns auf. Sie sind bocb bepackt mit Brettem.
Aber nocb oben darauf bauen Albert und ich unser
Himmelbett mit dem blauseidenen tJberwurf auf, mit
Matratzen und zwei Spitzenoberbetten. Hinten drin am
Kopfende liegt fiir jeden ein Sack mit besten Lebens-
mitteln. Wir fiiblen mancbmal daruber bin, imd die barten
Mettwiirste, die Leberwurstbiichsen, die Konserven, die
Zigarrenkisten lassen unsere Herzen jubilieren. Jeder
Mann bat so einen Sack voU bei sich.
Kropp und ich haben aber auBerdem noch zwei rote
Samtfauteuils gerettet. Sie steben im Bett, tmd wir rakeln
uns darauf wie in einer Theaterloge. t)ber uns bauscht
sich die Seide des Uberwurfs als Baldachin. Jeder hat
eine lange Zigarre im Munde. So schauen wir hoch von
oben in die Gegend.
Zwiscben uns steht ein Papageienkafig, den wir fur
die Katze gefunden haben. Sie wird mitgenommen und
liegt drinnen vor ihrem Fleischnapf und schnurrt.
Langsam roUen die Wagen uber die StraBe. Wir singen..
236
Hinter uns spritzen die Granaten Font^en aus dem mm
ganz verlassenen Dorf.
*
Einige Tage spater riicken wir aus, um eine Ortscliaft
aufzuraumen. Unterwegs begeguen uns die fliehenden
Bewolmer, die ausgewiesen sind. Sie schleppen ibre Hab«
seligkeiten in Karren, in Kinderwagen und auf dem
Riicken mit sich. Ikre Gestalten sind gebeugt, ikre Ge-
sicbter veil Kummer, Verzweiflung, Hast und Ergeben-
beit. Die Kinder hangen an den Handen der Mutter,
mancbmal fiibrt aucb ein Slteres Madcben die Kleinen,
die vorwartstaumeboi und immer weder zuriickseben.
Einige tragen armselige Puppen mit sich. Alle schweigen,
als sie an uns voriibergeben.
Nocb sind wir in Marschkolonne, die Franzosen werden
ja nicbt ein Dorf bescbieBcn, in dem Landsleute sind.Aber
wenige Minuten spater beult die Luft, die Erde bebt,
Scbreie ertonen — eine Granate bat den bintersten Zug
zerscbmettert. Wir spritzen auseinauder und werfen uns
bin, aber im selben Moment fable icb, wie Tnir die Span-
nung entgleitet, die mich sonst immer bei Feuer un-
bewuBt das Ricbtige tun laJBt, der Gedanke „Du bist
verloren** zuckt auf mit einer wiirgenden, scbrecklicben
Angst — und im nachsten Augenbbck fegt ein Schlag wie
von einer Peitscbe iiber mein linkes Bein. Icb b5re Albert
scbreien, er ist neben mir.
287
„Lo 8, anf, Albert brMe ich, denn wix Kegen nn-
gescbiitzt aiif freiem Felde.
Er taumelt hocli iind lauft. leli bleibe neben ibm. Wir
miissen ^er eine Hecke ; sie ist boher als wir. Kropp faBt
in die Zweige, ich packe sein Bein, er schreit auf, icb gebe
ihm ScbwTing, er fliegt hinuber. Mit einem Satz bin icb
hinter ibm ber und falle in einen Teicb, der binter der
Hecke liegt.
Wir baben das G^sicbt voU Wasserlinsen imd Schlamm,
aber die Deckimg ist gut. Desbalb waten wir binein bis
zum Halse, Venn es beult, geben \\dr mit dem Kopf unter
Wasser.
Nacbdem wir das ein dutzendmal gemacbt baben, wird
es mir liber. Aucb Albert stdhnt : ,,LaB ims weg, icb fallc
sonst nm imd ersaufe.“
„Wo bast du was gekriegt?** firage icb.
,,Am Knie, glaube icb.‘‘
„Kannst du Iaufen?‘‘
,,Icb denke —
„Daim los.‘‘
Wir gewinnen den Cbausseegraben und rennen ibn ge-
biickt entlang. Das Feuer folgt uns. Die Strafie bat die
Ricbtxmg auf das Munitionsdepot. Wenn das bocbgebt,
findet nie jemand von uns einen Knopf wieder. Wir §n-
dem desbalb unsem Plan und laufenimWinkel querfeldein.
Albert wird langsamer. „Lauf zu, icb komme nacb‘%
sagt er und wirft sich bin.
238
Ich. reiBe ilm am Arm anf tmd schiittele ilm. ,,Hocli,
Albert, weim du diet erst Mnlegst, kaimst du nie mebr
weiter. Los, ich stiitze dich/‘
Endlicb erreicben wir einen kleinesi Unterstand. Kropp
sebmeiBt sich bin, imd icb verbinde ibn. Der SebuB sitzt
kuxz iiber dem Knie. Dann sebe icb micb selbst an. Die
Hose ist blntig, ebenso der Arm. Albert bindet mir seine
Packeben um die Loeber. Er kann sein Bein sebon niebt
mebr bewegen, nnd wir wundem uns beide, wie wir es
iiberhanpt bis bierber gesebafft baben. Das bat mir die
Angst gemaebt; wir wiirden fortgelanfen sein, selbst wenn
ims die Fiifie weggesebossen waren — dann eben anf
Stiimpfen.
Ich kann nocb etwas krieeben nnd rufe einen voriiber-
fabrenden I^eiterwagen beran, der uns mitminnit. Er ist
roller Verwnndeter. Ein Sanitatsgefreiter ist dabei, der
uns eine Tetanusspritze in die Brust jagt.
Im Feldlazarett riebten wir es so ein, da6 wir neben-
einander zu liegen kommen. Es gibt eine diiiine Suppen-
briibe, die wir gierig und veracbtlicb ausloffeln, wed wir
zwar bessere Zeiten gewobnt sind, aber docb Hunger baben.
,,Nnn gebt’s in die Heimat, AIbert‘‘, sage icb.
,,Hoffentlicb*% antwortet er. ,,Wenn ich bloB wiiflte,
was ich babe.^‘
Die Sebmerzen werden starker. Wie Feuer brennen
die Verbande. Wir trinken und trinken, einen Becber
Wasser nacb dem andem.
239
,,Wieviel iiber dem Knie ist mein Sclin6?‘* fragt Kropp.
,,Mindestens zehn Zentimeter, Albert^, antworte ich.
In Wirklichkeit sind es vielleicht drei.
,,Das babe icb mix vorgenommen/^ sagt ex nacb einex
Welle, „weim sie mix einen Knochen abnebmen, macbe
icb SchlnB. Icb will nicbt als Kxiippel duxcb die Welt
lanfen/^
So begen wix mit nnsern Gedanken und waiten*
Abends wexden wix znx Scblacbtbank gebolt. Icb ex-
scbxecke nnd uberlege lasch, was icb tim soil; denn es
ist bekannt, dafi die Axzte in den Feldlazaxetten leicbt
ampuliexen. Bei dem gioBen Andxang ist das einfacbex
als kompKziexte Flickeieien. Kemmexicb fallt mix ein.
Auf keinen Fall werde icb micb cblorofoxmiexen lassen,
selbst wenn icb ein paai Lenten den Scbadel einschlagen
muB.
Es gebt gut. Der Axzt stocbext in dex Wunde bexum,
daB mix scbwaxa vox den Augen wixd. „SteUen Sie sick
nicbt so an‘‘, scbimpft ex und sSbelt weitex. Die Instxu-
mente blitzen in dem bellen Licbt wie bSsaxtige Tiere. Die
Scbmexzen sind unextxagHcb. Zwei Kiankenwaxtex balten
meine Axme fest, abex icb kxiege einen los und will ibn
gexade dem Axzt in die Brille knallen, als ex es mexkt und
wegspxingt. „CHorofoxmiext den KexlT* scbreit ex wiitend.
240
Da werde ich ralig, ^Entsdraldigen Herr Doktor,
ich. werde stillhalteii, aber chloroformiereii Sie micb
„Na ja“, kakelt er and nimmt seine Instrumente wieder
vor. Er ist ein blonder Burscbe, bochstens dreiBig Jabre
alt, mit Scbmissen nnd einer widerHcben goldenen Brille.
Icb merke, daB er micb jetzt scbikaniert, er wiiblt nnr so
in der Wunde und scbielt ab imd zu iiber seine Glaser
zu mxr bin. Meine Hande qnetscben sicb nra die Griffe,
eber verrecke icb, als daB er einen IVIncks von mix b<5rt,
Er bat einen Spbtter berausgeangelt und wirft ibn Yniv
zn. Scbeinbar ist er befriedigt von meinem Verbalten,
denn er scbient micb jetzt sorgfaltig und sagt: „Morgen
gebt’s ab nacb Hause/^ Dann werde icb eingegipst. Als
icb wieder mitKropp zusammenbin, erzable icb ibrn , daB
also wabrscbembcb morgen scbon ein Lazarettzug ein-
treflfen wird.
„Wir miissen mit dem Sanitatsfeldwebel sprecben,
damit wir beieinander bleiben, Albert/^
Es gelingt mir, dem Feldwebel mit ein paar passenden
Worten zwei meiner Zigarren mit Baucbbinden zu iiber-
reicben. Er scbnuppert daran und fragt: „Hast du nocb
mebr davon?‘‘
„Nocb eine gute HandvoU,"' sage icb, „und mein
Kamerad*^, icb zeige auf Kropp, ,,ebenfalls. Die mocbten
wir Ibnen gem morgen zusammen aus dem Fenster des
Lazarettzuges iiberreicben/*
16 Eemarque, Westen
241
Er kapiert natiirlicli, sclmuppert noch einmal und
sagt: „Gei}iac]it.‘‘
Wir kSimen keine Minute nachts scHafen. In unserm
Saal sterben sieben Leute. Einer singt eine Stunde lang
in einem kolien Quetscktenor Ckorale, ebe er zu rdckeln
beginnt. Ein anderer ist vorber aus dem Bett ans Fenster
gekrocben. Er liegt davor, als batte er zum letztenmal
hinaussehen woUen.
*
Unsere Babren steben auf dem Babnbof. Wir warten
auf den Zug. Es regnet, und der Bahnhof bat kein Dacb.
Die Decken sind diinn. Wir warten scbon zwei Stunden.
Der Feldwebel betreut uns wie eine Mutter. Obscbon
mix sebr scMecbt ist, verliere icb unsern Plan nicbt aus
den Gedanken. So nebenbei lasse icb die Packcben seben
und gebe eine Zigarre als VorscbuB ab. Dafiir deckt der
Feldwebel uns eine Zeltbabn iiber.
„Menscb, Albert, erinnere icb nodcb, „unser Himmel-
bett und die Katze —
„Und die KlxibsesseF^ fugt er hinzu.
Ja, die Klubsessel aus rotem Pliiscb. Wir batten wie
Flirsten abends darauf gesessen und uns vorgenommen,
sie sp^ter stundenweise abzuvermieten. Pro Stunde eine
Zigarette. Es ware ein sorgenloses Leben und ein GescbSft
geworden.
„Albert,“ fallt mir ein, „und unsere FreBsSlcke/^
242
Wir werden scli-wermiitig. Die Sachen hatten wht
braucBten koimeii. Wenn der Zug einen Tag spater fiikre^
hMte Kat ims sicber gefunden und ims den Krani ge-
bracbt.
Ein verflucbtes Schicksal. Wir baben Mehlsuppe im
Magen, diinnes Lazarettfutter, tmd in tmseren Sacken
ist Scbweinebraten als Konserve. Aber wir sind so
scbwacb, da6 wir nns nicbt weiter dariiber aufregen konnen •
Die Babxen sind MatscbnaB, als der Zng morgens ein-
lanft. Der Feldwebel sorgt dafiir^ dafi wir in denselben
Wagen kommen. Eine Menge E.ote-Kreuz-Scbwestem
sind da. Kropp wird nacb nnten gepackt. Icb werde an-
geboben tmd soli in das Bett iiber ibm.
,,Um GotteswiUen‘% entfabrt es mir plotzKcb.
„Was ist denn?^^ fragt die Scbwester.
Icb werfe nocb einen Blick anf das Bett. Es ist mit
scbneeweifiem Leinen bezogen, nnvorstellbar sauberem
Leinen, das sogar nocb die Plattkniffe bat. Mein Hemd
dagegen ist secbs Wocben lang nicbt gewascben worden
tmd sehr dreckig.
„K6nnen Sie nicbt allein bineinkriecben?“ fragt die
Scbwester besorgt.
„Das scbon/* sage icb schwitzend, „aber tnn Sie dock
erst das Bettzeug weg.^‘
„Wanini denn?**
Icb komme mir wie ein Scbwein vor. Da soil icb 3aiicb
bineinlegen? — „Es wird ja — Icb zogere.
16 *
243
„Eiba biBchen scbmutzig?^^ fragt sie ermiintemd. „Das
scbadetmchts, dannwascbenwir es eben nacbberwieder/*
<las nicht — sage icb aufgeregt. Diesem An-
stmrin der Kaltnr bin icb nicbt gewachsen.
„Dafdr, daJJ Sie drauUen im Graben gdegen baben,
werden wir wobl nocb ein Bettlaken wascben konnen*^,
fabrt sie fort.
Icb sebe sie an, sie siebt kntisprig und jnng ans, blank
gewascben nnd fein, me alles bier, man begreift nicbt,
da6 es nicbt nnr fur Offiziere ist, und fiiblt sicb unbeimlich
und sogar irgendwie bedrobt.
Das Weib ist trotzdem ein Folterlmecbt, es zwingt
micb, alles zu sagen. „Es ist nux — icb balte ein, sie
mtiB docb versteben, was icb naeine.
„Was denn nocb?^‘
„Wegen der Lause^^ briille icb scbbeBlicb beraus.
Sie lacbt. „Die miissen aucb mal gute Tage haben/^
Nun kann es mir ja gleich sein. Icb krabbele ins Bett
und decke micb zu.
Eine Hand fingert iiber die Decke. Der FeldwebeL Er
ziebt mit den Zigarren ab.
Nacb einer Stunde merken wir, daU wir fabren.
*
Nacbts erwacbe icb. Aucb Kropp ruhrt sicb. Der Zug
roUt leise iiber die Scbienen. Es ist alles nocb unbegreif-
licb: ein Bett, ein Zug, nacb Hause. Icb fliistere : ^Albert T*
244
„ Ja
^WeiBt dn, wo Mer die Latrine ist?^*^
„Icli glaiibe, driiben rechts die Tur/‘
„Idi werde mal sehen/^ Es ist dunkel, ick taste nach
dem Bettrand iind will vorsichtig liiiiioitergleiten. ABer
mein FnB findet keinen Halt, ich gerate ins Rntsclien, das
Gipsbein ist keine Hilfe, und mit einem Kracli liege icB
auf dem Boden,
„VerflncIit“, sage ich.
„Hast dn dich gestofien?'^^ firagt Kropp.
,,Das konntest du doch wohl gehort haben/* knurre
ieh, „mein Schadel —
Hinten im Wagen offnet sich die Tiir. Die Schwester
kommt mit Licht und sieht mich.
,,Er ist aus dem Bett gefallen —
Sie fiihlt mix den Puls und faBt meine Stim an. „Sie
haben aber kein Fieber.‘*
,,Nein — ‘S gebe ich zu.
„Haben Sie denn getraumt?‘‘ fragt sie.
„So imgefahr‘% weiche ich aus. Jetzt geht die Fragerei
wieder los. Sie sieht mich mit ihren blanken Augen an,
sauber und wunderbar ist sie, um so weniger kann ich
ibr sagen, was ich will.
Ich werde wieder nach oben gehoben. Das kann ja gut
werden. Wenn sie fort ist, muB ich sofort wieder versuchen,
hinunterzusteigen. Ware sie eine alte Frau, so ginge es
eher, ihr Bescheid zu sagen, aber sie ist ja ganz jung.
245
liSclisteiis fojifimdzwaiazig Jalire, es ist nicht zii machen,
ich. kaim es ihr niclit sagen.
Da kommt Albert mir zu Hilfe, er ge3Ddert sicb nicbt^
er ist es ja aacb scbliefilicb niclit, den die Sacbe angeht.
Er mft die Schwester an. Sie drekt sick nm. „Sckwester,
er woUte — aber auck Albert weiB nickt mekr, wie er
sick tadellos und anstandig ansdriicken soil. Unter nns
draiiBen ist das mit einem einzigen Wort gesagt, aber Mer,
einer solchen Dame gegeniiber Mit einem Male jedoch
fallt ihm die Schnlzeit ein, und er voUendet flieUend: „Er
mockte mal kinaus, Sckwester.*^
„Ack so,“ sagt die Sckwester, ,,dazu brauckt er dock
nickt mit seinem Gipsverband aus dem Bett zu klettem.
Was wollen Sie deim kaben?^* wendet sie sick an mick.
Ick bin t5dlick ersckrocken uber diese neue Wendung;
deim ick kabe keine Aknung, me man die Dinge fach-
mannisch benennt. Die Sckwester kommt mir zu Hilfe.
„Klem oder groB?^‘
Diese Blamage! Ick sckwitze wie ein Affe und sage
verlegen: „Na, also nur klein —
Immerhin, wenigstens nock etwas Gliick.
Ick erkalte eine Flascke. Nack einigen Stunden bin ick
nickt mekr der einzige, und morgens kaben wir uns ge-
wShnt und verlangen ohneBesckamung,waswir brauchen*
Doc Zug fihrt langsam. Manckmal h§lt er, und die
Toten werden ausgeladen. Er kalt oft.
246
AE3ert liat Fieber. Mir gebt es leidlicb, icla babe Scbmer-
ssen, aber scblimmer ist es, daB wahrscbeinlich imter dem
Gipsverband nocb Laiise sitzen, Es jackt fiixcbterlicb,
nnd icb kann micb nicbt kratzen.
■Wir scblammem durch die Tage. Die Landscbaft gebt
still durcb die Fenster. In der dritten Nacbt sind wir in
HerbestbaL Icb bore von der Scbwester, daB Albert an der
nacbsten Station ausgeladen warden soil, wegen seines
Fiebers, „Wie wait fabrt der frage icb.
„Bis Kdln.^^
^Albert, wir bleiben zasammen,"*" sage icb, „paB
Beim nacbsten Rundgang der Scbwester balte icb die
Lnft an nnd presse den Atem in den Kopf. Er scbwillt
nnd wird rot. Sie bleibt steben. „Haben Sie Scbmerzen?^*
stobne icb, „mit einem Male.'^^
Sie gibt snir ein Tbermometer nnd gebt waiter. Icb
muBte nicbt bei Kat in der Lebre gewesen sein, nm nicbt
Bescbeid zu wissen. Diese Soldatentbermometer sind
nicbt fur erfabrenes MiHtar berecbnet. Es bandelt sicb nnr
damm, das Quecksilber bocbzntreiben, dann bleibt es in
der diinnen Robre steben nnd sinkt nicbt wieder,
Icb stecke das Tbermometer unter den Arm, scbrag
nacb nnten, nnd knipse mit dem Zeigefinger standig da-
gegen. Daranf scbiittele icb es nacb oben. Damit erreicbe
icb 37,9 Grad. Das geniigt aber nicbt. Ein Streicbbolz
vorsicbtig nabe darangebalten ergibt 38,7 Grad.
Als die Scbwester znruckkomint, pnste icb micb anf,
247
atme leicht stoBweise, glotze sie mit etwas stieren Augen
an, fcewege micK nMiildg mid fliistere : „Icli kann es nicht
mehr anskalten —
Sie notiert micli anf einen ZetteL Ich wei8 genan, daB
ohne Not mein Gipsverband nicht geSffnet wird.
Albert nnd icb werden zusammen ausgeladen.
*
Wir liegen in einem katholiscben Hospital, im gleicben
Zimmer. Das ist ein groBes Gliick, denn die katholiscben
Krankenbanser sind bekannt fur gute Bebandlung nnd
gutes Essen. Das Lazarett ist voU belegt worden ans
nnsermZng, es sind viele scbwere Falle dabci. Vir kommen
bente nocb nicbt znr Untersucbiing, da zu wenig Arzte
da sind. Auf dem Korridor fabren nnablassig die flacben
Wagen mit den Gummiradem vorbei, und immcr liegt
jemand lang darauf. Eine verflucbte Lage — so lang-
gestreckt — nur gut, wenn man scblaft.
Die Nacht ist sebr unruhig. Keiner kann scblafen.
Gegen Morgen duseln -wir etwas ein. Icb erwacbe, als es
hell wird. Die Tiir steht offen, und vom Korridor b5re
icb Stimmen. Aucb die andern wacben auf. Einer, der
scbon ein paar Tage da ist, erklSrt uns die Sacbe: „Hier
oben wild jeden Morgen auf dem Korridor gebetet von den
Scbwestern. Sie nennen das Morgenandacbt, Damit ibr
euern Teil abkriegt, macben sie die Tiiren auf.^^
248
Das JBt sicter gut gemeint, aber ims tiin die Knocben
imd die Schadel web.
„So ein Unsiroi/* sage icb, ,,weim man gerade etwas
eingescMafeni ist/‘
„Hier oben liegen die leicbteren F^e, da maclieii sie
es so‘\ antwortet er.
Albert stobnt. Icb werde wiitend und nife: „Riibe da
draii6eii/‘
Nacb einer Minute erscheiut eine Scbwester. Sie siebt
in ihxer weiB und scbwarzeu Tracbt aus wie ein biibscher
Kaffeewarmer. „Macben Sie docb die Tiir zu, Scbwester'^^
sagt jemand.
„E8 wird gebetet, desbalb ist die Tiir offen‘% er-
widert sie.
„Wir m5cbten aber noch scblafen —
„B^ten ist besser als scblafen/^ Sie stebt da und
l^cbelt unscbuldig. ,,E8 ist aucb scbon sieben Ubr/‘
Albert stobnt wieder. „Tur zu!‘‘ scbnauze ich,
Sie ist ganz verdutzt, so etwas kann sie scbeinbar nicbt
begreifen. „Es wird docb aucb fur Sie mitgebetet/‘
,,Einerlei! Tiir zu!‘*
Sie verscbwindet und laBt die Tiir offen. Die Litanei
ertdnt wieder. Icb bin wild und sage: „Icb zable jetzt bis
drei. Wenn es bis dabin nicbt aufbort, fliegt was.^^
,,Von mir aucb‘^ erklilrt ein anderer.
Icb zible bis fiinf. Dann nebme icb eine Flascbe,
ziele und werfe sie durch die Tiir auf den Korridor. Sie
249
'zerspringt in tansend Splitter. Das Beten Iiort atif. Ein
Schwarm Schwestem ersclieint und schimpft maBvoU.
„Tiir zuT* sclareien ■wir,
Sie verzielieii sich. Die Kleine von vorhin ist die letzte.
^,Heiden‘\ zwitscEert sie, macht aber dock die Tiir zn.
Wir baben gesiegt.
♦
Mittags kommt der Lazarettinspektor and ranzt uns
an. Er verspricbt uns Festimg and nocb mehr. Nun ist
ein Lazarettinspektor, genan wie ein Proviantamts-
inspektor, zwar jemand, der einen langen Degen und
Achselstiicke tragt, aber eigentlicb ein Beamter, und er
wird darum nicbt exnmal von einem Rekrnten fiir voE
genommen. Wir lassen ibn desbalb reden. Was kann uns
scbon passieren —
„Wer bat die Flascbe geworfen?‘‘ fragt er.
Bevor ich iiberlegen kann, ob icb mich melden soil,
sagt jemand: „Icb!‘^
Ein Mann mit struppigem Bart ricbtet sicb auf. AUes
ist gespannt, wesbalb er sicb meldet.
„Sier^
,,Jawobl. Icb war erregt dariiber, dafi wir unn5tig
geweckt warden, und verlor die Besinnung, so dafi ich
nicbt wuBte, was ich tat/* Er redet wie ein Buch.
„Wie beiBen Sie?**
„Ersatz-Reservist Josef Hamacher.**
250
Der Iiaspektor geM ab.
AUe sind neugierig. „Wesbalb bast du dicb denn MoB
gemeldet? Dm warst es ja gar nicbtl^^
Er grins t* „Das macht nicbts. Icb babe einen Jagd-
scbein/^
Da verst ebt natiirlicb jeder. Wer einen Jagdscbein bat,
kann macben, was er will,
„Ja/‘ erzahlt er, „icb babe einen KopfscbuB gebabt,
mnd darauf ist mir ein Attest ausgestellt worden, daB icb
zeitweise mnziirecbnmngsfabig bin. Seitdem bin icb fein
berams. Man darf micb nicbt reizen. Mir passiert also
nicbts. Der mnten wird sicb scbon ^gern. Und gemeldet
babe icb micb, weil mir das Werfen Spafi gemacbt bat.
Wenn sie morgen wieder die Tiir aufmacben, sebmeiBen
wir wieder.^‘
Wir sind heilfrob. Mit Josef Hamacber in der Mitte
konnen wir jetzt alles riskieren.
Dann kommen die lautlosen, flachen Wagen, um ims
zm holen.
Die Verbande sind verklebt. Wir briillen wie Stiere.
*
Es liegen acbt Mann auf mnserer Stube. Die scbwerste
Verletzmng hat Peter, ein scbwarzer Kramskopf — einen
kompbzierten Lmngenscbmfi. Franz W§cbter neben ibm
bat einen zerschossenen Arm, der anfangs nicbt schbrnin
251
aussieht. ABex in der dritten Nactt raft er mis an, wir
sollten klingeln, er glaaJbe, er blute dnrch.
let kl i x Lgele laraftig. Die Naclitscliwester kommt niett.
Wir taben sie abends zieioKcb stark in Anspmeb ge-
nomuaen, weil wir alle nene Verbande nnd desbalb
Sebmerzen batten. Der eine woUte das Bein so gelegt
baben, der andere so, der dritte verlangte Wasser, dem
vierten soUte sie das Kopftissen anfscbiitteln; — die
dicke Alte batte bose gebmmmt zuletzt und die Tiiren
gescblagen. Jetzt vermntet sie wobl wieder so etwas,
denn sie kommt niebt.
Wir warten. Dann sagt Franz : „Klmgle nochmal/*
Ich tn© es. Sie laBt sicb immer noch niebt seben. Auf
nnserem Fliigel ist naebts nnr eine einzige Stations-
sebwester, vielleicht bat sie gerade in andem Zimmem
zu tnn. „Bist du sicber, Franz, daB du blutest?** frage
icb. ,,Sonst kriegen wir wieder was auf den Kopf/‘
„Es ist naB, Kann keiner Licbt macben?^*
Anch das gebt niebt. Der Schalter ist an der Tiir, tmd
niemand kann anfsteben. Icb balte den Daiimen auf der
Klingel, bis er gefiibllos wird. Vielleicht ist die Sebwester
eingenickt. Sie baben ja sebr viel Arbeit und sind alle
iiberanstrengt, schon tagsiiber. Dazu das stSndige Beten.
^SoIIen wir Flascben scbmei6en?‘‘ fxagt Josef Ha-
macber mit dem Jagdschein.
„Das b5rt sie nocb weniger als das Klmgeln.^‘
Endbch gebt die Tiir auf. MuffeHg ersebeint die Alte*
252
Als sie die GescHchte bei Franz bemerkt, wbrd sie eilig
nnd ruft; ,,Weslialb bat denn keiner Bescheid gesagt?^^
,,Wir baben ja geklingelt. Laufen kann bier keiner/*
Er bat stark geblutet nnd wird verbunden. Morgens
sehen wir sein Gesicbt, es ist spitzer nnd gelber geworden,
dabei war es am Abend noch fast gesund im Ansseben.
Jetzt kommt 6fter cine Scbwester.
:|i
Mancbmal sind es aucb Hilfsscbwestern vom Roten
Krenz. Sie sind gntmutig, aber mitnnter etwas nnge-
scbickt. Beim Umbetten tun sie einem oft web nnd sind
dann so erscbrocken, daB sie einem nocb mebr web tun.
Die Nonnen sind znverlassiger. Sie wissen, wie sie an-
fassen miissen, aber wir mocbten gern, daB sie etwas
Instiger waren. Einige allerdings baben Humor, sie sind
groBartig. Wer wiirde Scbwester Libertine nicbt jeden
Gefallen tun, dieser wunderbaren Scbwester, die im
ganzen Fliigel Stimmung verbreitet, wenn sie nur von
weitem zn seben ist? Und solcber sind nocb mehrere da.
Wir wiirden fur sie durcbs Feuer geben. Man kann sicb
wirklich nicbt beklagen, man wird direkt wie ein ZiviHst
bier bebandelt von den Nonnen. Wenn man dagegen an
die Garnisonlazarette denkt, kann einem die Angst
kommen.
Franz Wicbter kommt nicbt wieder zu Kraften. Eines
Tages wild er abgebolt und bleibt fort. Josef Hamacber
25S
wei6 Bewsclieid: „Deii selien wir niclit wieder. Sie haben
Urn ins Totenzimmer gebracbt/^
,,Was fur ein Totenzimmer?^* fragt Kropp-
, 5 Na, ins Sterbezimmer — **
„Was ist denn das?**
„Das Heine Zimmer an der Ecke des Fliigels. Wer
knrz vor dem Abkratzen ist, wird dabin gebracbt. Es sind
zwei Betten darin. tJberall beiBt es nur das Sterbe-
zimmer.**
,,Aber warum machen sie das?**
,,Sie haben dann nicbt so viel Arbeit nacbher. Es ist
aucb bequemer, weil es gleich am Aufzug zur TotenbaUe
liegt. Vielleicht tun sie es auch, damit keiner in den Salen
stirbt, %vegen der andem. Sie konnen ja aucb besserbei
ibm wacben, wenn er allein liegt.**
,,Al>er er selber?**
Josef zuckt die Acbseln. ,,Gewobnlicb merkt er ja nicbt
mebr viel davon.**
„WeiS es denn jeder?**
„Wer langer bier ist, weiB es natiirlicb.**
«
Nacbmittags wird das Bett von Franz Wicbter nen
belegt. Nacb ein paar Tagen bolen sie aucb den neuen
wieder ab. Josef macbt eine bezeicbnende Handbewegung.
Wir seben nocb mancben kommen und gehen.
254
Manclmial sitzen Angetorige an den Betten imd weinen
Oder spreclien leise nnd verlegen. Eine alte Fran mil gar
nicht fort, aber sie kann die Nackt iiber ja niclit dableiben.
Am andern Morgen kommt sie sckon ganz friib, aber dock
nicbt friib gentig ; denn als sie an das Bett gebt, liegt scbon
jemand anders drin. Sie mnB zur Totenballe. Die Ipfel,
die sie nocb bei sicb bat, gibt sie uns.
Aucb dem kleinen Peter gebt es scblechter. Seine
Fiebertafel siebt bose aus, und eines Tages stebt neben
seinem Bett der flacbe Wagen. „Wobin?'‘ fragt er,
„Ztim Verbandssaal/‘
Er wird binanfgeboben. Aber die Scbwester macbt den
Febler, semen Waffenrock vom Haken zu nebmen imd
ibn ebenfalls anf den Wagen zu legen, damit sic nicbt
zweimal zu geben braucbt. Peter weiB sofort Bescbeid tmd
will sicb vom Wagen roUen. „Icb bleibe bier!‘‘
Sie driicken ibn nieder. Er scbreit leise mit seiner zer-
scbossenen Limge : „Icb will nicbt ins Sterbezimmer/^
„Wir geben ja zum Verbandssaal/*^
„Wozu braucbt ikr dann meinen Waffenrock?“ Ex kann
nicbt mebr sprecben. Heiser, aufgeregt, fliistert er ; „Hier-
bleibenr^
Sie antworten nicbt und fabren ibn binaus. Tor der
Tur versucbt er sicb aufzuricbten. Sein scbwarzer Kraus-
kopf bebt, die Augen sind voU Tranen. „Icb komme
wieder! Icb komme wiederT* ruft er.
Die Tiir schbefit sicb. Wir sind alle erregt; aber wir-
255 *
sckweigen. Eudlich. sagt Josef: „Hat sclioii manclier ge-
sagt, Weim man erst drin ist, halt man doch nicht durch/^
Ich werde operiert und kotze zwei Tage lang. Meine
Knochen wollen nicht ztisainmenwachsen, sagt der Schrei-
her des Arztes. Bei einem andem sind sie falsch an-
gewachsen; dem werden sie meder gebrochen. Es ist
schon ein Elend.
XJnter nnserm Zuwachs sind zwei junge Soldaten mil
PlattfuBen. Bei der Visite entdeckt der Chefarzt sie nnd
bleibt freudig stehen. „Das werden wir wegkriegen/^ er-
zahlt er, „da machen wir eine fcleine Operation, und schon
haben Sie gesunde FiiBe, Schreiben Sie auf, Schwester/‘
Als er fort ist, warnt Josef, der alles wei6: „La6t ench
ja nicht operieren! Das ist namlich ein wissenschaftlicher
Fimmel vom Alten. Er ist ganz wild auf jeden, den er
dafiir zu fassen bekommt. Er operiert euch die PlattfiiBe,
und ihr habt nachher tatsachlich auch keine mehr; dafiir
habt ihr KlumpfiiBe imd miifit euer Leben lang an Stdcken
laufen/^
„Was soli man denn da machen fragt der eine.
„Nein sagen! Ihr seid hier, um eure Schiisse zu kurieren,
nicht eure PlattfuBe! Habt ihr im Felde keine gehabt?
Na, da seht ihr! Jetzt k5nnt ihr noch laufen, aber wenn
der Alte euch erst unter dem Messer gehabt hat, seid ihr
Kruppel. Er braucht Versuchskarnickel, fur ihn ist der
ciKa
Krieg eine groBartige Zeit deshalb, wie fur alle Arzte.
Sebt eucb unten mal die Station an; da kriecben ein
Dutzend Leute berum, die er operiert bat. Mancbe sind
seit vierzebn nnd fiinfzebn bier, jabrelang. Kein einziger
kann besser laufen als vorber; fast alle aber scblecbter,
die meisten nnr mit Gipsbeinen. Alle halbe Jabre erwiscbt
er sie wieder und bricbt ibnen die Knocben aufs neue, und
jedesmal soil dann der Erfolg kominen. Nebmt eucb in
acbt, er darf es nicht, wenn ihr nein sagt.‘‘
,,Acb, Menscb,‘‘ sagt der eine von den beiden miide,
„besser die Fiibe als der Scbadel. WeiBt du, was du kriegst,
wenn du wieder drauBen bist? Sollen sie mit mir machen,
was sie wollen, wenn icb bloB wieder nacb Haizse komme.
Besser ein KlumpfuB als tot.*""
Der andere, ein junger Menscb wie wir, will nicbt. Am
andern Morgen laBt der Alte beide berunterbolen und
redet und scbnauzt so lange auf sie ein, bis sie docb ein-
willigen. Was sollen sie anders tun. — Sie sind ja nur
Muskoten, und er ist ein hohes Tier. Vergipst und cbloro-
formiert warden sie wiedergebracbt.
4i
Albert geht es scblecbt. Er wird gebolt und amputiert.
Das gauze Bein bis obenhin wird abgenommen. Nun
spricbt er fast gar nicbt mebr. Einmal sagt er, er wolle sicb
erschiefien, wenn er erst wieder an seinen Revolver beran-
kame*
17 Eomarquo, Westen
257
Ein neuer Transport IrifFt ein. Unsere Stnbe erlxalt
zwei Blinde. Einer davon ist ein ganz junger Musikcr. Die
Schwestern haben nie ein Messer bei sich, wenn sie ibm
Essen geben; er bat einer scbon einmal eins entrissen.
Trotz dieser Vorsicbt passiert etwas. Abends beim Fiittern
wird die Scbwester von seinem Bett abgerufen nnd stellt
den Teller niit der Gabel so lange auf seincn Tiscb. Er
tastet nacb der Gabel, faBt sie nnd stoUt sie mit aller
Kraft gegen sein Herz, dann ergreift er einen Schnb nnd
schlagt anf den Stiel, so fest er kann. Wir rnfen \im Hilfe,
nnd drei Mann sind no tig, ibm die Gabel wegzunebmen.
Die stumpfen Zinken waren scbon tief eingedrungen.
Er scbimpft die ganze Nacbt auf uns, so daJB niemand
Scblaf findet* Morgens bat er einen Scbreikrampf.
Wieder werden Betten frei. Tage um Tage geben bin
in Scbmerzen nnd Angst, Stobnen nnd RScbeln. Auch
das Vorbandensein der Totenzimmer nutzt nicbts mebr,
es sind zu weuig, die Leute sterben nacbts aucb auf unserer
Stube. Es gebt eben schneller als die tJberlegung der
Scbwestern.
Aber eines Tages fliegt die Tiir auf, der flacbe Wagen
rollt herein, und blab, scbmal, aufreebt, triumpbierend,
mit gestraubtem sebwarzen Krauskopf sitzt Peter anf
der Babre. Scbwester Libertine sebiebt ibn mit slrablender
Miene an sein altes Bett. Er ist zuriick aus dem Sterbc"
zimmer. Wir baben ibn ISngst fur tot gebalten.
Er siebt sicb um: „Was sagt ibr nun?^*^
258
Und sellbst Josef muB zugeben, dafi er so was zum
ersten. Male erlebt.
«
Allmablicb diirfen einige von nns aufstehen. Aucb icb
bekomme Kriicken zum Herumbumpeln. Dock ich macbe
wenig Gebraucb davon; icb kann Alberts Blick nicbt er-
tragen, wenn icb durcbs Zimmer gebe. Er siebt mir immer
mit so sonderbaren Augen nacb. Desbalb entschliipfe icb
mancbmal auf den Korridor — dort kann icb micb freier
bewegen.
Im Stockwerk tiefer liegen Baiicb- und Riickenmark-
scbiisse, Kopfscbiisse und beiderseilig Ampuiierte. Recbts
im Fliigel Kieferscbiisse, Gaskranke, Nasen-, Ohren- und
Halsscbiisse. Links im Fliigel Blinde und Lungenscbiisse,
Beckenschiisse, Gelenkscbiisse, Nierenscbiisse, Hoden-
scbiisse, Magenscbiisse. Man siebt bier erst, wo ein Menscb
iiberall getroffen warden kann,
Zwei Leute sterben an Wundstarrkrampf. Die Haut
wird fabl, die Glicder erstarren, ztiletzt leben — lange —
nur nocb die Augen. — Bei mancben Verletzten bangt das
zerscbossene Glied an eincm Galgen frei in der Luft ; untex
die Wunde wird ein Becken gestellt, in das derEiter tropft.
Alle zwei oder drei Stunden wird das GefaB geleert. Andere
Leute liegen im Streckverband, mit scbweren, berab-
ziebenden Gewicbten am Bett. Icb sebe Darmwunden,
die standig voU Kot sind. Der Scbreiber des Arztes zeigt
17 *
259
mir Rontgenaufnalimen von v5llig zersclimetterteii Hiift-
knochen, Knien und Scliultern,
Man kann nicht begreifen, daB iiber so zerrissenen
Leibern noch Menschengesichter sind, in denen das Leben
seinen alltSglichen Fortgang nimmt. Und dabei ist dies
nnr ein einziges Lazarett, nur eine einzige Station — es
gibt Hunderttausende in Deutschland, Hunderttansende
in Frankreich, Hunderttausende in RuBland. Wie sinnlos
ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn
so etwas mOglich ist ! Es muB alles gelogen und belanglos
sein, wenn die Kultur von Jabrtausenden nicht einmal
verhindern konnte, daB diese Strome von Blut vergossen
wurden, daB diese Kerker der Qualen zu Hunderttausen-
den existieren. Erst das Lazarett zeigt, was Krieg ist.
Ich bin jung, ich bin zwanzig Jahre alt; aber ich kenne
vom Leben nichts anderes als die Verzweiflung, den Tod,
die Angst und die Verkettung sinnlosester Obcrfl§chlich-
keit mit einem Abgrund des Leidens, Ich sehe, daB V5lker
gegeneinandergetrieben werden und sich schweigend, un-
wissend, tdricht, gehorsam, unschuldig tSten. Ich sehe,
daB die kliigsten Gehirne der Welt Waffen und Worte
erfinden, um das alles noch raffinierter und Mnger dauernd
zu machen. Und mit mix sehen das alle Menschen meines
Alters bier und driiben, in der ganzen Welt, mit mir erlebt
das meine Generation. Was werden unsere VMer tun,
wenn wir einmal aufstehen und vor sie hintreten und
Rechenschaft fordern? Was erwarten sie von uns, wenn
260
eine Zeit kommt, wo kein Krieg ist? Jahre Iiindurcli war
iinsere Beschaftiguiig Toten. — es war nnser erster Beruf
im Dasein, Unser Wissen vom Leben beschrankt sicb auf
den Tod. Was soil danacb nocb gescbeben? Und was soil
aus uns warden?
*
Der Alteste auf unserer Stube ist Lewandowski, Er
ist vierzig Jahre alt und liegt bereits zehn Monate im
Hospital an einem schweren BauchschuB. Erst in den
letzten Wochen ist er so weit gekommen, daB er gekriimmt
etwas hinken kann.
Seit einigen Tagen ist er in grofier Aufregung. Seine
Frau hat ihm aus dem kleinen Nest in Polen, wo sie wohnt,
geschrieben, daB sie so viel Geld zusammen hat, um die
Fahrt bezahlen und ihn besuchen zu konnen.
Sie ist unterwegs xmd kann jeden Tag eintreffen.
Lewandowski schmeckt das Essen nicht mehr, sogar Rot-
kohl mit Bratwurst verschenkt er, nachdem er ein paar
Happen genommen hat. Standig lHuft er mit dem Brief
durchs Zimmer, jeder hat ihn schon ein dutzendmal
gelesen, die Poststempel sind wer weiB wie oft schon
gepriift, die Schrift ist vor Fettflecken und Fingerspuren
kaum noch zu erkennen, und was kommen muB, kommt:
Lewandowski kriegt Fieber und muB wieder ins Bett.
Er hat seine Frau seit zwei Jahren nicht gesehen. Sie
hat inzwischen ein Kind geboren, das bringt sie mit. Aber
261
etwas ganz anderes bescliaftigt Lcwandowski. Er hatte
gehofft, die Erlaixbnis zum Ausgehen zn erhalten, wcnn
seine Alte kommt, denn es ist doch Har: Sehen ist ganz
schon, aber weiinman seine Frau nacb so langer Zeit wieder-
bat, mil man, wenn es eben geht, docb nocb was anderes.
Lewandowski hat das alles stundenlang mit uns be-
sprochen, denn beim Kommifi gibt es darin keine Ge-
heimnisse. Es findet auch keiner etwas dabei. Diejenigen
von tins, die schon ausgehen kSnnen, haben ihm ein paar
tadellose Ecken in der Stadt gesagt, Anlagen und Parks,
wo er ungestSrt gewesen wSre, einer wulJte sogar ein
kleines Zimmer.
Doch was niitzt das alles, Lewandowski liegt im Bett
und hat seine Sorgen. Das ganze Leben macht ihm keinen
SpaB mehr, wenn er diese Sache verpassen mu6. Wir
trdsten ihn und verspxechen ihm, dafi wir den Kram schon
irgendwie schmeiBen werden.
Am andern Nachmittag erscheint seine Frau, ein
kleines, verhutzeltes Ding mit angstlichen und eiligen
Vogelaugen, in einer Art von schwarzer Mantille mit
Krausen und Bandem, weiB der Himmel, wo sie das Sliick
mal geerbt hat.
Sie murmelt leise etwas und bleibt scheu an der Tiir
fitehen. Es erschreckt sie, daB wir sechs Mann hoch sind.
„Na, Marja,‘‘ sagt Lewandowski und schluckt gefllhr-
Kch mit seinem Adamsapfel, „kannst rubig reinkominen,
die tun dir bier nichts/^
262
Sic gelit laerum uiid gibt jedem von nns die Hand.
Dann zeigt sie das Kind vor, das inzwischen in die Windeln
gemaclit hat. Sie hat eine groBe, mit Perlen bestickte
Tasche bei sich, aus der sie ein reines Tuch nimrat, nin
das Kind flink nen zu wickeln. Damit ist sie iiber die erste
Verlegenheit binweg, nnd die beiden fangen an zu
reden,
Lewando^vski ist sehr kribblig, er scbielt immer wieder
iluBerst ungliicklich mit seinen runden Glotzangen zu nns
beriiber.
Die Zeit ist giinstig, die Arztvisite ist vorbei, es kormte
bdcbstens nocb eine Scbwester ins Zimmer schauen. Einer
gebt desbalb nocb einmal hinaus — spekuberen. Er kommt
zuriick und nickt. ,,Kein Aas zu seben. Nun sag’s ibr
scbon, Johann, und macb zu/‘
Die beiden unterbalten sich in ihrer Sprache. Die
Frau guckt etwas rot und verlegen auf. Wir grinsen gut-
miitig und machen wegwerfende Handbewegungen, was
schon dabei sei! Der Teufel soil alle Vorurteile holen,
sie sind fur andere Zeiten gemacht, bier Hegt der Tischler
Johann Lewandowski, ein zum Kriippel geschossener
Soldat und da ist seine Frau, wer weiB, wann er sie wieder-
siebt, er will sie baben, und er soil sie baben, fertig.
Zwei Mann stellen sicb vor die Tiir, um die Scbwestern
abzufangen und zu bescbSlftigen, wenn sie zuf^llig vorbei-
kommen sollten. Sie wollen ungefUhr eine Viertelstunde
aufpassen.
263
Lewandowsld kann nur auf der Seite liegen, einer
packt ihm deshalb noch ein paar Kissen iix den Riicken,
Albert kriegt das Kind zn balten, dann drehen wir nns
ein bificben um, die schwarze Mantille verscbwindet unter
der Bettdecke, nnd wir kloppen laut nnd mit ailcrhand
Redensarten Skat.
Es gebt alles gut. Icb babe einen wiisten Kreuz-Solo
mit vieren in den Fingern, der ungefahr nocb rumgebt.
Daruber vergessen wir beinabe Lewandowski. Nacbeiniger
Zeit beginnt das Kind zu plarren, obscbon Albert es ver-
zweifelt bin imd ber scbwenkt. Es knistert und rauscbt
dann ein bificben, und als wir so beilaufig aufblicken,
seben wir, dafi das Kind schon die Flascbe im Mund bat
und wieder bei der Mutter ist. Die Sacbe bat geklappt.
Wir filhlen uns jetzt als eine groCe Familie, die Frau
ist ordentlicb munter geworden, und Lewandowski liegt
scbwitzend und strablend da.
Er packt die gestickte Tascbe aus, es kommen da ein
paar gute Wiirste zum Vorscbein, Lewandowski nimmt
das Messer wie einen Blumenstraufi und sabelt das Fleiscb
in Stiicke. Mit grofier Handbewegung weist er auf uns —
und die kleine, verbutzelte Frau gebt von eincm zum
andern und lacbt uns an und verteilt die Wurst, sie siebt
jetzt direkt biibscb aus dabei. Wir sagen Mutter zu ibr,
und sie freut sich und klopft uns die Kopfkissen auf.
264
Nach einigenWochen muB ich jeden Morgen ins Zander-
institnt. Dort wird mein Bein festgeschnalit nnd bewegt.
Der Arm ist langst geheilt.
Es laufcn neue Transporte aus dem Felde ein. Die Ver-
bande sind nicbt mebr aus Stuff, sie besteben nur noch
aus weiBem Krepp-Papier. Verbandstoff ist zu knapp
geworden drauBen.
Alberts Stumpf beilt gut. Die Wunde ist fast gescblos-
sen. In einigen Wocben soli er fort in eine Protbesen-
station. Er spricbt immer nocb wenig und ist viel ernster
als friiber. Oft bricbt er mitten im Gespracb ab und starrt
vor sicb bin. Wenu er nicbt mit uns andern zusammen
ware, batte er langst ScbluB gemacht. Jetzt aber ist er
liber das Scblimmste binausgelangt. Er siebt schon
mancbmal beim Skat zu.
Icb bekomme Erbolungsurlaub.
Meine Mutter will mich nicbt mebr fortlassen. Sie ist
so scbwacb. Es ist allcs noch scblimmer als das letztemal.
Danach werde icb vom Regiment angefordert und fabre
wieder ins Feld.
Der Abschied von meinem Freunde Albert Kxopp ist
scbwer. Aber man lernt das beim KommiB mit der Zeit.
XI
W ir zaUen die Woclien nicht melir. Es war Winter,
als ich ankam, nnd bei den Emschlagen der Gra-
naten wnrden die gefrorenen ErdHumpen fast ebenso ge-
fabrlich. wie die Splitter. Jetzt sind die Baume wiedcr
griin. Ilnser Leben wecbselt zwischen Front und Baracken.
Wir sind es teilweise schon gewohnt, der Krieg ist eine
Todesursacbe wie Krebs und Tuberkulose, wie Grippe
und Ruhr. Die Todesfalle sind nur viel liaufiger, ver-
scbiedenartiger und grausamer.
Unsere Gedanken sind Lehm, sie werden geknetct vom
Wechsel der Tage — sie sind gut, wenn wir Ruhe haben
und tot, wenn wir im Feuer liegen. Trichterfelder drauBen
und drinnen.
Alle sind so, nicbt wir bier allein — was friiber war,
gilt nicbt, und man weiB es aucb wirkliclx nicbt mehr. Die
Unterscbiede, die Bildung und Erziebung scbufen, sind
fast verwischt und kaum nocb zu erkennen. Sie geben
mancbmal Vorteile im Ausnutzen einer Situation; aber
sie bringen aucb Nacbteile mit sich, indem sie Hem-
mungen wachrufen, die erst iiberwunden xverden miissen.
Es ist, als ob wir friiber einmal Geldstiicke verscbicdcner
Lander gewesen waren; man hat sie eingescbmolzen, und
266
alle haben jetzt denselben Pragestempel. Will man Unter-
scMede erkennen, dann mnB man schon genan das Material
priifen. Wir sind Soldaten nnd erst sprier auf eine sonder-
bare nnd verscbanite Weise nocb Einzelmenscben.
Es ist eine groBe Briiderscbaft, die ein Sctdmmer von
dem Kameradentum der Volkslieder, dem Solidaritats-
gefiihl von StrMlingen nnd dem verzweifelten Einander-
bcisteben von znm Tode Verurteilten seltsam vereinigt
zn einer Stnfe von Leben, das mitten in der Gefabr,
ans der Anspannung und Verlassenheit des Todes sich
abbebt und zu einem fliicbtigen Mitnebmen der ge^on-
nenen Stunden wird, auf ganzlich unpathetiscbe Weise*
Ea ist beroiscb xmd banal, wenn man es werten wollte —
docb wer will das?
Es ist darin enthalten, wenn Tjaden bei einem ge-
meldeten feindlicben Angriff in rasender Hast seine
Erbsensuppe mit Speck ausioffelt, weil er ja nicbt weiB,
ob er in einer Stunde nocb lebt. Wir baben lange dariiber
diskutiert, ob es ricbtig sei oder nicbt. Kat verwirft es,
weil er sagt, man miisse mit einem BaucbschuB recbnen,
der bei vollem Magen gefabrUcber sei als bei leerem.
Solcbe Dinge sind Probleme fur uns, sie sind uns ernst,
tind es kann aucb nicbt anders sein. Das Leben bier an der
Grenze des Todes bat eine ungebeuer einfache Linie, es
bescbrankt sicb auf das Notwendigste, alles andere liegt
in dumpfem Scblaf; — das ist unsere Primitivitat und
unsere Rettung. Wtren wir diflFerenzierter, wir waren
267
langst irrsinnig, desertiert oder gefallen. Es ist wie eine
Expedition im Eolien Eise; — jede LebensauBernng darf
nur der Daseinserhaltung dienen nnd ist zwangslanfig
daranf cingestellt. Alles andere ist verbannt, weil es nn-
notig Kraft verzebren wiirde. Das ist die einzige Art, nns
zu retten, und oft sitze icb vor mir selber wie vor einem
Fremden, wenn der ratselbafte Widerscbein des Friiher
in stillen Stunden wie ein matter Spiegel die Umrisse mei-
nes jetzigen Daseins auBer mich stellt, nnd icb wnndere
micb dann dariiber, wie das unnennbare Aktive, das sicb
Leben nennt, sicb angepaBt bat selbst an diese Form.
AUe anderen AuBemngen liegen im Winterscblaf, das
Leben ist nur anf einer standigen Lauer gegen die Be-
drobung des Todes, — es bat uns zu denkenden Tieren
gemacbt, um uns die Wajffe des Instinktes zu geben, — es
bat uns mit Stumpfbeit durcbsetzt, damit wir nicbt zer-
brecben vor dem Grauen, das uns bei klarem, bewuBtem
Denken iiberfallen wiirde, — es hat in uns den Kamerad-
scbaftssinn geweckt, damit wir dem Abgrund der Ver-
lassenheit entgeben, — es bat uns die Gleicbgultigkeit
von Wilden verliehen, damit wir trotz allem jeden Moment
des Positiven empfinden und als Reserve aufspeicbern
gegen den Ansturm des Nicbts. So leben wir ein ge-
scblossenes, bartes Dasein auBerster Oberfl^cbe, und nur
mancbmal wirft ein Ereignis Funken. Dann aber scbligt
iiberrascbend eine Flamme schwerer und furebtbarer
Sebnsucht durch.
268
Das sind die gefahrliclieii Augenblicke, die uns zeigen,
dafi die Anpassung doch nur kiinstlicli ist, daB sie mcht
einfach Ralie ist, sondern sckarfste Anspannung zar Ruhe,
Wir unterscheiden ans auBerlich. in der Lebensform kaum
von Buscbnegern; aberwahrend diese stets so sein konnen,
weil sie eben so sind und sick dnrcb Anspannung ihrer
Geisteskrafte bochstens fortentwickeln, ist es bei uns nm-
gekehrt: unsere inneren Krafte sind nicht auf Weiter-,
sondern auf Zuriickentwicklung angespannt. Jene sind
entspannt und selbstverstandlicb so, wir sind es auBerst
angespannt und kiinstlich.
Und mit Scbrecken empfindet man nachts, aus einem
Traum aufwachend, xiberwaltigt und preisgegeben der
Bezauberung heranflutender Gesichte, wie diinn der Halt
und die Grenze ist, die uns von der Dunkelheit trennt —
wir sind kleine Flammen, notdiirftig gescbiitzt durck
schwacke Wande vor dem Sturm der Auflosung und der
Sinnlosigkeit, in dem wir fiackern und manckmal fast er-
trinken. Dann wird das gedampfte Brausen der Scklackt
zu einem Ring, der uns einscklieBt, wir kriecken in uns
zusammen und starren mit groBen Augen in die Nackt.
TrQstlick fuklen wir nur den Scklafatem der Kameraden,
und so warten wir auf den Morgen.
*
Jeder Tag und jede Stunde, jede Granate und jeder
Tote wetzen an diesem diinnen Halt, und die Jakre
269
versclileiBen ihn rascli. Icli sehe, wie er allmaUicIi sclion
um mich Ixerum niederbriclit.
Da ist die dumme Geschiclite mit Detering.
Er war einer von denen, die sicb. selir fur sicb bielten.
Sein XJngliick war, dafi er in. einem Garten einen Kirsch-
baum sab, Wir kamen gerade von der Front, und dieser
Kirscbbanm stand in der Nabe des neuen Qnartiers an
einer Wegbiegung iiberrascbend in der Morgendammerung
vor Tins. Er batte keine Blatter, aber er war ein einziger
weiBer Bliitenbusch.
Abends war Detering nicbt zn seben. Er kam scblieB-
licb an nnd batte ein paar Zweige mit Kirscbbliiten in der
Hand, Wir macbten uns lustig und fragten, ob er auf
Brautscbau woUe. Er gab keine Antwort, sondern Icgte
sicb auf sein Bett, Nacbts borte icb ibn rumoren, er
scbien zu packen. Icb witterte Unbeil und ging zu ihm.
Er tat, als wUre nicbts, und icb sagte ibm: „Macb keinen
Unsinn, Detering/*
„Acb wo — icb kann nur nicbt schlafen — **
„Weshalb bast du denn die Kirscbzweige gebolt?**
„Icb werde dock woblnocb Kirscbzweige holen durfen*\
antwortet er verstockt — und nacb einer Wcile: „Zu
Hause babe icb einen groBen Obstgarten mit Kirscben,
Wenn die bliiben, siebt das vom Hcuboden aus wie ein
einziges Bettlaken, so weiB. Es ist jetzt die Zeit/*
„Vielleicbt gibt’s bald Urlaub. Es kann aucb sein, daB
du, als Landwirt, abkommandiert wirst/^
270
Er nickt, aber er ist abwesend. Wenn diese Bauern
anfgeriibrt sind, baben sie einen sonderbarcn Ausdruck,
cine Mischiing von Knb und sehnsiicbtigem Gott, Kalb
bl5de und halb binreiBend. Um ibn von seinen Gedanken
abzubrmgen, verlange icb ein Stuck Brot von ibni. Er
gibt es mir obne Einscbrankung. Das ist verdacbtig, denn
er ist sonst knauserig, Desbalb bleibe icb wacb. Es passieit
mcbts, er ist morgens wie sonst.
Wabrscbeinlicb bat er gemerkt, dafi icb ibn beobacbtet
babe. — Am ubernacbsten Morgen ist er trotzdem fort.
Icb sebe es, sage jedocb nicbts, um ibm Zeit zu lassen,
vielleicbt kommt er durcb. Nacb Holland baben cs scbon
verscbiedene Leute gescbafft.
Beim Appell aber fallt sein Feblen auf. Nacb einer
Wocbe h5ren wir, dafi er gefafit ist von den Feldgen-
darmen, diesen veracbteten Komnodfipolizisten. Er batte
die Ricbtung nacb Deutschland genommen — das war
natiirlicb aussicbtslos — , und ebenso natiirlich batte er
alles sebr dumm angefangen. Jeder batte daraus vdssen
kdnnen, dafi die Flucbt nur Heimweb und moment ane
Verwiming war. Docb was begreifen Kriegsgericbtsrate
bundert Kilometer hinter der Linie davon? — Wir baben
nicbts mebr von Detering vernommen.
Aber auch auf andereWeise bricbt es mancbmal beraus,
dieses Gefabrlicbe, Gestaute — wie aus iiberbitzten Dampf-
271
kesseln. Da ist aucli noct das Ende zu bcrichten, das
Berger faxid.
Schoa lange sind unsere Gr^ben zerscbossen, und wir
baben die elastiscbe Front, so daB wir eigentlich keinen
ricbtigen Stellungskrieg mebr fiihren. Wenn Angrifi’ und
Gegenan griff bin- und hergegangen sind, bleibt eine
zerrissene Linie und ein erbitterter Kampf von Tricbter
zu Tricbter. Die vordere Linie ist durchbrocben, und
iiberall baben sicb Gruppen festgesetzt, Tricbternester,
von denen aus gekampft wird.
Wir sind in emem Tricbter, seitbch sitzen Englander,
sie rollen die Flanke auf und gelangen binter uns. Wir sind
umzingelt. Es ist scbwierig, sicb zu ergeben, Nebel und
Rauch scbwanken iiber uns bin, niemand wiirde erkennen,
daB wir kapitulieren wollen, vielleicbt wollen wir es aucb
gar nicbt, das weiB man selbst nicbt in solcben Momenten.
Wir boren die Explosionen der Handgranaten herankom-
men. Unser Mascbinengewebr bestreicbt den vorderen
Halbkreis. Das Kublwasser verdampft, wir reicben die
Kasten eilig berum, jeder piBt binein, so baben wir wieder
Wasser und konnen weiterfeuem. Aber binter uns kracbt
es immer naber. In einigen Minuten sind wir verloren.
Da rast ein zweites Mascbinengewebr auf kurzeste Ent-
fernung los. Es steckt im Tricbter neben uns, Berger bat
es gebolt, und nun setzt ein Gegenangriff von hinten ein,
wir kommen frei und finden Verbindung nach riickwirts.
Als wir nacbber in einigermaBen guter Deckung sind,
272
erzaHt einer von den Essenholern, daB ein paar hundert
Scbxitte entfernt ein verwnndeter Meldelatmd liege,
fragt Berger.
Der andere beschreibt es ibm. Berger gebt los, nm das
Tier zn holen oder es zn erscbieBen. Nock vor einem balben
Jabr batte er sicb nicbt darum gekummert, sondern ware
verniinftig gewesen. Wir versucben, ibn zuriickznbalten.
Docb als er ernstbaft gebt, konnen wir nur sagen: „Ver-
riickt!^* nnd ibn laufen lassen. Denn diese Anfalle von
FrontkoUer werden gefabrbcb, wenn man den Mann nicbt
gleicb zu Boden werfen nnd festbalten kann. Und Berger
ist ein Meter acbtzig groB, der krMtigste Mann der Kom-
pagnie.
Er ist tatsacbbcb verriickt, denn er mnB duxcb die
Fenerwand; — aber es ist dieser Blitz, der irgendwo iiber
tms alien lauert, der in ibn eingescblagen ist und ibn be-
sessen macbt. Bei andern ist es so, daB sie zu toben an-
fangen, daB sie wegrennen, ja einer war da, der sicb mit
Handen, Fiifien und Mund immerfort in die Erde einzu-
graben versucbte.
Es wird naturlich aucbvielsimuliertmitsolcbenSacben,
aber das Simulieren ist ja eigentlich aucb scbon ein Zei-
cben. Berger, der den Hund erledigen will, wird ndt einem
Beckenscbufi weggebolt, und einer der Leute, die es txm,
kriegt sogar dabei nocb eine Gewebrkugel in die Wade.
18 KemarqTiej Westeti
273
Muller ist tot. Man hat ihm aus nachster Nahe cine
Leuchtkugel in den Magen geschossen. Er lebte noch cine
halbe Stunde bei vollem Verstande nnd furchtbaren
Scbmerzen. Bevor er starb, iibergab er mir seine Brief-
tasche und vermacbte mir seine Stiefel — dieselben,
die er damals von Kemmericb geerbt hat. Ich trage sie,
denn sie passen mir gut. Nach mir wird Tjaden sie be-
kommen, ich habe sie ihm versprochen.
Wix haben Muller zwar begraben kSnnen, aber lange
wird er wohl nicht ungestSrt bleiben. Unsere Linien werden
zuruckgenommen. Es gibt driiben zu viele frische eng-
lische und amerikanische Regimenter. Es gibt zu viel
Corned-beef und weiBes Weizenmehl. Und zu viel neue
Geschiitze. Zu viel Flugzeuge.
Wir aber sind mager und ausgehungert. Unser Essen
ist so schlecht und mit so viel Ersatzmitteln gestreckt, da6
wir krank davon werden. Die Fabrikbesitzer in Deutsch-
land sind reiche Leute geworden — uns zerschrinnt die
Ruhr die Darme. Die Latrinenstangen sind stets dicht ge-
hockt voE; — man soEte den Leuten zu Hause diese
grauen, gelben, elenden, ergebenen Gesichter hier zeigen,
diese verkrummten Gestalten, denen die Kolik das Blut
aus dcm Leibe quetscht und die hSchstens mit verzenrten,
noch schmerzbebenden Lippen sich angrinsen: ^Es hat
gar keinen Zweck, die Hose wieder hochzuziehen —
Unsere ArtiEerie ist ausgeschossen — sie hat zu wenig
Munition — und die Rohre sind so ausgeleiert, daB sie
274
imsicher scliieBeii undbis zuuns beriiberstreuen. Wirbaben
zu wenig Pferde. Unsere friscben. Truppen sind bintarme,
erholungsbediirftige Knaben, die keinen Tornister tragen
konneii, aber zu sterben wissen. Zu Tausenden. Sie ver-
steben nicbts vom Kriege, sie geben mir vor und lassen
sicb abscbieUen. Ein einziger Flieger knallte aus SpaB
zwei Kompagnien von ihnen weg, ebe sie etwas von
Decknng wnBten, als sie friscb aus dem Zuge kamen.
„Dentscbland mnlJ bald leer seiii‘% sagt Kat.
Wir sind ohne Hoffnung, da6 einmal ein Ende sein
k5nnte. Wir denken iiberbaupt nicbt so weit. Man kann
einen ScbuB bekommen und tot sein; man kann verletzt
werden, dann ist das Lazarett die nacbste Station. 1st
man nicbt amputiert, dann fellt man iiber kurz oder lang
einem dieser Stabsarzte in die Hande, die, das Kriegs-
verdienstkrenz im Knopflocb, einem sagen: „Wie, das
bificben verkiirzte Bein? An der Front brauchen Sie nicbt
zu laufen, wenn Sie Mut baben. Der Mann ist k. v.
Wegtreten!“
Kat erzablt eine der Gescbicbten, die die ganze Front
von den Vogesen bis Flandern entlanglaufen, — von dem
Stabsarzt, der Namen vorliest auf der Musterung und,
wenn der Mann vortritt, obne aufzuseben, sagt: „K. v.
Wir braucben Soldaten drau6en.‘‘ Ein Mann mit Holz-
bein tritt vor, der Stabsarzt sagt wieder : k. v. — „Und da“,
Kat erbebt die Stimme, „8agt der Mann zu ibm: Ein Holz-
bein babe icb scbon; aber wenn icb jetzt binausgebe und
18 *
275
wenn man mir den Kopf abscHeBt, dann lasse icli mir
einen Holzkopf machen und werde Stabsarzt/'^ — Wir
sind alle tief befriedigt iiber diese Antwort.
Es mag gute Arzte geben, tmd viele sind es ; doch ein-
mal failt bei den hnndert Untersuchungen jeder Sold at
einem. dieser zahlreichen Heldengreifer in die Finger, die
sicb bemuhen, aiif ibrer Liste mdglicbst viele a. v. nnd g. v.
in k. V. zn verwandeln.
Es gibt mancbe solcber Geschicbten, sie sind meistens
noch viel bitterer. Aber sie haben trotzdem nichts nait
Meuterei und Miesmacben zu tun; sie sind ebrlicb und
nennen die Dinge beim Namen; denn es bestebt sebr viel
Betrug, Ungerecbtigkeit und Gemeinbeit beim KommiB.
1st es nicbt viel, daB trotzdem Regiment auf Regiment
in den immer aussicbtsloser werdenden Kampf gebt und
daB AngrifiF auf Angriff erfolgt bei zuriickweichender, zer-
brdckelnder Linie?
Die Tanks sind vom Gespdtt zu einer scb^veren Wajffe
geworden. Sie kommen, gepanzert, in langer Reibe gerollt
und verkSrpern uns mebr als anderes das Grauen des
Krieges.
Die Geschiitze, die uns das Trommelfeuer beriibcr-
schicken, seben wir loicbt, die angreifenden Linien der
Gegner sind Menschen me wir, — aber diese Tanks sind
Mascbinen, ibre KettenbSnder laufen endlos wie der Krieg,
sie sind die Vemichtung,wenn sie fuhllosinTricbterhinein-
roUen und wieder bocbklettem, unanfballsam, eine Flotte
276
briillender, ranclispeieiider Panzer, imverwnndbare, Tote
nnd Verwnndete zerqnetscbende Stahltiere — — wir
scbrumpfen zusammen vor ibnen in iinserer dunnenHant,
vor ibrer kolossalen Wucbt werden nnsere Arme zu Strob-
halmen und unsere Handgranaten zu Streicbholzern.
Gxanaten, Gasscbwaden und Tankflottillen — Zer-
stampfen, Zerfressen, Tod.
Ruhr, Grippe, Typbus — Wiirgen, Verbrennen, Tod.
Graben, Lazarett, Massengrab — mebr M5glichkeiten
gibt 68 nicbt.
«
Bei einem Angriff fallt unser Kompagniefiihrer Ber-
tinck. Er war einer dieser pracbtvoUen Frontoffiziere, die
in jeder brenzligen Situation vorne sind. Seit zwei Jabren
war er bei uns, obne daB er verwundet wurde, da muBte ja
endlicb etwas passieren. Wir sitzen in einem Locb und
sind eingekreist. Mit den Pulverscbwaden webt der Ge-
stank von Ol oder Petroleum beriiber. Zwei Mann mit
einem Flammenwerfer werden entdeckt, einer tragt auf
dem Riicken den Kasten, der andere hat in den Handen
den Schlauch, aus dem das Feuer spritzt. Venn sie so nabe
berankommen, daB sie uns erreichen, sind wir erledigt,
denn zuriick kSnnen wir gerade jetzt nicbt.
Wir nebmen sie unter Feuer. Docb sie arbeiten sicb
naher beran, und es wird schlimm. Bertinck liegt mit uns
im Locb. Als er merkt, daB wir nicbt treffen, weil wir
277
bei dem scbarfen Feuer zu selir auf Deckung bedacht sein
miissen, nimmt er eia Gewehr, kriecht ans dem Lock und
zielt, liegend aufgestiitzt. Er scbiefit — im selben Moment
scbl^gt eine Kugel bei ihm klatschend anf, er ist getroffen.
Dock er bleibt liegen und zielt weiter — einmal setzt er
ab und legt dann aufs neue an; endlich kracbt der SchuB.
Bertinck laBt das Gewehx fallen, sagt: „Gut‘\ und rutscbt
zuriick. Der hinterste der beiden Flammenwerfer ist ver-
letzt, er fallt, der Scblauch rutscht dem andern weg, das
Feuer spritzt nach alien Seiten, und der Mann brennt.
Bertinck hat einen BrustschuB. Nach einer Weile
schmettert ihm ein SpHtter das Kinn weg. Der gleiche
Splitter hat noch die Kraft, Leer die Hiifte aufzureiBen.
Leer stohnt und stemmt sich auf die Arme, er verblutet
rasch, niemand kann ihm helfen. Wie ein leerlaufender
Schlauch sackt er nach ein paar Minuten zusammen. Was
niitzt es ihm nun, daB er in der Schule ein so guter Mathe-
matiker war.
*
Die Monate riicken weiter. Dieser Sommer 1918 ist der
blutigste und der schwerste. Die Tage stehen wie Engel in
Gold und Blau unfaBbar iiber dem Ring der Vernichtung.
Jeder hier weiB, daB wir den Krieg veriieren. Es wird
nicht viel darxiber gesprochen, wir gehen zuriick, wir wer-
den nicht wieder angreifen kSnnen nach dieser groBen
Offensive, wir haben keineLeute und keine Munition mehr.
278
Doch der Feldzug geht weiter — das Sterben geLt
weiter — ■
Sommer 1918 Nie ist uns das Leben in seiner kargen
Gestalt 80 begehrenswert erscbienen wie jetzt; — der rote
Klatscbmohn auf den Wiesen nnserer Quaitiere, die glat-
ten K§fer an den Grasbalmen, die warmen Abende in den
halbdnnklen, kiihlen Zimmern, die schwarzen^ geheinmis*
vollen B§ume der Dammerung, die Sterne nnd das FlieBen
des Vassers, die Traume und der lange Schlaf — o Leben,
Leben, Leben!
Sommer 1918 — Nie ist schweigend mebr ertragen wor-
den als in dem Augenblick des Aufbrucbs znr Front. Die
wilden imd aufpeitscbenden Geriichte von Waffenstill'
stand und Frieden sind aufgetaucbt, sie verwirren die Her-
zen und macben den Aufbrucb scbwerer als jemals !
Sommer 1918 — Nie ist das Leben vorne bitterer nnd
granenvoUer als in den Stunden des Feuers, wenn die
bleicben Gesicbter im Scbmutz liegen nnd die Hande ver-
krampft sind zu einem einzigen: Nicht! Nicbt! Nicbt jetzt
nocb! Nicbt jetzt noch im letzten Augenblick!
Sommer 1918 — Wind der Hoffnnng, der iiber die vex-
brannten Felder streicbt, rasendes Fieber der Ungeduld,
der Enttauschung, scbmerzlicbste Scbauer des Todes, un-
fafibare Frage: Warum? Warum macht man kein Ende?
Und warum flattern diese Geriichte vom Ende auf?
279
Es gibt so vide Flieger Mer, und sie siiid so sicker, daB
sie auf einzelne Leiite Jagd macken wie aiif Hasen. Auf
ein deutsckes Flugzeug kommen mindestens fiiiif eng-
liscke und amerikaniscke. Auf einen kungrigcn, maden
deutschen Soldaten im Graben. kommen fiinf kraftige,
friscke andere im gegnerischen. Auf ein deutsckes Korn-
miflbrot kommen fiinfzig Biicksen Fleisckkonserven drii-
ben. Wir sind nicht gescklagen, denn wir sind als Soldaten
besser und erfahrener; wir sind einfack von der vielfacken
Ubermackt zerdriickt und zuruckgesckoben.
Einige Regenwochen liegen kinter uns — grauer Him-
mel, graue zerflieBende Erde, graues Sterben. Wenn wir
kinausfahren, dringt xms bereits die NSsse durck die
Mantel und Kleider, — und so bleibt es die Zeit vorne
auck. Wir werden nickt trocken. Wer nock Stiefel tragt,
bindet sie oben mit Sandsacken zu, damit das Lekmwasser
nickt so rasck kineinlauft. Die Gewekre verkrusten, die
Uniformen verkrusten, alles ist llieBend und aufgelost,
eine triefende, feuckte, olige Masse Erde, in der die gclben
Tiimpel niit spiralig roten Blutlacken stehen und Tote,
Verwundete und Uberlebende langsam versinken.
Der Sturm peitsckt fiber uns kin, der Splitterhagel
reiBt aus dem wirren Grau und Gelb die spitzen Kinder-
sckreie der Getroffenen, und in den NSckten st5knt das
zerrissene Leben sick mfiksam dem Sckweigen zu.
Unsere Hande sind Erde, unscre Kdrper Lekm tind unsere
Augen Regentfimpel. Wir wissen nicht, ob wir nock leben.
280
Dann. stiirzt die Hitze wie eine Qualle feucht imd
sctwiilinunsereLoclier, und an einemdieser Spatsommer-
tage, beim Essenbolen, fallt Kat nm. Wir beide sind allein*
Ich verbinde seine Wunde; das Schienbein scbeint zer-
schmettert zu sein. Es ist ein KnochenschnB, xind Kat
stohnt verzweifelt; „Jetzt noch — gerade jetzt nock —
Icb trOste ibn, „Wer weiB, wic lange der Schlamassel
noch danert ! Du bist erst mal gerettet — ‘‘
Die Wunde beginnt heftig durchzublnten. Kat kann
nicht allein bleiben, damit ich eine Bahre zu holen ver-
suche. Ich weiB auch nirgendwo eine Sanitatsstation in
der Niihc.
Kat ist nicht sehr schwer; deshalb nehme ich ihn auf
den Riicken und gehe zuriick mit ihm zum Verbandplatz.
Zweimal machen 'wir Hast. Er hat starke Schmerzen
durch den Transport. Wir sprechen nicht viel. Ich habe
den Kragen meiner Jacke aufgemacht und atme heftig,
ich schwitze, und mein Gesicht ist gedunsen von der An-
strengung des Tragens. Trotzdem drange ich, daB wir
weitergehen, denn das Terrain ist gefahrlich.
„Geht’8 wieder, Kat?‘‘
„MuB wohl, Paul/*
„Dann los/*
Ich richte ihn auf, er steht auf dem unverletzten Bein und
halt sich an einem Baum fest. Dann fasse ich vorsichtig
das verwundete Bein, er gibt sich einen Ruck, und ich
nehme auch das Knie des gesunden Beines unter den Arm.
281
Unset Weg wird schwieriger. Manclimal pfeift eineGra-
Bate heran. Ich gehe, so schncU icli vermag, denn das Bint
von Kats Wnnde tropft zu Boden. Wir konnen tins ntir
scUecht schiitzen vor den Einschl^gen, denn ehe wir
Deckung nekmen, sind sie langst voriiber.
Um abzuwarten, legen wiruns in einen kleinen Trickter*
Ick geke Kat Tee aus meiner Feldflascke. Wir raucken
eine Zigarette. „Ja, Kat,“ sage ick triibsinnig, „nun kom-
men wir dock nock auseinander/^
Er sckweigt und siekt mick an.
„WeiBt du nock, Kat, wie wir die Gans requirierten?
Und wie du mick aus dem Scklamassel koltest, als ick
nock ein kleiner Rekrut und zum erstenmal verwundet
war? Damals kabe ick nock geweint. Kat, es sind fast drei
Jakre jetzt.‘‘
Er nickt.
Die Angst vox dem AUeinsein steigt in mir auf. Wenn
Kat abtransportiert ist, kabe ick keinen Freund mekr kier.
,,Kat, wir miissen uns auf jeden Fall wiederseken, wenn
wirklick Frieden ist, eke du zuruckkommst.‘‘
„Glaubst du, da6 ick mit dem Knocken da nock mal
k. V. werde fragt er bitter.
„Du wirst ihn in Ruke auskeilen. Das Gelenk ist ja in
Ordnung. Vielleickt klappt es dock damit.‘‘
„Gib mix nock eine Zigarette^% sagt er.
„ Vielleickt kdnnen wir irgend etwas spMer zusammen
macken, Kat/‘ — Ick bin sekr traurig, es ist unmdglick,
282
daB Kat, — Kat, mein Freund, Kat mit den Hangeschul-
tcrn und dem diinnen, weichen Schnurrbart, Kat, den icb
kenne atif eine andere Weise als jeden anderen Mensclieii,
Kat, mit dem icli diese Jahre geteilt babe — es ist unm5g-
lich, daB icb Kat vielleicbt nicht wiederseheii soil.
„Gib mir deine Adresse fur zu Hause, Kat, auf jeden
Fall. Und bier ist meine, icb scbreibe sie dir auf.‘^
Den Zettel scbiebe icb in meine Brusttascbe. Wie ver-
lassen icb scbon bin, obscbon er noch neben mir sitzt. Soil
icb mir rasch in den FuB scbieBen, um bei ihm bleiben zu
konnen?
Kat gurgelt plStzlicb und wird griin und gelb. „Wir
wollen weiter*‘, stammelt er.
Icb springe auf, gliihend, ibm zu belfen, icb nehme
ibn bocb und setze micb in Lauf, einen gedehnten,
langsamen Dauerlauf, damit sein Bein nicbt zu sebi
scblenkert.
Mein Hals ist trocken, es tanzt mir rot und scbwarz
vor den Augen, als icb, verbissen und obne Gnade weiter-
stolpernd, endlicb die Sanitatsstation erreicbe.
Dort brecbe icb in die Knie, babe aber nocb so viel
Kraft, nacb der Seite umzufallen, wo Kats gesundes Bern
ist. Langsam riebte icb micb nacb einigen Minuten wieder
auf. Meine Beine und meine Htode zittern beftig, icb
babe Muhe, meine Feldflascbe zufinden, um einen Scblucfc
zu nebmen. Die Lippen beben mir dabei. Aber icb
lacbele — Kat ist geborgen.
283
Nach einer Weile untersclieide ich den vcrworrenen
StimmensciiwaU, der sich in meinem Obx fangt,
„Da8 hattest dn dir sparen konnen^^ sagt einSanitater.
let sete ikn verstandnislos an.
Er zeigt auf Kat- „Er ist ja tot.‘^
let tegreife ihn niett. ^,Er tat cinen Setienbein-
sctiiB‘\ sage ieh.
Der Sanitater bleibt steten. „Das auct —
let drete mieh um. Meine Angen sind noct immer
triibe, der SchweiB ist mir jetzt von neuem ansgebrochen,
er lauft iiber die Lider. let wische itn fort und sehe zu
Kat tin. Er liegt still. „Otnmacttig‘‘, sage ieh raseb.
Der Sanitater pfeift leise: „Da8 kenne iet nun doch
besser. Er ist tot. Darauf halte ict jede Wette.^‘
let sctiittele den Kopf: „Ausgesctlossen! Vor zebu
Minuten noch babe ict mit ihm gesprochen. Er ist otn-
machtig.^
Kats Hande sind warm, ieh fasse ihn bei denSchultern,
um itn mit Tee abzuretben. Da fuhle ieh meine Finger naB
werden. Als ict sie hinter seinem Kopf tervorziehe, sind
sie blutig. Der Sanitater pfeift wieder durcb die Zabne:
„Siet8t du — “
Kat tat, otne daB ict es gemerkt babe, unterwegs
einen Splitter in den Kopf bekommen. Nur ein Heines
Loch ist da, es muB ein ganz geringcr, verirrter Splitter
gewesen sein. Aber er hat ausgereicht, Kat ist tot.
let siete langsam auf.
284
,^Willst du sein Soldbuch und seine Sachen mitneli-
iiien?"‘ fragt der Gefreite mich.
let nicke, nnd er gibt sie mix.
Der Sanitater ist verwundert. ,Jlir seid dock niebt
veiwandt?^^
Nein, wir sind niebt verwandt. Nein, wir sind niebt
verwandt.
Gebe icb? Habe icb nocb FiiBe? Icb bebe die Augen,
icb lasse sie berumgeben und dxebe micb mit ibnen, einen
Kreis, einen Kreis, bis icb innebalte. Es ist alles wie sonst.
Nur der Landwebrmann Stanislaus Katezinsky ist ge-
storben.
Dann weifi icb niebts mebr.
XII
E s ist Herbst. Von den alten Lenten sind nicht melir
viele da. Ich bin der letzte von den sieben Mann ans
tinserer Klasse bier.
Jeder spricbt von Frieden und Waffenstillstand. Alle
vrarten. Venn es wieder eine Enttauscbnng wird, dann
werden sie zusammenbrecben, die Hoffnungen sind zu
stark, sie lassen sich nicht mehr fortschaifen, ohne zu ex-
plodieren. Gibt es keinen Frieden, dann gibt es Revolution.
Ich habe vierzehn Tage Rube, wcil icb etwas Gas ge-
scbluckt habe. In einem kleinen Garten sitze icb den ganzen
Tag in der Sonne. Der Waffenstillstand kommt bald, icb
glaube es jetzt aucb. Dann werden wir nacb Hause fahren.
Hier stocken meine Gedanken und sind nicht weiler-
zubringen. Was mich mit (Jbermacbt hinziebt und er-
wartet, sind Gefuble. Es ist Lebensgier, es ist Hoimat-
gefiihl, es ist das Blut, es ist der Rausch der Rettung.
Aber es sind keine Ziele.
Waren wir 1916 beimgekommen, wir batten aus dem
Schmerz und der Starke unserer Erlebnisse einen Sturm
entfesselt. Wenn wir jetzt zuruckkehren, sind wir mude,
zerfallen, ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung.
Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden kdnnen.
286
Man wird uns aucH nicht verstehen — denn vor nns
w^chst ein GescMeclit, das zwar die Jahre hier gememsam
mit nns verbrachte, das aber Bett nnd Beruf batte nnd
jetzt ziariickgebt in seine alten Positionen, in denen es den
Krieg vergessen wird, — und binter nns wacbst ein
Gescblecbt, abnlicb nns friiber, das wird uns fremd sein
nnd nns beiseiteschieben. Wir sind iiberflussig fur nns
sclbst, wir werden wacbsen, einigc warden sich anpassen,
andere sicb fiigen, nnd viele werden ratios sein; — die
Jabxe werden zerrinnen, nnd schliefilich werden wir zn-
grunde geben.
Aber vicUeicbt ist auch alles dieses, was icb denke, nnr
Schwermut nnd Besturzung, die fortstaubt, wenn icb wie-
der unter den Pappeln stebe nnd dem Ranscben ibrer
Blatter lanscbe* Es kann nicht sein, daB es fort ist, das
Weicbe, das nnser Bint nnrnhig macbte, das Ungewisse,
Bestiirzende, Kommende, die tansend Gesicbter der Zn-
kunft, die Melodie ans Traumen nnd Biichern, das Ran-
schen nnd die Abnnng der Frauen, es kann nicht sein, daB
es nntergegangen ist in Tronamelfener, Verzweiflnng nnd
Mannschaftsbordells.
Die BMme bier leucbten bunt und golden, die Beeren
der Eberescben stehen rot im Laub, LandstraBen laufen
weiB auf den Horizont zu, und die Kantinen summen wie
BienenstScke von Friedensgeriicbten.
Icb stebe auf,
Icb bin sebr ruhig. M5gen die Monate und Jabre
287
kommen., sie nehmen mir nickts mehr,siekdBiieiimirniclit3
melir nehmen. Ich bin so allein nnd so obne Erwartnng,
dafi icb ihneiL entgegensehen kann obne Furcht, Das Le-
ben, das mich diirch diese Jabxe trug, ist nock in meinen
Htoden nnd Angen. Ob ick es nberwnnden habe, weiB ick
nicht. Aber so lange es da ist, wird es sick seinen Weg su-
chen, mag dieses, das in mir „Ick^^ sagt, wollen oder nickt.
sjs
Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so mhig
und still war an der ganzen Front, da6 der Heeresberickt
sick nur anf den Satz beschrankte, im Westen sei nichts
Nenes zn melden.
Er war vornubergesunken nnd lag wie scblafend an der
Erde. Als man ikn umdrekte, sah man, dafi er sick nickt
lange gequalt kaben konnte; — sein Gesickt hatte einen
so gefafitcn Ansdrnck, als ware er beinahe zufrieden da-
mit, dafi es so gekommen war.